Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Die AfD – zumindest tut sie so. Die Partei hat in dem wilden Tier das perfekte Populismusobjekt entdeckt. Wann immer ein Schaf gerissen wird, so wie jüngst in Hamburg, spielt ihr das in die Hände. 

Der Wolf ist zurück in Deutschland. Das ist nicht neu, die Diskussionen über den Umgang mit dem wilden Tier dauern schon ein paar Jahre an, sie werden aber immer besonders laut, wenn mal wieder ein Wolf Schlagzeilen gemacht hat. So wie jetzt, wo klar geworden ist, dass es ein Wolf war, der im Juli in Hamburg ein Schaf riss. Und so wie Ende April im Schwarzwald, als ein Wolf sehr wahrscheinlich mehr als vierzig Schafe gerissen hatte.

Auch wenn man die Bilder vom Tatort nicht gesehen hat, reicht die Nachricht, um im Kopf einen Horrorfilm ablaufen zu lassen: Bestie im Rausch, arglose Schafe mit heraushängenden Zungen, rotes Blut auf weißem Fell. Man glaubte ihm sofort, als ein Schäfer sagte, so ein Wolfsangriff sei traumatisierend für Mensch und Tier und schon »die Angst davor unerträglich«. Womit man bereits beim Kern des Wolfsproblems angelangt ist: Angst.

Man kann all den Wolfsgegnern mit etlichen Statistiken kommen, die besagen, dass der Wolf in Wahrheit nicht so gefährlich ist, wie sie denken. Schon gar nicht für den Menschen: In den vergangenen vier Jahrzehnten wurde in Europa ein Mensch von Wölfen getötet, eine Pflegerin in einem schwedischen Tierpark. Doch es ist wie beim Fliegen: Viele Menschen haben riesige Angst, dass ausgerechnet ihr Flugzeug abstürzt, und sei es noch so unwahrscheinlich.

Angst ist irrational. Und kaum jemand macht sich dieses Gefühl in Deutschland derart zunutze wie die AfD. Logisch, dass die Partei auf ihrer fortlaufenden Suche nach Sünden­böcken auch auf den Wolf gekommen ist. Der Wolf ist das perfekte Populismus-Objekt, denn jeder hat zu ihm eine Meinung. Die einen lieben ihn (eher städtische Romantiker), die anderen hassen ihn (eher ländliche Pragmatiker), auf jeden Fall löst der Wolf tief in den Menschen etwas aus. Würde man die AfD-Wähler mit jenen abgleichen, die dafür sind, dass die Jagd auf den Wolf eröffnet wird – es ergäbe sich wohl eine üppige Schnittmenge. Das dürfte einerseits geografische Gründe haben, denn die meisten Wölfe leben dort, wo auch besonders viele AfD-Wähler leben, in Sachsen und Brandenburg. Es könnte aber auch daran liegen, dass die AfD in ihrem Kampf gegen den Wolf auffallend ähnlich vorgeht wie im Kampf gegen eine andere Spezies, deren Vordringen sie verhindern möchte: Flüchtlinge.

Anfang dieses Jahres reichte die AfD einen Bundestagsantrag ein mit dem Titel: Herdenschutz und Schutz der Menschen im ländlichen Raum – Wolfspopulation intelligent regulieren. Darin heißt es: »Die in den vergangenen Jahren übermäßig zunehmende Ausbreitung des Wolfes in einzelnen Regionen in Deutschland ist in jedem Fall Ausdruck der fehlenden Regulierung von Gleichgewichten in Kulturlandschaften.« Das berge »großes Konfliktpotenzial«. Der Grund sei das langjährige »passive Management« der Bundesregierung. Lösungen aus Sicht der AfD sind »spezifische Obergrenzen für Wolfspopulationsdichten« sowie die »Beschleunigung von Genehmigungsverfahren zum regulierenden Eingriff in die Wolfspopulation«.

