Klärschlamm am Nagel

Auch wegen der cleveren Namen hat unsere Autorin vier Schuhkartons voller Nagellacke. Nun muss sie stets darüber nachdenken, ob die Farbe zum Outfit passt – und der Name zu ihrer Stimmung.

Nägel mit Köpfchen: Die Bezeichnungen von Nagellacken sind oft sehr kreativ

Foto: Photocase.de/Pepipepper

Heute trage ich »Bitter Bitch«. Wenn man wohlwollend ist, beschreibt man die Farbe auf meinen Nägeln als tiefes Kastanienbraun mit interessantem lila Einschlag. Wenn man ehrlich ist, sieht es aus, als hätte ich meine Fingerspitzen in Klärschlamm gedippt. Ich war in meinen Lokalzeitungsjahren oft bei Kläranlagen-Einweihungen, ich weiß, wovon ich rede.

Da ich wenig klärschlammfarbene Garderobe besitze, kann ich den Lack nur selten tragen, ein klarer Fehlkauf, obendrein wahnwitzig teuer, weil von Tom Ford. Aber ich konnte ihn nicht stehen lassen, der Name war zu gut. Clevere Nagellacknamen sind meine größte Schwäche, die verlässlich meine Shut-up-and-take-my-money-Sicherung entriegeln. Über die Jahre ist diese Neigung immer schlimmer geworden, manchmal sehne ich mich zurück nach den Tagen der Unschuld, als ich bei der wöchentlichen Nagelbepinselungswahl nur helles Rot und dunkles Rot unterschied, vielleicht noch Kirschrot oder eine ins Orange spielende Grellvariante in Erwägung zog. Heute überlege ich nicht nur, ob die Farbe zum Outfit und Anlass passt, sondern auch, ob der Name mit meiner Stimmung harmoniert.

Fühle ich mich verwegen, trage ich das wundenrote »Pirate« von Chanel, ist mir kokett zumute, pinsele ich »I'm not really a waitress« auf, ein glitzerndes Schlampinchenrubin. Ich besitze auch einige Anlasslacke, die ich naturgemäß selten hervorkrame: »Battleship«, ein bismarckmäßiges Mattgrau mit minimalem Grünstich, kann man nur zu Kündigungsgesprächen oder Schlussmachtreffen tragen. Weil ich selten zu Weinproben gehe, ist »Life is a Cabernet«, ein sattes Suffrot, leicht eingetrocknet. »No more waity Katie«, den limitierten Sonderlack, der 2011 anlässlich der royalen Hochzeit von Prince William und Kate Middleton herausgebracht wurde – ein stark glittriges, dennoch dezentes Blau-Greige – habe ich seit der Trauungszeremonie nie mehr getragen, wir sind ja nicht bei den Hottentotten.

Meine Lacksammlung ist so umfangreich, dass ich vier Schuhkartons brauche, um sie diskret zu verstauen. Schade aber, dass meine Mitmenschen meine Farbbotschaften nicht lesen können: Sie könnten mich an Grummeltagen besser einschätzen, wüssten sie, dass das Modergrün auf meinen Fingern »Two fingered salute« heißt – das britische Handzeichen für »Fuck you«. Die meisten Menschen haben keinen Sinn dafür, weder für die Signale noch für die Namen.

Wenn ich eine bestimmte, leuchtend stahlblaue Farbe aufgetragen habe, will ich meine Hände am liebsten wildfremden Leuten in der U-Bahn unter die Nase halten und erklären, das sei »Birdie Num Num« von Smith & Cult, und »Birdie Num Num« sei mein zweitliebstes Zitat aus Der Partyschreck, dem besten Film der Geschichte, und zwar aus der Szene, in der Hrundi V. Bakshi den Papageien füttert. In der Synchronisation heißt der Satz »Lora kriegt Happi-happi«, aber das will sich ja wirklich niemand auf die Nägel malen.

Langsam scheint meine Sammlung vollständig zu sein. Es kommen kaum noch würdig getaufte Lacke nach, und für Kindereien wie »Dirty Unicorns« (glitzerndes Navyblau) bin ich zu alt. Zwar stieß ich kürzlich auf eine mir bis dahin unbekannte Marke mit dem Namen »Trust Fund Beauty«, die ihre Lacke fast allesamt nach typischen Sätzen verzogener, reicher Töchterchen benannt hatte, das gefiel mir gut: »Money buys happiness«, »Do you know who my father is?« und »Dirty rich« waren meine Favoriten. Aber die Lacke waren großteils so rosa-lastig, dass ich es diesmal schaffte, mir den Kauf zu sparen. Der Wahnsinn geht mit den Jahren ja ordentlich ins Geld.

Die ganze Spinnerei funktioniert auch umgekehrt: Vor acht Jahren, als tout le monde hinter dem chronisch ausverkauften neuen Lack »Particulière« von Chanel her war, wollte ich ihn aus Trotz erst nicht kaufen, weil mir zwar die Farbe gefiel, ich aber den Namen blöd fand. So ein schönes Grau, und dann nennen sie es »besonders« - wie gewöhnlich. Ich sehe ein, dass Chanel einen Nagellack nicht »Leberwurst« nennen kann, obwohl das der Farbwahrheit am nächsten gekommen wäre, aber man hätte wenigstens auf »Weimaraner-Welpe« ausweichen können. Ich träumte damals eines Nachts tatsächlich, ich brächte meine eigene Lidschattenpalette mit Hundefarben auf den Markt, benannt nach den entsprechenden Rassen: »Retriever« (goldgelb), »Irish Setter« (rotbraun), »Chow-Chow« (hellorange), »Cocker Spaniel« (sandfarben). Sie verkaufte sich blendend.

Einmal fand ich in einer polnischen Grabbelkiste einen Nagellack, der so hieß wie ich. Also fast, nämlich »Anya«. So hieß einer meiner Lieblingscharaktere in Buffy, the Vampire Slayer – eine ehemalige Rachedämonin. Der Lack »Anya« ist ein schönes, tiefes Ochsenblutrot, das passt zur Rachedämonin und zu mir.