Zwei bayerische Seelen

Jahrelang schrieb der "SZ"-Autor Michael Stiller kritisch über Max Strauß und dessen Rolle in der Schreiber-Äffäre. Getroffen haben sich die beiden aber erst später - als sie gleichzeitig wegen Depressionen in derselben Münchener Klinik behandelt wurden. Jetzt sprechen sie zum ersten Mal miteinander.

SZ-Magazin: Herr Strauß, wie geht es Ihnen?
Max Strauß: Mittlerweile bin ich einigermaßen wiederhergestellt. Insgesamt zwölf Jahre saß ich unschuldig auf der Anklagebank. Ich verlor meine Zulassung als Rechtsanwalt. Meine Ehe ging zu Bruch. Und wenn man, so wie ich es war, an der Seele krank ist und in der Psychiatrie behandelt werden muss, dann hat man natürlich die Tendenz, sich von der Außenwelt abzuschotten. Jetzt aber finde ich langsam wieder in mein eigenes Leben zurück.

Im August 2007 hat man Sie schließlich vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen. Wie haben Sie das vergangene Jahr verbracht?
Strauß:
Als Erstes habe ich versucht, beruflich wieder Fuß zu fassen. In absehbarer Zeit werde ich meine Zulassung als Rechtsanwalt zurückbekommen. Es geht also aufwärts. Herr Stiller, hätten Sie sich vor einigen Jahren vorstellen können, einmal bei Max Strauß im Wohnzimmer zu sitzen?
Michael Stiller:
Wohl kaum. Allerdings mache ich jetzt, gegen Ende meines Berufslebens, immer häufiger die Erfahrung, dass sich verschiedene Konflikte lösen, die sich aufgrund meiner journalistischen Arbeit über Jahrzehnte hinweg entwickelt hatten. Dennoch, um Peter Gauweiler zu zitieren, habe ich nicht die Befürchtung, dass es gleich ganz widerlich wird und wir uns vor lauter Zuneigung um den Hals fallen.

Strauß:
Ich hatte immer eine ziemliche Antipathie gegen Sie, Herr Stiller. Ich konnte Ihre Texte oft nicht ausstehen. Aber persönlich hatte ich eigentlich nie ein Problem mit Ihnen. Wir hatten eine Menge Streit – aber wir haben nie Krieg gegeneinander geführt.

Dürfen wir Sie daran erinnern, dass Sie Michael Stiller 1995 als "Berufsdesinformanten", »ausgemachte Drecksau« und »Mitglied der journalistischen Totenkopfdivision Joseph Goebbels« beschimpft haben?
Strauß: Als ich diese Worte von mir gab, ging es mir schon nicht mehr gut. Die Krankheit war bereits ausgebrochen, nur merkte ich das noch nicht. Was ich da sagte, war Ausdruck meiner Hilflosigkeit.

Stiller: Die Äußerungen fielen zu einer Zeit, als einige Journalisten, darunter auch ich, erfolgreich versuchten, am Denkmal von Franz Josef Strauß zu kratzen. Max Strauß, der Namen und Ruf seines Vaters schützen wollte, musste sich damals mit einigen ererbten Skandalen auseinandersetzen. Es wunderte mich schon damals nicht, dass da Groll entsteht und Wut. Das Verhältnis zwischen uns beiden wurde dann fast ein bisschen feindselig, vor allem, weil es nie zu einem persönlichen Gespräch zwischen uns gekommen ist. Sie hatten daran ja kein Interesse.

Nach all den Scharmützeln und Skandalen trat im Herbst 1995 eine weitaus größere Affäre in das Leben von Max Strauß: Die Augsburger Staatsanwaltschaft warf Ihnen vor, von dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber Schmiergeld erhalten und nicht versteuert zu haben.
Strauß:
Mein Name und ich als Person waren ja nur ein Teil des Skandals. Trotzdem hatte ich in der ganzen Schreiber-Affäre eine Prominenz, die meiner tatsächlichen Bedeutung für das Verfahren in keiner Weise entsprach. Ganz unabhängig von den konkreten Vorwürfen gegen mich war deshalb mein Hauptproblem diese gebetsmühlenartige Wiederholung meiner angeblichen Verwicklung in den Skandal.

