Gelbsorgen

Wird es bald keine Bananen mehr geben? Eine Seuche droht die beliebteste Exportfrucht der Welt auszurotten. Im Wettlauf gegen die Zeit versuchen Forscher eine neue Superbanane zu entwickeln.

Foto: Kristin Kerscher

Alles Cavendish: Das große Bananengeschäft hängt an einer einzigen Sorte.

Gert Kema steht in seinem Gewächshaus in Wageningen, Niederlande, und macht ein sorgenvolles Gesicht. Vor ihm stehen mehrere Dutzend Bananenstauden auf langen Tischen aufgereiht. Ihre Blätter sind gelblich-braun verfärbt, viele bereits verdorrt. Grand Nain, großer Zwerg, lautet der seltsame Name der traurigen Frucht. Sie ist eine Variante der Sorte Cavendish, der mit Abstand beliebtesten Exportbanane der Welt. Der kümmerliche Zustand der Grand Nain liegt nicht an Licht- oder Wassermangel. Sprinkler berieseln die Gewächse alle paar Augenblicke, und Lampen sorgen für ausreichend Licht. In den Töpfen stecken Zettel mit Zeitangaben: 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. So lange tunken Kema und seine Mitarbeiter die Pflanzen in eine infizierte Lösung – um herauszufinden, wie widerstandsfähig die Gewächse gegen Erreger sind.

Ein Blick auf die toten Stauden genügt, um die Antwort zu erraten: gar nicht. Und das ist das Problem. »Es ist völlig außer Kontrolle geraten«, sagt Kema und stöhnt. »Und das Schlimmste ist: Wir haben kein Gegengift.«

Gert Kema, Pflanzenwissenschaftler an der Universität Wageningen, ist einer tödlichen Seuche auf der Spur, die innerhalb kürzester Zeit ganze Bananenplantagen dahinrafft. Der Name des Übeltäters: Fusarium oxysporum f. sp. cubense, ein besonders heimtückischer Pilz, der sich in den Boden einnistet und auch unter dem Namen Tropical Race 4 (TR4) oder Panama-Krankheit bekannt ist.

Im April schlug auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Alarm. »Wir müssen sofort handeln«, sagte der FAO-Mitarbeiter Fazil Dusunceli, »wenn wir das Worst-Case-Szenario verhindern wollen: die Vernichtung eines Großteils der weltweiten Bananenernte.«

Gert Kemas Experimente haben gezeigt, dass bereits eine Konzentration von einer Spore pro Milliliter genügt, um die Pflanzen mit dem tödlichen Pilz zu infizieren. »Eine Spore – das ist gar nichts«, sagt Kema. »In normaler Erde findet man leicht 1500 Sporen pro Milligramm.«

Entsprechend schnell breitet sich TR4 über die Welt aus. Bananen sind das beliebteste Exportobst der Welt. Da genügt es, wenn sich kleinste Mengen in Bananenkisten oder an den Schuhsohlen von Plantagenarbeitern auf die Reise machen. Auf den Philippinen, in Taiwan, Indonesien, Malaysia, China und Australien wütet der Bananenkiller bereits, der Ende der 1980er-Jahre in Asien entdeckte wurde. In Indonesien eroberte der Pilz innerhalb von einem Jahr ein Gebiet von 100 Kilometern Länge. Seit er 2006 auch im Nahen Osten gesichtet wurde, sind bereits 80 Prozent der dortigen Produktion befallen. 2013 erreichte er den afrikanischen Kontinent: Mosambik.

Gert Kema ist ein Gemütsmensch, schwer aus der Ruhe zu bringen, aber die Not der Menschen wühlt auch ihn auf: »Ich habe Bananenbauern auf den Philippinen gesehen, denen die Tränen kamen«, erzählt Kema. Denn die Ausbreitung des tödlichen Erregers bedroht nicht nur den Lebensunterhalt von Farmern. In Entwicklungsländern gehören Bananen neben Reis, Weizen und Mais zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln. Vor allem in ostafrikanischen Staaten wie Uganda sind sie die wichtigste Ackerfrucht – und Ernährungsgrundlage für Millionen von Menschen.

