Der Kettenhund von Bergisch Gladbach

Je erfolgreicher Heidi Klums Castingshow "Germany's Next Topmodel" läuft, umso häufiger steht auch der Mann im Licht, der sich für seine Tochter ums Geschäftliche kümmert - und dabei viele Nerven strapaziert: Günther Klum. Versuch einer Annäherung.

Wieder mal alles herrlich: Seit Februar läuft jeden Donnerstag Germany's Next Topmodel (GNTM) auf ProSieben, die Quoten sind perfekt, Rekorde in der Zielgruppe, Rekorde bei den jungen Zuschauern, voll gebuchte Werbeblöcke, alles wunderbar. Und trotzdem stimmt da was nicht. Über die Sendung wird mit so merkwürdig viel schlechter Laune berichtet, auch von denen, die sie einst mochten.

Patricia Riekel, Chefredakteurin der Bunten, sonst stets im besten Einvernehmen mit den Stars des Landes, fragt im Editorial plötzlich: »Warum bleibt gerade bei dieser Castingshow ein seltsamer Nachgeschmack?« Der Berliner Tagesspiegel moniert, dass aus den Teilnehmerinnen der Topmodel-Wahl bisher nie richtige Topmodels geworden seien. Die Illustrierte InTouch schimpft über Heidi Klum: »In ihrer Show macht sie die Kandidatinnen total fertig. Ist sie neidisch, weil ihre Zeit als Topmodel langsam abläuft?« Viele Magazine zitieren Wolfgang Joops Einschätzung: »Ein Topmodel
ist sie nicht, sondern ein Werbegirl.« Und Bild fand es sogar nötig, genau nachmessen zu lassen und festzustellen, dass Heidi Klum in ihrer Show nie Topmodel werden könnte - »leicht hüftig«, »knapp 5 cm zu klein«.
Puh, nett ist das alles nicht. Was ist denn los? Ist das jetzt nur wieder dieser Beißreflex? Alles, was erfolgreich ist, muss erst mal gründlich zerrissen werden? Oder gibt es irgendwelche tieferen Gründe für die ganze schlechte Laune?

Ja, doch, es könnte einen geben. Wenn man die vielen Artikel liest, dann
taucht immer wieder dieser Name auf: Günther Klum. Heidis Vater, der
Geschäftsführer der Heidi Klum GmbH. Kümmert sich für seine Tochter um die Verträge und den Kleinkram hinter den Kulissen. Scheint eine schwierige Figur zu sein. Mal wird er als »knallhart« beschrieben (Abendzeitung), mal als »Schlitzohr« (Bunte). Mal wird angedeutet, er sei die Art von Rheinländer, die zu »Stimmungen, Egozentrik und zum Provinziellen« neigt (Stern), dann fallen Worte wie »Ahnungslosigkeit« und »Arroganz« (Frankfurter Rundschau).

Was ist denn das für einer? Kann einem das bitte mal kurz irgendwer
erklären? Aus dem Archivmaterial ergibt sich: Klum ist Jahrgang 1945,
geboren in Bergisch Gladbach, sein Leben lang dort geblieben, betreibt da
auch das Büro der Heidi Klum GmbH. Seine Frau Erna ist ehemalige Friseurin, er selbst gelernter Chemiefacharbeiter, er war 25 Jahre lang Produktionsleiter beim Parfümhersteller 4711. Bis Heidi so bekannt war, dass sie einen brauchte, der sich ums Geschäft kümmert.

Da tauschte »dä Jünther«, wie man im Rheinland sagen würde, die Enge der Parfümfabrik gegen den Duft der weiten Welt. Er liebt die Lieder von Udo Jürgens. Und er begleitet seine Tochter gern, wenn sie zu Aufträgen in aller Welt unterwegs ist (dass die Welt am Sonntag die Eltern Klum deshalb als »Nassauer der Nation« bezeichnete, muss als kleinlich verbucht werden). An Karneval hängen die Klums Clownsmasken ins Fenster ihres Hauses, und im Gespräch mag es dä Jünther gern etwas polterig. 2003 verriet er der Welt lachend: »Wenn (...) jemand sagt: Das dort ist der Erzeuger der schönsten Frau der Welt, dann fühle ich mich wie ein Zuchtbulle.«

Menschen, die ihn öfter erleben, zitieren gern sein »Boah ey, boah ey, boah ey« - das sagt er, wenn er was richtig, richtig gut findet. Man kann ihn sich vorstellen. Und dass er ein Schlitzohr ist, gut, dafür sprechen Geschichten wie die vom Katjes-Deal, einem der ersten großen Werbeverträge von Heidi Klum. Man kann sie im Archiv nachlesen: Die fröhliche Heidi hatte damals in einem Interview erzählt, wenn sie in den USA arbeite, helfe gegen Heimweh, dass ihre Mutter ihr Lakritze schicke. Bei Katjes dachten sie: Wie nett, da machen wir eine kleine Meldung draus.

Das bekam Vater Klum mit, meldete sich auf der Stelle und monierte, das sei unerlaubte Werbung. Und jetzt kommt der schlaue Dreh: Wenn man dem Stern glauben will, der das alles vor einiger Zeit mal notierte, dann ging es damals auf einmal nicht mehr um die Frage, ob Katjes die Meldung zurückzieht, stattdessen stand plötzlich ein ganz anderer Vorschlag im Raum: Weiter so, dann aber mit Gage für Heidi. Und so wurde, mit sanftem Druck, aus der netten Anekdote ein Werbevertrag.

»Schlitzohr«, okay. Aber warum nennen ihn die Leute »knallhart«? Mehr Einschätzungen, bitte. Petra Winter, Chefredakteurin der Zeitschrift
Cosmopolitan, die die GNTM-Siegerinnen am Ende jeder Staffel groß aufs Cover
bringt, sagt lachend, er spiele schon manchmal den »Kettenhund«, ansonsten komme sie gut mit ihm aus, mehr möchte sie über ihn nicht sagen. Dann eben
die Ex-Kandidatinnen der Show, die heute zum Teil von ihm gemanagt werden: Sie heißen zum Beispiel Barbara, Lena, Gina-Lisa. Auf Interviewanfragen reagieren sie erfreut - aber sie sagen alle erschreckt ab, sobald sie erfahren, dass auch eine Frage zu Günther Klum fallen könnte.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite über den Fall eines Arbeitslosen, der von Günther Klum eine Rechnung über 142 800 Euro erhielt.)

Also bitte. So viel Zurückhaltung. Vielleicht verrät er mehr: der Hair & Make-up Artist Armin Morbach, ganz am Anfang mal Jurymitglied bei GNTM. Er sagt heute: »Es gibt keine Heidi ohne Vater. Es gibt auch keinen Vater ohne Heidi. Er ist immer dabei.« Und: »Heidi würde nie gegen ihren Vater reden. Nie. Sie steht vor der Kulisse, er zieht die Fäden dahinter.« Dass es für ihn nach der ersten Staffel vorbei war, erfuhr Morbach aus der Presse, ebenso wie das GNTM-Maskottchen Bruce Darnell. Heute wirkt Morbach sichtlich erleichtert, dass er nichts mehr mit den Klums zu tun hat.

Ähnlich geht es Fiona Erdmann, sie war in der vorletzten Staffel von GNTM dabei und kam auf Platz vier. Wenn man heute mit ihr spricht, klingt sie kritisch. Über Vater Klum sagt sie: »Ich würde nie mit dem arbeiten wollen. Das ist schon ein ziemlich gewöhnungsbedürftiger Typ.« Näher ran. Wie erleben ihn die Leute, die ständig mit ihm kooperieren müssen, die auf gute Zusammenarbeit angewiesen sind, zum Beispiel in den Klatschmagazinen? Auch da heißt es überall: Bitte keine Namen, die Zusammenarbeit, wir wollen uns da nichts verscherzen, Sie verstehen.

Aber viele Gespräche und viel Geseufze später entsteht langsam ein Bild: Vater Klum rufe wegen jedes Details persönlich an, sagen die einen, er versuche, einzelne Bildunterschriften zu korrigieren, und poltere herum, wenn man seinen Anweisungen nicht sofort Folge leiste. Er versuche, aus jedem noch so kurzen Interview so viele Seiten wie möglich herauszufeilschen, sagen andere. Er sei knurrig, ungehobelt, solche Worte fallen oft, wenn Menschen ihn beschreiben.