Fühlten Sie sich verfolgt?
Strauß:
Und wie! Auch bei Zeitungen und im Fernsehen gilt ja der alte Grundsatz der Artillerie: Es gibt nicht Freund noch Feind, sondern nur lohnende Ziele. Und ich war eben solch ein lohnendes Ziel. Allein schon wegen meines Nachnamens.

Die Angriffe setzten Ihnen schwer zu. So schwer, dass Sie deshalb Depressionen bekamen.
Strauß:
Ich merkte es erst gar nicht. So eine Depression ist ein langer, ein schleichender Prozess. Heute bin ich mir sicher, dass ich bereits vor Beginn der Schreiber-Affäre an Depressionen gelitten habe. Aber erst Anfang 2003 hat meine Schwester Monika mich zum ersten Mal ganz behutsam auf das Thema angesprochen.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Strauß:
Ehrlich gesagt: ziemlich entsetzt. Depressionen und auch alle anderen möglichen Formen von psychischen Krankheiten sind in unserer Kultur und Gesellschaft ja mit einem riesigen Makel behaftet. Alles darf kaputtgehen: die Nieren, das Herz, die Leber. Nur das Gemüt und der Kopf, die haben zu funktionieren.

Stiller: Sie stammen natürlich auch aus einer Familie, die sehr stark auf Leistung getrimmt war.

Strauß: Ja, und in einer solchen klassischen bürgerlichen Familie darf so eine Krankheit halt nicht vorkommen. »Reiß dich doch zusammen«, heißt es. Und: »Das vergeht schon wieder.« Depressionen sind etwas, worüber man lieber nicht spricht.

Wie genau begann Ihr Leiden?

Strauß:
Mit einem Tunnelblick. Ich fokussierte mich immer mehr auf einzelne Ereignisse und war kaum noch in der Lage, mein Leben zu managen. Ich konnte keine Probleme mehr lösen, habe alles nur noch aufgeschoben. Manche Leute, die dann in die Psychiatrie kommen, sind auch persönlich völlig fertig: Da ist die Kleidung im Eimer, da gibt es keine Tischmanieren und keine körperliche Hygiene mehr. In meiner Krankenakte standen immerhin noch die beiden Worte: »gepflegte Erscheinung«.

Dass Sie zu dieser Zeit im Mittelpunkt eines großen Politskandals standen, dürfte Ihre persönliche Krise noch verschärft haben.
Strauß:
Als zum ersten Mal die Anklage im Raum stand, konnte ich nachts nicht mehr schlafen. Das hat mich unfassbar fertiggemacht. Mein ganzes Leben brach zusammen. All das habe ich zwar genau wahrgenommen, aber ich hatte nicht mehr die Kraft, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Ich war wie gelähmt.

Herr Stiller, zur selben Zeit wie Max Strauß sind auch Sie an Depressionen erkrankt. Verlief die Krankheit bei Ihnen ähnlich?
Stiller:
Ich litt schon etwas früher unter kurzen depressiven Schüben, aber die hatte ich relativ schnell bewältigen können. Der massivste Schub meines Lebens erwischte mich dann im Jahr 2003, also quasi gleichzeitig zu Ihrer Erkrankung, Herr Strauß. Die Schlaflosigkeit und all die anderen Begleiterscheinungen waren dieses Mal wesentlich schlimmer, als ich es bis dahin kannte. Ich dachte und hoffte immer: Am nächsten Montag, da ist alles wieder vorbei, da kriegst du die Kurve – und keiner der Kollegen wird etwas gemerkt haben. Aber du kriegst die Kurve nicht. Am nächsten Montag nicht und nicht am übernächsten.

Strauß: Genauso ist es.

Stiller: Und je mehr man versucht, sich zusammenzureißen, desto mehr Montage vergehen. Sie verstreichen in Apathie, im Rückzug.

Strauß: Sind in dieser Phase Ihre Zeitungsartikel schlechter geworden?

