»Man muss jedes Gericht sieben Mal kochen«

Zu Tisch, bitte! Wir haben zehn prominente Gäste zusammengesetzt, bekocht und zugehört, wie sie miteinander über Kindheitserinnerungen, ihre eigenen Kochkünste und Alkohol am Nachmittag sprachen.

Falls Sie beim Lesen Lust bekommen, die Gerichte selbst nachzukochen – die Rezepte von Maria Luisa Scolastra finden Sie hier.

Eckart Witzigmann: Guten Tag, junger Mann, wie geht’s? Sind wir beide etwa die ersten Gäste?
Paul Breitner: Wenigstens einer, der pünktlich ist, bravo! Wenn um 15 Uhr angepfiffen wird, sollte man um 15 Uhr auch auf dem Platz stehen.
Witzigmann: Die Pünktlichkeit ist des Menschen Zier. Schönes Spiel gestern.

SZ-Magazin: Sie kennen sich?
Breitner: Ich kenne Eckart Witzigmann seit 1978 über seinen Kollegen Otto Koch vom Restaurant »Le Gourmet«. Ich war Ottos Trauzeuge, so bin ich in die Gourmetszene, so konnte man das damals bezeichnen, reingekommen, als ich aus Madrid nach München zurückkam. Mit Otto hatte ich sechs Jahre lang einen Weinhandel. Wir dachten uns, er kennt sich in Italien aus, ich mich in Spanien, wir beide in Frankreich, das passt.
Witzigmann: Aber jetzt begrüße ich mal die Köchin. Buona sera, Signora Scolastra.
Maria Luisa Scolastra: Ich bin sehr gerührt, Sie kennenzulernen.
Witzigmann: Hmm. Interessantes Menü. Ein Umbra aus der Adria? Was ist das?
Breitner: Ich hab’s im Lexikon nachgeschlagen: Ist eine Äsche. Schreibt man mit Ä wie Ägypten. Die hab ich noch als Kind geangelt. Den fängst du am besten mit Käse.
Witzigmann: Der Rosmarin in der Serviette riecht so gut. Und Luisa hat wirklich alles aus Italien mitgebracht?

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Konstantin Wecker trifft ein.

Kellner: Alles. Dürfen wir Ihnen ein Glas Franciacorta anbieten?
Konstantin Wecker: Oh, bitte nur Wasser für mich. Wie heißt es so treffend: Bier erst ab vier, so früh trinke ich eigentlich nie. Wenn ich auftrete, sogar erst ab der Zugabe um elf Uhr nachts. Mit dreißig war es für mich noch kein Problem, auch während des Konzerts zu trinken, aber jetzt geht das nicht mehr.
Breitner: Ich bin ja 1974 nach Madrid zu Real gegangen. Günter Netzer, der ein Jahr vor mir ging, hat mich vorgewarnt, was auf mich zukommen würde, aber ich habs nicht geglaubt: Ich komme also vor meinem ersten Spiel in den Speisesaal und sehe ein Meer von Messern und Gabeln, auf jedem Vierertisch eine Flasche Rotwein. Ich denke, ich bin falsch, suche mir den nächsten Kellner und frage, wo isst denn die Mannschaft? Er sagt, da, wo Sie gerade rausgekommen sind. Es kamen sieben Gänge.
Wecker: Am Spieltag?
Breitner: Anstoß um 16.30 Uhr. Die sind ja blöd, dachte ich mir. Und habe mir, wie ich es von Bayern kannte, zwei Spiegeleier oder ein kleines Steak ohne alles machen lassen und eine Cola dazu getrunken. Die anderen Spieler sagten: Ja, ja, so hat La Rubia – Günter hieß La Rubia, die Blonde – auch angefangen, und nach sechs Wochen hat er genauso gegessen und getrunken wie wir. Bis 1974 habe ich ja kaum Alkohol getrunken, vielleicht mal einen Pommery oder einen Gin Fizz, na ja, mal ein Weißbier, aber sonst nichts. Die anderen haben die sieben Gänge gegessen und Wein getrunken.
Wecker: Ein Glas?
Breitner: Eher zwei. Um halb drei sind sie aufgestanden, an die Tagesbar gegangen und haben Carajillo getrunken, Espresso mit Brandy, dazu gab’s zwei, drei Zigarettchen. Um kurz vor drei haben sie die letzte Zigarette ausgedrückt, und wir sind in den Bus und ins Stadion. Spiel begann, ich schau und schau und bin gespannt, wer von meinen Nebenspielern als Erster zusammenbricht. Passierte aber nicht. Wir haben gewonnen. Zweites Spiel – same procedure. Drittes Spiel wieder. Vor dem vierten Spiel fragt mich der Kellner: Spiegeleier oder Steak? Sage ich: Stopp. Ab sofort nehme ich alles so wie die anderen. Inklusive Rotwein. Und es hat nicht geschadet.
Witzigmann: Im Zeitalter der Ernährungswissenschaft wäre das schlecht möglich.
Breitner: Wieso? Ich weiß ganz bestimmt, dass das bei einigen Vereinen in Spanien immer noch so gehandhabt wird.
Witzigmann: Die Ernährungswissenschaftler erzählen ja auch alle paar Jahre was Neues. Zu was die schon alles geraten haben: Wiener Schnitzel mit trockenen Nudeln. Haas-Diät hieß das Anfang der Achtziger.
Breitner: Wiener Schnitzel mit Nudeln haben sie uns in Wien beim Spiel mal vorgesetzt. Nudeln in Wien – so ein Schmarrn. Den Ernährungswissenschaftlern habe ich noch nie geglaubt. Die zählen nur hysterisch irgendwelche Körner ab und suchen die Entschuldigung für ein schlechtes Spiel beim Essen. Die Leute müssen sich wohlfühlen, das ist das Einzige, worauf es ankommt, in jedem Beruf. Musste ich in Madrid auch erst lernen. Als ich zurück in die Bundesliga gewechselt bin, habe ich vier Wochen lang die Kellner gebeten, mir im Saftkrug heimlich Wein zu servieren. Der Trainer war einverstanden. Wenn’s dir guttut, machst du das so. Aber irgendwann mochte ich diese Heimlichtuerei nicht mehr. Ich hab den Alkohol vor Madrid nicht gebraucht, und ich brauchte ihn auch danach nicht. Aber gut essen, das habe ich beibehalten.

Es treffen zufällig gleichzeitig ein: Doris Dörrie, Brigitte Hobmeier, Axel Milberg und Marcus Rosenmüller, der sich jedem mit »Servus, der Rosi« vorstellt. Alle begrüßen die Köchin mit ein paar Worten Italienisch, das können die Münchner eben. Hannelore Elsner kommt mit schwarzer Mütze auf dem Kopf.

