Die Reisfrage

Ein deutscher Biologe hat eine Reissorte entwickelt, die Millionen Menschen das Leben retten könnte. Doch Umweltschützer protestieren gegen den Anbau: Der Reis ist gentechnisch verändert und damit in ihren Augen eine Gefahr. Alles eine Frage der Prinzipien?

Nicht einmal die Päpste sind sich einig, was sie von Ingo Potrykus und seiner Erfindung halten sollen: Johannes Paul II. war sofort auf seiner Seite, Benedikt XVI. blieb skeptisch, Franziskus gab ihm seinen Segen. Potrykus, pensionierter Biologe, 81 Jahre alt, sagt, der kleine Plastikbeutel Reis, den er Franziskus voriges Jahr bei seinem Besuch in Rom in die Hand drückte, könne ein weltweites Problem lösen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden 250 Millionen Kleinkinder in Asien und Afrika an Vitamin-A-Mangel, Hunderttausende von ihnen erblinden oder sterben sogar daran. Potrykus hat mit einigen Forschern einen Reis gezüchtet, der Provitamin A enthält, das der menschliche Körper in das lebenswichtige Vitamin A umwandeln kann. Eine Handvoll davon soll genug sein, um den Tagesbedarf zu decken. Der Reis trägt wegen seiner Färbung den schönen Namen »Goldener Reis«. Aber er hat auch einen Makel – er ist gentechnisch hergestellt.

Für die Mehrheit der Deutschen heißt das: Ende der Diskussion. Eine große Koalition aus Bauern und großstädtischen Umweltschützern, aus CSU und Grünen, lehnt gentechnisch veränderte Lebensmittel kategorisch ab, so wie offenbar auch der frühere deutsche Papst Benedikt, der im Vatikan organische Tomaten und Kartoffeln anbauen ließ. Ob Frankreich, Italien, Österreich oder Griechenland – quer durch Europa haben sich ganze Landstriche zur gentechnikfreien Zone erklärt. Auf diesem Nährboden tut sich eine Umweltorganisation wie Greenpeace leicht, Potrykus daran zu hindern, seinen Reis an arme Länder zu verteilen. Doch je länger der Öko-Protest dauert – inzwischen sind es 15 Jahre –, desto mehr müssen sich die Umweltschützer fragen lassen: Ist es moralisch gerechtfertigt, Krankheit und Tod von Hunderttausenden Menschen in Kauf zu nehmen, um einen wie auch immer begründeten ideologischen Standpunkt zu verteidigen?

Ingo Potrykus hat Hunger erlebt. Sein Vater fiel kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Rest der Familie floh aus Schlesien. Als die Mutter mit ihren vier Kindern in Staffelstein bei Bamberg ankam, war ihr außer drei Koffern nichts geblieben, und die Bauern in der neuen Heimat gaben der Familie nichts zu essen. Die Erfahrung sollte Potrykus ein Leben lang prägen.

Er studierte Sport und Biologie, arbeitete zehn Jahre lang als Lehrer in Köln, promovierte am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung und erhielt 1986 eine Professur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Ihn faszinierte vor allem eine Eigenschaft von Pflanzen: die Totipotenz. Aus jeder lebenden Pflanzenzelle kann im Prinzip wieder eine neue Pflanze entstehen. Wenn es gelänge, diese Zelle gezielt zu verändern, ließe sich eine Pflanze mit erwünschten Eigenschaften züchten. Ethische Bedenken, das Erbgut der Pflanze zu verändern, quälen Potrykus nicht: Der Mensch betreibe schon seit 6000 Jahren Pflanzenzüchtung, habe verschiedene Arten gekreuzt und neue geschaffen, argumentiert er. Weizen zum Beispiel: »Früher ein hübsches Wildgras. Aber es hatte kleine Körner, und bei der Ernte zerfielen die Ähren in kleine Stücke. Erst durch Züchtung wurden die Ähren fester, die Körner größer.« Nur einen Unterschied sieht er zwischen konventioneller Züchtung und Gentechnik: Der Eingriff in die Pflanze erfolgt nun gezielt, die Forscher überlassen das Ergebnis nicht länger dem Zufall.

Zu Beginn versuchte Potrykus, wie viele seiner Kollegen, Pflanzen so zu verändern, dass sie Krankheiten und Schädlingen besser widerstehen und bei der Ernte mehr Ertrag abwerfen. Bald erkannte er, dass unser Körper im Kampf gegen den Hunger nicht nur Energie braucht. Der Mangel an Mikronährstoffen wie Mineralien oder Vitaminen kann ebenso zum Hunger führen, einem Hunger, den Menschen zunächst nicht spüren. Experten sprechen vom »versteckten Hunger«.