Stiller: Ich habe mit dem Schreiben aufgehört. Es ging einfach nicht mehr. Ich saß vor meinem Computer und es war weiß, das Feld. Weiß und ohne Buchstaben.

Strauß: Ich bekam nichts mehr geregelt; wurde meinem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht.

Stiller: Man hat nicht mehr die Kraft, den Finger zu heben …

Strauß: … während sich auf dem Schreibtisch die Papiere türmen.

Stiller: Irgendwann war mir sehr klar, dass ich Hilfe brauche. Dieses Eingeständnis jedoch fiel mir nicht leicht. Herr Strauß hat mit Recht angemerkt, dass Depressionen noch immer als eine anrüchige Krankheit gelten – ich musste meiner Redaktion aber die Wahrheit sagen. Ich musste meinen Kollegen erklären, dass ich nun länger ausfallen würde.

Können Sie mit dem Wissen von heute sagen, dass Ihre Offenheit richtig war?
Stiller:
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es noch mal so machen würde.

Warum?
Stiller:
Einige Zeit später erfuhr ich, dass ein Politiker verbreitete, mit dem Stiller müsse man in Zukunft sowieso nicht mehr rechnen. Das war übrigens keiner von der CSU – die waren zum Teil äußerst bestürzt –, sondern einer aus der SPD.

Herr Strauß, bei Ihnen spitzte sich die Krankheit im Spätsommer 2003 dramatisch zu: Am 1. September sind Sie von Ihrer Familie in die Psychiatrische Klinik der Universität München gebracht worden. Was passierte dort mit Ihnen?
Strauß:
Die Ärzte versuchten zunächst einmal, meine Stimmung zu stabilisieren. Dafür setzten sie ein Medikament namens Tavor ein.

Stiller: Ein ziemlicher Hammer, dieses Tavor. Das habe ich von meinen Ärzten Gott sei Dank nicht bekommen.

Strauß: Unter frischem und vollem Einfluss von Tavor jubeln Sie sogar zu Ihrem eigenen Todesurteil. Sie sind auf einmal richtig gut drauf, beobachten sich selbst, als seien Sie der Hauptdarsteller in einem Kinofilm. Sie merken zwar, dass mit Ihrer Gefühlswelt eigentlich überhaupt nichts mehr stimmt, aber aus dem ganz tiefen Tal sind Sie erst mal draußen. Allerdings nur für kurze Zeit. Und leider macht dieses Zeug süchtig.

Stiller: Und zwar innerhalb von vierzehn Tagen.

Strauß:
Ich war froh, schon nach kurzer Zeit auf andere, nicht süchtig machende Antidepressiva umgestellt zu werden – und schließlich auf Tavor verzichten zu können. Mein Problem bestand darin, dass ich auch in der Klinik innerlich nicht wirklich zur Ruhe und Genesung kommen konnte, weil der Prozess wegen Steuerhinterziehung immer näher rückte. Normalerweise hätte man einen Patienten wie mich einfach abgeschottet, aber das ging bei mir nicht.

Herr Stiller, zur selben Zeit wie Max Strauß wurden auch Sie für drei Wochen in der Psychiatrischen Klinik der Universität München behandelt.
Stiller:
Ja, wir sind uns dort sogar begegnet.

Wie hat sich diese Szene abgespielt?
Stiller:
Ich bin vor der Cafeteria auf und ab gegangen, plötzlich legt sich eine relativ schwere Pranke auf meine rechte Schulter und eine Stimme murmelt freundlich…

Strauß: …»Ich trag Ihnen fei nix mehr nach.«

Stiller: So war’s. Ich habe mich umgedreht und wir haben uns die Hand gegeben. Ich empfand es aber als ziemlich absurd, Sie in dieser Umgebung zum ersten Mal seit Jahren wiederzusehen.

Strauß: Mir ging das ganz ähnlich, Herr Stiller. Ich dachte mir: Mensch, dem Stiller muss in seinem Leben auch etwas Furchtbares passiert sein, wenn er nun hier mit mir in dieser Klinik ist.