Hannelore Elsner: Soll ich die Mütze anlassen? Ich hab ja meine Klipse noch drin, hab mir die Haare noch schnell gewaschen. Ich müsste sie auskämmen.
Doris Dörrie: Lass doch so, sieht gut aus. Vielleicht eine Strähne aus der Mütze rausgucken lassen.
Elsner: Nein. Das mag ich ja gar nicht. Ja, was soll ich denn jetzt tun?
Marcus Rosenmüller: Mit Mütze kannst du dich nicht an den Tisch hocken, um hier mal Tacheles zu reden.

Matthias Lilienthal kommt dazu und steuert gleich auf Rosenmüller zu.

Matthias Lilienthal: Wir hätten uns längst mal kennenlernen sollen. Till Hofmann (Münchner Kulturmanager, Anmerkung der Redaktion) hatte öfter schon versucht, uns zusammenzubringen. Die alte Kontaktschlampe.
Rosenmüller: Endlich angekommen in München?
Lilienthal: Ich bin doch Münchner.
Rosenmüller: Wusste ich nicht.
Lilienthal: Seit einem Jahr.
Rosenmüller: Das Jahr habe ich gemeint.
Lilienthal: Mit der Mundart klappt es noch nicht.
Brigitte Hobmeier: Hier stehen ja gleich Männer beieinander, die ich gut kenne.
Axel Milberg: Hallo, Doris, bist du jetzt jeden Tag in der Flüchtlingshilfe?
Dörrie: Jeden Tag, ja.
Milberg: Und kommen da auch Familien vorbei, die nicht direkt betroffen sind von der akuten Flüchtlingsproblematik?
Dörrie: Nein. Das sind alles Flüchtlinge, die kommen. Sie bekommen Bezugsscheine und kriegen die Kleider von uns.
Milberg: Also du kannst nicht einen Secondhandladen haben und mal schauen, was bei euch so zu holen ist.
Dörrie: Nein. Die Leute, die in den verschiedenen Kasernen ankommen, also in der Bayernkaserne und der Domagkstraße, kriegen den Schein, und man sagt ihnen, dass sie zu uns kommen können.
Milberg: Wir haben uns vorgestern dort gesehen. Meine Frau und ich haben ein paar Sachen abgegeben, da stand Doris auf der anderen Seite des Tisches und nahm sie in Empfang.
Dörrie: Ich mache das seit zwei Monaten, fast jeden Tag. Ich habe etwas gesucht, wo ich auch mal ausfallen kann. Und ich wollte etwas machen, was keiner so gern macht. Klamotten sortieren – da kriegt man nicht die dankbaren Kinderaugen. Aber ich lerne ganz schön viel. Zum Beispiel, wie groß unsere Männer sind. Riesig. Deren Sachen passen den Flüchtlingen nicht.

Sahra Wagenknecht kommt dazu. Sie hat wenig Zeit, um 18 Uhr muss sie schon wieder fliegen, weil sie eine Abendveranstaltung in Berlin hat. Jetzt sind alle Gäste da. Auch Lilienthal möchte keinen Franciacorta. Er hat am Abend noch zwei Sitzungen.

Elsner: (zu Lilienthal) Kennen wir uns eigentlich?
Lilienthal: Wir haben uns mal kennengelernt.
Elsner: Das muss aber schon ein Weilchen her sein.
Lilienthal: Ich bin ja nicht erst seit gestern im Geschäft.
Elsner: Ich fahre morgen zu einem Thomas-Bernhard-Festival nach Österreich, ich soll Bernhard lesen, aber ich glaube, ich kanns gar nicht richtig.
Lilienthal: Was lesen Sie?
Elsner: Holzfällen. Kennen Sie das? Das ist toll. Aber ich frage mich die ganze Zeit: Das sind ja seine Gedanken, wie soll ich das lesen? Voriges Jahr haben Wolfram Koch und Tobias Moretti Bernhard gelesen, das war natürlich sehr virtuos.
Lilienthal: Kann man Thomas Bernhard nicht virtuos lesen?
Elsner: Das ist die Frage. Es ist ja virtuos. Aber ich hatte den Gedanken, dass das auch zu virtuos sein kann, zu ausgestellt. Ich hatte das Bedürfnis, eher so somnambul zu lesen. Und nicht zack, zack.
Lilienthal: Für mich ist Thomas Bernhard immer der alte Minetti. Und wenn Sie das lesen, als Frau, müssen Sie sich genau dazu ins Verhältnis setzen. Also anders machen.
Elsner: Hannelore Elsner macht Minetti, das geht ja auch gar nicht. Es ist so ein wunderbarer, dramatischer, trauriger Text.

Die Gäste stehen noch. Der Kellner serviert den ersten Gang: Stockfisch auf kleinen Tellern. Er sagt, der Fisch sollte warm genossen werden.

Breitner
: Stockfisch. Baccalà.
Milberg: Es gibt im Lenbachhaus einen Stockfisch von Joseph Beuys. In Form eines umgedrehten Kreuzes.
Wecker: Isst man jetzt im Stehen oder im Sitzen?
Elsner: Keine Ahnung. Uns Schauspielern muss man ja immer sagen, was wir tun sollen, nicht wahr? Die Köchin ist verliebt, oder?
Wecker: Nein, Stockfisch ist so. Der ist in Salz eingelegt. Muss man mögen.
Kellner: Obwohl er drei Tage lang mit kaltem Wasser entsalzt wurde.

Nun sitzt die Runde am Tisch. Schon wird der zweite Gang gereicht, auch auf kleinen Tellern, Rührei mit Minze.

Rosenmüller: Ah, danke. Ich wollte ja eigentlich nichts vorher zu Mittag essen. Ich hab es nicht geschafft: zwei Teller Bolognese. Aber jetzt geht es schon wieder. Das ist ja bei mir das Fatale. Hm, interessant, dass das zusammengeht: Minze und Rührei.
Milberg: Ich wollte eigentlich schon gestern nichts mehr essen. Aber wir haben gerade ein persisches Kochbuch geschenkt bekommen, da hat meine Frau am Abend die Aubergine nachgekocht. Musste ich natürlich probieren, man will ja nicht unhöflich sein.
Wecker: Gibt es nun eine gestrenge Tischordnung? Keine? Na, dann will ich neben dir sitzen, Sahra.
Rosenmüller: Ob ich neben jemand Bestimmtem sitzen will, weiß ich noch nicht. Das weiß ich erst danach.
Milberg: Sie sind aber nicht jetzt wegen des Essens nach München gekommen, Frau Wagenknecht?
Sahra Wagenknecht: Doch, ich bin extra für das Tischgespräch gekommen. Ich hatte eigentlich noch eine weitere Veranstaltung hier geplant, die hat sich verschoben. Aber da hatte ich hier schon zugesagt. Ich habe mich darauf besonders gefreut. Ich wollte dann auch niemanden vor den Kopf stoßen.
Milberg: Sie sollten wenigstens noch in die Gaultier-Ausstellung gehen. Die ist der Hammer. Wecker: Mode hat mich nie sonderlich interessiert. Konnte Mode nie als Kunst begreifen.
Milberg: Gaultier hat vier Jahrzehnte das Leben auf der Straße geprägt. Man glaubt, da stünden Menschen, die erzählen. Dabei sind es nur Puppen.
Wecker: Wo möchtest du dich hinsetzen, Hannelore?
Elsner: Weiß ich nicht. Find ich ja blöd, wenn es keine Tischordnung gibt. Wie soll ich jetzt sagen, neben wem ich sitzen möchte? Komm du doch mal her, Matthias.
Hobmeier: Er macht das. Wenn man ihm sagt, er soll herkommen, macht er das.
Elsner: Ich fühle mich ein bisschen ausgestellt hier am Kopfende, aber ich habe einen guten Überblick.
Lilienthal: Du hast ja auch schon alle hier rumkommandiert.
Elsner: Nein, bitte, so ist das nicht. Dauert es noch lange, bis das Lammcarré kommt? Ich esse eigentlich kein Fleisch mehr. Bewusst jedenfalls nicht mehr. Zu fleischig sollte es nicht schmecken. Ich hab Tiere essen gelesen. Der Autor hat so genau beschrieben, was wir anrichten mit unserer ganzen Fleischesserei! Früher war das anders. Als Kind hab ich meiner bayerischen Oma beim Schlachten zugeschaut. Da war es was ganz Kostbares, es gab einmal in der Woche den Sonntagsbraten. Sie zog die Tiere selbst auf, sie hatte ein Häusel mit meinem Opa. Hühner und Hasen, Gänse, Ziegen.

