Argumentationskette

Schmuck war niemals nur Zierde, sondern immer Ausdruck einer Haltung. Pierre Rainero, Hüter des Erbes von Cartier, erklärt die subversive Geschichte der Accessoires, die längst noch nicht vorbei ist.

SZ-Magazin: Herr Rainero, viele Frauen, die es sich leisten können, tragen heute wieder Diadem, also Krönchen – etwa bei ihrer Hochzeit, obwohl sie weder Prinzessin noch adelig sind.
Pierre Rainero:
Ja, Diademe sind wieder in Mode. Die haben aber auch schon nicht adelige Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts getragen. Es gab immer schon einen Geldadel, der die Gepflogenheiten der hohen Stände kopierte. Um 1900 waren das meist reiche Amerikanerinnen. Inzwischen gibt es wieder einen Geldadel, der sich so etwas leisten will. Warum auch nicht? Die Grenzen, in denen Schmuck getragen wird, sind heute viel weiter gezogen als früher, als es bestimmten Schmuck für bestimmte Stände gab.

Im 19. Jahrhundert hätte nicht jede ein Diadem tragen dürfen?
Doch, wer das Geld dazu hatte. Aber umgekehrt bestand die Möglichkeit nicht: Es war undenkbar, bei einem gesellschaftlichen Anlass ohne Kopfschmuck zu erscheinen, das hätte alle Regeln gebrochen und wäre ein Affront gewesen. Außerdem gab es Schmuck für verschiedene Lebensabschnitte: für junge Mädchen, verheiratete Frauen, ältere Frauen, verwitwete Frauen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich sogar eine eigene »Trauer-Joaillerie«. Man unterschied zudem zwischen privatem und öffentlichem Schmuck.

Wie hätte so ein Regelbruch ausgesehen?
Damals gab es keinen figurativen Schmuck, keine Blumen oder Tiere. Die fantasievolle Gestaltung von Schmuck hielt sich in Grenzen. Es waren sehr emanzipierte Frauen, wie Sarah Bernhardt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Freiheit, ihre Emanzipation mit so einem Schmuckstück unterstrichen haben und mit Broschen in Schlangen- oder Affenform einen Skandal auslösten. Eine Schlangenbrosche auf der Brust zu tragen war unsittlich, das taten nur Zwielichtige! Frauen wie sie stellten sich damit sehr bewusst in ein gesellschaftliches Abseits, das ihnen zugleich neue Freiheiten eröffnete.

Man kann also gesellschaftliche Strömungen wie in der Mode am Schmuck mitverfolgen?
Oh ja. Nehmen wir zum Beispiel das Diadem. Solange die Frauen lange Haare hatten, hielt es gut auf dem Kopf. Plötzlich aber schnitten emanzipierte Frauen ihre Haare ab, die Diademe hielten nicht mehr. Am Hofe aber war es weiterhin üblich, Verzierungen im Haar zu tragen: Also kamen Bänder, Spangen, andere Arten von Kopfschmuck in Mode.

Das Diadem verschwand also?
Nach und nach. Bei den Korsetts war es ähnlich: Es gab riesige Schmuckstücke, die nur deshalb an der Kleidung hielten, weil das Korsett darunter so fest und steif war. Ab 1910 gab es plötzlich keine Korsetts mehr, die Frau hatte eine neue Silhouette. Mit dem Ablegen des Korsetts veränderte sich auch der Schmuck: Die Schmuckstücke waren ja viel zu schwer! Bald gab es leichten Schmuck, etwa Broschen. Ähnliches sieht man anhand von sehr künstlerischem Schmuck: Er entwickelte sich erst, als bestimmte Frauen Künstler in ihre Salons einluden.

Künstler hatten doch in den meisten Kreisen einen schlechten Ruf?

Ja, es war ja unerhört, Künstler in die hohe Gesellschaft einzuladen! Das taten nur sehr modern denkende Frauen. So mischten sich Kunst und Schmuck.

Gab es in der Geschichte auch Schmuckstücke mit klaren politischen Aussagen?