Haben Sie dann noch ein paar Sätze miteinander gewechselt?
Stiller:
Nein, man ist ja mit dieser Krankheit ohnehin ein bisschen scheu. Deshalb hat unser Treffen nicht sehr lange gedauert. Ich habe danach auch zu meinem Arzt gesagt, dass ich keinesfalls bei der Maltherapie oder anderen Behandlungen auf den Max Strauß treffen möchte – das hätte ich damals nicht verkraftet. Einige Zeit später habe ich Sie mal in der Turnhalle beobachtet, wie Sie da einen Riesenzirkus veranstaltet haben. Das hat mich übrigens den Frühsport gekostet, denn von da an bin ich dort nicht mehr hingegangen.

Karlheinz Schreiber (links) mit Max Strauß 1979 in Mexiko.

Im Januar 2004 begann der Prozess gegen Max Strauß. Der Angeklagte stand sichtlich unter starkem Medikamenteneinfluss und wirkte wie ein gebrochener Mann. Wie haben Sie die Bilder empfunden, Herr Stiller?
Stiller: Der Anblick von Max Strauß und die Behandlung seines Falles in den Medien hat mich sehr erschreckt. Ich wusste – partiell auch aus eigenem Empfinden: Dieser Mann kann gar nicht prozessfähig sein. Unser Rechtssystem ist nicht dafür geschaffen, psychisch Kranke zu verurteilen.

Und Sie, Herr Strauß, wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt?
Strauß:
Ein willfähriger Gutachter hatte dem Gericht meine Verhandlungsfähigkeit bescheinigt. Ich hatte wieder eine gewisse, aber sehr relative Stabilität erreicht. Allerdings konnte ich mich noch nicht wieder konzentrieren. Deshalb sprach ich auch während des gesamten Verfahrens kein einziges Wort. Ich bin ja selbst Rechtsanwalt von Beruf, und das Erste, was ich einem Mandanten immer sage, ist: Vor Gericht musst du höllisch aufpassen, was du sagst. Als jemand mit einer schweren Depression, als einer, der unter dem Einfluss von starken Medikamenten stand, war ich für meinen Verteidiger also kaum berechenbar. Darum schwieg ich die ganze Zeit.

War es schwierig für Sie, Ihre Krankheit anzuerkennen?
Strauß:
Das kriegt man nach einer gewissen Zeit schon auf die Reihe. Man bleibt ja ein vernunftbestimmtes Wesen. Depressionen haben nichts zu tun mit Paranoia oder Schizophrenie. Man hat keine Wahnvorstellungen.

Stiller: Was richtig wehtut, auch bei der Genesung, ist der unglaubliche Blödsinn, der über diese Krankheit verbreitet wird. Und auch die Geschwindigkeit, mit der einen einzelne Leute fallen lassen. Wer mit dem Motorrad in eine Leitplanke donnert und zwei Jahre im Krankenhaus liegt, wird von allen bedauert. Über einen Depressiven aber, da heißt es schnell: Der hat halt einen Schatten. Das gilt selbst für Leute in einer so aufgeklärten Branche wie dem Journalismus.

Herr Strauß, im Sommer 2004 verurteilte Sie das Augsburger Landgericht zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis. Ihre Anwälte gingen daraufhin in Revision. Ein Jahr später hob der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Sie auf. Im zweiten Prozess wurden Sie freigesprochen, und zwar nicht aus Mangel an Beweisen, sondern wegen erwiesener Unschuld. Wörtlich sagte der Richter: "Max Strauß hat von Karlheinz Schreiber nichts erhalten, also musste er auch nichts versteuern. Er hat damit keine Steuern hinterzogen." Was haben Sie empfunden, als Sie diese Worte hörten?
Strauß: Das war eine ganz große Erleichterung, eine richtige Freude.

Stiller: Als Folge Ihres Freispruchs ist die wichtigste Frage des Verfahrens offen geblieben: Im Zentrum der Ermittlungen stand ja ein Konto namens Maxwell, auf das Karlheinz Schreiber 5,2 Millionen Mark eingezahlt hatte. Die Staatsanwaltschaft versuchte vergeblich zu beweisen, dass dieses Geld für Sie bestimmt war. Inzwischen ist klar: Sie hatten nichts mit Maxwell zu tun. Aber das Konto gab es, und das Geld gab es auch. Wenn es nicht Ihnen gehörte: wem dann?

Strauß: Das Geld hat, wie das Verfahrenja ergab, sicher immer Karlheinz Schreiber gehört. Die Konten waren wohl so eine Art Kriegskasse von ihm. Die Justiz hat dabei sträflich vernachlässigt, dass Schreiber dieses Geld mehrfach für eigene Zwecke verpfändet oder ausgegeben hatte – seine eigene Firma steckte ja tief in den roten Zahlen.

Was ja ein offenes Geheimnis war.
Strauß:
Schon seit Anfang der Neunzigerjahre lief bei Schreiber nichts mehr: Er machte Fehler über Fehler, hatte Streit mit seinem Treuhänder, und Geschäfte missglückten. Hinzu kamen die hohen Honorare für seine Anwälte. All das kostete ihn viele Millionen. Hätte die Augsburger Justiz also ihre Pflicht getan und den Weg der Geldströme ermittelt, dann wäre es auch nie zu einem Verfahren gegen mich gekommen. Niemals habe ich verstanden, warum man mich jahrelang mit falschen Anschuldigungen verfolgte. Das alles kam einer persönlichen Vernichtung gleich. Die Verantwortlichen sind bis heute dafür nicht belangt worden.

Stiller: In den Gesprächen, die ich mit Karlheinz Schreiber führte, sprach er oft davon, dass er Mitleid mit Ihnen habe. Ich frage mich: Warum hat er Ihnen dann nicht geholfen?

Strauß: Der Schreiber hat immer ein doppeltes Spiel gespielt. Der hat alle Beteiligten angelogen und alles immer so hingedreht, dass es für ihn am günstigsten läuft.

Stiller: Aber in Ihrem Fall ging es um Knast oder Freiheit – da hört doch der Spaß auf!

Strauß: Schreiber hätte nur das Bankgeheimnis für seine Liechtensteiner Kon-ten aufheben müssen. Er hätte seine Konto-auszüge kopieren und an die Augsburger Staatsanwaltschaft schicken müssen. Dann wäre das Verfahren gegen mich zusammengebrochen. Und zwar innerhalb weniger Sekunden.

Stiller: Warum hat er das nicht gemacht?

Strauß:
Diese Frage hat mich jahrelang gequält. Bis jetzt bin ich zu keiner Antwort gekommen.

Trotz Ihres Freispruchs stehen Sie heute vor einem Scherbenhaufen: Der Prozess hat Sie nicht nur in eine schwere Krankheit gestürzt, sondern auch Ihren Beruf und Ihre Ehe gekostet.
Strauß
: Der Scherbenhaufen liegt vor mir, daran gibt es keinen Zweifel. Da fällt es manchmal schwer, wieder Mut zum Leben zu fassen. Hinzu kommt, dass ich das Stigma eines psychisch kranken Mannes wohl so schnell nicht mehr loswerde. Ganz wichtig ist jedoch, sich trotzdem nicht als ewiges Opfer zu stilisieren – in dieser Hinsicht habe ich früher einige Fehler begangen. Aber wissen Sie, es hat im 20. Jahrhundert ein paar Leute gegeben, denen der deutsche Staat übler mitgespielt hat als mir: Ich saß keine Sekunde lang im Gefängnis, ich habe zwei tolle Kinder, ich habe Menschen erlebt, die mir sensationell geholfen haben. Deswegen sage ich jetzt trotz aller Einschränkungen und Belastungen: Ende gut, alles gut.

Stiller:
Nach meiner Krankheit dauerte es einige Monate, bis ich wieder schreiben konnte. Aus dem journalistischen Tagesbetrieb habe ich mich aber inzwischen zurückgezogen.

Herr Strauß, Herr Stiller, was werden Sie aus diesem Gespräch mitnehmen?
Strauß:
Man muss die Fähigkeit zur Kommunikation behalten. Diese Fähigkeit hatte ich sicherlich in weiten Teilen meines Lebens gar nicht. Ich bin nicht auf die Menschen zugegangen – auch nicht auf Sie, Herr Stiller. Damit habe ich mich in einen Turm eingemauert und mich einer ganzen Menge von Erkenntnismöglichkeiten beraubt. Ich habe nicht mehr richtig analysiert, mich versteift, Probleme nicht mehr gesehen. Seitdem ich aber versuche, auf die Menschen zuzugehen und Probleme, auch solche, die lange Zeit zurückliegen, auszudiskutieren, gewinne ich eine Form, die ich schon sehr lange nicht mehr hatte.

Stiller: Für mich bestätigt sich eine alte Regel, die ich auch während meiner Arbeit immer beachtet habe: Beim Reden kommen die Leute zusammen. Insofern hat es mich sehr gefreut, Herr Strauß, Sie nach all den vielen Jahren nun endlich einmal kennengelernt zu haben. Ich weiß jetzt, wer Sie sind.

ZU DEN PERSONEN:Max Josef Strauß, geboren 1959, ist das älteste der drei Kinder von Franz Josef Strauß. Er wuchs in Rott am Inn und München auf. Nach dem Jurastudium trat er als Anwalt in eine Münchner Kanzlei ein und war von 1995 bis 2003 Vorsitzender des CSU-Kreisverbands im Münchner Südosten. Ab 1995 war er in die Schreiber-Affäre verwickelt und wurde erst 2007, nach zwölfjährigen Ermittlungen, vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen.

Michael Stiller, geboren 1945, schrieb seit 1968 für die »Süddeutsche Zeitung«, zunächst als Landtagskorrespondent, später als Leitender Redakteur im Ressort Innenpolitik. Er verfasste mehrere Bücher, darunter "Edmund Stoiber. Der Kandidat" (2002), und wurde für seine investigativen Reportagen dreimal mit dem wichtigen "Wächter-Preis" der Tagespresse ausgezeichnet. Auch im Ruhestand - seit 2005 - arbeitet Stiller weiter als freier Journalist.

Die Schreiber-Affäre
Im Herbst 1995 beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft Augsburg bei dem Unternehmer Karlheinz Schreiber Dokumente, aus denen hervorgeht, dass er Provisionen aus Flugzeug- und Panzergeschäften als Schmiergeld an Privatpersonen und Parteien verteilt hat. Als mutmaßliche Empfänger nennt die Staatsanwaltschaft damals zwei Thyssen-Manager, den Ex-Staatssekretär Holger Pfahls, den früheren CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep – sowie Max Strauß, der Schreiber seit Jahren über seinen Vater kennt.

Im Herbst 1999 löst die Schreiber-Affäre den Skandal um schwarze Konten bei der CDU aus. Kiep gesteht, illegale Parteispenden von Schreiber bekommen zu haben; Helmut Kohl tritt vom CDU-Ehrenvorsitz zurück. Am 16. Februar 2000 gibt Wolfgang Schäuble als CDU-Parteivorsitzender auf, nachdem er zugeben musste, den Bundestag über seine Kontakte zu Schreiber belogen zu haben.

Im Juli 2002 verurteilt das Landgericht Augsburg die Thyssen-Manager Winfried Haastert und Jürgen Maßmann wegen Steuerhinterziehung und Untreue. Der Hauptangeklagte Karlheinz Schreiber lebt seit Jahren in Kanada und widersetzt sich juristisch seiner Auslieferung nach Deutschland.

Im Januar 2004 kommt es zum ersten Prozess gegen Max Strauß, trotz dessen psychischer Erkrankung. Strauß wird zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt, obwohl die Staatsanwaltschaft nicht beweisen kann, dass er jemals Geld von Schreiber erhalten hat.

Der seit fünf Jahren flüchtige Holger Pfahls wird im Juli 2004 in Paris festgenommen und später nach Deutschland ausgeliefert. Vor Gericht gesteht er, 3,8 Millionen Mark von Schreiber bekommen zu haben.
Der Bundesgerichtshof kassiert im Oktober 2005 das Urteil gegen Max Strauß, worauf ab Dezember 2006 erneut in Augsburg gegen ihn verhandelt wird. Dieser Prozess endet am 6. August 2007 mit Freispruch.

Toby Binder (Fotos)

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