So entstand die Idee, Nahrungsmittel mit zusätzlichen Mikronährstoffen anzureichern. Potrykus wählte den Reis, weil Reis ein weltweit verbreitetes Nahrungsmittel ist und in vielen armen Ländern das wichtigste. 1992 kamen auf Einladung der Rockefeller-Stiftung dreißig Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, um über Potrykus Vorhaben zu diskutieren. Das Fazit: höchst sinnvoll, aber nicht machbar. »Wir wussten: Um unser Ziel zu erreichen, müssen wir acht Gene isolieren und neu in den Reis einbauen, die auch noch entsprechend zusammenarbeiten. Dabei war man Anfang der Neunziger schon froh, wenn es gelang, ein einzelnes Gen einzupflanzen.«

Potrykus schob die Bedenken beiseite und stürzte sich mit einer Handvoll Kollegen in eine schier unendliche Reihe von Versuchen, die kleine Fortschritte brachten und große Rückschläge. An einem Abend im Februar 1999 bekam Potrykus vom Freiburger Zellbiologen Peter Beyer, seinem bis heute wichtigsten Verbündeten bei diesem Projekt, einen Anruf: Er solle den Computer hochfahren, in seiner Mail sei ein Bild, das ihm gefallen werde. In einer Reisprobe hatte Beyer orangefarbene Körner entdeckt – offensichtlich war es gelungen, das Provitamin A einzuschleusen. Die wissenschaftliche Sensation sprach sich schnell herum, Potrykus konnte sich vor Interviewanfragen kaum retten und fand sich auf der Titelseite des US-Magazins Time wieder. Doch bald folgte die Ernüchterung.

Als Ingo Potrykus Mitte der Achtzigerjahre an die Hochschule in Zürich wechselte, ließ er sich eine Autostunde westlich in der kleinen Stadt Magden nieder. Er wohnt dort bis heute in einer Terrassensiedlung. »Ursprünglich waren die Häuser für die Mitarbeiter eines Atomkraftwerks ganz in der Nähe gedacht«, sagt er. Aber Atomkraftgegnern gelang es, das Projekt zu stoppen. »Die strotzten nach ihrem Sieg vor Selbstbewusstsein und fragten sofort: Was nun?« Ein neues Ziel für ihre Angriffe, meint Portykus, war schnell gefunden: die Gentechnik. Die Manipulation von Zellkernen sei nicht minder verwerflich als die von Atomkernen – diese Botschaft verfing sofort bei den Sympathisanten der Umweltbewegung. Ingo Potrykus schlug offener Hass auf seine Forschungen entgegen, die ETH Zürich sah sich sogar gezwungen, sein Gewächshaus mit acht Zentimeter dickem, handgranatensicherem Glas zu schützen. Doch Potrykus hielt am Goldenen Reis fest.

Die Bedingung: Kleinbauern in armen Ländern sollten seinen Reis geschenkt bekommen.

Anders als konventioneller Reis enthält Goldener Reis Provitamin A - und ist deshalb gelb oder orange.

Um aus seinen erfolgreichen Proben ein marktfähiges Produkt zu entwickeln, das Bauern in armen Ländern anbauen können, brauchte er weiteres Geld. Der Reis muss schließlich an das Klima, den Boden und die geschmacklichen Vorlieben der Menschen im jeweiligen Land angepasst sein. Trotz seines hervorragenden Rufs in der weltweiten Gemeinde der Biotech-Forscher tat sich Potrykus bei der Suche nach Geldgebern schwer. Die öffentliche Hand unterstützt nur Grundlagenforschung, und für eine private Firma war die Bedingung nicht gerade attraktiv, die Potrykus stellte: Kleinbauern in armen Ländern sollten seinen Reis geschenkt bekommen. Schließlich willigte der Schweizer Agrarkonzern Syngenta ein, stieg aber nach zwei Jahren wieder aus, weil er aufgrund des großen Widerstands der Umweltschützer in der westlichen Welt keinen Markt für den Reis sah. In der Umweltbewegung wuchs dennoch der Argwohn, die Industrie stehe hinter dem Projekt und nutze es als Trojanisches Pferd, um die Akzeptanz ihrer Genprodukte zu steigern. Wo immer Potrykus und seine Forscherkollegen nun Studien oder Freilandversuche planten, standen die Naturschützer schon mit Protestplakaten bereit oder sie legten sogar Hand an: Im August 2013 verwüsteten sie ein Feld mit Goldenem Reis auf den Philippinen, das für Tests angelegt worden war.

Dirk Zimmermann ist in der Hamburger Greenpeace-Zentrale der Experte für Gentechnik. Er sagt, der Goldene Reis sei eine gut gemeinte Idee, gehe aber an den wahren Problemen vorbei: Die Menschen in den armen Ländern seien schlecht versorgt mit guten Lebensmitteln. »Wenn sie jeden Tag eine Portion Spinat essen könnten, hätten sie alles, was sie an Nährstoffen brauchen.« Gegen den Vitamin-A-Mangel würden seit Jahren Tabletten verabreicht, »das funktioniert jetzt schon«. Beim Goldenen Reis hingegen sei nicht klar, ob er das halte, was die Erfinder versprechen, und überdies bestehe die Gefahr, dass die neue Sorte den natürlich wachsenden Reis verdränge.