Auf der Jagd nach dem Killerpilz reist Kema ständig um den Globus: Costa Rica, Kolumbien, Philippinen – seine Familie sieht der Vater von sieben Kindern die Hälfte des Jahres nicht. Gerade ist er aus Ecuador zurückgekommen. Noch hat TR4 den amerikanischen Kontinent nicht erreicht. »Aber das Tempo ist unglaublich besorgniserregend«, sagt Kema. Allein in den vergangenen neun Monaten sei der Pilz in drei neuen Ländern außerhalb Südostasiens entdeckt worden. »Ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern, bis er auch in Lateinamerika auftaucht.«

Auf den Philippinen schrumpft die Produktion von Bananen aufgrund von TR4 schon jetzt jährlich um sieben Prozent. Eine Ausbreitung der Bananenseuche in die Hauptanbaugebiete in Süd- und Mittelamerika wäre eine Katastrophe. Allein Ecuador produziert sechs der insgesamt 18 Millionen Tonnen Bananen für den globalen Verkauf. »Der Pilz ist kaum zu kontrollieren, und wir haben noch keinen Ersatz für die Cavendish. Wenn TR4 in Lateinamerika ankommt, wird es in absehbarer Zeit keine Bananen mehr in unseren Supermärkten geben«, sagt Kema. Ein Obstregal ohne Bananen? Der Gedanke scheint unvorstellbar. Für westliche Konsumenten ist die exotische Frucht längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Obwohl asiatische Bauern bereits vor 7000 Jahren die ersten Bananen pflanzten, blieb die Frucht in Europa bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unbekannt. Die meisten der rund 1000 verschiedenen Varianten sind ungenießbar und haben Kerne, an denen sich selbst gesunde Menschen die Zähne ausbeißen können. Die Indonesier benannten sogar eine heimische Sorte – Pisang Klutuk Wulung – nach dem bedrohlichen Geräusch, das ihre Kerne beim Kauen machten: »Klutuk«.

Dann geschah ein genetischer Glücksfall. Durch Mutation entstand in Südostasien eine große, süße und kernlose Banane, die im frühen 19. Jahrhundert entdeckt wurde. Die »Gros Michel« genannte Frucht hatte einen weiteren Vorteil: Alle Bananen an einem geernteten Büschel reiften gleichzeitig. Ihre Schale war dicker als die heutiger Bananen und damit weniger empfindlich beim Transport. Ihr Geschmack galt als unvergleichlich süß und cremig.

Bei Bananen dauere die Zucht einer neuen Sorte mit traditionellen Mitteln 20 bis 30 Jahre.

Der Pflanzenforscher Gert Kema, 57, sucht das Gegengift, das den Killerpilz stoppt.

Foto: Malte Herwig

Ende des 19. Jahrhunderts begannen US-amerikanische Konzerne wie die United Fruit Company, die Transportwege zu den Plantagen auszubauen und die Früchte auf Kühlschiffen in die USA zu exportieren. Die Banane wurde innerhalb kürzester Zeit zur populärsten Obstsorte in den USA. Dass sie bald sogar billiger zu haben war als einheimische Äpfel, lag an der rigiden Preispolitik der Bananenkonzerne: Sie knechteten die Arbeitnehmer, verboten Gewerkschaften und nahmen durch Korruption und Erpressung direkten Einfluss auf die Politik in Staaten wie Costa Rica, Guatemala und Honduras. Durch ihr Geschäftsgebaren regierten die Bananenbarone ganze Staaten in Mittelamerika – daher der abwertende Begriff »Bananenrepublik«.

Bis in die Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts war die Gros Michel die Königin der Bananen. Es war ein Vorläufer von TR4, die sie stürzte, TR1 genannt, auch er ein Erreger im Erdboden. Der Pilz ließ die Pflanzen schnell verdorren und zwang die Züchter, für immer neue Brachflächen für Plantagen den Regenwald zu roden. Bereits in den Zwanzigern, als Charlie Chaplin im Film Der Pilger auf einer Banane ausrutschte und die Berliner Schlagersängerin Claire Waldoff von einer Frau sang, die sich »nicht Erbsen, nicht Bohnen, auch keine Melonen«, sondern »ausgerechnet Bananen« wünschte, war die Gros Michel angezählt. Binnen weniger Jahrzehnte vernichtete die Panama-Krankheit die meisten Plantagen weltweit.

Viele der einst mächtigen Bananenkonzerne waren in den 1960er-Jahren in Konkurs gegangen oder steckten tief in der Krise, als in einem botanischen Garten in Saigon durch Zufall eine neue Variante entdeckt wurde: Die Cavendish ist weniger geschmacksintensiv und hat eine dünnere Schale, dadurch nimmt sie leichter Schaden beim Transport. Aber sie hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihrer Vorgängerin: Sie schien resistent gegen den Pilz, der die Panama-Krankheit verursachte.