Lilienthal: Ich esse Biofleisch. In der Kantine der Kammerspiele gibt es fast nur Fleisch.
Elsner: Das ist ja die Schande. Weil es am billigsten ist. Ich habe damals alles gegessen, obwohl ich wusste, dass es das Kaninchen war, das eben noch herumgehüpft ist. Das wurde nicht verschwiegen, sondern zelebriert.
Lilienthal: Mein Sohn hat sich zwischen drei und sechs nur von Fischstäbchen ernährt. Dann wurde in der Sendung mit der Maus gezeigt, woraus Fischstäbchen bestehen. Er hat mich entsetzt angeguckt und gesagt: Das esse ich nie wieder.
Elsner: Ich habe zweimal im Leben einen Kochkurs gemacht. Den ersten, als ich geheiratet habe, in Berlin in einer Riesenküche, das war grauenvoll. Ich konnte ja gar nichts. Nicht mal Kartoffeln kochen. Nur Szegediner Gulasch habe ich von meiner Mutter gelernt. Wenn man es aufgewärmt hat, schmeckte es noch besser. Kam allerdings kaum vor, weil es immer aufgegessen wurde.
Lilienthal: Deine Mutter kam woher?
Elsner: Aus Bayern. Ich bin in Burghausen geboren. Die Großmutter lebte in Altötting, alles in dieser katholischen Gegend. Da war ich auch im Internat, im Kloster, schon mit acht Jahren, weil mein Vater so früh gestorben ist.
Lilienthal: War scheiße?
Elsner: Ich war ein verlorenes Kind. Hab mich in der Einsamkeit versteckt. Meine Oma hat mich jeden Tag besucht, hat mir Sanostol mitgebracht, Lebertran. Da konnte man nicht nach Hause, nur in den Ferien. Außerdem war ich ja im Internat, weil meine Mutter mich nicht brauchen konnte.
Lilienthal: Was hat deine Mutter gemacht?
Elsner: Sie hat einen Schreibwarenladen gehabt und versucht, nach dem Tod meines Vaters zu überleben. Meine Oma war mir näher. Wenn ich jetzt aus meiner Biografie lese, die heißt Im Überschwang, reißt es mich jedes Mal wieder mit. Ich war ja wie ein Waisenkind.
Lilienthal: Hast du deiner Mutter das übel genommen?
Elsner: Ich weiß, dass sie versucht hat, mit dem Leben zurechtzukommen, aber es ist ihr schwergefallen. Sie hatte so viel zu verkraften. Das war nicht nur der frühe Tod meines Vaters. Mein Bruder ist mit fünf Jahren von den allerletzten Tieffliegern erschossen worden, als er im Zug zu meiner Oma saß. Ich war drei, er fast fünf. Meine Mutter lag im Krankenhaus, weil zwei Tage vorher mein kleiner Bruder zur Welt gekommen war. Es gibt dieses Foto, meine Mutter, schwarz verschleiert, daneben steht eine Krankenschwester mit einem Bündel, weiß verschleiert, da ist mein Bruder drin in seinem Taufkissen. Daneben stehe ich, mit einer Schleife im Haar, und lache. Als ich dreißig war, ist meine Mutter gestorben, viel zu früh, mit 59. Mein kleiner Bruder lebt übrigens in München. Ich wäre auch immer in München geblieben, wenn ich nicht verschleppt worden wäre.

Hobmeier: Wohin bist du verschleppt worden?
Elsner: Nach Frankfurt. Da lebe ich, auf Abruf.
Hobmeier: Und wer hat dich dahin verschleppt? Deine Liebe?
Elsner: Ja. Eine ehemalige.
Wecker: Die Liebe ist weg, Frankfurt bleibt.
Lilienthal: Jetzt muss die Brigitte sagen: Hannelore, komm wieder nach München.
Hobmeier: Hannelore, komm wieder nach München. Aber es gibt eine tolle Kunstszene in Frankfurt.
Lilienthal: Und eine tolle Untergrundszene in München.
Wecker: An den Kammerspielen!

Der dritte Gang: Passierte Septembergemüse, Umbra, geröstete Brotwürfel mit Olivenöl extra vergine »Viola«. Wir sind 13 Leute am Tisch, zehn Gäste, drei Journalisten vom »SZ-Magazin«, die Unglückszahl darf nicht sein in Italien, es ist also für 14 Personen gedeckt.

Milberg
: Ich war kürzlich im Süden, wir hatten ein Haus gemietet. Wir haben dort Feigen vom Baum geholt und mit Käse gegessen. Ich hatte schon zwei große Bissen runtergeschluckt, als ich weiße Würmer in meiner Feige fand, die bewegten sich noch. Bin gleich auf die Toilette und hab mir den Finger in den Hals gesteckt. Mit mäßigem Erfolg. Jetzt bin ich feige vor Feigen.
Wecker: Ich liebe Italien. Ich habe ein Haus in der Toskana, hinter Siena. Da habe ich ursprünglich mal in einer Kommune gelebt. Damals war die Toskana noch nicht Mode. Die alten Männer im Dorf hatten noch die SS im Krieg erlebt und mich als Deutschen sehr beäugt. Bis ich dann mal Klavier für sie gespielt habe, Verdi und Puccini.
Wagenknecht: Ich finde ja Frankreich herrlich unprätentiös. Ich lebe an der französischen Grenze. Es ist kaum mehr vorstellbar, wie viel Blut in diesen Grenzregionen in der Vergangenheit geflossen ist, vor allem in den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Heute führen Radwege auf den Grenzlinien lang. Wenn ich daran denke, dass da inzwischen einige wieder Zäune oder Schlimmeres bauen wollen, bekomme ich Angst. Ich bin oft in Frankreich, und sei es nur, um uns morgens ein Baguette zu kaufen. Auch unser bestes Pilzgebiet ist kurz hinter der Grenze. Eins meiner Lieblingslokale heißt »Bonne Auberge«, das führen zwei Schwestern im Elsass, gar nicht weit von Saarbrücken, gleich hinter der Grenze. In Berlin geh ich gern zur »Nußbaumerin«, wegen der Marillenknödel, hat meine Oma immer gemacht. Mein Lieblingsgericht ist allerdings Spaghetti Pesto. Vor allem nach dem Fahrradfahren. Es schmeckt zwar auch ohne Sport, aber dann ist es eigentlich verboten. Mein Mann kocht sehr gut, sein Pesto ist großartig.
Wecker: Ich hab deinen Mann neulich im Fernsehen gesehen. Sah gut aus.
Wagenknecht: Er hat durch den vielen Sport abgenommen.
Wecker: Ich koche nicht gern. Wahrscheinlich bin ich der letzte Chauvi, der sich noch von seiner Frau bekochen lässt.
Wagenknecht: Ich habe nie Kochen gelernt. Ich hatte nie Zeit dazu. Außer Hefeknödel, aber die sind eigentlich zu viel Aufwand für zwei.
Lilienthal: Ich finde das Wichtigste am Kochen das Einkaufen.
Wagenknecht: Sehen Sie, da hapert es schon mit der Zeit.
Lilienthal: Wenn die Bestandteile, aus denen man kocht, nicht super sind, kann man wenig ausrichten.
Wagenknecht: Wir genießen im Saarland den Luxus, dass man ständig frische Meeresfrüchte bekommt. Kenne ich aus Berlin gar nicht. Auch Wachteln, Perlhuhn, französische Spezialitäten. Da kriegt man so gute Produkte, da kann sogar ich fast kochen. In Berlin esse ich immer nebenher. Können Sie gut kochen?
Lilienthal: Ich kann anständig kochen. Meine Mutter konnte gar nicht kochen.
Wagenknecht: Meine halt auch nicht.
Lilienthal: Da haben wir Kinder immer gesagt, bitte lass es, wir machen das.
Elsner: Ich koche immer nach Kochbuch. Behalten kann ich das auch nicht.
Wagenknecht: Aber man braucht trotzdem ein Gefühl, wenn man aus dem Kochbuch kocht. Das macht bei uns meistens Oskar. Ich suche im Internet ein Rezept, und irgendwas variiert er dann, darum schmeckt’s. Wenn man eins zu eins kocht, das habe ich immer gemacht, schmeckt’s nicht. Man muss wissen, was man ändern muss.
Lilienthal: Man muss jedes Gericht sieben Mal kochen. Ab dem fünften Mal wird es besser. Wagenknecht: Meine Mutter hat gearbeitet, typischer DDR-Haushalt, sie war alleinerziehend, wir haben abends kalt gegessen. Heute bin ich völlig umgestellt und esse abends warm, mittags habe ich selten Hunger auf was Warmes. Am Wochenende hat meine Mutter mal gekocht, einfache Sachen. Meine Großeltern, die konnten kochen, österreichische Knödel und lauter Sachen, die mich figürlich in der Kindheit etwas aus dem Rahmen gehen ließen. Aber ich habe nie gefragt, wie man die macht, was ich schade finde, denn die findet man in keinem Restaurant.
Lilienthal: Dann müssen Sie nach München umziehen.
Wagenknecht: Sind bestimmt andere Knödel. Hier gibt’s die leider auch nicht.
Lilienthal: Das Essen in München ist gut, eine echte Verbesserung gegenüber Berlin. Wagenknecht: In Berlin überleben so viele schlechte Restaurants, die würden es in anderen Städten gar nicht schaffen. Für mich war das auch ein kulinarischer Sprung ins Saarland. Lilienthal: In meiner letzten Zeit in Berlin war mein Lieblingsladen ein Ramen-Shop in der Gipsstraße. Nur japanische Nudeln, in acht Variationen. Man kann nicht reservieren, und meine japanischen Freunde sagen, das sei der beste Ramen-Laden außerhalb Japans. Nicht weit vom Bundestag!
Elsner: Japanische Nudelsuppe finde ich toll. Davon könnte ich leben.
Breitner: Mein Lieblingsessen sind Dampfnudeln mit einem Sauternes, sonst esse ich eher keine Süßspeisen, aber zweimal im Jahr gönne ich mir das. Oder einen Kaiserschmarrn. Macht meine Frau ganz großartig, sie ist Österreicherin.
Milberg: Ich koche am liebsten Kasseler mit Ananaskraut, mit Wacholder, Lorbeer und Nelken. Muss man lange schmoren lassen, bis knapp vorm Angebratensein, die meisten nehmen es zu früh raus. Mach ich nur, wenn meine Frau weg ist. Die mag das gar nicht. Beim Rest der Familie kommt das nämlich gut an. Und Rinderrouladen koche ich auch. Geschmort. Da kommt es drauf an, das Wasser aus dem Gurkenglas mitzukochen. Ab und zu mache ich auch Kartoffelsalat mit Äpfeln, norddeutsch, nicht mit Brühe.
Wecker: Ich liebe Kartoffelpüree über alles. Mit Rahmspinat. Hab ich schon als Kind so gern gegessen.
Wagenknecht: Aber mit Knoblauch, oder?
Wecker: Natürlich. Püriert muss der Spinat sein. Meine Frau mag das weniger, die ist absolut thailandverrückt. Sie hat aber auch Backbücher herausgegeben. Ich schick euch mal eins.

Der Kellner serviert den nächsten Gang: Linsen aus dem eigenen Garten, Fleischkügelchen aus Chianina-Rind, Parmesan und Balsamico di Sagrantino »Rancolfo«.

