Das erkämpfte Idyll

Karriere, Ehe und Kinder unter einen Hut zu bringen: Senta Berger schafft das seit vielen Jahren. Aber wie geht es Frauen, die heute vor der gleichen Herausforderung stehen? Über die Unmöglichkeit eines scheinbar selbstverständlichen Lebensmodells.

Es ist angenehm, wenn man in München-Grünwald bei einer Villa klingelt und Senta Berger öffnet die Tür: weil sie schön anzusehen ist, weil sie eine besondere Gelassenheit ausstrahlt, weil sie auf einem Tablett ein kleines Frühstück vorbereitet hat: Croissants, Obstsaft, stilles Wasser. Und weil sie klug redet. Ihr Mann steht im Mantel in der Diele und blickt sich suchend um. Die Brille. Sie weiß natürlich, wo sie liegt. Die beiden verabschieden sich mit einem Lächeln und einem Kuss, nach vierzig Jahren Ehe. Sie nimmt das Tablett hoch und sagt in dieser wohlartikulierten Art vieler Schauspieler: »Gehen wir doch ins Wohnzimmer.«

Senta Berger und Michael Verhoeven haben zwei Söhne, Simon, 36, und Luca, 30. Senta Berger hat eine große Karriere gemacht am Theater, im Kino, im Fernsehen. Sie war die Buhlschaft im Jedermann, die Mona in Kir Royal, sie ist die Kriminalrätin Eva Maria Prohacek in der TV-Serie Unter Verdacht, im April spielt sie eine Hauptrolle in Ben Verbongs Kinofilm Ob ihr wollt oder nicht. Michael Verhoeven hat gleich zwei Karrieren gemacht: In den ersten Jahren der Ehe praktizierte er als Arzt, Ende der Sechzigerjahre gründete er zusammen mit seiner Frau die Sentana Filmproduktion und arbeitet seitdem als Regisseur und Produzent. Eine erfolgreiche Frau von 67 Jahren, eine glückliche, lang dauernde Ehe, zwei wohlgeratene Söhne – das darf man wohl Glück nennen. Darf man auch die Frage stellen, ob so ein Leben, wie Senta Berger es führt, heute überhaupt noch möglich wäre? Kann es sein, dass die Frauen, vierzig Jahre nachdem sie zuletzt aufgebrochen waren, um sich die Hälfte der Welt zu holen, es kaum noch schaffen, Kinder, Karriere und eine lange Liebe in dem einen Leben unterzubringen?

Sicher, man kann all das dagegenhalten, was in diesem Zusammenhang immer dagegengehalten wird: Nie standen Frauen mehr Wege offen, nie hatten sie mehr Möglichkeiten zu wählen, nie waren sie besser ausgebildet, nie selbstbewusster, selbstständiger, nie erfolgreicher, nie weniger auf einen Mann angewiesen, nie trugen mehr Väter ihre Kinder im Tragetuch herum. Aber: Warum fallen einem außer Senta Berger und Ursula von der Leyen bloß Frauen ein, bei denen irgendwann irgendwas auf der Strecke geblieben ist? Die Liebe, die Karriere oder das Kinderkriegen.

Vor ein paar Wochen stockte einem fast das Herz, als das Foto von Rachida Dati um die Welt ging, der französischen Justizministerin, die fünf Tage nach der Geburt ihrer Tochter, die per Kaiserschnitt zur Welt kam, wieder zur Arbeit ging, fast so dünn wie vorher. Die Botschaft, die Rachida Dati aussandte, versetzte viele Frauen in Schrecken: Wenn du zu deiner Karriere unbedingt noch ein Kind willst, dann bitte so, dass es keiner merkt, dein Chef nicht, deine Untergebenen nicht und deine Figur erst recht nicht. Dein Mann kann es gar nicht merken, denn du hast keinen, du hast nur einen Kindsvater.

