Nicht auf den Schoß nehmen!

Viele Eltern halten männliche Kindergärtner für potenzielle Pädophile – und würden ihnen die Nähe zu ihren Kindern am liebsten verbieten. Über das Leben mit einem ungeheuerlichen Generalverdacht.

Sitzt das Mädchen zu nah? Schaut der Erzieher den Jungen zu intensiv an? Im Kita-Alltag genügen schon kleinste Signale, um Eltern misstrauisch zu machen.

Zum Beispiel Daniel aus Hamburg. Er sagt, er hatte eine schöne Kindheit, er wollte etwas weitergeben. Er war 21 und fand, Erzieher sei der ideale Beruf für ihn. Drei Jahre Ausbildung, schlecht bezahlt, trotzdem, es ging ihm ja um was. Es dauerte keine vier Wochen, da sprach ihn eine Mutter an: Es sei ihr, ehrlich gesagt, nicht recht, wenn er ihre zweijährige Tochter auf den Schoß nehme. Sie fühle sich bei dem Gedanken einfach nicht wohl, er, als Mann, mit ihrem Kind. Nichts für ungut. Heute, zwei Jahre später, sagt Daniel: »Das war ein Schock. Ich habe lang gebraucht, mich davon zu erholen.«

Zum Beispiel Florian aus Mannheim. Ein gut gelaunter Typ, eben 28 geworden, den die Kinder lieben. Es ist nicht lang her, da kam er am Tag nach dem Elternabend in die Kita, in der er arbeitet, und seine Chefin, eine sensible, eine vorsichtige Frau, erklärte ihm, dass er ab sofort die Kinder nicht mehr wickeln dürfe. Wunsch der Eltern. Weil: zu viel Nähe. Weil: zu viel Nacktheit. Florians Kolleginnen zuckten dazu hilflos mit den Schultern. Florian lächelt unsicher und sagt: »Ich habe das so hingenommen. Aber ich habe mich sofort gefragt, welche Verbote wohl als Nächstes kommen.«

Zum Beispiel Sascha aus Potsdam. 31 Jahre alt, sehr sanft, er war der erste männliche Erzieher in seinem Kindergarten. »Wenn ich Eltern angesprochen habe, wurde ich anfangs ignoriert, die wollten lieber mit den Kolleginnen reden«, erzählt er. »Und wenn eine Mutter gehört hat, ›Sascha hat heute Ihr Kind umgezogen‹ – dann habe ich eisige Blicke geerntet.« Dabei waren die Kolleginnen froh, ihn zu haben: endlich einer, der mit den Jungs richtig raufte, einer, der selbst den größten Spaß am Rumtoben hatte. »Aber schließlich hat eine Mutter zu meiner Chefin gesagt, der Mann kommt meinen Kindern zu nahe, das ist mir unheimlich, Schluss damit.«

Keiner der drei Männer möchte unter seinem vollen Namen von seinen Erfahrungen erzählen. Denn auch wenn es niemand in diesen Beispielen explizit ausgesprochen hat – es geht in jedem einzelnen Fall um den schlimmsten denkbaren Vorwurf: den Verdacht auf Kindsmissbrauch. Wenn Eltern den männlichen Erziehern sagen, haltet bitte Abstand, dann heißt das: Im Grunde rechnen wir damit, dass ihr euch an unseren Kindern vergreift.

Das Problem ist neu. Weil männliche Erzieher neu sind. Im Grunde gelten sie immer noch als Exoten. Obwohl seit den bewegten Siebzigerjahren die Gleichberechtigung als Prinzip mit zwei Richtungen diskutiert wird: Genauso, wie Frauen klassische Männerberufe ausüben, versuchen es auch Männer in traditionellen Frauenberufen. Noch dazu belegen ganze Regale voll pädagogischer Fachliteratur, wie wichtig es ist, dass die frühkindliche Erziehung sowohl von Frauen als auch von Männern übernommen wird (siehe Interview auf Seite 3).

Also suchen Kindergärten und Kindertagesstätten dringend nach männlichen Mitarbeitern. Das Familienministerium legt seit Jahren Förderprogramme auf, sie heißen »Neue Wege für Jungs« (seit 2005) oder »Boys’ Day« (seit 2011) und sollen laut Ministerium »die Berufswahlorientierung junger Männer erweitern«. Außerdem hat das Ministerium vor vier Jahren an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin die »Koordinationsstelle Männer in Kitas« eingerichtet, die mit Informationsveranstaltungen, Broschüren und Werbung ein Projekt mit dem Titel »MEHR Männer in Kitas« in 16 Städten vorantreiben soll.