Rosenmüller: Weißt du noch, Doris? Ich war bei dir im Unterricht.
Dörrie: Natürlich weiß ich das. Ich weiß auch noch den Seminarraum ganz genau. Ach, unsere gute alte Filmhochschule. Aber ich bin ganz zufrieden mit dem neuen Gebäude.
Rosenmüller: Bisschen kühles Ambiente.
Dörrie: Sieht aus wie Stammheim.
Rosenmüller: Ganz schlimm finde ich die Mensa.
Dörrie: Von Architekten gebaut, die nicht kapiert haben, dass Filmen Kommunikation ist. Man darf in der Filmhochschule auch keine Plakate aufhängen, ausgerechnet! Aber wir sind alle näher aneinander, das funktioniert besser.
Rosenmüller: Ich bin ja ein fauler Hund. Du hast mir beigebracht, dass man nicht aus der Übung kommen darf. Dass man auch schreiben soll, wenn gerade kein Film ansteht, kein Geld da ist. Als würde man sich auf einen Marathon vorbereiten, einfach laufen um des Laufens willen.
Dörrie: Freut mich sehr.
Rosenmüller: Ich habe dich 1995 zum ersten Mal gesehen, beim Tag der offenen Tür. Bernd Eichinger war auch da. Ein Student hat ihn was gefragt, sehr eloquent, ich hab nichts kapiert. Ich war froh, als der Bernd Eichinger zu ihm sagte: Ich weiß überhaupt nicht, was du mir gerade sagen wolltest. Du hast gerade gedreht, oder?
Dörrie: Ja, in Japan. Der schlimmste Dreh meines Lebens.
Rosenmüller: Wieso denn?
Dörrie: Fukushima war ultrahart. Wir haben mit Geigerzähler gedreht. Im Katastrophengebiet gab es nix außer einem Puff und einem Krematorium.
Rosenmüller: Hattet ihr keine Angst vor den Strahlen?
Dörrie: Wir hatten gehofft, dass kein Wind geht. Und hatten dann sieben Wochen lang Windstärke acht, da ist uns der kontaminierte Staub um die Nase geflogen. Aber die Strahlung war geringer als die Durchschnittstrahlung in München. Das war beruhigend.
Rosenmüller: Das beruhigt nun mich aber nicht.
Dörrie: Strahlung steigt ja mit der Höhe, und München liegt hoch. Wir waren drei Monate dort. Da leben nur noch Bauarbeiter. Die spielen auch im Film mit. Sie waren so reizend, so glücklich, dass sich jemand für sie interessiert. Keiner hat je einen Spielfilm darüber gedreht. Der Film ist eine Mischform aus Dokumentation und Fiktion.
Rosenmüller: Woher kommt deine Liebe zu Japan?
Dörrie: Ich war 1985 zum Japan-Filmfestival mit meinem allerersten Film eingeladen. Da bin ich im Land herumgetrampt und konnte nicht mehr aufhören. Ich fand es toll, nichts zu verstehen, nicht zu wissen, wo ich bin. Ich mag die Fremdheit.
Rosenmüller: Japan kenne ich ja nur vom Essen.
Dörrie: Die Bauarbeiter in unserem Hotel haben für uns gekocht: Nudelsuppe, Gemüse, Lotuswurzeln.
Rosenmüller: Japanisches Essen ist gesund, oder?
Dörrie: Ach, die haben alle Leberkrebs. Und Magenkrebs. Von der Sojasauce.
Rosenmüller: Ich mag ja Sojasauce.
Dörrie: Die Menge macht’s. Japaner essen eben einfach immer Sojasauce. Und was treibst du zurzeit?
Rosenmüller: Ich durfte im Frühjahr eine Oper inszenieren. Und für den nächsten Film warte ich auf Geld.
Dörrie: Wie viel?
Rosenmüller: 10,8 Millionen.
Dörrie: Das ist zu viel.
Rosenmüller: Nicht für diesen Film: eine deutsch-englische Koproduktion. Eine wahre Geschichte. Es geht um Bert Trautmann, einen deutschen Torwart, der in England im Kriegsgefangenenlager war. Er hat sich dann in England verliebt und wurde Star von Manchester City. In einem großen Finale hat er sich das Genick gebrochen.
Dörrie: Oh, mein Gott.
Rosenmüller: Er hat überlebt.
Dörrie: Aber er hat nie wieder Fußball gespielt?
Rosenmüller: Er hat das Spiel zu Ende gespielt. Dann trug er monatelang Gips. Und ist zurück auf den Platz. Er wurde in England ein Held, geliebt bis ins Alter. Ist eine tolle Heldengeschichte: Als Manchester ihn 1949 in die Mannschaft nehmen wollte, sind 20 000 Fans auf die Straße und haben demonstriert: gegen den vermeintlichen Nazi.
Dörrie: Fußball! Ich war bei der Champions League in Lissabon und fand das so langweilig. Ich habe nur die Riesengeldmaschine wahrgenommen. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als ein Fußballspiel drehen zu müssen.

Hobmeier
: Prost da drüben!
Milberg: Freut mich, dass es dir so gut geht.
Hobmeier: Hab ich denn noch Hunger?
Milberg: Du möchtest wissen, ob es noch was gibt? Darf ich dir noch was zu trinken einschenken?
Hobmeier: Oh, das ist ein anderer Weißwein. Da müssen wir erst mal austrinken.
Milberg: Von Weißwein krieg ich Herzrasen und wache nachts um halb drei auf. Bei Rotwein schlafe ich durch. Diesen Sommer habe ich Gin Tonic entdeckt, davon wirst du wach, kommst in Plauderlaune. Hab ich viel getrunken, als es so heiß war. Fühlte mich unschuldig, als hätte ich Wasser getrunken.

Der Kellner serviert offene Lasagne mit Steinpilzen und Wildtaube.

Wecker: Entschuldigen Sie, ich esse kein Weizenmehl. Wegen einer Glutenunverträglichkeit. Keine Spaghetti, keine Pizza.
Witzigmann: Wieso denn das?
Wecker: Ich hatte Hautprobleme. Der Weizen ist ja generell nicht mehr gut. Sie kennen das Buch Dumm wie Brot? Oder das mit dem Titel Weizenwampe? Ich hab zehn Kilo abgenommen, schöner Nebeneffekt.
Scolastra: Warum hast du nicht Bescheid gegeben? Ich mache dir die Pilze in der Pfanne, ohne Nudeln. Wenn du mich mal im Restaurant besuchst, mache ich dir alles ohne Mehl. Nur ruf vorher an.
Wecker: Jetzt, wo meine Kinder schon größer sind, wollen sie nicht mehr so oft ihre Ferien in Italien verbringen. Aber Ostern komme ich. Versprochen.

Der Kellner trägt einen Korb mit den restlichen Steinpilzen heran und zeigt sie vor. Erde hängt noch an den Stielen.