Inzwischen, und das ist das Schlimme, neigt sich die Wirklichkeit mehr zu Rachida Dati als zu Senta Berger. Der Druck, unter dem Frauen stehen, ist enorm. In Frankreich, das als leuchtendes Beispiel für die gelungene Vereinbarkeit von Kindern, Karriere und Ehe gilt, noch mehr. Die irische Schriftstellerin Anne Enright, die 2007 den Booker-Preis erhielt, sagt: »Die Französinnen sind unter allen europäischen Frauen am schlimmsten dran: Sie müssen nicht nur hübsche Kinder bekommen und ihnen perfekte Manieren beibringen, im Beruf erfolgreich sein und dabei immer schön aussehen, sie müssen auch noch tolle Gastgeberinnen sein und irre gut im Bett.«

»Ich glaube, ich bin kein typischer Fall für eine Frau, die alles glücklich vereint hat«, sagt Senta Berger. Als ihr älterer Sohn Simon ein Jahr war, haderte sie mit sich: Sie hatte ein Angebot für einen Film in Rom, das hätte zehn Tage Abschied von ihrem Baby bedeutet, und das konnte sie sich nicht vorstellen. Kurt Meisel, der damalige Intendant des Residenztheaters, riet ihr: »Das Kind wird dich als Mutter früher entlassen, als du denkst. Und dann hast du, wenn du jetzt weitermachst, noch einen Beruf, der dich erfüllt.« Er hatte recht, meint Senta Berger, »nun bin ich schon längst entlassen als Mutter, und ich habe noch nie so viel gearbeitet wie in diesem Jahr«.

Sie nahm das Filmangebot an – und ihre Mutter mit nach Italien, die sorgte für Simon, während sie drehte. So richteten sie sich die folgenden Jahre ein, auch als das zweite Kind, Luca, geboren wurde. Bald lebte auch Senta Bergers Vater mit ihnen in Grünwald. Großeltern, Eltern, Kinder unter einem Dach. Aber es waren immer die beiden Frauen, die den Alltag bewältigten.

»Ich habe es geliebt, nach Hause zu kommen zu der großen Familie, zu den glücklichen Kindern.« So sehr, dass sie jeden Abend nach der Vorstellung des Jedermann in Salzburg mit dem Auto nach München gefahren ist, um ihre Familie zu sehen. Und als das zweite Baby da war, hat sie es mitgenommen in die Theatergarderobe, hat sich nach der Aufführung ins Auto gesetzt und ist zurück nach München gefahren, zum anderen Kind, zum Mann, zur Mutter. »Immer an derselben Stelle wollte Luca gestillt werden, kurz vor Salzburg. Ich habe das sehr genossen – wir beide, in meinem kleinen Auto, auf dem windigen Parkplatz.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Kunst und Schwierigkeit, die Balance zwischen Kind und Karriere zu finden.)

Senta Berger als Mona in der WDR-Sendung: "Kir Royal" (Bild: WDR)

Denn eines, meint sie, dürfe man bei der Diskussion nicht vergessen: »Ein Kind ist eine unglaubliche Bereicherung. Dieses Gefühl: Die Welt gehört mir, und ich kriege das alles auf die Reihe. Ich fand es toll, das zu können!« Dreißig Jahre später müsste sich eine Frau, die von den nächtlichen Autofahrten mit Stillpause erzählte, mit hoher Wahrscheinlichkeit Vorwürfe anhören: Immer auf einem windigen Parkplatz gestillt? Ständig das Kind aus seiner gewohnten Umgebung gerissen? In der Theatergarderobe abgegeben, damit die Mutter Karriere machen kann? Das arme, arme Kind!

Senta Berger ist eine mutige Frau; 1971 bekannte sie sich auf dem Titelbild des Stern dazu, abgetrieben zu haben, ihr politisches Selbstverständnis wurde von 1968 geprägt, ihre Söhne wollte sie antiautoritär erziehen. Sie hat einen Mann geliebt, der keine Windeln wechselte, wollte ihre Söhne zu Männern machen, die ihre Zimmer aufräumen und ihre Hemden selbst bügeln.

Doch ihre Mutter sah das alles anders, und Senta Berger konnte es nicht ändern, zu häufig war sie fort: »Es wurde immer für meinen Mann und meine Söhne gekocht, ihre Socken wurden zusammengelegt, und wenn ihre Zimmer nicht mehr zu betreten waren, habe ich die Ärmel hochgekrempelt und aufgeräumt. Gegen meine Überzeugung.« Und vielleicht liegt in diesen Worten der Schlüssel zu der Frage, ob ein Leben wie ihres heute noch möglich ist. Denn sie sagt, sie war nicht perfekt, und wer nicht perfekt ist, muss großzügig sein. Doch die Zeiten sind nicht so. Die Ansprüche, an Männer wie an Frauen, sind enorm gestiegen. Die an Frauen noch mehr – und sie haben sie sich mehr zu Herzen genommen, denn so sind sie nun mal.

Es gibt Anforderungen, die die meisten vor ein paar Jahren noch gar nicht kannten und die nun unser Leben bestimmen wie das Handy: ständige Erreichbarkeit und höchste Flexibilität, größtmögliche Belastbarkeit, globales Denken, Networking, Freunde bei Facebook haben. Und definierte Muskeln gibt es auch nicht umsonst, aber die Fitnessstudios haben ja sonntags auf. Und das war jetzt nur der Job.

Die Ansprüche an die Kindererziehung sind im gleichen Maß gestiegen, jedes Kind ein ehrgeiziges Projekt, jedes aufgeschrappte Knie, jede aufgewärmte Fertigpizza ein fleischgewordener Vorwurf an die berufstätigen Mütter. Und dabei hat bei all dem noch niemand das Wort Haushalt gerufen! Kein Wunder, dass irgendwas auf der Strecke bleibt, und kein Wunder auch, dass das oft die Liebe ist. Weil keine Zeit und kein Platz mehr ist für sie. Auf Kind und Karriere lässt sich bauen, auf die Liebe nicht. Work-Life-Balance gibt es nur in eleganten Frauenmagazinen – und vielleicht in Monte Carlo.

Die Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz ist 36 Jahre alt, hat einen fünfjährigen Sohn und lebt getrennt von dessen Vater. Bekannt wurde Nicolette Krebitz mit dem Film Bandits, sie führte Regie bei Jeans und Das Herz ist ein dunkler Wald mit Nina Hoss in der Hauptrolle. Kürzlich drehte sie einen Beitrag zum Film Deutschland 09, der auf der Berlinale uraufgeführt wurde.

Kind und Karriere also. Nicolette Krebitz ist zart, klug, hübsch. Ihr blasses Gesicht wirkt angespannt, ihr Lächeln ist verhalten. Auf die Frage, wie sie mit der Doppelbelastung zurechtkommt, antwortet sie: »Da möchte ich Susan Sarandon zitieren: ›Ich bin immer müde‹. Plötzlich ist jeder Müßiggang dahin – man hat keine Zeit mehr, sich zu vertiefen. Und Mann und Frau werden zu Gegnern. Ich kenne fast kein Elternpaar, wo beide das geblieben sind, was sie vorher waren. In den meisten Fällen stellt die Frau ihre beruflichen und privaten Wünsche in den Hintergrund oder wird unter der Doppelbelastung zur Ziege.« Und leider, fügt sie hinzu, hielten sich Frauen immer noch an die falschen Männer: »Sie suchen sich Anführer und nicht die, die sie in dem unterstützen, was von ihnen verlangt wird.«

Maya Onken, Tochter der Psychologin und Buchautorin Julia Onken, schreibt, von der Rolle als Mutter zweier Kleinkinder überfordert, einen Brief an ihre Mutter: »Auf dieses Anforderungsprofil hast du mich nicht vorbereitet. Du hast meinen Individualismus gefördert, der mir nun dauernd in der Selbstaufgabe für meine Kinder fehlt. Du hast mein Selbstvertrauen aufgebaut, alles Job- und Lebenstechnische mit links zu meistern, nur den Küchenteil hast du dabei vergessen.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Liebe Senta Bergers zu ihrem Mann: »Er ist jemand, der mit mir teilt«.)

Senta Berger mit ihrem Ehemann Michael Verhoeven
Die Mutter hingegen, wie Senta Berger eine Achtundsechzigerin, empfand die Doppelrolle als befreiend, als euphorisierend. Sie schreibt zurück: »Während wir Alt-Emanzen noch betäubt vor Glück waren, endlich alles, was an Fähigkeiten in uns steckte, umzusetzen, nimmt deine Generation – oder wenigstens einige von ihnen – die immense Überforderung wahr und jault auf. Ihr habt euch daran gewöhnt, dass theoretisch die Türen für alle beruflichen Bereiche offenstehen. In dem Moment aber, wo Frauen Mütter werden, beginnt sich die Falle zuzuziehen.« Denn nun kämpfen auch Mütter gegen Mütter.