Dazu passt, was die Münchner Abendzeitung im Dezember berichtete: Bei einem Pressetermin hielt Vater Klum jeden Reporter von seiner Tochter fern. Eine Journalistin durfte dann doch für ein paar Sätze näher kommen - aber erst, nachdem er zur Bedingung gemacht hatte, »wenn Heidi aufs Cover kommt«. Und dann gibt es noch dieses nette Detail, das sie einem gleich in mehreren Redaktionen erzählen: Wenn eine Zeitschrift nach einem Interview mit der Tochter statt der erhofften sieben Seiten Heidi-Hymne nur vier Seiten druckt, kann es passieren, dass Vater Klum so was wie eine improvisierte Konventionalstrafe fordert.

Immerhin, er meint es gut, so erzählen die Kollegen, er will dann zum Beispiel, dass soundso viele tausend Euro an ein Kinderheim in Bergisch Gladbach gespendet werden. Die Alternative: Totenstille. Der Mann kann auch gut beleidigt sein. Wenn eine Redaktion zu kritisch über Heidi berichtet, stellt er die Kommunikation ein. Sogar bei Bild sagen sie, dass alles etwas kompliziert geworden ist, seit sie - vor langer Zeit - mal die Sendung seiner Tochter als »Heidis Hungershow« bespöttelt haben.

Jetzt wäre es an der Zeit, mal mit ihm selbst zu sprechen. Den Geschäftsführer persönlich kennenzulernen. Ein Fax, eine freundliche Interview-Anfrage. Er sagt umgehend ab. In Form eines Briefs auf cremefarbenem Papier, in einem Umschlag mit riesigem knallrotem Plastiksiegel. Sieht aus wie die Woolworth-Version eines königlichen Schreibens.

Solche Briefe verschickt er gern. Leider nicht immer nur Absagen, sondern
auch oft Drohungen. Da kündigt er Klagen und juristische Gewitter an, zum
Beispiel gegen Blogger, die den Namen seiner Tochter ungefragt in Internet-Beiträgen genannt hatten. Vielleicht kann einem so jemand ein präziseres Bild von Günther Klum vermitteln? Jemand, der ihn mal in voller Fahrt erlebt hat?

Zum Beispiel Heinz Fischer. Der Fall des Arbeitslosen aus dem sächsischen
Aue ging Anfang des Jahres durch die Presse: Er hatte einen Werbezettel für eine Party gestaltet, dabei, durchaus naiv, irgendein Blondinenfoto aus dem Internet verwendet - und nicht erkannt, dass es Heidi Klum war. Dä Jünther hielt sich nicht lang mit Geplänkel auf, sondern schickte auf der Stelle eine Fantasierechnung über 142 800 Euro.

Wenn man jetzt, Wochen später, mit Heinz Fischer darüber spricht, ist der immer noch so verdattert, als sei er gerade vom Zug überfahren worden: »Der Ton war sofort total streng und bestimmend. Um nicht zu sagen arrogant.« Er erzählt, Klum habe von ihm 100 000 Euro »Fotohonorar« gefordert, der Rest sei »Agenturprovision« gewesen. Der Fall ging dann gerade noch gut aus - Fischer unterschrieb eine Unterlassungserklärung, dann war erst mal Ruhe.

Ob Interviews in Illustrierten oder Fotohonorare von Arbeitslosen, Klum will immer das Maximum rausholen. Daher kümmert er sich mit seiner GmbH auch um die Vermarktung der GNTM-Kandidatinnen, er entwickelt sich langsam zum Modelmanager, seit Kurzem braucht er dazu nicht einmal mehr die Agentur IMG, die bis letztes Jahr noch den Kandidatinnen Verträge anbot. Bis auf ein paar kleinere Promotion-Aufgaben, die er dem Sender ProSieben überlässt, macht er jetzt alles selbst.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Erfahrung der Ex-Topmodellkandidatin Fiona Erdmann: »Ab einem hat dann keine Chance mehr.«)

Das geht so weit, dass er sich schon während der laufenden Sendungen die möglichen Internetadressen der GNTM-Kandidatinnen sichern lässt. Die ehemalige Teilnehmerin Fiona Erdmann erzählt irritiert: »Ich wollte mir eine Homepage unter www.fiona-erdmann.com einrichten - und bekam mitgeteilt, die Adresse sei schon vergeben.« Und dann? »Dann hat mir Günther Klum angeboten, ich könnte die Adresse für ein paar hundert Euro haben.« Der Mann überlässt nichts dem Zufall. Er kümmert sich um alles. Kein Wunder, dass es dieses Gerücht gibt, das Fans von Germany's Next Topmodel immer wieder im Internet diskutieren: Er sei da der heimliche Entscheider, er bestimme, wer die Wahl gewinnt. Ist das so?