Dörrie: Die sind ja groß wie Brotlaibe.
Elsner: Wahnsinn.
Rosenmüller: Die würde ich auch finden im Wald. Ich kenne mich ja gut aus im Wald, aber mit Schwammerln nicht.
Wecker: Kommt vielleicht noch.
Rosenmüller: Mit dem Alter, meinst du? Ich mag sie auch nicht. Das Glitschige. Aber ich esse auch keine Sauce, in der Schwammerl waren. Suchst du Schwammerl?
Wecker: Ich hab das gemacht, aber dann hab ich Angst gekriegt. Ich hab einmal was Falsches gefunden.
Elsner: Einen Fliegenpilz?
Wecker: So schlimm nicht. Aber mir ist sehr schlecht geworden, und da hab ich gemerkt, wie gefährlich das sein kann. Es gibt in München Stellen, wo du die Pilze anschauen lassen kannst. Elsner: Dann macht das keinen Spaß.
Wecker: Ist wahr. Am Ende bleibt meist nur ein Pilz übrig.
Witzigmann: Solche Steinpilze findet man bei uns gar nicht. Man sieht genau den Wald, aus dem sie sind. Mischwald. Die Italiener sind ganz große Pilzliebhaber. Es schmeckt wunderbar, man kann es nicht genug loben. Alles hat Luisa aus Umbrien hergebracht. Aber an Ort und Stelle schmeckt das natürlich noch mal ganz anders. Im Grünen.
Wecker: Ich hab in Italien jetzt einen Trüffelhund gesehen. Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt. Der Hund läuft rum, völlig nervös, und hat wahrhaftig ein kleines Stück Trüffel gefunden. Der muss zwischendurch auch mal was finden, genau wie Drogenhunde. Ich bin ja öfter untersucht worden. Einmal sehe ich, wie der Polizist was aus der Hosentasche zieht, hab sofort eine Story gewittert und gerufen: Was machen Sie da? Ich habs gesehen, Sie wollen mir was unterjubeln! Sagt er: Nein, das braucht der Hund, als Erfolgserlebnis.
Elsner: Ist ja süß. Wenn die Leute mit Menschen auch mal so umgehen würden.
Dörrie: Gehen wir nicht so mit Schauspielern um?
Rosenmüller: Ich sag immer, aber ernst gemeint: Das war jetzt ganz gut. Oder: Das hab ich so noch nicht gesehen.
Lilienthal: Solange du nicht sagst: Da war was Schönes dabei.
Dörrie: Aber wir machen’s lieber noch mal.
Rosenmüller: Genau, zur Sicherheit.
Wecker: Als ich mit der Senta bei Kir Royal gespielt habe, ganz kleine Szene, ich war Studiomusiker, haben sie und ich uns eine halbe Stunde vorher ausgemalt, wie wir’s machen. Großartig haben wir’s gespielt, fanden wir. Da sagt der Helmut Dietl: Das war jetzt ganz toll, aber überhaupt nicht das, was ich mir vorgestellt hab. Sehr höflich.
Witzigmann: Das Essen wird hier nicht genügend gewürdigt. Jetzt hab ich mich nur über Fußball unterhalten.
Hobmeier: Wir reden zu viel?
Witzigmann: Nein, Reden ist wunderbar. Man kann Essen auf zwei Arten betrachten. Einmal ist es nur ein Mosaikstein des Gesamten, dazu gehört ein nettes Vis-à-vis, das besondere Gespräch am Tisch. Dann kann es etwas ganz Einfaches sein und ist wunderbar. Aber es gibt auch das Essen, wo man sich schon auch auf das Essen konzentriert. Luisa gibt sich so viel Mühe. Man sollte ihre Arbeit mehr würdigen.
Hobmeier: Da haben Sie recht.

Applaus. Lobesworte von allen Seiten. Luisa schaut halb glücklich, halb verlegen.

Wecker: Ich täte einen Jahrhundertkoch nicht bekochen. Das wäre so wie vor Friedrich Gulda Klavier zu spielen.
Hobmeier: Wie finden Sie denn das Essen, Herr Witzigmann?
Witzigmann: Ich bin begeistert. Ich kannte Luisa ja noch nicht persönlich. Molto buono. Die Minze beim Rührei – fast sizilianisch. Platterbsen kannte ich noch gar nicht, Umbra hab ich auch noch nie gegessen. Luisas Saucen: sehr gut balanciert. Das Lamm: alte Schule im Ofen, ich sehe jetzt schon, das wird ein köstlicher Natursaft! Aber bitte, kleinere Portionen für mich. Ich bin ein alter Mann. Den Teller halbvoll zurückgehen zu lassen, da tut mir das Herz weh. Wir haben ja noch so viel vor uns: das Lamm, den Pecorino, ein typischer Käse aus Umbrien, also, wenn das so weitergeht!
Hobmeier: Ich glaube, ich brauche einen zweiten Magen.
Elsner: Kommt gleich.
Hobmeier: Habt ihr eigentlich dieses Skandälchen mitbekommen, das wir in Salzburg hatten? Der FPÖ-Chef Strache war beim Jedermann gesessen. Musiker von uns hatten ihn erblickt und daraufhin die Internationale improvisiert, fünf, sechs Sekunden lang. Das warf die große Frage auf: Darf man das oder nicht? Wie wäre das für dich, Matthias, wenn einer deiner Schauspieler auf der Bühne seine politische Haltung darstellen würde?
Lilienthal: Ich versuche, mich einer parteipolitischen Funktionalisierung zu entziehen. Geht es im Programm aber um Flüchtlinge, und die Musiker spielen die Internationale an, so ist das ein poetischer Umgang damit.
Elsner: Heutzutage ist die Stimmung eh so aufgeheizt. Jeder glaubt, er müsse seinen Senf zu allem dazugeben.
Lilienthal: Hannelore, hattest du eigentlich Angebote von Theatern in den letzten Jahren?
Elsner: Nein. Ich glaube aber, wenn man für etwas wieder bereit ist, kommt auch was.
Lilienthal: Man muss es nur laut genug einem Medium mitteilen. Jetzt zum Beispiel. Ich habe mal im Radio gesagt, ich würde gern ein Festival in Brasilien machen. Und bekam was? Ein Festival in Brasilien.
Elsner: Dann hätte ich nun gerne ein Grundstück am Attersee.
Hobmeier: Wunderschöner See. Der schönste der Welt.
Elsner: Da kam mein Vater her.
Lilienthal: Gibt es keine Grundstücke mehr an dem See?
Elsner: Man kann sie nicht kaufen, nicht von dem, was man in unserer Branche verdient. Lilienthal: Wie wäre es mit Tatort-Kommissarin?
Elsner: Ich war ja nun schon Kommissarin, und ich kann sagen, damit wird das Grundstück am Attersee auch nicht bezahlt werden können. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein bisschen kontinuierlich Geld verdient habe, das ist wahr.
Lilienthal: Was kriegst du denn pro Drehtag?
Elsner: Das gehört jetzt wirklich nicht hierher. Das Schauspielerleben ist eine Mischkalkulation. Mal arbeitet man gut bezahlt, mal gar nicht. Die Unberührbare habe ich gespielt, weil ich unbedingt wollte, da gab es fast nichts. Aber dann habe ich den Deutschen Filmpreis gewonnen und den Bayerischen noch dazu, hier 20 000, da 30 000, das hat sich dann doch gelohnt.
Milberg: Als festangestellter Schauspieler der Kammerspiele bekam man vor dreißig Jahren von der Stadt zu Weihnachten immer einen Fresskorb mit Dauerwurst und so. Hat man später immer ans Waisenhaus verschenkt, aber einmal hab ich den aufgemacht, spätnachts, nach der Vorstellung. Fand Suppenhuhn in der Dose. Ich hab verzweifelt versucht, das Huhn rauszupressen, ging nicht, das Huhn wollte partout nicht aus der Dose. Ich bin hungrig schlafen gegangen.
Hobmeier: Was machst du als Nächstes? Was Grimme-Preis-Verdächtiges?
Milberg: Auf jeden Fall. Ich spiele einen Promi-Wirt auf Sylt. Fürs ZDF. Aber heute fliege ich erst mal nach Afrika. Lesotho.
Hobmeier: Zum Drehen?
Milberg: Nein, meine Frau und ich betreuen ein Waisenhaus. Wir sammeln Geld.
Hobmeier: Warum bist du dann noch nicht zu mir gekommen?
Milberg: Das Geld reicht für die nächsten Jahre. Ein Südafrikaner, ein Idealist, hat das gegründet. Die haben nichts in Lesotho, und um die Kinder kümmert sich kein Mensch. Die Kinder, die nicht im Waisenhaus sind, beneiden die Waisen, denn die bekommen eine Ausbildung, lernen Lesen und Schreiben, damit sie sich eines Tages einen Job ausdenken können, der da funktioniert: wie aus Zebrahaut Sandalen zu machen.
Kellner: Darf es noch etwas Weißwein sein?
Breitner: Den mag ich nicht, ist mir zu holzig.