In Deutschland arbeiteten im Jahr 2013 insgesamt 19 055 männliche Fachkräfte, Praktikanten, Freiwillige und ABM-Kräfte in Kindertageseinrichtungen (reine Schulhorte ausgenommen). Das ist zwar weit mehr als noch vor ein paar Jahren – entspricht aber einem relativen Männeranteil von gerade mal vier Prozent. Es ist nicht leicht, Jungs für den Job zu gewinnen. Er ist dramatisch unterbezahlt, Kinderpfleger verdienen zwischen 1500 und 2100 Euro brutto im Monat. Der Job bietet, abgesehen von der Aussicht auf eine Kita-Leitung, kaum Aufstiegschancen. Dass der Beruf des Erziehers attraktiver werden muss, geben sie sogar beim Familienministerium zu. Zitat aus einer Broschüre des Ministeriums: »Die drei- bis fünfjährige unbezahlte Ausbildung für den Beruf ist alles andere als attraktiv. Auch das ist ein Grund, warum besonders Männer sich gegen diesen Beruf entscheiden. Gerade angesichts des enormen Stellenwerts dieser Ausbildung für die Gesellschaft muss hier nachgebessert werden.«

Wer sich diesen Job aussucht, muss ein Idealist sein. Für Männer, die Exoten, gilt das erst recht. Aber wenn ein Mann den Sprung wagt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihm das Berufsleben nach kürzester Zeit zur Hölle gemacht wird. Die Sorge der Eltern ist immer die gleiche: Könnte der junge Mann, der sich da so freundlich um mein Kind kümmert, finstere Absichten haben? Könnte es sein, dass der den Job macht, weil er sich viel zu sehr für Kinder interessiert? Die Berliner Koordinationsstelle hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, derzufolge vierzig Prozent aller Eltern bei männlichen Erziehern an die Gefahr eines möglichen Missbrauchs denken, bei den Trägern der Einrichtungen, also Geschäftsführern und Vorständen, sind es sogar mehr als fünfzig Prozent.

Jeder zweite hat Bedenken. Das heißt: Männer in Erziehungsberufen sind in Deutschland einem Pauschalverdacht ausgesetzt. Jeder, der mit Kindern arbeitet, so scheint es, könnte im Grunde ein Sexualstraftäter sein. Jeder, der sich mit Kindern balgt, könnte sie unsittlich berühren. Jeder, der Windeln wechselt, kommt Geschlechtsteilen verdächtig nahe. Jens Krabel von der Berliner Koordinationsstelle sagt: »Es kann schon ausreichen, wenn eine einzelne Mutter einen Verdacht gegen Männer als Erzieher oder einen konkreten Mann hegt, um das Thema sexueller Missbrauch in der Kita plötzlich zu einem riesigen Thema zu machen und die Mitarbeiter und anderen Eltern zu verunsichern.«

Eine Spirale der Wut, in der keine Rückfragen, keine Zwischentöne mehr gelten.

Aber es geht nicht nur um verunsicherte Kollegen im Arbeitsalltag. Es geht letztlich um eine ganze Gesellschaft, die ein Problem hat. Eine Gesellschaft, die schon mit Situationen, die bloß den Gedanken an Missbrauch aufkommen lassen, nicht mehr umgehen kann. Kein anderes Thema ist so aufgeladen, so geprägt von Ängsten und Vorurteilen. Schon wer grundlos verdächtigt wird, ist praktisch ruiniert. Vor zwei Jahren hat das der viel gelobte dänische Film Die Jagd gezeigt: Ein Mädchen behauptet aus einer Laune heraus, der Kindergärtner habe sich ihm nackt gezeigt – sofort brechen alle Dämme, niemand fragt den Kindergärtner, was er dazu zu sagen hat, Eltern verriegeln die Tür, sobald er zu sehen ist, der Mann wird bedroht, schließlich brutal angegriffen. Eine Spirale der Wut, in der keine Rückfragen, keine Zwischentöne mehr gelten.

