Zwei Welten

Im Athener Nachtleben liegen zwischen Dekadenz und Revolte nur ein paar Minuten zu Fuß.


Vorglühen

»Ach was«, sagt Giorgos Thalassinos, »bei uns ist es doch ruhiger als bei euch in Deutschland.« Natürlich macht der Wirt des »Café Floral« einen Witz, aber in dem Moment hat er recht: An jenem Tag im März stürzen die Blockupy-Proteste das Frankfurter Ostend ins Chaos – und hier in Exarchia, dem wilden Herzen von Athen, bekannt für Radikale und Randale, ist es drei Tage her, dass Autos gebrannt haben. Bei einer Kundgebung mussten ein BMW und ein Mercedes dran glauben. Obwohl nun wirklich jeder weiß, dass es keine gute Idee ist, in der Gegend sein Auto abzustellen.

»Ach was«, sagt Chrysanthos Panas, auch sein Viertel sei gar nicht mehr so. »Die Superreichen wohnen jetzt in Kifisia. Hierher kommen sie nur noch, um zu Prada oder Dior zu gehen.« Auch Panas hat recht, aber: Dass er Griechenlands ersten Members-Only-Club in Kolonaki eröffnet hat, dem angestammten Quartier der Bourgeoisie, ist natürlich Kalkül. In seinen »Salon de Bricolage« kommt nur, wer Mitglied ist – und Mitglied wird nur, wer zwei Bürgen hat sowie das Geld für die Aufnahme- und Jahresgebühr. Bei Panas treffen sich die reichsten Athener zu Cocktails und dekadenten Partys; die Autos vor dem Club würden den Anarchos in Exarchia viele feurige Nächte bescheren.

Obwohl Thalassinos, 61, und Panas, 45, erst einmal beschwichtigen, wenn man sie auf den Ruf ihrer jeweiligen Nachbarschaft anspricht, machen sich beide Sorgen um die Viertel, die direkt nebeneinanderliegen: Nur wenige Minuten Fußmarsch trennen das »Café Floral« in Exarchia und den »Salon de Bricolage« in Kolonaki. Immer die Skoufa-Straße hoch, die in sanfter Steigung von Athens Unterwelt auf den Tummelplatz der Oberschicht führt. Wie zwei verschiedene Planeten seien die Quartiere, sagen Thalassinos und Panas. In unterschiedlichen Umlaufbahnen unterwegs, die sich niemals begegnen.

Giorgos Thalassinos’ »Café Floral« liegt an dem Platz, der dem Viertel den Namen gab: der Platia Exarchion, einer Agora des Dagegenseins. Gegen die Nazis, gegen die Militärdiktatur, gegen Kapitalisten, das Spardiktat, die Polizei – das war und ist Exarchia. Im Viertel von Panas Elite-Treff residierte stets die jeweilige Gegenseite: die deutschen Besatzer, die Generäle der Junta, die reichen Reeder.

Wenn Thalassinos nun beim Bier sitzt, sieht er draußen vor dem Fenster junge Menschen, die sich betrinken, schnorren, Drogen nehmen. Aber auch ältere Freaks wie die Gruppe der Marx-Lookalikes mit den Bärten und grauen Mähnen, die sich gerade einen Joint teilen. Was mal Grünfläche war, ist braun und abgetreten, von wilden Hunden vollgeschissen. Einen Geschäftsmann müsste so eine Nachbarschaft stören, aber Thalassinos ist ja auch ein alter Linker: Er hat sein kostenloses WLAN aufgedreht, sodass man es am Platz empfangen kann und im anarchistischen Zentrum »K-Vox« gleich nebenan. Er versteht die Wut der Menschen. Wenn er von den 200 000 jungen Akademikern spricht, die sich seit dem Ausbruch der Krise gezwungen sahen, Griechenland zu verlassen, wird er ja selbst wütend. Auch sein ältester Sohn ist fort. »Aber diese Randale, die Gewalt, die Straßenschlachten? Das ist nicht gut für uns.«

Chrysanthos Panas kann aus seinem »Salon de Bricolage« nicht nach draußen gucken: Fenster gibt es keine, und auch die Eingangstür ist abgeschirmt, um die Mitglieder vor neugierigen Blicken zu schützen. An den Wänden hängt viel Kunst, Leihgaben des Museum for Contemporary Art sowie Stücke aus Panas’ Privatsammlung. Hinter dem Lounge-artigen Clubraum liegt eine offene Küche mit langem Tisch. Hier können sich Menschen gegenseitig bekochen, die solche Aufgaben sonst ihrem Personal überlassen – die Mitglieder lieben diese inszenierte WG-Atmosphäre, vielleicht ist der Do-it-Yourself-Chic ihre Antwort auf die Krise.

Panas führt in den ersten Stock, dort befinden sich ein Restaurant und weitere Salons. Wenn Exarchia und Kolonaki etwas gemeinsam hätten, sagt Panas, dann das: »Beide waren einmal intellektuelle Zentren und sind nun degeneriert. In Exarchia regiert der Mob, in Kolonaki die neureichen Angeber.« Sein Club solle so etwas wie eine Geschmacksschule für das große Geld sein, sagt er und deutet auf einen schwarzen Kasten, auf dem das Wort »Bankruptocracy« und hohe Zahlen blinken. Eine Installation von Danae Stratou, die Griechenland einst auf der Biennale vertrat und heute als Gattin von Yanis Varoufakis bekannt ist. Ob Varoufakis auch bei ihm zu Gast sei? Und der aus Exarchia stammende Ministerpräsident Alexis Tsipras? Panas will nicht direkt antworten. »Diese Frage hat das Parlament auch neulich beschäftigt«, sagt er und lächelt – für die Fundamentalisten in Tsipras Partei sind die mutmaßlichen Besuche des Ministerpräsidenten bei Panas ein Beleg, dass Tsipras ein bloßer Salonlinker geworden ist.

»Scheiß auf die Krise. Wir hatten noch nie Geld, deshalb fehlt uns jetzt auch keines.«

Ausgehen

Das Gute am »Bogart« in Kolonaki ist: Körperkontakt – und um den geht es hier – stellt sich von allein ein. Um ein Uhr nachts ist die Nobel-Bar so voll, dass man gegen die anderen Gäste gedrückt wird. Das Schlechte ist: Wenn es mit dem Gespräch nicht so klappen will, weil es zu laut aus den Boxen wummst oder man kein Thema findet, dauert es, bis sich die Masse weitergeschoben hat.

Ins »Bogart« kommen junge Damen in knappen Kostümen, viele mit Silikon in Lippen oder Brüsten. Dazu Männer in Anzügen. Oder in Polohemden, wie Stavros. Der 24-Jährige hat in jeder Hand ein Smartphone, deren Hintergrundbilder jeweils dasselbe Foto eines älteren Herren in Uniform sind: seines Vaters, der im vergangenen Jahr starb, »ein einflussreicher Mann, der das Land sehr geliebt hat«. Und er selbst? Sei weg, sobald er seinen Master habe. »Griechenland ist nur noch fürs Entertainment gut«, sagt Stavros, »ansonsten kannst du es vergessen.« Seine Freundin Eleni will widersprechen, bricht aber ab. Sie muss auf die SMS einer Bekannten antworten, die nicht am Türsteher vorbeikommt.

Wegziehen, das könnten sich Danae Papoutsi, 35, und George Fiorakis, 23, nie vorstellen, auch wenn sie den Staat verachten. »Von der Polizei fühle ich mich nicht beschützt, sondern bedroht«, sagt Papoutsi, die sich in Exarchia als Schauspielerin durchschlägt. Kein Wunder, meint Fiorakis: Bis zu Tsipras Wahlsieg hätten Einheiten in Kampfmontur das Viertel umstellt und fast jeden kontrolliert, der rein- oder rauswollte. Nach langem Hin- und Herwandern zwischen den vielen Bars und Cafés in den engen Gassen haben sich die beiden für eine Taverne entschieden, die fast schon Gentrifizierungs-Chic hat, aber billigen Wein bietet. Fiorakis gründete das Blog inexarchia.gr, um die Streetart-Objekte zu dokumentieren, die sich an den bis weit über Kopfhöhe beschmierten Wänden des Viertels finden. Inzwischen deckt er mehr Themen ab, um dem schlechten Bild entgegenzuwirken, das Regierung und Medien seiner Meinung nach von Exarchia zeichnen.

