Titos Atombunker

Wenn der Kalte Krieg zu einem heißen geworden wäre, hätte die gesamte jugoslawische Staatsführung hier unten überleben sollen. Heute kann jeder das absurde Tunnelreich bei Sarajevo besichtigen.

Ort Almir, Soldat der bosnischen Armee im Range eines Offiziers, hat die Tür hinter sich geschlossen, zentnerschweres Eisen, drei Drehungen mit seinen kräftigen Armen. Ein langer, schmaler Gang liegt vor uns, zahllose Türen gehen ab, dahinter Stockbetten, Kartenraum, Schreibkammern, auf einem Tisch vier Telefone mit Wählscheibe, akkurat nebeneinander angeordnet. Kühle Luft weht uns entgegen, sie riecht nach Desinfektionsmittel. Almir, der Offizier, führt uns weiter, immer tiefer hinein in den Berg, legt Hebel um, dreht an dicken Knöpfen, Lüftungsanlagen beginnen wummernd Luft zu schaufeln, Generatoren springen an. »Alles, wirklich alles funktioniert hier«, sagt er.

Es ist eine absurde Fiktion, 280 Meter tief in das Bergland von Zentralbosnien gehauen, die von Almir und seinen vier Kameraden aufrechterhalten wird. Gebaut zwischen 1953 und 1979 für die damals enorme Summe von 4,6 Milliarden Dollar, ein Bunker, in den die Staats- und Armeeführung Jugoslawiens im Falle eines Atomkrieges hätte fliehen sollen. Ein halbes Jahr hätten sie ausharren können, 350 Menschen, selbst auf engstem Raum sollte ein feines Netz an Unterschieden die Hierarchien wahren: Doppelstockbetten für die Belegschaft, weiches Toilettenpapier vom Offizier an aufwärts. Und für Jovanka Tito, Frau des Staatschefs, einen eigenen Schminktisch. Eine Situation, die an Underground, den Film des serbischen Regisseurs Emir Kusturica, erinnert: Eine Handvoll Partisanen harren im Glauben, der Zweite Weltkrieg sei noch nicht vorbei, in einem Bunkerlabyrinth aus; erst nach Jahrzehnten und nur durch einen Zufall kehren sie wieder an die Oberfläche zurück.

Auch Almir freut sich auf diesen Moment, er sei Soldat, kein Bergmann, und mit etwas Glück muss er nicht mehr lang warten. Der Kalte Krieg ist vorbei, und der bosnische Staat muss sparen, das Verteidigungsministerium will den Bunker abgeben. Im Frühjahr werden hier Künstler aus den USA, Europa und Russland ihre Werke ausstellen, die erste Biennale seit dem Balkan-Krieg.

Umgebung Gelegen in den Bergen zwischen Sarajevo und Mostar, gehörte die Anlage zu den bestgehüteten Geheimnissen Jugoslawiens, die Tarnung ist noch heute perfekt: Der Bunker ist in keinem Reiseführer zu finden, kein Wegweiser führt dorthin, um überhaupt in die Nähe zu gelangen, braucht man eine Genehmigung des Verteidigungsministeriums. Steht man schließlich vor dem Eingang, ist er nicht zu erkennen: drei einfache Häuser am Straßenrand, der Weg in den Berg hinter einem Garagentor versteckt.

Gefahr Reisen in Bosnien ist im besten Sinne abenteuerlich. Aber man sollte sich verhalten wie ein Pauschaltourist und nicht ausgetretene Pfade unbedingt meiden. Noch immer liegen Minen aus dem Balkankrieg im Boden, 2019, so der Plan der bosnischen Regierung, sollen sie geräumt sein.

Touristen Hält man sich nicht in Sarajevo oder Mostar auf, wird man nur selten auf ausländische Touristen treffen, im Sommer aber auf Tages- und Wochenendbesucher: Konjic, der nächste Ort zum Bunker, zehn Autominuten entfernt, ist Ausgangspunkt für Rafting- und Kajaktouren auf dem Fluss Neretva und den umliegenden Seen.

Beste Zeit Im Mai kommenden Jahres, wenn hier die Biennale stattfindet und der Bunker zum Kunstobjekt wird. Wer ihn noch im Urzustand sehen will, sollte vorher hinfahren, denn es ist offen, was nach der Biennale mit der Anlage geschehen wird (mehr zur Kunstbiennale unter www.bijenale.ba).

Geschichte Die Geschichte des Bunkers ist auch eine kleine Geschichte Jugoslawiens. Und damit in gewisser Weise auch die des Künstlers Edo Hozic: Er wurde 1953 geboren, da begannen gerade die Arbeiten an der Anlage. Als der Bunker 1979 fertig war, arbeitete Hozic im jugoslawischen Kulturministerium, als 1991 der Krieg auf dem Balkan begann, ging Hozic in die USA, als Jugoslawien nicht mehr existierte und der Bunker sich überlebt hatte, 2003, kehrte Hozic nach Sarajevo zurück. Um, wie er sagt, »die Idee eines geeinten Balkan wiederzubeleben«. Das Mittel war klar, die Kunst, was Hozic noch fehlte, war der richtige Ort. Bei Konjic fand er, was er suchte, das Ideal von Jugoslawien, Hunderte Meter tief im Berg versenkt. »Ich möchte Tito wieder zur Marke machen, den Balkan und den Bunker.« Gemeinsam mit Kuratoren und Kunsthistorikern aus Serbien und Montenegro veranstaltet Hozic deshalb die Kunstbiennale; 1989 hatte sie zum letzten Mal stattgefunden.

Übernachten Motel »Vila Palma« bei Celebici mit Blick auf den Jablanicko-See, DZ 35 Euro, Tel. 00387/36/72 16 25, www.vila-palma.co.ba

Essen Forelle am Boracko-See, zum Beispiel im »Hotel Borasnica«, zirka 20 Kilometer von Konjic entfernt.

Anreise Zahlreiche Direktflüge nach Sarajevo, von dort aus mit dem Mietwagen (am besten von Deutschland aus mieten) in einstündiger Fahrt nach Konjic. Alternativ auch mit dem Bus (zuverlässig) oder dem Taxi (Preis vorher aushandeln). In Konjic kann man sich gut mit dem Taxi bewegen. Um in den Bunker zu kommen, benötigt man eine Besuchserlaubnis des bosnischen Verteidigungsministeriums. Dafür eine Mail an Frau Uma Sinanovic schicken (uma.sinanovic@mod.gov.ba), dabei auch den Grund des Besuches kurz erläutern.

Bloß nicht
Cappuccino auf dem Hauptplatz von Konjic trinken. Es sei denn, man mag den Geschmack von Seife.

Unbedingt nach Sarajevo (eine Autostunde) und nach Mostar fahren (anderthalb Stunden auf spektakulärer Strecke).

Illustration: Nigel Peake, Foto: AP

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