Herrlich uncool

Gestresste Eltern, quengelnde Kinder – Pfingstferien auf dem Campingplatz sind das Gegenteil von inszeniertem Familienglück auf Instagram. Aber gerade der Abschied vom Perfektionswahn macht sie so schön.

Nicht im Bild: der Kampf beim Eincremen, die Diskussion ums zweite Eis und die Windböe, der gleich den Schirm über den halben Strand fegen wird.

Foto: Vidar Nordli-Mathisen / Unsplash

Ein italienisches Ehepaar zankt sich gestenreich vor einem Zelt; ein deutscher Vater verzweifelt am Trotzanfall seines kleinen Sohns, der mit dem Laufrad nicht weiterfahren möchte; eine schwitzende Mutter schleppt zwei schwere Strandtaschen und ein lebensgroßes aufblasbares Krokodil hinter ihren Kindern her. Wie schön. 

Man muss nur ein paar Minuten vor dem Zelt oder Wohnmobil im Stuhl sitzen und die vorbeilaufenden Mitcamper beobachten, schon findet man sich als Vater nicht mehr ganz so unsouverän und unfähig. Denn: Auch andere Kinder haben Sonnenbrände, die nicht verhindert wurden. Auch andere Väter haben Speckröllchen, uncoole Badehosen, verbieten das dritte Eis am Stiel und rennen fluchend dem Sonnschirm hinterher, der vom ersten kräftigen Windstoß verbogen über den halben Strand fliegt. 

In zwei Pfingstferienwochen auf einem italienischen Campingplatz kriegt man so nah wie nie deutschen Familienalltag mit. Das Leben der anderen. Gut zu hören durch dünne Zeltwände oder von Handtuch zu Handtuch am Strand. Und endlich mal nicht schöngefärbt durch Social Media. Etwa auf Instagram, wo andere Familien immer Urlaub haben, immer gute Laune und immer fleckenfreie Kleidung, Hashtag #HappyFamily #LoveMyLife #LoveMyFamily. Die Wahrheit ist anders, das vermutet man beim Scrollen, trotzdem vergleicht man sich damit, verliert dagegen. 

Meistgelesen diese Woche:

Aber am Campingplatz sieht man, was vor und nach dem inszenierten Selfie passiert ist. Morgens, wenn alle gleich verschlafen und zerzaust im kleinen Supermarkt beim Brot anstehen. Mittags baut man nebeneinander Sandburgen. Und wenn um 21 Uhr die Kinderdisko den Platz beschallt, tanzen manche Eltern ungehemmt mit. Cool sein? Ist was für Studenten. 

Eines abends stand dieses junge, hübsche Paar an der Strandbar, wo Eltern und Kinder auf den Sonnenuntergang warteten. Zwei Italiener, Influencer wohl, beide Anfang 20, sie blond, schlank, in einem neonfarbenen Badeanzug, der viel Haut zeigt. Er mit etlichen Tattoos, durchtrainiert, etwas zu modebewusst angezogen für einen Familiencampingplatz. Das junge Paar hatte eine Spiegelreflexkamera dabei und fotografierte sich pausenlos. Jede Pose saß, wurde trotzdem x-Mal wiederholt, bis sie maximal sexy und cool war, erst dann nickten beide beim Blick aufs Display. Sie fotografierten sich in der Brandung, vorm Rettungsschwimmerboot, sich zuprostend, vor dem Sonnenuntergang.

Man hätte sie nach dem Namen ihrer Instagramseite fragen sollen, die fertigen Aufnahmen hätten einen schon interessiert – im Vordergrund das hippe Paar, dahinter die amüsiert zusehenden Mamas und Papas. Im Kleinfamilien-Campen steckt neben viel Stress und manchem Streit übrigens viel Glück. Uncoole, unsexy Zufriendenheit. Wenn die Kinder um 22 Uhr, müde vom vielen Baden, doch mal einschlafen. Und man als Erwachsener es schafft, ein Glas Wein in Ruhe zu trinken, vor dem VW-Bus, Mücken verscheuchend. Dann hört man die anderen Eltern, die sich lachend von Abenteuern früherer Tage erzählen. 

Elternsein ist das schwerste und längste Geduldsspiel der Welt. Nebenbei soll man noch genug Geld verdienen für Reihenhäuser, in Würde alt werden und in seiner Beziehung die Romantik aufrecht erhalten. Keine Ahnung, wie das alles zeitgleich geht, aber es hilft, mitzubekommen, wie andere das machen. 

Artikel teilen: