Warum es manchmal nicht verkehrt ist, mit Mülltonnen zu werfen

An manchen Tagen sehnt sich unser Kolumnist nach einem ganz besonderen Freiheitsgefühl.

Wer nach einer Definition des Begriffs Mülltonne sucht, obwohl eine solche Suche überflüssig ist, weil jeder weiß, was eine Mülltonne ist, welchem Zweck sie dient und woran man sie erkennt … Aber egal jetzt, manchmal hat man solche Anwandlungen, man möchte etwas wirklich wissen, möchte es sprachlich exakt benennen, und dann hätte man eben gerne mal eine Definition des Begriffs Mülltonne, nicht wahr? Dafür muss sich hier keiner rechtfertigen, das ist, wie man so sagt, jedem sein gutes Recht.

Dass er mal gerne eine solche Definition hätte, meine ich.

Wer also danach sucht, der könnte bei Wikipedia oder in der Abfallsatzung der Stadt Krefeld nachschauen. Er könnte aber auch einen Blick in das Interview werfen, das der Schauspieler und Regisseur Charly Hübner der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegeben hat. Hübner formulierte dort, »in einer protestantischen Welt ist natürlich die Mülltonne dafür da, dass der Müll zentriert und dann irgendwann entsorgt wird«.

Nun wird man einwenden, die Zentrierungsfunktion der Mülltonne sei auch in katholischen oder atheistischen Zusammenhängen bekannt, ja, selbst der Muslim … Aber das geht an der Sache vorbei. Die eigentliche Frage lautet: Wieso jetzt Charly Hübner? Dazu ist zu sagen, dass Hübner zusammen mit Sebastian Schultz einen Film über die ostdeutsche Band Feine Sahne Fischfilet gedreht hat, dass der Film Wildes Herz heißt und der Frontmann der Band Jan »Monchi« Gorkow, ein ebenso wuchtiger wie sympathischer Mensch, der stark damit beschäftigt ist, den Nazis in seiner mecklenburgischen Heimat zu zeigen, was a) ein Mensch und b) eine Harke ist – aber wo waren ­wir?

Ach ja, Mülltonne.

Hübner und Schultz werden also gefragt, ob sie »mal eine Mülltonne geworfen« hätten, was wohl damit zu tun hat, dass Jan »Monchi« Gorkow, der eine Vergangenheit als Fußball-Hooligan hat, sich im Film über das Werfen von Mülltonnen äußert. Und Hübner antwortet: »Ich ja.« Es schließt sich die Frage an, ob er dabei jenes Freiheitsgefühl empfunden habe, das Gorkow schildere. Und Hübner sagt: »In dem Moment damals nicht. Da war es eine Auseinandersetzung, wo ich am Ende sagte: Ich beende die mal, indem ich eine ­Mülltonne werfe.«

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Dazu möchte ich Folgendes sagen. Mir persönlich ist das Werfen von Mülltonnen nicht nur fremd, sondern, da ich nicht über die obelixhafte Statur von Gorkow verfüge und auch an hübnersche Möglichkeiten nicht heranreiche, rein physisch unmöglich. Aber ich habe durchaus auch Auseinandersetzungen erlebt, die ich gern mit einem schönen Mülltonnenwurf beendet hätte. Und es gibt Tage, an denen ich mich nach dem Freiheitsgefühl sehne, das darin bestehen könnte, eine Mülltonne der DIN-Norm EN 840 quer über den Hinterhof zu werfen wie ein Gallier einen Hinkelstein, und zwar ohne lange zu fragen, ob der Müll darin getrennt ist oder nicht. Allein die Vorstellung – jetzt, hier – hat, wie soll ich es sagen? Da ist so ein Warghhh, nicht wahr? Ich meine, der Wurfgedanke, der von allen rechtlich-moralischen Aspekten mal absieht. Ich mag ihn.

Man findet dann, wenn man sucht, im Internet tatsächlich Leute wie die Eifelroadrunners, die einmal im Jahr ein Rennen bergab auf ge­räderten Mülltonnen veranstalten, und andere Leute, die Mülltonnen wie Drohnen fliegen lassen, ich meine, das sind Menschen, die sich nicht darum scheren, wie Mülltonne jetzt definiert ist und so, sondern die sich einfach auch mal eine solche Mülltonne nehmen und damit machen, was sie für richtig halten. Und das war es, worum es mir hier ging, dass nämlich die Mülltonne der Inbegriff unseres geregelten, sauberen und funktionierenden, von uns so gemochten Daseins ist. Aber dass der Mensch eben auch dazu bestimmt ist, sich nach dem freien Flug exakt dieser Mülltonne zu sehnen.

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