Was Nicolette Krebitz erlebt hat, kennen viele. Auf dem Spielplatz fragte sie eine Frau: »Mensch, Nicolette, was machst du denn so? Arbeitest du wieder?« – »Na ja, ich hab ein Kind bekommen.« – »Aber das ist doch jetzt auch schon ein Jahr her, oder nicht?« Sie sagt: »Da habe ich mich schon sehr gewundert. Ich habe geantwortet: ›Anziehen kann er sich noch nicht allein, Essen machen auch nicht, ich bin da schon noch sehr gefordert.‹« Es war unvorstellbar für sie, in ihren Beruf mit den 16-Stunden-Tagen zurückzukehren. Mütter wiederum, die voll berufstätig sind, müssen sich immer noch Fragen anhören wie: »Warum hast du dir denn Kinder angeschafft, wenn du den ganzen Tag arbeitest?«

Die Theologin Christiane Kohler-Weiß schreibt in ihrem gerade erschienenen Buch Das perfekte Kind mit dem Untertitel »Eine Streitschrift gegen den Anforderungswahn«: »In Deutschland ist es bisher leider unmöglich, familienpolitische Debatten ohne ideologische Grabenkämpfe zu führen. Stets geht es bei familienpolitischen Sachfragen latent auch um verschiedene Frauenbilder, also um Rollenzuschreibungen.«

»Ich beobachte an vielen Frauen und Männern heute eine gewisse Angst, sich zu bekennen«, sagt Senta Berger. »Da haben die Männer einen Job und eine Wohnung, und die Frauen haben einen Job und eine Wohnung, und alles läuft ganz wunderbar. Aber wenn sie sich zueinander bekennen, verlieren sie diese ganze Souveränität.« Als Senta Berger Michael Verhoeven traf, war sie 22 und wollte eigentlich weg aus Europa.

»Aber wir waren leidenschaftlich verliebt, und das war unausweichlich. Da war der Mann, und ich war seine Frau, und wir wollten Kinder haben. Darüber, wie das alles dann sein würde, ist gar nicht geredet worden.« Senta Berger hat einfach drauflosgelebt – ohne Plan. Heute meint man, das Leben schon vor der mündlichen Abiturprüfung mit allen möglichen Konsequenzen zu Ende denken zu müssen.

Senta Berger hätte gern einen Freund an ihrer Seite gehabt zum Beispiel, der mit ihr auf einen Berg steigt oder an der Isar entlangläuft. »Michael macht das nicht. Oder er zieht ein furchtbares Gesicht dabei.« Und trotzdem gibt es eine Art der Aufmerksamkeit, die sie in der Intensität und Tiefe nur von ihrem Mann bekommt: »Er ist jemand, der mit mir teilt«, sagt sie dann, sehr ernst, sehr schlicht, sehr ergreifend.

Sie springt auf: »Ich zeige Ihnen das Esszimmer. Da kann man sehen, was es heißt, eine Ehe zu führen. Das ist nämlich das Arbeitszimmer meines Mannes geworden.« In der Mitte des Esszimmers biegt sich die Tischplatte unter Papierstößen. Um den Tisch herum überall: Magazine, beschriebene Seiten, Broschüren. »Sehen Sie: Blickpunkt Film von 1999. Das gibt es heute alles im Internet. Aber er schmeißt nichts weg.«

Natürlich explodiert sie manchmal, knallt ein Heft auf den Boden und ruft: »Du, das kann ich nicht. Ich lebe auch hier.« Doch dann sagt sie sich: Das kann man nicht mehr ändern. »Ich hätte nie gedacht, dass ich ein toleranter Mensch bin. Das habe ich gelernt, weil ich es habe lernen müssen.« Erst gestern hat sie zu ihrem Mann gesagt: »Ich glaube, jetzt bin ich wirklich erwachsen geworden, und bald bin ich tot.« Da hat er gesagt: »So ist das mit dem Leben.« Vielleicht liegt ja darin das ganze große Geheimnis: in der Gelassenheit.

(Foto Seite 1: ap; Seite 3: dpa)

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