Mein Zimmer

Das eigene Zimmer - dieser Ort ist heilig in der WG.

Dieser Ort ist heilig in der WG. Hier muss man nichts teilen, auf niemanden Rücksicht nehmen, keine Kompromisse abnicken. Die Klamotten über der Kleiderstange, das schmutzige Geschirr, die zerfledderten Zeitungen auf dem Boden sind nur hier geduldet. Auf diesen paar Quadratmetern ist man dankbar, sich selbst überlassen zu sein. Ungesehen beim Heulen, weil der Kerl Geschichte ist; beim Toben, weil die Welt wieder nervt; beim Öffnen des Briefes, auf den man so sehnsüchtig gewartet hat. Diese Momente allein im WG-Zimmer sind viel intimer als das Alleinsein in der eigenen Wohnung, weil kostbarer, so wie ein Sonnenstrahl in Lappland kostbarer erscheint als ein Sonnenstrahl in Neapel. Im eigenen Zimmer bewahrt man die Geheimnisse, die in einer WG überhaupt nur entdeckt werden können, da es dort ja Beobachter gibt, Geheimnisse, die immer noch nicht öffentlich gelobt, getadelt oder erklärt werden wollen. So wie man selbst: mal die Klappe halten, niemandem zuhören, nicht abwägen, lustig oder klug sein müssen. Es reicht, sich in Ruhe hinzusetzen und an die Wand zu schauen. So unfassbar schön – genau wie das Klopfen an der Tür, wenn man mal krank ist und die Mitbewohner die Hühnersuppe ans Bett bringen.

(Fotos: Théo Gosselin, Industrial Facility, Oelschlägel, Areaware.com)

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