Vergleichbar: der Fall Edathy. Keine Frage, es ist widerlich, dass der SPD-Abgeordnete Nacktfotos von kleinen Jungs gekauft hat. Und wenn der Mann noch andere, noch schlimmere Fotos auf seinem Computer hatte, dann ist er ein Fall für das deutsche Strafrecht in aller Konsequenz (inzwischen hat das Landeskriminalamt entsprechende Beweise vorgelegt). Dennoch hätte auch für Edathy erst einmal die Unschuldsvermutung gelten müssen, solange nichts geklärt war. Aber dafür war keine Zeit. Da konnten auch die wenigen besonnenen Kommentare, unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, nichts mehr ändern. Das öffentliche Urteil – in den Boulevardmedien, in den Talkshows – über Edathy war gefällt, lang vor jeder Beweisaufnahme. Edathy ist eine höchst dubiose Figur, aber es ist trotzdem bedenklich, wenn eine Gesellschaft so schnell in Hysterie verfällt.

Und jetzt sind ausgerechnet die Menschen, die sich beruflich um unsere Kinder kümmern sollen, allesamt latent dieser schlimmsten aller Verdächtigungen ausgesetzt. Wie soll einer da vernünftig arbeiten? Jens Krabel von der Berliner Koordinationsstelle sagt: »Immer wieder geben Erzieher wegen des Misstrauens ihren Job auf. Der ständige tendenzielle Verdacht ist nicht leicht auszuhalten.« Er hat mit seinen Kollegen gerade einen Leitfaden herausgegeben, Titel: Sicherheit gewinnen. Wie Kitas männliche Fachkräfte vor pauschalen Verdächtigungen und Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen können.

Noch gibt es keine Statistiken, die belegen, wie viele Erzieher ihren Beruf tatsächlich wegen des Generalverdachts aufgeben. Aber wer mit Erziehern in ganz Deutschland spricht, kriegt sofort mit: Fast jeder von ihnen hat schon mal einen schrägen Kommentar kassiert, viele haben schon darüber nachgedacht, den Beruf zu wechseln, um nicht weiter als Fast-Pädophiler angesehen zu werden.

Es gibt Fälle wie den des Berliner Kita-Praktikanten, der gerade dabei war, ein Kleinkind zu wickeln, als eine Gruppe von Eltern zu Besuch in die Kita kam. Der Praktikant schloss die Tür des Nebenraums, weil das Kind nackt vor ihm lag und er Diskretion wahren wollte. Bei den Eltern aber erregte diese Reaktion so viel Misstrauen, dass es zu tagelangen Diskussionen mit der Kita-Leitung kam – und die den Praktikanten schließlich vom einen Tag auf den anderen vor die Tür setzte.

Es gibt vorauseilenden Gehorsam wie in dem Freisinger Kindergarten, in dem der Wickeltisch, der früher in einer ruhigen Ecke stand, nach längerem Hin und Her mitten im größten Gruppenraum aufgestellt wurde – um, wie die Chefin sagt, »den Eltern zu zeigen, dass wir uns hier alle gegenseitig kontrollieren«.

Schwierig wird es für Erzieher in all dem Durcheinander nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit den Kolleginnen. Jens Krabel berichtet von Kindergärtnerinnen, die mittlerweile grundsätzlich gegen die Mitarbeit von Männern sind. Nicht, weil sie selbst misstrauisch wären, sondern aus rein praktischen Erwägungen: Der Team-Alltag wird schlicht zu kompliziert, wenn alle ständig auf die Sonderrolle des männlichen Kollegen Rücksicht nehmen müssen. Er darf nicht wickeln, er darf kein Kind auf den Schoß nehmen, er muss ständig Abstand halten – wie sollen wir den Kerl hier einsetzen?

Dabei warnen Experten davor, nur die Männer kritisch zu beobachten. Auch Erzieherinnen machen Fehler, auch Erzieherinnen überschreiten Grenzen. Das ist nur menschlich. Cornelia Heider-Winter vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, der in Hamburg viele Kitas koordiniert, empfiehlt, gelegentlich die Perspektive zu wechseln: »Frauen wird nicht unterstellt, dass sie sexuelle Absichten haben könnten, weil das statistisch so gut wie nie vorkommt. Aber wir müssen bedenken: Gibt eine Erzieherin einem Kind einen Kuss auf die Wange, obwohl das Kind das nicht will, ist das natürlich auch ein Übergriff.«

Doch das sind in der öffentlichen Wahrnehmung bestenfalls Zwischentöne. Mit jedem Fall von Kindsmissbrauch, der in den Nachrichten auftaucht, wächst das Misstrauen gegenüber den Erziehern wieder. Denn die Täter sind nun mal fast immer Männer. Es sind Fälle wie die Odenwaldschule, die den Idealisten wieder das Leben schwer machen. Ausgerechnet an der berüchtigten hessischen Schule, in der es in vergangenen Jahrzehnten zu zahlreichen Missbrauchsfällen gekommen ist, wurde gerade erst wieder ein Lehrer des Besitzes von Kinderpornos überführt, jetzt fordern aufgebrachte Eltern die Schließung der Schule.

