Ein Mann sieht Code

Als Cynthia ein Paket von Howie bekommt, erinnert sie sich sofort an alles: an den Absender, den sie seit 62 Jahren nicht gesehen hat. An die Chiffren, die sie sich miteinander ausgedacht hatten. Und an ihre Gefühle.

Mitsamt einer neuen Nachricht von Howie trafen die verschlüsselten Briefe vor drei Jahren bei Cynthia ein. Der Code ist einfach: Gemeint ist immer der Buchstabe, der im Alphabet direkt vor dem niedergeschriebenen Buchstaben steht. (Foto: Kathrin Werner)

Das Päckchen erreicht sie im Februar 2012. Es enthält Papiertücher, verkrumpelt, verblichen und gelblich. Sie sind 62 Jahre alt. Auf die Tücher sind Großbuchstaben gekritzelt, Reihen aus »TJNQMF« und »JOWPMWF«. Sie ergeben nur für zwei Menschen Sinn: Cynthia Riggs und Howard Attebery. »Ich wusste sofort, dass das Paket von ihm ist«, sagt Cynthia. »Ich dachte, es sei an der Zeit, es ihr zu schicken«, sagt Howie. Sie hatten den Code zusammen erfunden, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, vor 62 Jahren. Howie hat die alten Tücher ins Päckchen gelegt und einen Zettel mit einer neuen Nachricht hinzugefügt, auf weißem Papier, im gleichen Code. Cynthia setzt sich und entziffert ihn: »Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben.«

Die Geschichte von Cynthia und Howie beginnt 1950. Cynthia, 18 Jahre alt, groß, dünn, mit Locken und dicker Brille, betritt das Labor in San Diego, in dem Howie seit einem Jahr arbeitet. Tag für Tag klassifiziert und katalogisiert er Plankton, zusammen mit Kollegen, allesamt junge Männer. »Ich habe sie gesehen«, sagt er und flüstert: »Und ihre langen Beine.« Wieder lauter: »Ein Licht ging an in meinem Herzen. Es war ein wunderschöner Moment.« Cynthia lacht. »Für ihn kam da eine Schönheit herein, aber ich habe mich nur dürr, ungelenk und unsicher gefühlt.« Es ist ihr erster Job, einen Sommer lang weit weg von zu Hause. Howies Kollegen aus dem Labor necken sie, nageln ihre Schreibtischschubladen zu, schmieren Erde auf ihren Fahrradsitz. Howie nicht, er ist da ja schon 28 Jahre alt. »Er war anders. So erwachsen.«

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Cynthia bricht in Howies leises, einsames Männerleben ein. Sie erzählt ihm von ihren zwei Schwestern und von der Insel an der rauen Ostküste, Martha’s Vineyard, von der sie kommt. Einmal klingelt Cynthia an Howies Haustür und überredet ihn, mit ihr zum Strand zu kommen, um ihr neues Fahrrad einzuweihen. Sie liest ihm vor, Pu der Bär zum Beispiel. Und sie entwickeln aus Spaß einen einfachen Code, in dem sie einander geheime Nachrichten schreiben – Gedanken, kleine Geschichten. Am Ende des Sommers machen sie eine Reise. Die beiden schlafen mal in Howies Jeep, mal zwischen duftenden Bäumen in einem Orangenhain, bis sie mitten in der Nacht die Bewässerungsanlage überschwemmt. »Immer in getrennten Schlafsäcken natürlich«, sagt Cynthia. »Wir waren ja nur Freunde«, sagt Howie. »Sie hat mir von George erzählt, ihrem Freund. Ich habe meine Gefühle für mich behalten.« Aber sein Herz ist damals voll von Cynthia. »Für mich war er wie ein großer Bruder«, sagt sie.

Dann reist sie ab, zurück an die Ostküste. Sie schreiben einander noch ein paar Briefe, er ruft sie ein paarmal an. »Irgendwann kam mir das unangebracht vor, sie wollte ja heiraten.« Der Kontakt bricht ab. Sie sehen sich nicht wieder. Howie und Cynthia haben ihre getrennten Leben, lange, bunte Leben mit Freunden, Partnern, Kindern, Berufen. Howie wird Zahnarzt, Mikrobiologe, Fotograf, hat zwei Ehen und zwei Kinder, ein Haus am Meer in Kalifornien. Cynthia heiratet George, der wird krank und brutal, aber sie bekommt fünf Kinder mit ihm, bevor sie sich scheiden lässt. Sie arbeitet als Journalistin und Dampfschiffkapitänin, sie schreibt Bücher und zieht nach Jahren in der Großstadt endlich zurück in das alte Haus ihrer Familie auf Martha’s Vineyard. Sie hat viele Freunde hier, Maler, Schriftsteller, Tänzer gehen ein und aus in ihrem alten Haus, ihre Schwestern leben direkt nebenan. »Und dann, eines Tages, habe ich mal wieder an Howie gedacht und ihn gegoogelt, aber nichts gefunden«, sagt sie. »Als dann zwei Wochen später sein Päckchen ankam, dachte ich zuerst: Ach, ich habe bei Google ja seinen Nachnamen falsch geschrieben. Und dann dachte ich: Was für ein wahnsinniger Zufall.«

Sie muss ihn erst ausfindig machen. Statt seiner Adresse hat er seine Koordinaten in Längen- und Breitengeraden angegeben, leider mit Tippfehler. »Das war genau richtig so«, sagt Cynthia. »Ich liebe Rätsel.« Sie schreibt seit Jahren Krimis, die Heldin ist eine 92-jährige Detektivin. Cynthia, nunmehr achtzig Jahre alt, findet Howie und schreibt ihm zurück, erst nur ein kurzes, knappes »Danke für die Nachricht«, dann folgen neue Briefe, sie werden immer länger, immer häufiger, bald wechseln sie zu E-Mails, schicken Fotos, kleine Geschenke, sie schreiben einander mehrmals täglich. Im Herbst 2012, nach einem Sommer voller Nachrichten, besucht Cynthia Howie in Kalifornien. »Ich musste meinen Mut zusammennehmen, ich war ja nicht mehr das junge Ding von damals«, sagt sie. Er wartet mit einer roten Rose am Bahnhof. Am nächsten Tag fragt er, ob sie ihn heiraten will.

Howie, heute 92 Jahre alt, verkauft alles, was er nicht braucht, und lädt den Rest in sein altes Auto. Er war noch nie östlich von Chicago, aber jetzt zieht er zu ihr ans andere Ende des Landes nach Martha’s Vineyard. Drei Monate dauert seine Reise, der alte Wagen bricht zweimal zusammen und muss aufwendig repariert werden. Kurz nach seiner Ankunft im März 2013 heiraten die beiden. »Wir fühlen uns einander so nah! Morgens neben ihr aufzuwachen ist wunderbar«, sagt Howie. »Jeder Tag, den wir zusammen haben, ist wunderbar«, sagt Cynthia, heute 83. In ihr Bett, versteckt im Kopfteil hinter den Kissen, haben sie ihren alten Code schnitzen lassen: YPPYQ, das steht für Umarmungen, Küsse und Leidenschaft.

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