Laib mit Seele

Die schwedische Künstlerin Linda Ring macht vor, wie man beim Brotbacken ­Gesicht zeigt. Zusammen mit den passenden Küchenaccessoires wird so jeder Tisch zu einer Schauspielbühne.

Gut behütetTischdecke »Gracie«, Salznapf mit Löffel und Schale von Sigvard Bernadotte, weiße Keramik (kleine Etagere, große Schüssel und Teller, Tablett »Touch« aus Ahorn, da­rauf Löffel aus Eichenholz der Serie »Pure« und Sieb

Fast zwanzig Jahre lang arbeitete Linda Ring als Creative Director in einem schwedischen Auktionshaus. Die 46-Jährige war verantwortlich für die Kampag­nen und Shows. Es war, sagt die Schwedin heute, vor allem ein ständiges ­Ringen um Geld. Als sie davon eine Pause brauchte, blieb sie ein Jahr lang zu Hause – und fing an zu backen. Sie merkte, backen beruhigt. Nach der Pause kehrte sie in ihren Beruf zurück, aber bald darauf kündigte sie ganz. Sie wollte nicht mehr ständig etwas erreichen müssen. Sie wollte wieder backen.

Eines Tages backte ihr zwölfjähriger Sohn mit. Und weil es natürlich Unfug ist, dass man mit Essen nicht spielen dürfe, griff er nach dem Cutter und ritzte Augen, Mund und Nase in den Teig. Linda Ring war sofort begeistert. »Mit dem Gesicht hat er dem Brot eine Persönlichkeit gegeben«, sagt sie.

Ring arbeitet nun als Stylistin – und backt für ihre Familie jede Woche Brot. Zwei Stunden dauert es, den Sauerteig anzurühren und gären zu lassen, später stellt sie die Laibe im Gärkörbchen für mindestens zwölf Stunden in den Kühlschrank. Bevor die Laibe dann bei 250 Grad in den Ofen kommen, schneidet sie die Gesichter hinein. Geschlossene Augen, staunende Münder, römische Nasen. Oft sieht das ge­backene Brot dann anders aus, als Ring es erwartet hat – je nachdem, wie tief sie in den Teig geschnitten und dieser sich im Ofen verändert hatte. Gerade das mag sie: »Ich habe keine Kontrolle über das Brot.« Sie ­wolle liebenswürdige Figuren schaffen, keine perfekten Gesichter. Mit Blumen und karierten Küchentüchern arrangiert und fotografiert, wirken die Brote auf Linda Rings Instagram-Account wie moderne Stillleben. Und so real, dass man sich schwer vorstellen kann, sie in Stücke zu schneiden.

Künstlerin Linda Ring mit Back-Werk

Foto: Mattias Ring

Für die Fotos im SZ-Magazin bekam Ring noch Hilfe von ihrer Freundin Linnéa Lindqvist – die 31-jährige Bäckerin arbeitet in einem Restaurant in Stockholm. Sieht man auf den Bildern eine Braut, die auf ihren Bräutigam hinunterschaut? Einen Bauernjungen, der sich im Stroh ausruht? Eine Frau im Halbbrot, die mit dem Mann im Halbmond spricht? »Jede Geschichte, die einem einfällt, stimmt«, sagt Linda Ring.

Produktauswahl: Simona Heuberger & Nadja Tadjali
Food-Styling-Assistentin: Linnéa Lindqvist