»Das braucht der menschliche Geist in seiner Hilflosigkeit«

Rainer Wehse von der LMU München ist Experte für Aberglaube. Er erklärt, warum Rituale und Glücksbringer im Sport so wichtig sind - und wie die Fußballfans der deutschen Nationalmannschaft wirklich helfen können. 

Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw glaubt offenbar an die Kraft von Glücksarmbändchen. Früher trug er oft einen dunkelblauen Kaschmirpullover, der wird nun im DFB-Museum ausgestellt. 

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SZ-Magazin: Warum hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das WM-Spiel gegen Mexiko verloren?
Rainer Wehse: Gute Frage, jeder behauptet etwas anderes. Wenn man bedenkt, was die fußballerisch eigentlich können, würde ich am ehesten sagen: Das Problem lag im mannschaftlichen Zusammenhalt. Etwas in diesem Gefüge hat nicht gepasst. Aber wieso stellen Sie mir diese Frage? Ich bin kein Sportexperte.

Weil ich mich frage, ob es sein kann, dass verschiedene Bekannte von mir für die Niederlage verantwortlich sind. Die eine befürchtet, dass Deutschland verloren hat, weil sie das falsche Trikot trug, als sie vor dem Fernseher saß, ein anderer will während des Spiels nicht ausreichend Bier getrunken haben.
Sie können Ihre Bekannten beruhigen, die sind sicher nicht Schuld an dem Desaster. Aber ich kann das Gefühl gut verstehen: Wenn so etwas Unangenehmes, Unvorhergesehenes passiert, sucht jeder nach Erklärungen, nach rationalen wie irrationalen. Das braucht der menschliche Geist dann halt in seiner Hilflosigkeit.

Warum glauben manche Menschen, dass es den Fußballern in Russland helfen könnte, wenn sie hier in Deutschland ihre schwarz-rot-goldene Glücksunterhose anziehen?
Um genau zu sein, ist das kein Glaube, sondern Aberglaube oder Volksglaube, wie wir Wissenschaftler sagen. Aber hinter diesen Begriffen steckt immer die gleiche Motivation: Man hofft in so einem Moment, durch magische Praktiken oder bestimmte Rituale Einfluss auf das Schicksal und damit die Zukunft nehmen zu können. Das Böse abzuwenden. Die geografische Entfernung spielt da keine Rolle, Krankenheilung zum Beispiel wird über die halbe Welt hinweg praktiziert. Der Abergläubige will etwas beeinflussen, das er eigentlich nicht beeinflussen kann, und dadurch fühlt er sich besser. Das haben Menschen schon immer so gemacht.

Haben Sie ein Beispiel?
In der Antike etwa haben die Kämpfer vor großen Schlachten Orakel angerufen und versucht, das Schicksal mit Opfergaben auf ihre Seite zu ziehen. Aberglaube wird meist in Krisensituationen praktiziert, zum Beispiel im Krieg, wenn die Daheimgeblieben wissen wollen: Lebt mein Mann, lebt meine Tochter noch? Im übertragenen Sinn ist ja jedes sportliche Spiel eine Krisensituation, deshalb spielt Aberglaube im Sport eine so große Rolle. Das ist ähnlich wie in anderen Berufen, bei denen es auf das punktuelle Abrufen von Leistung ankommt, bei Schauspielern oder Opernsängern zum Beispiel. Da sind abergläubige Rituale und Glücksbringer wie Maskottchen enorm wichtig. Insgesamt kann man sagen: Je unsicherer die Situation, desto größer die Tendenz zum Aberglaube. Deshalb gibt es in den meisten Flugzeugen ja auch keine 13. Sitzreihe.

Vor vier Jahren haben viele Menschen über die brasilianischen Fußballer gelacht, weil deren damaliger Trainer Scolari den Spielern Kärtchen mit Sinnsprüchen unter der Hotelzimmertür durchschob und offenbar hoffte, so gewinnen zu können. War das wirklich völliger Quatsch?
Aberglaube allein reicht nicht, klar, das hat man ja gesehen damals, als die Brasilianer 1:7 verloren haben gegen Deutschland. Aber es kann schon sein, dass bestimmte Rituale etwas bewirken auf dem Platz, weil sie etwas bewirken in den Köpfen der Spieler. Die glauben daran, dass sie mit abergläubigen Ritualen ihre Zukunft positiv beeinflussen können, dass dieser eine Schienbeinschoner aus der Jugend, dieses eine Schmuckstück oder das Betreten des Platzes mit einem bestimmten Fuß wirklich etwas bedeuten. Dadurch können sie gelöster sein, die Grundstimmung ist besser, und das kann sich dann tatsächlich auf die Leistung niederschlagen. Häufig wird bei der Analyse von Spielen ja gesagt, dass die Mannschaft »nicht an sich geglaubt« habe, und auch die Brasilianer schienen damals auf einmal alle Zuversicht verloren zu haben, plötzlich ging gar nichts mehr. Es ist schon was dran an dem Bibel-Zitat, dass der Glaube Berge versetzen kann. Er gibt einem die Sicherheit, dass man alles getan hat, was man tun kann, man fühlt sich leichter. Aber das kann genau so gut nach hinten losgehen.

Inwiefern?
Weil man sich auch in dem falschen Gefühl von Sicherheit wiegen kann, von Sorglosigkeit: Man hat alles extern bestimmt, für alle Eventualitäten vorgesorgt, deshalb muss man persönlich nicht mehr so viel leisten.

Um noch einmal zum Anfang zurückzukommen: Können die Fußballfans vor dem Spiel der Deutschen heute gegen Schweden wirklich gar nichts tun?
Abergläubige Praktiken mögen die Fans selbst beruhigen, den Spielern bringen sie natürlich nichts. Anders ist das bei den Zuschauern im Stadion: Sie können sich an Rituale halten, mit denen die Fußballer Gutes verbinden, also Gesänge oder Choreografien. Das gibt den Sportlern Selbstvertrauen; sie bestätigen ja immer wieder, dass Beistand von den Rängen sie dazu animiert, besser zu spielen. Und es kann den Gegner verunsichern, so wie das laute »Hu!« der Isländer. Pfeifen sollte man dagegen eher nicht, wenn man will, dass die eigene Mannschaft gewinnt.

Dr. Rainer Wehse vom Institut für Volkskunde und Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München beschäftigt sich mit Aberglaube in Alltag und Kirche sowie Ritualen und esoterischen Strömungen.