Witzigmann: Wie hat Ihnen Salzburg gefallen, Frau Hobmeier?
Hobmeier: Drei wunderschöne Sommer hab ich da gehabt. Aber mein Au-pair-Mädchen konnte nicht schwimmen. Ist natürlich schwierig am Attersee. Wie beim Witz mit dem Bayern, der ertrinkt und dem man zuruft: Hättst halt schwimma glernt, Depp!
Wecker: Wie alt ist dein Sohn?
Hobmeier: Zehn. Ich dachte immer, er wird ein Fußballer, aber jetzt spielt er Golf. Wir haben im Jahr des Triple keinen Verein für ihn gefunden.
Breitner: Beim Fußball sind die Chancen eh schlecht. In jedem Jahrgang stehen die Chancen eins zu zehntausend auf den Durchbruch, also einen Profivertrag bei den Senioren.
Hobmeier: Ich war selber Leistungsschwimmerin. Bayerische Meisterin im Delfin. Der Trainer ist wichtig.
Breitner: Man braucht drei verschiedene Trainertypen: bis zehn den Ersatzvater, bis 15 den Kumpeltypen, der dir hilft mit der ersten Freundin und der ersten Zigarette und dem ersten Rausch und der Schule – und zuletzt den, der noch Kumpel ist, dich aber auf das, was da kommt, vorbereitet. Die meisten gehen am falschen Trainer kaputt. Und am Desinteresse der Eltern.
Hobmeier: Ich hätte eher gedacht, dass überambitionierte Eltern den Spaß am Sport verleiden. Breitner: Das auch. Aber desinteressierte Eltern sind noch schlimmer.
Hobmeier: Mein Sohn hat mir jetzt Golf beigebracht, und meinem Mann auch. Für ihn ist das die größte Freude, dass er besser ist als die Mama. Der Thomas Müller ist ja auch ein guter Golfer, nicht wahr?
Breitner: Fünfzig bis sechzig Prozent aller Profi-Fußballer spielen Golf. Für mich schwer vorstellbar, mich jeden Tag nach dem Fußball noch mit einem anderen Ball zu beschäftigen. Ich habe zwanzig gute Jahre Ehrgeiz aufgebracht, weil ich meinen Körper und mein Hirn kennenlernen wollte. Dann war Schluss. Seit 32 Jahren versuche ich nurmehr, alle vier, fünf Tage zwanzig Minuten zu laufen.
Hobmeier: Und dann haben Sie so einen Körper?
Breitner: Meine Frau sagt, ich sei nur zu faul zum Essen. Ich frühstücke nicht, esse selten was zu Mittag, ab und dann mal ein Stück Brezel, abends esse ich richtig.

Kellner: Jetzt kommt ein Sagratino, der Spitzenwein Umbriens, darf ich einschenken?
Hobmeier: Der Wein ist wirklich schwer.
Breitner: Wie sonst nur Amarone.
Wecker: Mein Sohn ist 16. Interessant, dass die junge Generation wieder engagiert ist. Der hat mit 14 die Herbert-Wehner-Biografie gelesen. Ich dachte, ich spinne.
Wagenknecht: Ich mache auch die Erfahrung, dass viele junge Leute wieder gern über Marx reden, gerade auch, wenn sie sonst im Elternhaus darüber keine Ansprache finden.
Milberg: Tut mir leid. Ich muss jetzt los nach Afrika.
Rosenmüller: Man geht nicht vor der Hauptspeise. Ist unhöflich.
Milberg: Ach, das Lamm. Oh Gott.
Wagenknecht: Ich schau besser gar nicht drauf, was mir alles entgeht.

Wagenknecht und Milberg verlassen die Runde. Wecker geht kurz rauchen.

Hobmeier: Wenn ich jetzt die Serviette von Frau Wagenknecht versteigere, bringt die was? Dörrie, warum redest du nicht mit uns? Redet ihr Regisseure nur miteinander oder was?
Rosenmüller: Sie war meine Lehrerin. Jetzt hab ich selbst schon mal unterrichtet.
Elsner: (zu Rosenmüller) Was kochst du denn Exotisches zu Hause?
Rosenmüller: Ich koche alles gern. Vor allem Suppen. Sauerkrautsuppen.
Elsner: Das hätt ich jetzt gern.
Lilienthal: Du hast doch toll gegessen. Erzählst am Anfang, dass du Vegetarierin bist, und hast alles aufgegessen.
Elsner: Hab ich nie gesagt. Lüge.
Lilienthal: Ha, ich werde doch zum Provozieren eingeladen. Wie spät ist es? Habe noch zwei Sitzungen heute Abend. Zwanzig nach sechs. Oh, dann verpasse ich die erste Sitzung schon mal.
Wecker: Welches ist jetzt der leichtere Wein? Ich kann nicht mehr. Nachmittags Alkohol, das kann ich einfach nicht mehr.
Lilienthal: Find ich lustig in München: In Berlin wird man ja angeglotzt, wenn man morgens um zehn mit der Bierflasche rumläuft. Hier nicht.
Wecker: Das ist ein Wochenendphänomen. Unter der Woche passiert das nicht mehr. In den Siebzigern hat das noch jeder gemacht. In Andechs hab ich mal mit Braumeistern zusammengesessen, die haben Bierschorle getrunken, mit Wasser verdünnt. Schmeckt gar nicht schlecht. Kennen Sie den Witz: Sitzen der Paulaner, der Löwenbräu und der Augustiner zusammen. Die ersten beiden bestellen ihre Marke, der Augustiner bestellt Wasser. Wieso das, fragen die ersten beiden. Sagt der Augustiner: Ja, wenn ihr kein Bier trinkt, trink ich auch keins.
Lilienthal: Brigitte, du hast aber lang gebraucht fürs Foto. Was hast du denn mit dem Fotografen gemacht?
Hobmeier: Er ist ein halber Nachbar. Er wohnt neben der Eisdiele meines Mannes.
Rosenmüller: Neulich hat mir jemand erzählt: Die Gitti Hobmeier, die verkauft jetzt Eis. Lilienthal: Man verdient halt nix bei den Kammerspielen.
Hobmeier: Manchmal ist da so eine Schlange, dass ich aushelfe. Unsere Kostümbildnerin hat mich auch mal besucht, sie saß draußen, während ich Eis verkaufte. Dann hat sie mir erzählt, dass zwei Leute vorbeikamen und sagten: Mein Gott, und das war doch mal so eine gute Schauspielerin!
Rosenmüller: Stell dir vor, sie hätten gesagt: Eis verkaufen, das kann’s wenigstens.
Breitner: Servus, Pfiat eich, Wiederschaun.
Witzigmann: Gehst du auch schon?