Tobias, 23, ein Erzieher aus München, sagt: »Ich erlebe das wie Wellen. Nach jeder Nachricht dieser Art sind die Eltern nervös. Dann beruhigen sie sich wieder, es läuft alles entspannt – bis zur nächsten Nachricht.« Immerhin, Tobias (auch er möchte hier nicht unter seinem vollen Namen erscheinen) hat den Mut, das Thema selbst anzupacken: »Ich habe mir vorgenommen, auf die Eltern zuzugehen. Ich erkläre ihnen, was zu meinen Aufgaben gehört, wie viel Nähe sein muss. Es ist heikel, aber genau deshalb muss ich meine Rolle als Mann thematisieren.« Das Problem ist: Den Beruf ergreifen eher sensible Naturen – aber gerade Schüchternheit ist gefährlich. »Wenn ein Erzieher sich nur kleinlaut in der Ecke rumdrückt, sobald Eltern vorbeikommen«, sagt Tobias, »macht er sich doch erst recht verdächtig!«

Cornelia Heider-Winter benutzt im Gespräch schließlich eine Formulierung, mit der sich das ganze Problem – man könnte sogar sagen: die Gefühlslage eines ganzen Landes – auf den Punkt bringen lässt. Sie sagt, trotz allem seien Kitas händeringend auf der Suche nach Männern, die gut mit Kindern können. Dann schweigt sie einen Moment. Und man muss diese Formulierung vielleicht kurz im Raum stehen lassen, um zu begreifen, wie schwierig alles ist:
Männer, die gut mit Kindern können.
Klingt unangenehm, oder?

Interview mit Jesper Juul

Der Däne Jesper Juul,66, gilt als einer der erfolgreichsten Pädagogen Europas. Er hat zahlreiche Betseller veröffentlicht, u.a. Die kompetente Familie: Neue Wege in der Erziehung und Wem gehören unsere Kinder?

SZ-Magazin: Herr Juul, könnte man auf Männer in Kindergärten nicht einfach verzichten?
Jesper Juul:
Nein, sie sind sehr wichtig! Vor allem wenn sie ihre Männlichkeit ohne Scheu leben und den Mut haben, Dinge anders anzugehen als ihre Kolleginnen. Es ist wie in der Familie: gut, eine Mutter und einen Vater zu haben. Das Maximum an gesunder sozialer und emotionaler Stimulation erfahren Kinder, wenn sie sowohl mit Frauen als auch mit Männern zu tun haben.

Warum fällt es so vielen Eltern schwer, männlichen Erziehern zu vertrauen?

Das ist der Preis, den die jungen Männer von heute für das Erbe ihrer Vorfahren zahlen. Über Jahrhunderte waren Männer kaum in den alltäglichen Umgang mit ihren Kindern eingebunden. Und sehr oft haben Männer Kinder eben tatsächlich missbraucht. Das gilt übrigens nicht nur für Väter, sondern auch für Pfarrer, Chorleiter, Pfadfinder und Vereinstrainer.

Das Problem setzt sich endlos fort: Eltern trauen Erziehern nicht, also verkrampfen die Erzieher, also entwickeln Kinder ein merkwürdiges Rollenbild. Wie kommen wir als Gesellschaft da raus?
Auf jeden Fall nicht durch Überregulierung! Verbote helfen niemandem etwas, sie sind bestenfalls ein moralisches Alibi für die Verantwortlichen, die Angst vor ihrer Verantwortung haben. Wir alle haben einfach einen langen Weg vor uns, wir müssen lernen, mit Kindern umzugehen, ohne dabei Grenzen zu übertreten. Das gilt für Männer wie für Frauen.

Können wir diesen Weg irgendwie beschleunigen?
Ich fürchte, nein. Es wird noch mindestens ein, zwei Generationen dauern, bis genug Kinder, die gute Erfahrungen mit männlichen Erziehern gemacht haben, selbst Eltern werden. Dann wird der Einsatz von Männern ganz selbstverständlich sein. In der Zwischenzeit können wir die Mütter und Erzieherinnen nur um Geduld bitten. Denkt dran: Ihr seid nicht von Natur aus besser im Umgang mit Kindern - ihr habt nur sehr, sehr viel mehr Übung. Gebt den Männern eine Chance.

Fotos: Marek Vogel

Artikel teilen: