Tyrannei der Selbstoptimierung

Was die Deutschen wirklich stresst, sind weder der Chef noch die politische Lage. Es sind - sie selbst. Unser Autor hat in seinem Kopf nachgeschaut und ist auf einige erschreckende Stressfaktoren gestoßen.

Vor fast zehn Jahren saß ich in einem Café in Kairo. Hinter mir lag mein Studium, Deutschland, mein bisheriges Ich, vor mir das wilde, spannende Leben. Und in diesem konkreten Fall auch ein kleines Notizbüchlein, das ich auf dem Basar gekauft hatte. Dort schrieb ich hinein, was ich gedachte, in diesem wilden, spannenden Leben bald tun zu müssen. Ich würde gerne behaupten, dass ich unter einem Zuckerschock vom süßen arabischen Kaffee litt - doch ich befürchte, ich meinte ernst, was ich da schrub. Die To-Do Liste für mein weiteres Leben, sie begann doch tatsächlich mit:

-Großes Schaffen.

Puh. Was folgte, war nicht besser. Es waren die Punkte:

-Beweglich bleiben (geist. u. körp.)
-Immer lernen
-Genießen
-Aber gleichzeitig nie faul sein!!!
-Großzügig sein

Genießen und Großzügig sein finde ich bis heute klasse, feinerweise lässt sich beides oft verbinden. Beweglich („geist. u. körp.") möchte ich im Prinzip auch bleiben, aber: „Immer lernen"? „Nie faul sein"? Und „Großes Schaffen"? Moritzmoritz, das klingt schon außergewöhnlich dämlich.

Oder besser: dämlich ja, außergewöhnlich aber hingegen kein bisschen. Denn der Stressfaktor Nummer eins, der uns Deutschen heute das Leben versaut, der ist (oder besser: der sind) doch tatsächlich wir selbst. Der Druck, den wir uns machen, wurde hierzulande am häufigsten genannt, als das Marktforschungsinstitut GfK 27.000 Menschen in 22 Ländern befragte, was sie stresst.

Nun könnte man sagen: Ist doch prima. Wilde Tiere, wilde Nachbarn und großer Hunger sind für uns Wohlstandsmaden schon lange keine Bedrohung mehr. Und nicht mal mehr wegen der Arbeitsbelastung, dem lieben Geld, der Gesundheit oder der Kriminalität da draußen machen wir Deutschen uns die meisten Sorgen. Sondern eher deshalb, weil die Wampe weiterhin wabbelt. Weil wir unsere wirklichen Stärken im Job aus irgendeinem Grund schon wieder nicht gezeigt haben. Weil wir das Kind nicht ausreichend und pädagogisch nicht wertvoll genug bespaßt haben, weil wir dem Partner wieder nicht gut genug zugehört haben. Über die Performance das letzte Mal im Bett reden wir jetzt besser nicht, ist zu lange her.

Wer solche Sorgen hat, der hat doch eigentlich gar keine. Selbstreferentielles Gejammere, och Gottchen, mimimi. Andererseits: Arbeitsstress kann man begegnen, in dem man in den Streik tritt oder dem Chef eine brennende Papiertüte voll Hundekacke vor die Tür stellt. Partner, die mit hohen Ansprüchen nerven, kann man ins Jenseits oder wenigstens in den Wind schicken. Wenn man stets zu wenig Geld hat, kann man versuchen, mehr zu verdienen. Und wenn das alles nicht klappt, lassen sich wenigstens die bestehenden Verhältnisse beklagen. Das ändert zwar nichts, aber wer sich moralisch im Recht sieht, trägt leichter an seinem Schicksal.

Aber Klassenkampf gegen sich selbst führen? Nicht ganz einfach. Es dem Ausbeuter zeigen, der im eigenen Kopf sitzt? Schwierig. Den Selbstoptimierungs-Tyrannen morden, der einem aus dem Spiegel entgegen grinst? Fast unmöglich. Und so haben wir Deutschen uns in unserer gewohnt gründlichen Art ein System geschaffen, das perfekt ist: Sklave und Sklaventreiber, Stresser und Gestresster sind ein und die selbe Person. Das garantiert ein kontinuierlich hohes Druckniveau, ein Leben lang. Ein Perpetuum mobile der Anspannung, das läuft, bis ein Magengeschwür oder ein Herzkasperl dazwischen kommt.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Notizbüchlein, in das ich damals meine bescheidenen Wünsche für die Zukunft notierte: Es existiert schon lange nicht mehr, die erste Seite mit der To-Do-Liste habe ich aber herausgetrennt. Sie liegt unter der Schreibtischunterlage, auf der die Tastatur steht, auf der ich diesen Zeilen getippt habe und obwohl ich mit mir und meinem Leben eigentlich sehr zufrieden sein könnte, ist sie mit den Jahren ist sie noch ein wenig länger geworden. Und ein bisschen konkreter. Mit Bleistift steht da ergänzt:

-Schlüsselroman Finanzkrise: Buddenbrooks, aber geiler und moderner, Bestseller natürlich
-Partnersuche-App: Verkupplung aufgrund ähnlicher Google-Anfragen. Entwickeln und dann ¥€$!!! (Namensidee: Finder)
-Terrorismus/Unsicherheit: Rückzug von Informationsgesellschaft, sprich Digital Biedermeier. Drehbuch interaktiver Blockbuster (irgendwie 7.0?)

Und ich will mir selbst jetzt nicht noch mehr Druck machen - aber wenn ich einen der Punkte mal angehe, dann wird das sicher was, mit dem »Großes Schaffen«. Ganz sicher, kein Stress.

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