Die Betonwand

Kein Material verkörpert den modernistischen Fortschrittsglauben so sehr wie Beton. Selbst im Wohnzimmer.

Vor puristischen Sichtbetonwänden strahlen die Möbel umso schöner.
Als Kind riss ich mir in unserem Neubaukomplex aus Waschbeton südlich von Frankfurt regelmäßig Hände und Knie auf und war froh, als wir kurz danach in ein Fachwerkhaus zogen. Beton ist ein schwieriger Baustoff: kühl, schroff, hart – und grau, so grau. Deshalb wirkt es auf den ersten Blick seltsam, dass Beton gerade wieder im Kommen ist. Und zwar nicht nur in der üblichen Retro-Behandlung, wonach das Hässliche als Nächstes en vogue ist. Brutalistische, hässlich-schöne (und vor dreißig Jahren heftig bekämpfte) Bauten wie das Barbican Centre in London werden zu Architekturdenkmälern. In den Wohnmagazinen finden sich zubetonierte Küchen mit frisch gegossenen Arbeitsplatten, der Bunker des Werbers und Kunstsammlers Christian Boros sowie die unverputzten Bauten von Arno Brandlhuber, die den Beton auf eine Art feiern, die nostalgisch ist, aber einmal einem modernistischen Lebensgefühl entsprang: Denn kein Material verkörperte den Glauben an Fortschritt und Zukunft so sehr wie Beton. Im Deutschland der Siebzigerjahre war Beton sogar ein politisches Material – als Gegenteil des Sandsteins, mit dem die Nazis gern gebaut hatten. Und so sang die Punkband S.Y.P.H. 1980: Zurück zum Beton!


Produktauswahl: Simona Heuberger und Nadja Tadjali. Fotos: Wolfgang Stahr, Rosenthal GmbH

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