Ein berühmtes Beispiel ist der Vogel im Käfig aus unserem Haus, den unsere damalige Designerin Jeanne Toussaint gestaltet hat. Eine Brosche, die ihr viel Ärger einbrachte. Sie lag 1942 im besetzten Paris im Schaufenster: Die deutschen Besatzer ahnten wohl, dass es sich bei dem Vogel im Käfig um das eingesperrte Frankreich handeln sollte. Das war eine Provokation! Toussaint wurde von den Deutschen zum Verhör vorgeladen. Tatsächlich war ein enger Mitarbeiter Toussaints, ein Amerikaner, bei der Résistance, wie sich später herausstellte – er war einer der vier Amerikaner, die nach dem Krieg für ihren Widerstand ausgezeichnet wurden. Toussaint sagte beim Verhör, der Vogel im Käfig sei ein alter Entwurf, sie habe ihn nur durch Zufall noch einmal aufgelegt. Heute wissen wir, dass sie ihn zu Ehren der Résistance gestaltet hat: Denn nach dem Krieg tauchte die gleiche Vogelbrosche wieder auf. Diesmal flog der Vogel frei!

Und? Wurde Toussaint bestraft?
Nein, man munkelt, ihre Freundin Coco Chanel habe sich für sie eingesetzt, die damals mit einem deutschen Offizier zusammen war. Ein anderes Beispiel für die politische Aussage von Schmuck ist der Judenstern, den sich der Sänger Serge Gainsbourg als Mahnmal an seine Jugend im von den Nazis besetzten Frankreich machen ließ: Er gab seinen Judenstern als Brosche in Auftrag, aus Platin.

Wie haben sich die Vorlieben für Steine und Materialien über die Zeit geändert?
Mit bestimmten gesellschaftlichen Veränderungen geraten mal die einen, mal die anderen Steine in Mode. Mit dem Einfluss bestimmter Königshäuser, etwa dem russischen, kam Schmuck mit bunten Steinen in Mode. Im Zuge der Kolonialisierung der Welt entdeckte man dann eine Farbenpracht, wie sie besonders in Indien beliebt war: So kam der Tuttifrutti-Stil nach Europa, inspiriert vom Schmuck der Maharadschas: Das ist bunter Schmuck in Fruchtfarben. Um das 20. Jahrhundert wäre es auch nicht möglich gewesen, die Farbkombination Grün und Blau zu tragen – das sind die islamischen Farben, man sagte auch »Pfauenfarben« dazu. Doch als die Menschen auch in arabische und islamische Länder reisten, kam diese Farbkombination auch in unsere Kultur. Nun haben wir noch gar nicht von Platin gesprochen, das 1889 in der Juwelierskunst Einzug hielt, genau in dem Jahr, in dem auch das elektrische Licht seinen Siegeszug antrat. Fassungen aus anderen Metallen waren plötzlich viel zu dick, die Steine funkelten nicht mehr unter elektrischem Licht! Mit Platin benötigte man viel weniger Material für eine Fassung: Es ist bis heute die beste Art, Diamanten hervorzuheben.

»Heute sind die Konventionen weniger streng, mehr eine stillschweigende Gepflogenheit.«

Pierre Rainero ist als »Image, Strategy and Heritage Director« für Unternehmensgeschichte beim französischen Schmuck- und Uhrenhersteller Cartier - gegründet 1847 in Paris - zuständig. Er kuratiert unter anderem Ausstellungen und gibt Bildbände heraus. (Foto: Bornney Qu)

Wie wird Schmuck derzeit getragen?

Heute sind die Konventionen weniger streng, mehr eine stillschweigende Gepflogenheit. Sicherlich braucht man ein bisschen Feingefühl. Wenn Sie eingeladen sind und wissen, dass die Gastgeberin keinen großen Schmuck besitzt, werden Sie aufpassen mit Ihrem Schmuck. Man spricht mit Schmuck ja auch eine Sprache.

