Die Krimi-Insel

Eine literarische Empfehlung von Georges Simenon: Der Autor ließ seinen Kommissar Maigret einst auf Porquerolles in Südfrankreich ermitteln.

Einer der schönsten Insel-Krimis ist Mein Freund Maigret von Georges Simenon, der auf Porquerolles an der Côte d'Azur spielt: Maigret wird aus dem verregneten Paris in den sommerlichen Süden abkommandiert, um den Mord an einem Inselbewohner aufzuklären, der sich mit seiner Freundschaft zu dem berühmten Kommissar gebrüstet hatte. »Kennen Sie Porquerolles?«, fragt Maigret seinen Reisebegleiter, einen Scotland-Yard-Beamten, der ihm bei seinen Untersuchungen über die Schulter schaut, »es soll da sehr schön sein, genauso schön wie auf Capri oder auf den griechischen Inseln«.

Und genauso ist es: Wer die Ermittlungen Maigrets im Restaurant »Arche de Noé« auf der Place d'Armes, dem Dorfplatz verfolgt, seine langen Mittagessen bei Weißwein und Bouillabaisse, der beschließt schon während des Lesens, so schnell wie möglich selbst dorthin zu fahren. Simenon fängt das gemächliche Inselleben auf faszinierende Weise ein - kein Wunder, denn als er den Roman 1949 schrieb, kannte er Porquerolles, anders als sein Romanheld, schon sehr lange; er hatte dort sogar ein Haus gekauft (in dem seine Schwiegertochter noch immer lebt). Bis heute hat sich auf der kleinen, nur sieben mal drei Kilometer großen Insel nichts Wesentliches geändert. Porquerolles wurde vom französischen Staat zum Naturschutzgebiet erklärt; auch Autos sind dort nur den 350 Bewohnern gestattet, sodass man auf den weiten, von Eukalyptusbäumen gesäumten Wegen nur Fußgänger und Radfahrer sieht. Mit Ausnahme von Juli und August, wenn die Fähren aus Hyères Unmengen von Tagestouristen auf die Insel bringen, ist Porquerolles nahezu menschenleer. Ein paar Schritte oberhalb der Anlegestelle liegt das Dorf mit seinem rechteckigen Hauptplatz, um den sich ein paar einfache Pensionen, Restaurants und eine französische Bilderbuch-Bäckerei scharen. Sogar das Restaurant »Arche de Noé« gibt es noch. Und nur ein paar Minuten entfernt beginnen die drei Badestrände der Insel, deren schönster, die Plage d'Argent, tatsächlich aus silbrigem Sand besteht.

Auch Maigret, dessen kriminalistisches Gespür wie bei allen großen Detektiven der Weltliteratur eigentlich nie aussetzt, fällt auf Porquerolles in Ferienstimmung. Am Ende klärt er den Fall natürlich auf, und am schönsten ist es, das Buch (noch einmal) in einem der Bistros am Dorfplatz zu lesen. Zur Inspektion des Tatorts muss man nur die paar Meter zum Hafen hinuntergehen, wo das Wasser noch genauso seidig glänzt, wie es Simenon beschrieben hat.

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Übernachten Am Dorfplatz: Le Porquerollais, DZ ab 115 Euro, Tel. 0033/4/94 12 32 70, www.leporquerollais.com, oder Villa Sainte-Anne, DZ ab 148 Euro, Tel. 0033/4/98 04 63 00, www.sainteanne.com. Oder im einzigen Luxushotel der Insel, dem Mas du Langoustier, DZ ab 360 Euro inkl. HP, Tel. 0033/4/94 58 30 09, www.langoustier.com.
Essen Auf der Place d'Armes gibt es Restaurants mit einfacher, aber hervorragender Küche, z. B. in der Arche de Noé, Tel. 0033/4/94 58 33 71, www.arche-de-noe.com. Das Restaurant im Mas du Langoustier hat einen Michelin-Stern, Tel. 0033/4/94 58 34 83.
Unbedingt zur Villa von Georges Simenon durchfragen. Mit Glück lässt sich seine Schwiegertochter zu einer Hausführung verleiten.

Olivier Kugler (Illustration)

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