Fiona Erdmann hat alles aus nächster Nähe erlebt, sie erzählt: »Ab einem
bestimmten Zeitpunkt kann man machen, was man will - man hat dann keine Chance mehr. Da haben die Macher schon ganz klar jemanden im Blick.« Über die Staffel, in der sie selbst mitwirkte, sagt sie: »Barbara, die spätere Gewinnerin, wurde vorher schon immer ganz oft beiseite genommen, von Heidi, vom Team. Sie bekam extra Tipps. Und es gab nachweislich ein Extra-Fotoshooting mit ihr für Cosmopolitan. Wir wurden alle zu einem gemeinsamen Termin gebeten und fotografiert. Aber das Bild, das hinterher von ihr kursierte, ist ganz klar nicht bei dieser Gelegenheit entstanden.«

Na gut, aber ist es jetzt tatsächlich Günther Klum, der die Siegerin auswählt? Fiona Erdmann sagt: »Nein. Ich glaube, dass Heidi ein Mitspracherecht hat. Aber letztlich liegt die Entscheidung vor allem bei den Sponsoren.« Das Modehaus C & A startet nach jeder GNTM-Staffel eine große Werbekampagne mit der jeweiligen Siegerin. Rein geschäftlich gesehen, wäre es allemal vernünftig, da die Zügel in der Hand zu behalten: Warum sollte ein Konzern sich die Hauptfigur von außen diktieren lassen, wenn er Millionen für Plakate und Anzeigen ausgibt?

Aber das ist jetzt nur so ein spontaner Gedanke. Nein, niemand behauptet hier, dass C & A die Siegerin von Germany's Next Topmodel festlegt. Fragen wir Julia Ley, die Marketing-Managerin des Konzerns. Sie erklärt: »Wir vertrauen der Jury voll und ganz. Das ist doch eine wunderbare Überraschung, wer da am Schluss das Gesicht unserer Kampagne wird.« Nun denn.

Dä Jünther also: Strippenzieher, ja, vielleicht. Organisator mit ruppigem Auftreten, sicher. Journalistenschreck mit überzogenen Vorstellungen, na gut. Man würde sich jetzt gern mit ihm über all das unterhalten, über seine Rolle, über seinen Einfluss, über seine Umgangsformen. Aber er mag ja nicht. Schade. Vielleicht muss es aber auch gar nicht sein. Vielleicht halten ihn ja sowieso nur wegen seines Umgangstons so viele für den heimlichen Chef.

Oder auch einfach wegen der Tatsache, dass er eben nicht nur irgendein Manager ist, sondern der leibliche Vater des Stars, für den er arbeitet. Und das ist möglicherweise auch der entscheidende Punkt, da kommt plötzlich eine ewige Faszination dazu: die schaudernde Begeisterung vieler Menschen für heimliche oder unheimliche Vaterfiguren. Vorn die strahlende Prinzessin, dahinter der finstere König.

Das war schon vor zwanzig Jahren so, als Steffi Graf die Tenniswelt beglückte, während ihr Vater Peter im Hintergrund das Bargeld in Plastiktüten durch die Gegend trug. Glanz strahlt nun einmal heller, wenn die Kontraste schön scharf sind. Aber ein Peter Graf ist dä Jünther nicht. Dass er getönte Brillen trägt und gegenüber Fremden ab und zu ein bisschen laut wird - na, ist das so schlimm? Er macht seinen Job, die Firma Klum ist optimal aufgestellt. Ist doch prima. Ist doch alles absolut erfreulich. Anders gesagt: Boah ey, boah ey, boah ey.

Illustration: Onur Erbay

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