Der Flügel muss fliegen

Unsere Autorin hat einen Bechstein-Flügel geerbt, aber keinen Platz für ihn. Verkaufen kann sie ihn nicht, dafür bedeutet er ihr zu viel. Nun sucht sie unter den Lesern des SZ-Magazins eine liebevolle Pflege.

Früher thronte das Instrument im Haus der Oma, heute dient es als Wäscheablage.

Mein Jugendtraum ist eierschalenweiß und hat einen mächtigen, geschwungenen Körper. Er thronte im Wohnzimmer meiner Oma, am prominentesten Platz des Hauses, direkt gegenüber der Eingangstür. Jeder, der das Haus betrat, blieb einen ehrfurchtsvollen Moment lang vor ihm stehen. Aber nur mir nickte »der Bechstein«, so heißt dieser Flügel bei uns, ausgesprochen wie »die Callas« oder »die Netrebko«, zur Begrüßung zu. Zumindest bildete ich mir das ein, denn ich meinte, seine Auserwählte zu sein. Eines Tages würde dieses schöne, wohlklingende Instrument mir gehören.

Nicht, weil ich eine besonders talentierte Klavierspielerin wäre und mich deshalb als würdige Besitzerin empfohlen hätte. Sondern weil ich jetzt die Einzige in der Familie bin, die überhaupt Klavier spielen kann. Meine Oma hat mir deshalb schon als Kind versprochen, dass ich den Bechstein erben würde, wenn ich nur fleißig übe.

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Vor einem Jahr ist meine Oma gestorben. Wir mussten ihre Wohnung ausräumen: Die Schaumweingläser mit dem Platinrand bekam die Nachbarin, die Wintermäntel wurden gespendet, ein paar Studenten holten den Großteil der Möbel ab. Und ich musste mich ernsthaft fragen: Was mache ich mit dem Flügel?

Als Jugendliche hatte ich nicht in Erwägung gezogen, dass ich mit über dreißig an einem Ort leben könnte, an dem kein Platz für den Flügel ist. Das kam in meinem Traum nicht vor. Dort saß ich in einem Wohnzimmer mit drei Meter Deckenhöhe und spielte bei geöffnetem Fenster Debussys Arabesquen, ohne einen einzigen falschen Ton selbstverständlich.

Tatsächlich lebe ich in einer Stadtwohnung, in deren Wohnzimmer ein Sofa, ein Tisch und ein Bücherregal Platz haben. Wenn ich das Fenster öffne, füllt das Rauschen einer Hauptstraße den Raum. Und die Arabesquen würde ich höchstens dem Nachbarshund vorspielen.

Gut möglich, dass ich die Auserwählte des Flügels bin, aber zusammenleben kann ich nicht mit ihm. Zumindest nicht, solange mein Lebensmittelpunkt in einer Großstadt ist, in der man für immer kleinere Wohnungen immer mehr Miete zahlen muss. Ganz kurz habe ich darüber nachgedacht, raus aus der Stadt zu ziehen. Für den Flügel. Darüber hat meine Familie einmal laut gelacht.

Der Bechstein war das Happy End der Lebensgeschichte meiner Oma

Was tun? Vorerst hat der Flügel in der Wohnung meiner Schwester Unterschlupf gefunden. Sie hat mehr Platz, aber kein Interesse an dem Instrument, ich vermute, dass sie es als Ablagefläche für die Wäsche benutzt, die sie nebenan trocknet. Ihre regelmäßigen Nachfragen, wann ich den Bechstein endlich abhole, habe ich bislang höflich ignoriert. Ich brauche einen Plan. Deshalb versuche ich es so:

Ich suche unter den Lesern des SZ-Magazins eine fürsorgliche Pflege für meinen Flügel. Er oder sie muss nicht Debussys Arabesquen beherrschen, aber ein bisschen Bewegung und Zuwendung wären schön. Ich möchte kein Geld, einzig die Transportkosten müssten übernommen werden. Was ich dagegen möchte, ist die Gewissheit, dass es dem Bechstein gut geht. Dass er, wenn er nicht mehr gebraucht wird oder nicht mehr willkommen ist, zu mir zurückkehrt – und dass ich ihn, falls ich doch einmal genug Platz haben sollte, jederzeit wieder abholen kann.

Warum ich den Bechstein nicht einfach verkaufe? Ich bringe es nicht übers Herz. Ich war nie wahnsinnig gut, aber das Klavierspielen hat mir als jungem Menschen immer wieder geholfen. Es war meine Rettungsinsel, wenn ich Streit mit Freunden hatte, Stress mit den Eltern oder Liebeskummer. Mit dem Verkauf des Flügels würde ich mich auch von dieser Geborgenheit verabschieden.

Vor allem aber ertrage ich die Vorstellung nicht, wie traurig meine Oma dann gewesen wäre. Natürlich hätte ich ihr erklären können, dass wir »jungen Menschen« heute anders leben als sie und ihr Mann damals, dass wir häufiger umziehen und deshalb versuchen, nicht so viele Dinge zu besitzen. Erst recht nicht so große. Dass ich will, aber nicht kann. Sie hätte das verstanden, trotzdem wäre sie sicher enttäuscht gewesen. Für sie hing mit diesem Instrument so viel mehr zusammen als nur Musik. Ihr Mann war Komponist und brachte den Flügel mit in die Ehe, gemeinsam veranstalteten sie Hauskonzerte mit Schubert und Erdbeerbowle, und das Gesicht meiner Oma leuchtete vor Stolz und Glück, wenn das fachkundige Publikum dezent applaudierte. Je mehr ich darüber nachdenke, wird mir klar: Der Flügel ist das Happy End der Lebensgeschichte meiner Oma, die als Jugendliche die Luftangriffe auf Dresden knapp überlebte, als 22-Jährige mit einem Baby aus der DDR floh und aus dem Nichts ein Leben im Westen aufbaute. Wer sich dann einen Flügel ins Wohnzimmer stellen kann, hat es geschafft.

Die Bedeutung all dessen habe ich als Kind nicht begriffen, als meine Oma mir einbläute, dass ich immer fleißig üben solle. Ich wusste nicht, wofür der Bechstein steht, aber ich spürte, dass Erwartungen mit ihm verbunden waren. Erwartungen an mich. Ich spielte gern Klavier, aber der Unterricht war manchmal eine Qual. Einmal schnitt ich mir vor der Klavierstunde mit einem Messer in den linken Zeigefinger, um zu vertuschen, dass ich in den Tagen zuvor lieber mit Freunden Inlineskates gefahren war, statt eine komplizierte Bach-Fuge zu üben. Mein Klavierlehrer tat, als durchschaue er den Schwindel nicht, und übte mit mir 45 Minuten lang einhändig chromatische Tonleitern. Und wann immer ich bei meiner Oma war, wartete ich, bis alle anderen in Gespräche vertieft waren, ehe ich mich um die Ecke stahl, die Klappe des Flügels öffnete und die ersten Töne spielte. Ich wollte nichts falsch machen.

Als ich letztens den Bechstein bei meiner Schwester besuchte und ein bisschen auf ihm herumklimperte, war dieses Gefühl weg. Die Entscheidung, den Flügel zumindest vorübergehend herzugeben, ist befreiend. Es ist die beste Lösung, für alle. Jetzt muss sie nur noch funktionieren.