Welche?
Schmuckstücke haben Aussagen, ganz klar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine Gruppe sehr wohlhabender Frauen, Erbinnen wie Barbara Hutton oder Peggy Guggenheim, denen ihr unermesslicher Reichtum ein sehr freies Leben ermöglichte: Sie konnten heiraten, wen sie wollten, reisen, wohin sie wollten, einladen, wen sie interressant fanden. Sie pendelten zwischen New York, London, Paris. Sie waren unabhängig und kauften ihren Schmuck selbst. Damit konnten sie eine sehr feine Sprache sprechen.

Hat denn die feine Gesellschaft die Sprache sofort verstanden?
Wenn man sie perfekt beherrschte wie Barbara Hutton etwa, schon. Man konnte an der Wahl ihres Schmucks, den sie an einem Abend trug, ermessen, wie wichtig die Gäste waren oder die Veranstaltung war. Sie besaß zum Beispiel eine Smaragdkette, die früher der Zarenfamilie, den Romanows, gehörte. Wenn sie diese Kette angelegt hatte, wusste jeder im Raum: Dieser Abend ist ihr sehr, sehr wichtig. Das war das schönste Schmuckstück, das sie besaß. Man nannte diese Frauen damals die »Café Society«, weil sie so ein süßes Leben führen konnten.

Sieht der Schmuck, den Frauen für sich selbst kaufen, anders aus als der, den Männer Frauen schenken?
Das ist heute so wie damals. Eine Frau stellt sich immer sofort vor, wie ein Schmuckstück an ihr aussieht, wie es ihren Typ unterstreicht, was für ein Bild sie damit gibt. Männer betrachten gern den Wert der Steine, die aufwendige Verarbeitung, mehr mit dem Auge des Sammlers. Gerade die Frauen der damaligen »Café Society« haben den Schmuck stark verändert, weil sie eben die Freiheit besaßen, ihren Schmuck selbst kaufen zu können: Sie entwickelten zum Beispiel den Cocktailring – das sind sehr große, auffällige Ringe, die man nicht nur gut sehen kann, wenn man ein Cocktailglas hält: Auch die Trägerin selbst kann ihn gut sehen. Ring und Armband sind ja die einzigen Schmuckstücke, die eine Frau selbst ansehen kann, wenn sie sie trägt. – Diese Frauen wollten sich selbst an ihrem Schmuck erfreuen, und nicht nur die Männer, die ihnen die Schmuckstücke vielleicht geschenkt haben.

Sie kuratieren Ausstellungen, die Schmuck in Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Veränderungen setzt, wie jene, die ab Dezember im Grand Palais in Paris zu sehen sein wird. Ist es schwierig, bestimmte Stücke aus Privatbesitz für solche Ausstellungen zu bekommen?
Wir arbeiten mit den Museen zwischen zwei und vier Jahren an so einer Ausstellung. Es ist natürlich nicht ganz einfach, bestimmte Stücke zu zeigen. Wir wollten zum Beispiel ein Diadem von Lady Mountbatten, Frau des letzten Vizekönigs von Indien zeigen – übrigens auch eine sehr frei und modern lebende Frau. Sie besaß das einzige Tuttifrutti-Diadem, weil sie eine große Liebhaberin Indiens war. Leider hatte dieses Diadem schon der Kreml für eine Ausstellung reserviert. Aber wir werden unter anderem das Diadem von Prinzessin Catherine zeigen, das sie zu ihrer Hochzeit mit Prinz William getragen hat. Dazu müssen Sie einen Antrag beim britischen Königshaus stellen. Das dauert einige Monate.

Vor der Hochzeit hieß es in der Presse, Prinzessin Catherine wolle gar kein Diadem zu ihrer Hochzeit tragen, lieber Blumen im Haar, weil sie ein eher bodenständigeres Bild von sich wünsche.
Beim britischen Königshaus gelten noch andere Regeln als beim Rest der Gesellschaft, was die angemessene Garderobe einer Hochzeit betrifft: Das regelt das Protokoll.

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Dieser Artikel erscheint im heutigen SZ-Magazin: Ein Heft zum Thema Frauen und Freiheit – sehen Sie hier schon alle Themen.

Illustrationen: Kate Copeland