Die rhetorischen Parallelen und inhaltlichen Analogien liegen auf der Hand: Der Deutsche muss vor dem Wolf geschützt werden, so wie er vor Flüchtlingen geschützt werden muss. Der AfD-Abgeordnete Karsten Hilse behauptete in einer Bundestagsdebatte im Februar, dass Wölfe »immer öfter seelenruhig durch Dörfer und an Bushaltestellen« vorbeiliefen, »an denen nur wenige Stunden zuvor Kinder auf ihren Schulbus warteten«. Kinder funktionieren als Argument immer. In der Anti-Flüchtlingspolitik der AfD klingt das dann so: »Wir Mütter haben keine Kinder bekommen, um sie von den Merkel-Gästen schänden oder abschlachten zu lassen« (Schlachtruf auf einer AfD-Demo in Kandel im Frühjahr 2018).

Auffallend ist auch, wie stark sich die AfD auf Wolfs­mischlinge eingeschossen hat. Ihrer Meinung nach dürfen Wölfe, die auch Hundeblut in sich tragen, nicht denselben gesetzlichen Schutz erfahren wie reinrassige Wölfe, deshalb fordert die AfD eine eindeutige Zuordnung zur Rasse Canis Lupus Lupus, die »als einheimische Art eigentlich geschützt werden soll«. Heißt: Wenn es nach der AfD geht, dürfen nicht-reinrassige Wölfe gejagt werden. Es sei hier kurz an die Rassenlehre erinnert, die Björn Höcke öffentlich ausgebreitet hat.

Der AfD-Politiker Thomas Goebel sagte, Deutschland leide unter einem »Befall von Schmarotzern und Parasiten«, welche dem deutschen Volk »das Fleisch von den Knochen fressen« wollten. Die Partei setzt Metaphern und Analogien gezielt ein, das zeigt ihr wiederholter Gebrauch von NS-Rhetorik. Auch deshalb ist der Wolf ein gefundenes Fressen für sie – über kein anderes Tier wurde in den vergangenen Jahrhunderten so viel und so emotional geschrieben. Wenig Gutes allerdings, spätestens seit den Brüdern Grimm gilt der Wolf als habgierig, gefräßig und hinterhältig, als ein Symbol für das Schlechte im Menschen.

In Rotkäppchen (und der böse Wolf) etwa bringt der Wolf ein Mädchen mit Schmeicheleien dazu, alle Warnungen der Mutter zu vergessen. Er frisst die kranke Oma und legt sich in deren Kleidung ins Bett, um auch Rotkäppchen zu verspeisen. In der Version Le Petit Chaperon rouge von Charles Perrault, die den französischen Kindern vorgelesen wird, fordert der Wolf Rotkäppchen auf, sich zu ihm ins Bett zu legen. Rotkäppchen kommt der Bitte nach, zieht sich vorher sogar aus, und kurz darauf ist es tot. Eine Warnung nicht nur vor dem bösen Mann, der Frauen und Mädchen am Wegesrand von der Seite anquatscht – sondern auch davor, dass dieser Mann ein Mörder oder Vergewaltiger sein könnte.

In Der Wolf und die sieben Geißlein muss sich der Wolf mehr anstrengen, die Geißlein sind vorsichtiger als Rotkäppchen. Auch diesmal gelingt es ihm, sich seine Beute einzuverleiben. Dann fällt er jedoch noch vor Ort ins Fresskoma und ist am Ende tot. Der Wolf handelt also nicht nur aus niederen ­Instinkten, sondern ist dazu noch dumm.

Mithilfe des Wolfes kann die AfD die Welt ganz wunderbar in Gut und Böse unterteilen. Die Guten, das sind die Schäfchen, natürlich, unbefleckt und rein. In einem kurzen Text auf der Webseite der AfD steht: »Die Schäfer und ihre Herden leisten (…) unermessliche Arbeit für den Erhalt unserer ­Kulturlandschaften.«

Man könnte jetzt mir der Metapher vom Wolf im Schafspelz anfangen, aber lassen wir das.

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