Gepflegte Langeweile

Gerade ist wieder eine Liste der lebenswertesten Städte der Welt erschienen. Über die Städte, die dort weit vorne stehen, ist unsere Autorin aber ziemlich entsetzt - mit einer Ausnahme.

Die Skyline von Melbourne – können Sie sich vorstellen, hier zu leben?

Es ist ein ziemlich vorhersehbares Small-Talk-Thema. Trotzdem wird es anscheinend nie out. Was ist besser: Berlin oder München, New York oder San Francisco, Villa Bassa oder Villa Alta? Immer wieder wird gestritten, auch ich hab's tausendfach getan und mir sogar mal eine esoterische Diskussions-Grundlage zurechtgezimmert: Städte, habe ich behauptet, haben Energien. Wie Menschen. Manche kannst du riechen, andere nicht. Die eine hat Vibes für mich, die andre nicht. Berlin ist wie New York mal war: gut! München, Hamburg - ibäh, satt, glatt, lahm.

Wollten Sie sich gerade aus diesem Text verabschieden? Eben. Aber Achtung, jetzt kommen harte Fakten. Soeben wurde eine Liste der lebenswertesten Städte veröffentlicht. Ihr zugrunde liegen 30 mehr oder weniger messbare Faktoren wie Sicherheit, Gesundheits- und Bildungssystem, Infrastruktur, Umwelt. Die haben sie beim Economist verglichen und dabei auch geguckt, wie sich die Beliebtheit einiger Städte in den letzten fünf Jahren verändert hat.

Wenig überraschend: Damaskus ist die Stadt, die am tiefsten gefallen ist auf der Liste. Tunis, Kairo, Detroit, Athen - Absteiger. Armut, Krieg und Terror: nicht gut für die Vibes. Weit oben hingegen: Vancouver, Toronto, Calgary. Adelaide, Sydney, Perth. Auf Platz zwei der Liste steht Wien. Und auf Platz eins Melbourne. Melbourne? Ist da seit den Olympischen Spielen 1956 eigentlich noch irgendwas Interessantes passiert?

Ich war da noch nie und will nicht hin. Auch Adelaide, Perth und Calgary stehen auf meiner Wunschliste ziemlich weit hinten. Auf mich üben die Spitzenreiter nahezu null Reiz aus. Sind die nicht allzu glatt und lahm – ohne Geschichte, ohne Brüche, ohne interessante Bauten? Eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Melbourne ist übrigens das Elternhaus des Entdeckers James Cook, der Australien einst für die britische Krone in Besitz nahm. Problem allerdings: Das Haus stand natürlich in England und wurde dort in den 1930er Jahren abgebaut, verschifft und in Melbourne wieder aufgebaut. Anscheinend diagnostizierte man in Melbourne schon damals einen akuten Mangel an touristischen Attraktionen. Würde mich einer fragen, wo willste mal länger hin, würde ich sagen: Gehen wir halt mal nach Mumbai, Shanghai, Accra oder Rio. Aber Melbourne?

Was haben die, was andere nicht haben? Sie sind relativ sicher, sie sind sauber, sie sind sozial, sie sind ganz grün - und dass das alles Faktoren sind, die das Leben angenehm machen, will ich gar nicht bestreiten. Außerdem sind sie relativ überschaubar. Der Mensch, sagen die Städtevergleicher, fühle sich eben in nicht allzu großen Städten wohler. Okay. Zum Glück steht wenigstens noch Wien auf der Liste. Wien wird gerade das neue Berlin. Nur nicht so arm. Aber auch sexy. Denn Wien hat Geschichte, Wien hat Brüche, Wien hat den Zentralfriedhof, die einzig wahre Sachertorte, coole Architektur, für jeden Bewohner 120 Quadratmeter Grünfläche und wilde Künstler. Und Wien hat den Grantler. So wie Berlin die Schnauze. Schon mal was von charakteristischen Eigenheiten der Einwohner Melbournes gehört? Also. Ab nach Villa Bassa!

Foto: Reuters