Von Konsumenten fast unbemerkt, tauschte die Bananenindustrie ihr Erfolgsprodukt Gros Michel gegen die zweitklassige Cavendish. Bis heute gehören rund 95 Prozent aller Exportbananen zu dieser Sorte. Doch die Cavendish hat einen gravierenden Geburtsfehler: Sie ist ein Klon. Egal ob Chiquita oder Dole draufsteht, es handelt sich immer um die exakt gleiche Banane. Die Banane ist eigentlich eine Beere. Bananenstauden sehen zwar aus wie Bäume, tatsächlich gehören sie aber zu den größten Krautpflanzen der Erde. Da die samenlose Cavendish-Banane sich nicht fortpflanzen kann, gleicht genetisch eine der anderen.

Die Milliardengeschäfte der Bananenindustrie beruhen also auf einer weltweiten Monokultur. Und das macht die Früchte so empfindlich. Insekten, Würmer, Schnecken, Milben, Pilze und Viren bedrohen die Banane. Zwar sind auch Weizen, Mais oder Reis anfällig für Krankheitserreger. Aber sie besitzen Samen, mit denen Züchter relativ einfach neue Kreuzungen erzielen können.

Bei Bananen dauere die Zucht einer neuen Sorte mit traditionellen Mitteln 20 bis 30 Jahre, erklärt Kema. Damit sind sie zeitlich im Nachteil gegenüber Erregern wie Black Sigatoka. Dieser Pilz lässt die Blätter verdorren und die Früchte zu früh reifen. Durch Mutation werden die Erreger schnell gegenüber Pestiziden unempfindlich, die deshalb ständig neu entwickelt werden müssen. Inzwischen entfallen vom Kaufpreis einer Banane gut zwei Drittel auf Kosten für Düngemittel und Pestizide.

Gemessen am Aufwand für Produktion und Transport, ist die Banane dennoch auch heute die billigste Frucht der Welt. Ein Kilo Bananen kostet in Deutschland im Durchschnitt 1,60 Euro. Discounter locken sogar mit Kampfpreisen von 1,09 Euro. Aber das könnte sich schnell ändern, wenn TR4 die Ernte in Lateinamerika dezimiert.

Nach dem Apfel ist die Banane das beliebteste Obst der Deutschen, jeder Bundesbürger verspeist im Jahr rund zehn Kilo davon. In den USA übersteigt der Bananenkonsum sogar den von Äpfeln und Orangen zusammen.

Dabei hat die Banane im Vergleich mit heimischem Obst einen wesentlich weiteren Weg hinter sich, bis sie goldgelb und verzehrreif in deutschen Supermarktregalen landet. Sofort nach der Ernte am anderen Ende der Welt werden die Bananenbüschel versiegelt, auf Kühlschiffe verladen und bei 13 Grad Celsius Tausende von Kilometern weit transportiert.

»Die Banane legt sich schlafen«, so sagt es Ralph Fischer, Marketingmanager beim Hamburger Obstimporteur Inter Weichert. Nachdem die Ladung im Hamburger Hafen gelöscht ist, werden die Bananen bei Inter Weichert wieder geweckt. In der Reiferei, einer riesigen Halle mit exakt temperierten Kühlregalen, verwandeln sich die Bananen durch Zugabe von Äthylen innerhalb von fünf Tagen in supermarktreife, satt gelb leuchtende Konsumfrüchte. »Der Rhythmus ist genau getaktet«, erklärt Fischer. Tatsächlich zeichnet sich die Banane dadurch aus, dass die Reifung aller Früchte einer Lieferung gleichmäßig abläuft und nahezu perfekt kontrolliert werden kann. Regelmäßig spießen Lebensmitteltechniker kleine Thermometerfühler in die Früchte, um die Temperatur in den Bananen zu prüfen. Sie muss zwischen 14 und 18 Grad Celsius liegen. Fischer zeigt auf eine Farbtafel an der Wand, dort sieht man die verschiedenen Reifestadien: Mehr gelb als grün ist die ideale Lieferfarbe, gelb mit grünen Spitzen perfekt zum Verkauf und vollgelb die beliebteste Verzehrfarbe.

