Das Thema ist ein bisschen anrüchig und deshalb möchte ich gleich zu Anfang betonen, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die es erregend finden, andere beim Sex zu bepieseln oder selbst vollgepieselt zu werden.
Aha, werden jetzt irgendwelche Schlauberger sagen, um das so genau zu wissen, müssen Sie diese Praktik ja schon einmal ausprobiert haben. Dazu Folgendes: Ich gebe freimütig zu, in meinem Leben bestimmt schon hunderttausendmal gepieselt zu haben. Manchmal war dieser Vorgang für mich mit extremen Glücksgefühlen verbunden, so zum Beispiel auf Autobahnraststätten nach längeren Phasen des Einkneifens. Stets pieselte ich jedoch an sexuell unbedenklichen Orten – Klo, Gebüsch, Schwimmbecken – und in der Regel auch allein, sieht man von den lästigen Nebenstehern in Herrentoiletten ab.

Gleichwohl ist bezeugt, dass manche Menschen Pieseln geil finden und auf vielfältige Weise in den Sexualakt einbeziehen; das nennt man dann "Natursekt", "Golden Showers" oder "Watersports". Zu den Piesel-Freunden gehörte auch Picasso, der einst das Bild "La Pisseuse" malte, heute erfreuen sich Natursekt-Liebhaber an einschlägigen Publikationen wie Sex Bizarre oder Piss-Parade, wenn sie nicht gleich die Wohnung mit Plastikfolie ausschlagen und ihrem Harndrang freien Lauf lassen. Es handelt sich bei dieser Vorliebe um einen sexuellen Fetisch, dessen Entstehen der Sexualforscher Krafft-Ebbing vor hundert Jahren damit erklärte, dass in der Kindheit mehr oder weniger zufällig eine Verbindung zwischen einem ersten sexuellen Glücksgefühl und einem bestimmten Gegenstand oder Vorgang hergestellt werde, welche dann das ganze Leben anhalte. Da beim Pieseln ohnehin die Geschlechtsteile im Mittelpunkt stehen, oft sogar berührt werden, verwundert dieser Fetisch sicherlich weniger als die triebhafte Fixierung auf Gummistiefel, Tabakspfeifen oder Kürbisse.

Wer nun glaubt, all diese Pieselei hätte nichts mit der eigenen Sexualität zu tun, irrt womöglich. Denn auch Paare, die nicht im „goldenen Strahl der Lust gebadet“ werden möchten, können sich unversehens einem Piesel-Problem gegenüber sehen. Und zwar folgender Grundfrage: Darf man vor dem Partner pieseln? Darf man sich aufs Klo hocken, wenn der/die Geliebte gerade zähneputzend am Waschbecken steht? Hier gehen die Meinungen auseinander: Die einen finden schon den Gedanken einfach nur ekelerregend, die anderen sehen darin ein Aufbegehren gegen Verklemmtheit und Hygienewahn, einen intimitätssteigernden, befreienden Akt im Sinne der neuerdings populären Sexualtheorie von Charlotte Roche. Ich neige zu letzterer Sichtweise, rate jedoch dringend dazu, diese Frage im Voraus zu diskutieren. Findet Partnerin oder Partner die Piesel-Performance auf dem Pott nämlich pervers, wird aus der Piss-Parade schnell eine Sex-Blockade.

Artikel teilen: