Die Sucht nach später Genugtuung

Merz, Seehofer, Maaßen - warum sind Männer in der Politik so schrecklich nachtragend? Und lacht am Ende nicht, wer in der Niederlage Größe zeigt?

Wohin mit dem Groll? Zumindest scheinen Horst Seehofer, Friedrich Merz und Hans-Georg Maaßen (von links) nichts, das sie als ungerecht empfanden, vergessen zu können.

Fotos: Getty, dpa (2)

Seit Jahrhunderten geht die Mär, Frauen seien das nachtragende, rachsüchtige Geschlecht. »Hell hath no fury like a woman scorned«, so die verkürzte Verballhornung einer Textpassage aus einem Theaterstück des englischen Dramatikers William Congreve (1670 – 1729), grob übersetzt: Nichts übertrifft die Wut einer gedemütigten Frau. Die letzten Wochen dürften ein für allemal das Gegenteil bewiesen haben, jedenfalls für jeden, der die Rückkehr von Friedrich Merz in den politischen Betrieb beobachtet hat. Meine Güte, wie nachtragend kann man sein? Selbst, wenn man Merz politisch zugetan ist, fällt es schwer zu glauben, da habe sich einer vor allem aus Liebe zu Partei und Vaterland durchgerungen, politische Verantwortung zu übernehmen. Weil er ein besseres Land für die nachkommenden Generationen schaffen will, einer diese harte Aufgabe nun mal selbstlos übernehmen muss und weit und breit kein anderer und selbstverständlich erst recht keine andere dazu in der Lage wäre.

Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, Merz habe ein recht bequemes und gut bezahltes Leben als Aufsichtsratschef der Deutschland-Sparte des Vermögensverwalters BlackRock an den Nagel gehängt, um endlich eine Schmach zu tilgen und Rache zu nehmen für seine Entmachtung als Fraktionsvorsitzender – ausgerechnet durch eine ostdeutsche Frau ohne JU-Vergangenheit. Ist es das wirklich wert, möchte man ihn fragen? Hätte es für einen 63-jährigen, wohlhabenden Mann nicht schönere, spannendere Wege gegeben, den späten Jahren noch Sinn und Freude zu verleihen? Ein Charity-Projekt? Ein Roman-Manuskript? Ein eigenes Weingut?

Auch Horst Seehofer scheint inzwischen nur noch von dem Bedürfnis im Amt gehalten zu werden, unter gar keinen Umständen vor Angela Merkel die Bühne verlassen zu müssen. Die Frau politisch zu überleben und sei es nur um ein paar Tage, die in seinen Augen nur Kanzlerin von seinen Gnaden ist, wiegt schwerer als die Möglichkeit eines einigermaßen gesichtswahrenden Rückzugs. Was spricht mit beinahe siebzig Jahren gegen einen wohlverdienten Ruhestand und mehr Zeit für die Familie? Zumal dieser Rückzug ja nun schon mehrfach angekündigt und dann doch wieder zurückgenommen wurde, so wie einst auch der Rücktritt von Howard Carpendale, der nach seiner Abschiedstour 2003 seit einigen Jahren auch wieder unermüdlich tourt. Und sein bisheriger Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen halluziniert in einer Rede eine linksradikale Verschwörung gegen sich, weil er einfach nicht fassen kann, dass man als Chef des Verfassungsschutzes die Verfassung schützen sollte, anstatt in Bild-Interviews darüber zu spekulieren, ob rechtsradikale Straftaten tatsächlich stattgefunden haben oder nicht.

Mit ein bisschen Anstand hätte er einfach von sich aus seinen Hut nehmen können, als seine Versetzung ins Innenministerium inklusive saftiger Gehaltserhöhung öffentliche Empörung und eine Koalitionskrise ausgelöst hat. Ist es nicht das, was man von einem Staatsdiener erwarten könnte? Dass er erkennt, dass seine persönliche Karriere weniger wichtig ist als die Stabilität einer Regierung? Nun, nach seiner Versetzung in den einstweiligen Ruhestand werden in Berlin Wetten angenommen, wie lange es dauert, bis Maaßen eine politische Karriere anstrebt, um es doch noch allen zu zeigen. Seine Freunde von der AfD haben jedenfalls schon verkündet, ihn mit offenen Armen zu empfangen.

Und wenn Gerhard Schröder, der in den letzen Jahren wirklich alles getan hat, um gar nicht erst den Ruf eines besonnenen elder statesman zu erlangen, Merkel per Zeitungsinterview rät, nun doch bitte ihren Machtverlust zu akzeptieren und die Vertrauensfrage zu stellen, dann fällt es schwer, nicht an die Elefantenrunde zu denken, in der Schröder nach seiner verlorenen Wahl den eigenen Machtverlust Angela Merkel gegenüber laut pöbelnd leugnete.

Rache ist immer ein starkes Motiv und im Moment ihrer Ausübung eine süße Genugtuung. Sie kann aber auch blind machen. Am Ende schadet man sich mit all dem unverarbeiteten Groll am meisten selbst, was jeder weiß, der nach der Zerstörung der geliebten Plattensammlung eines untreuen Expartners Post von dessen Anwalt bekam. Wer klug ist, der nimmt Rache, indem er maximale Größe zeigt. Mag sein, dass Donald Trump seine Präsidentschaftskandidatur aus Groll über einen Witz geplant hatte, den der damalige Präsident Obama bei einer satirischen Rede vor Journalisten auf seine Kosten riss. Aber die Ära Trump wird irgendwann enden und im historischen Vergleich der beiden Präsidenten wird man sich bei Trump – hoffentlich – vor allem an seine kleinliche Selbstgerechtigkeit erinnern. Und bei Obama an die würdevolle Größe, mit der er gemeinsam mit seiner Frau das Ehepaar Trump nach der Wahl im Weißen Haus empfing.

Ganz ähnlich wird es nun wohl Angela Merkel ergehen: Sie hat in der Niederlage Größe gezeigt und Konsequenzen gezogen, ohne die Schuld bei jemand anderem zu suchen. Nach dem Ende ihrer Kanzlerschaft wird sie wohl eher nicht durch Talkshows tingeln, vermutlich auch kein Enthüllungsbuch schreiben und ganz sicher nicht heimlich an einem politischen Comeback arbeiten. Vielleicht wird sie morgens einfach ausschlafen, in dem guten Gefühl, selbst von politischen Gegnern respektiert und für eine große Staatsfrau gehalten zu werden. Und beim Rühren in der Kartoffelsuppe lächelnd daran denken, wie all die Erniedrigten und Beleidigten nun versuchen müssen, ihre Fußstapfen zu füllen.

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