Der Druck von außen, da sind sich beide einig, habe nur zu noch größerer Solidarität geführt. Beispiel: Gegen weiche Drogen hätten sie hier nichts, gegen Heroin aber schon, weil das töte. Also hätten die Bewohner die Dealer verjagt. Eine kostenlose Gesundheitsversorgung für Bedürftige bieten die Anarchisten des K-Vox-Zentrums an, andere haben mit Spitzhacken einen Parkplatz aufgehackt, bepflanzt und so den ersten Park des Viertels geschaffen. »Jeder kennt jeden, Exarchia ist ein Dorf«, sagt Papoutsi – und deshalb oft ganz schön anstrengend: Manchmal nehme sie sogar für 200 Meter das Auto, weil sie auf der Straße sonst wieder so viel diskutieren müsse. Über die Krise? »Scheiß auf die Krise. Wir hatten noch nie Geld, deshalb fehlt uns jetzt auch keines.«

Abgehen

Geschichten vom fehlenden Geld weiß eher Stelios Koutsaftakis zu erzählen. Der 29-Jährige leitet in Kolonaki das »Dybbuk«, 25 000 Euro Miete für einen Club, der wie eine Filiale des Einrichtungshauses Kare daherkommt: Separées mit paillettenbesetzten Glitzersofas, das DJ-Pult ist in eine gigantische Diskokugel eingelassen, auf einer Empore tanzt ein Go-go-Girl. Gleichzeitig inszeniert das »Dybbuk« in Kolonakis glatter Oberfläche ein wenig rauen Underground, die gekachelte Wand hinter der Bar ist besprüht, über der Tanzfläche blinkt der Schriftzug Revolution.

Doch während in Exarchia die Botschaften an den Wänden bitter ernst gemeint sind, ist die Rebellion hier Pose – wer im »Dybbuk« ein Tischchen bekommen will, braucht eine Reservierung und muss zwei Flaschen Wodka à 150 Euro bestellen. Das könnten sich immer weniger Menschen leisten, brüllt Koutsaftakis über den Beat, »aber hey, wir sind Griechen!« Und für solche sei Zuhausebleiben keine Option: »Egal, was mit der Wirtschaft ist: Wir müssen feiern.« Das lässt Koutsaftakis einerseits stolz grinsen, andererseits ist das für ihn als Clubmanager ein Problem – das Fußvolk auf der Tanzfläche, das sich kein Separée leis-ten könne, bestelle nur einen Drink und halte sich den ganzen Abend dran fest. Den Laden wie früher auch an Werktagen zu öffnen, lohne sich nicht mehr, sagt Koutsaftakis. Wie in vielen anderen Clubs in Kolonaki beschränkt sich das Feiern im »Dybbuk« nun auf das Wochenende. Die neue linke Regierung, über die rege sich hier keiner auf. »Die sollen mal machen – gegen unsere Nachbarn kommen sie sowieso nicht an.« Wen Koutsaftakis meint, zeigt sich, als der Sicherheitsmann im mit Strasssteinen verzierten Bundeswehr-Parka die Tür aufhält: Die schwarz-rot-goldene Fahne prangt nicht nur an seinem Oberarm, sondern auch auf der Villa nebenan – der deutschen Botschaft.

In Exarchia läuft Kevin rastlos durch die Straßen, mit einer Dose Bier in der einen und Komboloi in der anderen Hand, der Perlenkette, mit der sonst die Opas spielen. Etwas zu saufen vom Kiosk und dann gucken, was passiert – so machen das hier viele. Kevin ist 23 Jahre alt und nimmt gerade sein erstes Album auf, sein Künstlername Negros Tou Moria spielt mit dem Namen eines Helden aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken – als Grieche wahrgenommen und ernstgenommen zu werden, das ist der Refrain, auf den der Rapper immer wieder zurückkommt. »Ich liebe meine Griechen, aber Griechenland liebt mich nicht«, sagt er. Er sei hier geboren, getauft und großgezogen worden, »aber für sie bin ich immer noch ein Immigrant«. Seit dem Ausbruch der Krise geben immer mehr Menschen den Fremden die Schuld, in an- deren Vierteln von Athen jagen Neonazibanden Zuwanderer. »Nur in Exarchia fühle ich mich noch frei und sicher«, sagt Kevin und geht durch die Gasse, in der 2008 der 15-jährige Demonstrant Alexandros Grigoropoulos von der Polizei erschossen wurde.

In den »An Club«, den ältesten Live-Club Exarchias, will er nicht mitkommen, auch wenn hier früher Nikolas Asimos aufgetreten ist, der Anarcho-Barde und Held des Viertels, den Kevin verehrt. Heute tritt hier Argy Bargy auf, eine in die Jahre gekommene Londoner Punkband, im Publikum der schwarze Block und linke Skinheads. Der aufgedunsene Sänger brüllt »There’s gonna be a riot« ins Mikrofon, tätowierte Arme und in Springerstiefeln steckende Beine fliegen durcheinander. Die Bühne ist mit einem Geländer umfasst, das die Menge schon beim vierten Song erklettert. Doch die Barrikaden im »An Club« bleiben die einzigen, die heute in Exarchia gestürmt werden.

Afterhour

Im besetzten K-Vox-Zentrum am Exarchia-Platz wollen die Anarchisten nichts mit der Presse zu tun haben, dass man bei ihnen ein Bier trinkt, erlauben sie dann aber. Die Luft in dem Foyer des ehemaligen Kinos ist verraucht, hinter der improvisierten Theke spielen die Aktivisten ein altes linkes Volkslied nach dem anderen. Unten im Keller liegen Transparente, Plakate und Flyer, daneben stehen Fitnessgeräte. Heute trainiert aber niemand mehr für den Straßenkampf, immer mehr Jungs legen sich auf das Matratzenlager in der anderen Ecke des Raumes.

Im »NID« in Kolonaki schläft noch niemand, dafür und für das gelöste Grinsen der Tanzenden sorgt das MDMA, das einem hier sofort angeboten wird. Seit zwei Monaten spielt man in dem Keller ein wenig Berlin, in einer sehr gebügelten Version. Früher habe im »NID« die alte Elite getrunken, erzählt der Barmann, jetzt brächen auch in Kolonaki neue Zeiten an. Zu denen scheinen aber immer noch Go-go-Girls zu gehören – auch bei einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als sechzig Prozent ist dieser Job offenbar sicher.

Kurz bevor über Athen die Sonne aufgeht, brennt am Exarchia-Square dann doch noch etwas: Eine Gruppe Flüchtlinge aus Afghanistan und Bangladesch zerlegt alte Möbel, die in einem Lagerfeuer aufgehen. Die Flüchtlinge versuchen seit Langem, nach Norden zu gelangen, nach Deutschland etwa. Von dort kommt gerade Nikos, in Bad Homburg fuhr er die vergangenen zwei Jahre Lastwagen. Warum nun nicht mehr, hat er gerade irgendwie vergessen. Die Morgensonne lässt die Banner mit den politischen Parolen zwischen den Bäumen von hinten leuchten, für einen Euro gibt es am Kiosk drei Dosen »Prost«-Pils zum Frühstück. Wenn sie alle sind, schmeißen die Säufer vom Exarchia-Platz sie säuberlich auf einen Haufen.

Fotos: Markus Burke