Auch Rosenmüller muss jetzt zum Elternabend. Endlich kommt das Lamm, der Höhepunkt.

Wecker: Dafür, dass ich nichts mehr essen wollte, esse ich ganz schön viel. Wir bräuchten eigentlich ein Laufband hier.
Lilienthal: Ich hatte mich ja dafür ausgesprochen, das Lamm vier Gänge vorzuziehen. Witzigmann: Hmmm. Wunderbares Fleisch. Kommt mit Marmelade. Luisa sorgt für uns wie eine Mama.
Hobmeier: Hätten Sie nicht wieder Lust auf ein Restaurant?
Witzigmann: Lust immer, aber das wäre ja idiotisch mit bald 75 Jahren.
Hobmeier: Wen bekochen Sie noch?
Witzigmann: Mich selbst.
Hobmeier: Und dann fragen Sie sich: Na, wie schmeckt’s dir?
Wecker: Er sagt: Den Schmarrn esse ich nicht, das lasse ich zurückgehen.
Witzigmann: Man muss ja auch mal selbstkritisch sein. Ist jedenfalls angenehm, sich hier bekochen zu lassen.
Kellner: Weil ja alle noch Hunger haben, gibt es jetzt ein bisschen Käse: Pecorino und Gorgonzola. Dazu selbst gemachte Konfitüre aus grünen Tomaten und selbst gemachtes Brot.
Witzigmann: Wo kommt die Mutterhefe her, mit der Luisa das Brot macht?
Kellner: Vom Vater.
Dörrie: Der Vater fängt an, mich zu interessieren. Was wir essen, kommt alles vom Vater. Die Schweine, das Gemüse, der Käse.
Elsner: Aber Luisa ist der Star. Wenige Frauen kochen so gut. Warum ist das so, dass so viele Männer besser kochen können?
Dörrie: Das stimmt doch gar nicht.
Witzigmann: Frauen sind genauso kreativ und belastbar. In Italien gibt es sogar drei Drei-Sterne-Köchinnen. Und es gibt Millionen Frauen, die großartig kochen, sie machen’s zu Hause.
Dörrie: Die Männer haben den größeren Drang zur Selbstdarstellung.
Hobmeier: Was ist das Verrückteste, was Sie gegessen haben, Herr Witzigmann? Baumrinde? Ameisen?
Witzigmann: Alles harmlos. Ein bisschen Schlange, ein bisschen Hund.
Elsner: Warum darf man eigentlich Schwein essen, aber Hund nicht? Ich müsste eigentlich auch los, mich auf meinen Leseabend morgen vorbereiten.
Dörrie: Nein, du gehst nicht. Wenn du nicht brav bist, erzähle ich deine Geschichte aus Japan. Darf ich?
Elsner: Klar darfst du.
Dörrie: Die Japaner wussten, unsere deutsche Diva kommt zum Dreh von Kirschblüten, und waren gespannt. Hannelore kam und hatte furchtbar Hunger und bestellte sich ein Steak. Blutig. Das Steak war ziemlich groß. Sie aß dieses riesige Steak und bestellte ein zweites, weil sie immer noch so Hunger hatte. Die Japaner waren fassungslos. Eine japanische Diva würde sich niemals beim Essen beobachten lassen. Davon reden alle heute noch.
Elsner: Aber das waren ganz dünne Steaks.
Dörrie: Wegen unseres letzten gemeinsamen Films, Alles inklusive, kann ich jetzt chinesisch kochen. Ich war zu einer Retrospektive meiner Filme in China eingeladen. Ich kam an, aber unterdessen hatte die Zensur alle Filme von mir verboten. Da habe ich gesagt: Gut, ihr verbietet meine Filme, also mache ich einen Kochkurs, statt ins Kino zu gehen. Ich musste trotzdem die Eröffnungsrede halten, das war schon seltsam. Ich habe dann übers Kochen geredet, die verschiedenen Geschmäcker, was alles in eine Suppe gehört und dass man die Suppe essen sollte, wenn sie fertig ist. Als Metapher natürlich. Ich habe jetzt eine Wokstelle in meiner Küche, auf die ich sehr stolz bin, eine Induktionswokstelle. Das Essen wird irrsinnig schnell sehr, sehr heiß, wie in China.
Elsner: Ich war ja mal bei dir zum Abendessen, das war wunderbar. Also, ich hätte gern noch ein Stückchen Pecorino mit der Tomatenmarmelade. Ich hätte das Schweinefleisch und die Wachtel auslassen sollen. Alle mit Blutgruppe null sollen ja die Steinzeitdiät machen aus irgendeinem Grund. Ich hab Null und würde sterben, wenn ich nur Fleisch essen müsste.
Dörrie: Als ob die Menschen in der Steinzeit so alt geworden wären. Furchtbar kompliziert wird das alles. Auch beim Drehen gibt es ja so viele Sonderwünsche. Keine Laktose, keine Nüsse. So spaßfeindlich.
Scolastra: (von der Küche her) Und jetzt machen wir Spaghetti, einverstanden? Alle Hilfe!
Kellner: Wer mag noch Kaffee?
Elsner: So, Herr Lilienthal, wie soll ich den Thomas Bernhard jetzt morgen lesen?
Lilienthal: Das haben wir doch schon geklärt. Das Gegenteil von Minetti.
Elsner: Ich finde dieses Lesen anstrengend. Ich würde so gern mal einen Film drehen ohne Text, wo ich nur so durch die Landschaft laufe. Doris, hörst du?
Dörrie: Genau, du willst keinen Text lernen und gut aussehen. Ich hab verstanden.
Hobmeier: Wie sexy du aussiehst, Hannelore. Du hast einen unglaublichen SexAppeal. Auch mit Brille.
Elsner: Ach, komm. Konstantin, ich rauche ja eigentlich nicht, aber hast du mal eine Zigarette für mich?
Wecker: Du bist die Fünfte, die nicht mehr raucht und mich heute anschnorrt.

Falls Sie beim Lesen Lust bekommen haben, die Gerichte selbst nachzukochen – die Rezepte von Maria Luisa Scolastra finden Sie hier.

Fotos: Julian Baumann, Tanja Kernweiss; Küche: Maria Luisa Scolastra

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