»Elvis war kein trauriger Mensch«

Ginger Alden war die letzte Frau an der Seite des King of Rock'n'Roll. Sie liebte ihn trotz seiner Wutausbrüche und seiner Tablettensucht. Vor ihrer Hochzeit fand sie ihn tot im Badezimmer.

Alden und Presley im Winter 1976. Ein paar Monate später war Elvis tot. (Foto: Intertopics)

SZ-Magazin: Sie waren mit Elvis verlobt, als er starb. Fast vierzig Jahre haben Sie seitdem geschwiegen. Warum wollen Sie jetzt reden?
Ginger Alden: Nach dem Tod von Elvis war ich am Ende meiner Kräfte. Ich habe damals angefangen, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Aber es hat mich zu traurig gemacht. Also habe ich alles in einen Karton gepackt und liegen gelassen. Dann habe ich meinen heutigen Mann kennengelernt, habe gearbeitet, wurde Mutter. Als mein Sohn vor zwei Jahren ausgezogen ist, habe ich meine Notizen wieder herausgekramt.

Wie war das?
Ich habe viel geweint, aber auch viel gelacht. Und ich habe mich entschlossen, meine Erlebnisse in einem Buch öffentlich zu machen, denn ich will einige Dinge klarstellen, die über Elvis behauptet wurden und die einfach nicht stimmen.

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Zum Beispiel?
Dass er ein depressives Wrack war und keine Lust mehr auf Musik hatte. Ich habe ihn in den letzten Monaten seines Lebens oft fröhlich erlebt. Er hatte seine Probleme, aber er war kein trauriger Mensch. Wir waren verliebt und voller Ideen für eine gemeinsame Zukunft.

Bevor Sie sich mit zwanzig mit Elvis verlobten, waren Sie Schaufensterdekorateurin in Memphis. Wie hatten Sie sich kennengelernt?
Ein Freund von Elvis hatte meine Schwester nach Graceland eingeladen, sie hatte den Schönheitswettbewerb »Miss Tennessee« gewonnen. Elvis wollte sie kennenlernen, ich war nur als Begleitung dabei. Aber als wir ihn trafen, hat er mich zur Seite genommen und gesagt: Ginger, du brennst ein Loch in mich hinein.

Komischer Anmachspruch.
Ich fand es irgendwie romantisch. Danach haben wir die ganze Nacht in seinem Schlafzimmer gesessen und uns über Bücher unterhalten.

Eine Nacht mit Elvis, und Sie haben nur geredet?
Genau so war’s. Als wir uns verabschiedet haben, meinte er: Ich rufe dich an.

Waren Sie verliebt?
Eher perplex. Als er mich dann tatsächlich angerufen hat, um mich zu einem Date einzuladen, konnte ich es kaum glauben.

Wie sah ein Date mit Elvis aus?
Wir haben uns in Graceland getroffen und uns unterhalten, dann hat er mich plötzlich gefragt, ob ich einen Ausflug mit ihm machen will. Wir sind zum Flughafen gefahren, wo sein Privatjet schon gewartet hat. Wir sind einfach so nach Las Vegas geflogen. Es hat sich angefühlt wie in einem Märchen.

Er hat sie Gingerbread genannt. Hatten Sie einen Spitznamen für ihn?
Nein, nur Elvis. Für andere war er Mister Presley oder EP, aber für mich immer Elvis.

Wie haben Sie sich gefühlt, als er Ihnen ein diamantenbesetztes Armband mit der Aufschrift »Elvis« ums Handgelenk band und sagte: »Damit jeder sieht, dass du zu mir gehörst«?
Mein erster Gedanke war: Macht er das bei jeder Frau, die er kennenlernt? Er hat die Leute in seinem Umfeld ja ständig beschenkt. Vermutlich, weil er selbst aus armen Verhältnissen stammte und darum genau wusste, wie es sich anfühlt, nichts zu haben. Er war der großzügigste Mensch, den ich je getroffen habe.

Ab wann wussten Sie, dass es ernster wird mit Elvis und Ihnen?
Ich habe versucht, mich nicht sofort in ihn zu verlieben. Was bei einem Mann wie Elvis nicht leicht ist. Ich bin ja in seiner Heimatstadt Memphis aufgewachsen, und jeder hat dort für Elvis geschwärmt. Elvis wollte mich immer bei sich haben, nahm mich mit auf Tournee, redete die ganze Nacht mit mir, interessierte sich für meine Familie. Und bei Konzerten hat er mich immer wieder seinem Publikum als seine Freundin vorgestellt. Ich bin fast geplatzt vor Stolz.

Als Sie sich erst wenige Monate kannten, hat er Ihnen einen Heiratsantrag gemacht.
Er hat einen riesigen Diamantring ausgepackt und gesagt, er hätte nie gedacht, die Frau seines Lebens hier in Memphis kennenzulernen. Er sagte: Ich habe öfter Liebe empfunden, aber ich war noch nie richtig verliebt.

Ihre Reaktion?
Ja, was glauben Sie denn? Ich habe geweint vor Rührung und am ganzen Körper gezittert. Und dann habe ich Ja gesagt.

Er war mehr als doppelt so alt wie Sie – hat Sie das gestört?
Überhaupt nicht. Elvis war begeisterungsfähig wie ein Teenager. Wenn ihn etwas interessiert hat, konnte er stundenlang darüber reden. Er war auch ein guter Zuhörer. Ein Traummann.

Einige Biografen haben geschrieben, Elvis sei von den vielen Schlafmitteln impotent gewesen.
Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich Details unseres Liebeslebens öffentlich machen will, und ich werde nicht zu viel verraten, denn Elvis war immer ein Gentleman. Nur so viel: Ich habe die letzten neun Monate seines Lebens mit ihm verbracht – und kann sagen: Das ist eine glatte Lüge. Und ich frage mich, woher die Leute das wissen wollen.

Und die Schlafmittel?
Ja, die hat es gegeben, vor allem vor Tourneen war er oft so aufgeregt, dass er nicht schlafen konnte. Und sie haben ihm nicht gut getan. Aber er hatte einen Leibarzt, Dr. Nichopoulos, und ich habe darauf vertraut, dass der ihn richtig behandelt.

Im Rückblick: Waren Sie naiv?
Versetzen Sie sich mal in meine Lage: Ich war noch sehr jung, war nie aus Memphis rausgekommen und plötzlich Teil dieser glamourösen Welt. Und anfangs habe ich die Tabletten auch nicht als Problem erkannt. Aber als ich merkte, dass Elvis sich mit seinem Verhalten selbst schadet, habe ich versucht, ihn ein bisschen zu erziehen.

Ging das gut?
Sagen wir mal so: Er war seit seiner Jugend der größte Rockstar des Planeten. Er war es nicht gewohnt, dass Menschen ihm widersprechen.

Wie hat er reagiert?
Er wurde wütend. Einmal wollte er abnehmen. Als ihm seine Köchin eine Riesenportion Eiscreme aufs Zimmer brachte und ich ihn an seine Diät erinnert habe, ist er ausgeflippt und hat das Eis durchs Zimmer geworfen, so sauer war er auf mich. Er war wirklich ein lieber Mensch – aber seine Wutanfälle waren berüchtigt.

»Elvis hatte nicht gelernt, dass sein Handeln Konsequenzen hat.«

Mit diesem Ring hielt Elvis um Gingers Hand an - der 11,5-karätige Diamant stammte aus Presleys eigenem Lieblingsring. (Foto: Courtesy of Ginger Alden)

Elvis war ein Waffennarr. Hatten Sie je Angst vor ihm?
Einmal war es wirklich heikel. Ich hatte ihn überredet, statt Hamburgern öfter Joghurt zu essen – aber er wollte immer mehr. Nach dem achten Becher habe ich gesagt: Elvis, es reicht. Da hat er seine 57er-Magnum-Pistole aus der Schublade geholt und in die Wand geschossen.

Und Sie?
Ich bekam einen Mordsschrecken und rannte weinend aus dem Zimmer.

Dachten Sie, Elvis wollte Ihnen etwas antun?
Nein.

Warum schoss er dann um sich?
Er konnte nicht ertragen, wenn etwas nicht genauso lief, wie er es wollte. Und er hatte nicht gelernt, dass sein Handeln Konsequenzen hat. Wenn ihm eine Sendung im Fernsehen nicht gefiel, hat er auf den Fernseher geschossen. Und am nächsten Morgen stand ein neuer Fernseher da, als wäre nichts gewesen. Sein Personal war auf solche Wutausbrüche vorbereitet. Ich nicht.

Aber Sie haben es ertragen?
Nein. Und dafür haben einige Menschen in seiner Entourage mich ziemlich kritisiert, nach dem Motto: Hör auf, Elvis zu provozieren. Aber ich wollte ihm zeigen, dass es in einer Beziehung auch Grenzen geben muss. Auch wenn mir das ziemlich schwergefallen ist.

Was war so eine Grenze?
Elvis wollte, dass ich zu ihm nach Graceland ziehe. Aber ich wollte nicht. Als unverheiratete Frau zu einem Mann zu ziehen, widersprach meiner Erziehung. Ich bin also nach einem Tag mit Elvis wieder zu meinem Elternhaus gefahren, wo ich mir ein Zimmer mit meiner Schwester geteilt habe. Elvis hat gesagt: Ich akzeptiere das. Ich war ein Stück Normalität in seinem Leben.

Wenn man sich Aufnahmen seiner letzten Konzerte anschaut, wirkt Elvis oft ziemlich neben der Spur. Er hatte deutlich zugenommen, stammelte seine Texte und wirkte desorientiert. Sie waren bei seiner letzten Tournee dabei. Wie haben Sie ihn erlebt?
Es gab Höhen und Tiefen. Teils haben ihm die Medikamente mehr geschadet als genutzt. Aber es gab auch immer wieder Konzerte, auch bei seiner letzten Tour, bei denen Elvis sehr gut in Form war. Und er hat selbst erkannt, dass er sein Leben ändern musste. Kurz vor seinem Tod nahm er sich vor, wieder etwas Sport zu treiben und abzunehmen. Er sagte: Die kommenden Konzerte werden meine besten. Bei der Abschlussshow in unserer Heimatstadt wollte er unsere Hochzeit bekanntgeben.

Am 16. August 1977 brach Elvis in seinem Badezimmer zusammen. Sie waren der letzte Mensch, der ihn lebend gesehen hat. Was ist Ihre Erinnerung an diesen Tag?
Wir waren an diesem Abend Squash spielen, haben viel gelacht, er hat sich sogar noch ans Klavier gesetzt und ein paar Songs für uns gespielt. Nachts konnte er nicht schlafen und hat seine Tabletten genommen. Dann ist er ins Badezimmer gegangen – und ich habe gesagt, pass auf, dass du nicht auf dem Klo einschläfst. Er hat gelacht und geantwortet: Werde ich nicht. Das war sein letzter Satz. Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen.

Als sie aufwachten, lag er leblos im Badezimmer. Was geschah in den Minuten danach?
Wir haben sofort einen Notarzt gerufen, aber es war zu spät. Ich erinnere mich, dass seine neunjährige Tochter Lisa Marie damals zu Besuch war und aus ihrem Zimmer gerannt kam. Ich wollte nicht, dass sie ihren Vater dort liegen sah, und habe sie in den Arm genommen und getröstet.

Haben Sie noch Kontakt zu Elvis’ Familie?
Leider nein. Nach seinem Tod habe ich seine Tochter Lisa noch einmal gesehen, und mit Elvis’ Vater Vernom hatte ich bis zu dessen Tod 1979 ein gutes Verhältnis. Aber ich kannte seine Familie einfach nicht lange genug.

Haben Sie etwas geerbt?
Nein, wir waren ja nicht verheiratet. Den Verlobungsring und die Geschenke habe ich natürlich aufgehoben. Aber geerbt haben seine Ex-Frau Priscilla und seine Tochter. Doch auch wenn das jetzt kitschig klingt: Ich bin einfach dankbar, mein Leben für eine kurze Zeit mit Elvis geteilt zu haben. Um Geld ging es mir nie.

Wie ging Ihr Leben weiter?
Ich bin nach New York gezogen und wurde Schauspielerin. Ich habe bei Lee Strasberg studiert, dem Lehrer von Al Pacino und Dustin Hoffman. Dort kannte kaum jemand meine Vergangenheit. Ich war ja noch jung genug, mein Leben neu zu beginnen.

Wie oft denken Sie heute noch an Elvis?
Sehr oft. Und viele seiner Songs kann ich bis heute nicht hören, weil es mich zu traurig macht. Geht natürlich nicht, denn seine Musik läuft ja ständig im Radio oder im Supermarkt. An seinem letzten Abend, kurz vor seinem Tod, hat er das Lied Blue Eyes Crying in the Rain von Willie Nelson für mich gesungen. Diesen Song habe ich danach nie mehr hören können, ohne zu weinen.

Wie schwer war es, sich nach Elvis auf einen anderen Mann einzulassen?
Ich habe meinen Mann schon ein paar Jahre nach Elvis’ Tod kennengelernt, wir sind seit mehr als 25 Jahren verheiratet. Er wusste damals nicht, mit wem ich vor ihm zusammen gewesen war.

Wie hat er reagiert, als Sie ihm von Elvis erzählt haben?
Bei unserem ersten Date fragte er mich, aus welcher Stadt ich komme. Als ich sagte: Memphis, fragte er mich, ob ich denn schon mal in Graceland war. Da habe ich tief Luft geholt und gesagt: Oh ja.

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