Ey, Alter

Der Mann ist ein komplexes Wesen. Nur scheint er das manchmal zu vergessen. Zum Beispiel wenn er seine Kumpel trifft.

Wenn der Kumpeltyp einen Witz erzählt, lacht er laut, pikst jemanden mit dem Ellbogen in die Rippen oder klatscht ihn ab. Wie ein Pavian. Nennen wir dieses Phänomen: das Kumpelsystem. Nichts gegen das untrennbare Band zwischen Narziss und Goldmund, Winnetou und Old Shatterhand oder Asterix und Obelix. Diese Männerfreundschaften verbindet wahres Interesse am anderen. Das Kumpelsystem aber ist eine aus zotigem Humor und Geltungsdrang entstandene Macke; so etwas wie soziale Masturbation.

Man findet sie im Proseminar, an der Theke, im Büro, an der Pommesbude oder an Fitnessgeräten – überall dort, wo Männer auf Männer treffen, die sie noch nicht kennen oder mit denen sie nichts anfangen können. Ein erstes Anzeichen des Kumpelsystems ist Sprechen mit Ausrufezeichen und unkontrolliertes Lachen: »Und, wie geht’s!« »Hahaha, zu gut zum Leben, zu schlecht zum Sterben!« – »Hahahaha!« – »Und sonst?!« – »Was muss, das muss! Hahaha!« – »Hahahaha!« Echte Antworten sind selten. Stattdessen wird gelacht unter Kumpeltypen, meist ein maschinengewehrsalvenartiges Gemecker. Der Mund ist weit aufgerissen, die Augen bleiben aufmerksam, man ist allzeit bereit aufzuhören, wenn die Stimmung umschlägt. Der Hauptzweck des Kumpelsystems ist nämlich, Unsicherheit zu kaschieren – ein Lacher zu viel kann fatal sein. Die Regeln dieser temporären Nutzfreundschaft sind streng. Nummer 1: Wenn einer einen Witz erzählt, lachen die anderen, egal, ob der Witz gut, schlecht oder bekannt ist. Nummer 2: Nie von Problemen oder der eigenen Freundin erzählen. Nummer 3: Youtube-Filmchen herumschicken. Nummer 4: Die anderen Kumpel mit Spitznamen aus Jugendzeiten ansprechen. Die letzte und wichtigste Regel: Bier und Weiber sind die besten Zeitvertreiber. Hahahahaha!

Hören Sie hier "Ey, Alter", vorgelesen von Sebastian Glubrecht

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So intellektuell man daheim auch sein mag, im Kumpelsystem einigen sich alle auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Der Unterschied zum klassischen Rumgeprolle ist das Führerprinzip. Einer ist meist der Kumpelkönig, er zeigt den anderen, wie man sich kleidet, darf mehr Witze auf ihre Kosten reißen und schustert ihnen dafür im Job ein paar Aufträge zu. In der Endphase übernehmen die Kumpel seine Gesten und seine Sprache; auf einmal verabschieden sich alle im Büro mit »Tschüssikowski« oder »Ciaosescu«. In der Arbeit funktioniert das Kumpelsystem eh wie geschmiert. Hier ein transkribiertes Beispiel aus der Komödie The Anchorman mit Will Farrell, der einen Nachrichtensprecher (»Ron Burgundy«) spielt. Er bekommt eine neue Kollegin (»Ms. Corningstone«), die er eigentlich ganz nett fände – wären da nicht seine Kumpel.

Kumpel 1: »Leute, damit die Corningstone nicht aus der Reihe tanzt, müssen wir sie besteigen!«
Kumpel 2: »Oooh, das Fahrgestell von der macht mich loco, ich werde zu einem Werwolf, aaaoouuuuuhhh!«
Ron Burgundy: »Das reicht Jungs (…). Sie hat auch Gefühle.«
Kumpel 1: »Oh mein Gott, hört ihr Burgundy, der führt sich auf einmal auf wie ein verklemmter Klosterschüler!«
Kumpel 2: »Als ob du ’n Homo wärst! Hahaha!« (Alle stimmen ein.)

Im Büro dient das Kumpelsystem der Aufrechterhaltung patriarchalischer Strukturen. Wenn ihnen Frauen näher kommen, rücken die Kumpel eng zusammen, wie kleine Tiere, die Angst haben. Allerdings gesellt sich nur selten eine Frau freiwillig zu Männern, die, ihre Arme um die Schultern des anderen gelegt, verdächtige Filmchen anschauen. Es wäre wohl auch keine Frau mit dem VW-Betriebsrat ins Puff gefahren.

Aber haben Frauen nicht auch so eine Art Kumpelsystem? Ist es denn authentischer, mit fünf sogenannten Mädels unter Plüschdecken Sex and the zu City gucken? Oder den neuen Ikea-Katalog durchzublättern? Oder überhaupt immer über alles reden zu müssen? Ist es normal, anderen lächelnd aufs Klo zu folgen?

Hand aufs Herz: Es ist nichts schlimm daran, als Mann auch mal unsicher zu sein und das kaschieren zu wollen. Es ist sogar okay! Man muss doch nicht immer gleich die große Blutsbrüdernummer durchziehen. Die meisten schlechten Witze sind eh nicht ernst gemeint. Sie sind nur eine etwas ungeschickte Form, einem anderen Typen zu sagen, dass man ihn gern mag. Es gibt da auch ein Buch mit einem treffenden Titel: Zusammen ist man weniger allein. Ist allerdings eher was für Weiber. Hahahaha!
Hören Sie hier die Geschichte vorgelesen vom Redakteur

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