Zimmermann räumt ein, dass die Menschen in der Dritten Welt genau diese Portion Spinat seit Jahrzehnten nicht erhalten; und dass auch Vitamin-A-Tabletten eine unbefriedigende Lösung bleiben, weil sie längst nicht in alle Regionen der Erde geliefert werden können. Zudem werden sie von westlichen Unternehmen hergestellt, die armen Länder sind also von deren Lieferungen abhängig. Potrykus entgegnet auf die Greenpeace-Vorwürfe, die Wirksamkeit von Goldenem Reis sei in mehreren Studien nachgewiesen worden: Fünfzig Gramm Goldener Reis pro Tag würden ausreichen, um Krankheiten aufgrund von Vitamin-A-Mangel zu verhindern. Über die Sicherheitsbedenken der Naturschützer lächelt Potrykus nur: »Was haben wir denn in den Reis gezüchtet? Provitamin A, wie es jede Karotte enthält.« Reis sei eine Pflanze, die sich selbst in der geschlossenen Blüte bestäube. Das Risiko, dass ein Pollen von einem Feld mit Goldenem Reis andere Sorten verunreinige, sei »praktisch null«.

Aber das Unbehagen gegenüber transgenen Pflanzen stecke tief drin in den Menschen, sagt Potrykus, »das sehe ich ja selbst bei meiner Frau«. Organisationen wie Greenpeace hätten es geschafft, diffuse Ängste in der Bevölkerung zu verbreiten, die von Politikern rund um den Globus aufgegriffen würden. Die Strategie der Umweltschützer gehe aber nur auf, weil die meisten Menschen heute keine Ahnung mehr von biologischen Zusammenhängen hätten. »Nehmen Sie die Sonnenblume, das Emblem der Grünen. Wofür steht diese Pflanze? Für Monokultur, hohen Pestizid- und Stickstoffeinsatz. Die Blume stammt aus Amerika, sie ist nicht nachhaltig, wächst nicht einfach nach, sondern muss jedes Jahr neu gesät werden. Sie steht also für alles, was die Grünen üblicherweise bekämpfen.«

Manchmal sagt seine Frau, das Zusammenleben mit ihm sei eine Qual, sagt Potrykus. »Ich bin oft frustriert. Natürlich kann ich das nicht abschütteln.« Trotzdem hofft er, noch zu erleben, dass sein Goldener Reis in den Philippinen, Indien oder Bangladesch dauerhaft angebaut wird. Die wesentlichen Laborstudien sind abgeschlossen, es fehlen noch umfangreiche Feldversuche in freier Natur. Die Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates hat 2010 die Koordination der Kampagne für den Goldenen Reis übernommen. Und auch Potrykus Freund Patrick Moore ist eingestiegen.

Moore gehörte zur ersten Garde von Greenpeace, er leitete sieben Jahre lang die internationalen Geschäfte und war an Bord der legendären Rainbow Warrior, als sie 1985 im Mururoa-Atoll von französischen Agenten versenkt wurde. Ein Jahr später stieg er bei Greenpeace aus. Rückblickend sagt er: »Als wir die Organisation gründeten, wollten wir den Kalten Krieg beenden. Die Menschheit stand am Abgrund, und wir wollten sie retten.« Dieses Motiv sei mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund getreten, Greenpeace habe zunehmend Wale und Robben gerettet – und die Menschheit zum Feind erklärt. Auch Moore hat eine radikale Wende vollzogen: Er hält Vorträge, in denen er für die Nutzung von Gentechnik und Atomenergie plädiert und den Klimawandel anzweifelt. Damit ist seine Glaubwürdigkeit bei Umweltschützern nicht gerade gestiegen, aber er hat es nicht verlernt, die Öffentlichkeit zu mobilisieren: Vor einigen Monaten protestierten er und einige Mitstreiter vor den Greenpeace-Zentralen in Rom, Paris, Brüssel und Hamburg für die Zulassung von Goldenem Reis. Die Zeitungen berichteten ausführlich, und selbst die linksalternative taz kam zu dem Schluss, der Goldene Reis sei »enorm nützlich« und »besser als Pillen«, Umweltschützer sollten »ihren Widerstand aufgeben«.

Damit befinden sich die Aktivisten von Greenpeace in einer ungewohnten Rolle: Sie sind nicht mehr die unerschrockenen Kämpfer für die gute Sache, die mit schwankenden Schlauchbooten neben Ozeantankern herfahren und sie daran hindern, ihre giftige Fracht in die Weltmeere zu kippen. Nun befindet sich Greenpeace, mit Millionen von Spendern und Unterstützern im Rücken, selbst auf dem großen Tanker, der versucht, das Lebensprojekt eines alten Mannes zu versenken. Vermutlich trifft die Befürchtung der Aktivisten zu, und die Gentechnik-Industrie wird den erfolgreichen Anbau des Goldenen Reises als Vorwand nutzen, um weitere Produkte in den Markt zu schleusen. Und wenn der Goldene Reis ein Erfolg wird, könnte sich auch die Stimmung in der Gesellschaft drehen: Wie glaubwürdig sind dann noch Warnungen vor anderen gentechnisch erzeugten Lebensmitteln?

Keine leichte Aufgabe für die PR-Profis von Greenpeace, sich aus diesem Dilemma herauszumanövrieren.

Illustartion: Alex Robbins

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