Neben der Lagerhalle verpacken Mitarbeiter an einem Fließband die Bananen in Supermarktkisten, die in die ganze Republik gehen. 25 000 Kartons mit Früchten werden jede Woche bei Inter Weichert importiert und konsumfertig gemacht – nach den strengen Richt-linien der EU-Bananenverordnung, die zwar Länge, Breite und Zustand der exotischen Importgüter vorschreiben, aber entgegen dem weit verbreiteten Irrtum nicht deren Krümmungsgrad.

»Weil die Banane keine Samen hat, besteht auch kein Risiko, dass sie sich unkontrolliert verbreitet wie genetisch manipulierter Raps.«

Braun: Problemzonen 1 In diesen Gebieten ist der Pilz Fusarium in der Variante TR1 verbreitet, die Mitte des 20. Jahrhunderts die meisten Plantagen der Bananensorte Gros Michel vernichtete.
Rot: Problemzonen 2 Hier wütet bereits der neu entdeckte Erreger TR4. Durch ihn könnten die Bananen bald aus den Supermarktregalen verschwinden.
Grün:Problemzonen 3
Bedrohte Regionen, in denen die Bauern nicht nur vom Ertrag des Bananenanbaus leben, sondern sich auch vorwiegend von ihnen ernähren.

Weltweit werden jährlich Bananen im Wert von mehr als 6,5 Milliarden Euro gehandelt. Das beliebteste Exportobst der Welt ist ein Riesengeschäft, das sich nur drei Firmen untereinander aufteilen: Chiquita, Dole und Del Monte.

»Den großen Bananenkonzernen ist die Gefahr, die von TR4 ausgeht, sicher bewusst«, sagt der US-Pflanzenforscher Randy Ploetz, der 1989 die neue Mutation des Killerpilzes entdeckte. »Aber wahrscheinlich wollen sie das nicht öffentlich zugeben, aus Angst, dass es ihren Aktienkurs beeinflussen könnte.« Ein Firmensprecher von Chiquita räumt immerhin ein, dass der Konzern trotz aller Bemühungen noch weit davon entfernt sei, eine handelsreife Superbanane zu präsentieren. Deshalb versuchen die großen Firmen, der Gefahr durch strikte Quarantänen zu begegnen.

Und jetzt? Anders als vor sechzig Jahren gibt es keine neue Sorte, die nicht nur resistent gegen Erreger, sondern auch delikat und marktfähig wäre. So eine Banane müsste nicht nur gut schmecken, sondern über lange Strecken ohne Schaden zu transportieren sein und einen gut kontrollierbaren Reifeprozess haben. »Bis heute ist keine neue Wunderbanane angekündigt worden«, schrieb der Autor Dan Koeppel schon 2008 in einem Standardwerk über die bedrohte Frucht, »aber langsam wacht die Welt auf und wird sich der Gefahr bewusst.«

Also suchen Forscher in entlegenen Urwaldregionen nach neuen, wilden Sorten, mit deren Hilfe aus der Cavendish eine resistente Sorte gekreuzt werden könnte – bisher mit wenig Erfolg. Einige Probeexemplare stehen im Labor von Gert Kema in Wageningen. Immer wieder schicken hoffnungsvolle Züchter ihm Pflanzen, um deren Widerstandsfähigkeit testen zu lassen. Das Ergebnis ist meistens ernüchternd. Traurig streichelt Kema die welken Blätter einer Pflanze. »Das war gar nichts, null Resistenz.« Von 15 neuen Pestiziden hatte nur eines einen minimalen Effekt.

Kema setzt seine Hoffnung deshalb auf genetische Züchtung. Mit seiner Firma Musa Radix will er mithilfe der Gentechnik eine neue Superbanane entwickeln, die nicht nur gegen den Killerpilz resistent ist, sondern auch schmackhaft und transportfähig. Die weit verbreiteten Vorbehalte gegenüber genetisch manipulierten Nahrungsmitteln kann Kema nicht nachvollziehen: »Weil die Banane keine Samen hat, besteht auch kein Risiko, dass sie sich unkontrolliert verbreitet wie genetisch manipulierter Raps.«

Kema hat auch eine Idee, welche Gene er dabei ins Spiel bringen möchte: die einer Tomate. »Aber um eines müssen wir uns keine Sorgen machen«, sagt er: »Die Banane wird auch dann gelb bleiben.« Doch bis es so weit sei, schätzt Kema, können gut sieben bis zehn Jahre vergehen. Falls das Experiment erfolgreich ist.

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