Landarzt

Der Landarzt steht für das verstaubte Idyll eines Medizinergeschlechts, wie es schon lange nicht mehr existiert. Dank Gesundheitsminister Philipp Rösler allerdings könnte der Landarzt bald ein Comeback erleben.

In einer Zeit der Auslandspraktika und befristeten Arbeitsverträge erscheint der Beruf des Landarztes als archaisches Modell. Er widerspricht dem gegenwärtigen Menschenbild, den Anforderungen an »Mobilität« und »Spezialisierung«; allein ein Begriff wie »Niederlassung« wirkt wie aus einer anderen Zeit.

Die »Landarztquote« Philipp Röslers, sein Vorschlag, Studienplätze für Kandidaten zu reservieren, die später auf dem Land arbeiten, würde vermutlich allein am Mangel an Bewerbern scheitern. Als Reaktion auf Röslers Idee werden jetzt wieder die üblichen Landarzt-Porträts publiziert, über aufopferungsvolle (und immer männliche) Mediziner, die mit einer Arzttasche auf der Rückbank ihres Kleinwagens über die Dörfer fahren und Hausbesuche absolvieren, überlastet und unterbezahlt - die letzten Repräsentanten einer aussterbenden Spezies, zugleich Arzt, Psychologe und Beichtvater, wahre Autoritäten und nicht gesichtslose Vertreter der Apparatemedizin wie in den Städten.

Das ist das Sehnsuchtsbild des Landarztes, dessen Verschwinden beklagt und dessen Mythos in Romanheften oder der seit 25 Jahren erfolgreichen ZDF-Fernsehserie gleichen Namens bewahrt wird. Gespeist wird dieses Sehnsuchtsbild von einer latenten Moderne- und Urbanitätskritik, von dem Gefühl, dass in einer früheren, ländlich geprägten Epoche der Umgang zwischen den Menschen weniger flüchtig und institutionengebunden war.

Doch wann genau ist das gewesen? Die immergleichen Zeitungsporträts über »den letzten seiner Art« reichen erstaunlich weit zurück, viele Jahrzehnte, und sogar das Fachorgan Der Landarzt, 1919 gegründet, bringt in einer seiner ersten Ausgaben einen bitteren Grundsatzartikel über den Status des Berufsstandes, der mit den Worten beginnt: »In der ›guten alten Zeit‹, da war der Arzt wohl fast ohne Ausnahme die Vertrauensperson des Kranken.«

Doch jetzt sei er ein bloßer »Kassenarzt, der jagen und hasten muss, der seine Zeit nicht mehr dem psycheberuhigenden Plaudern mit seinem Kranken widmen kann«. Ist nicht der Verdacht begründet, dass der selbstlose, den ganzen Menschen behandelnde Landarzt immer schon eine erträumte Heilsfigur war?

In den dünn besiedelten Landstrichen Deutschlands wird die Betreuung, wie es jetzt schon üblich ist, zunehmend durch medizinische Versorgungszentren gewährleistet: Praxen, in denen Ärztinnen und Ärzte die Sprechstunden und Hausbesuche tageweise übernehmen.

Deren Kompetenz und Fürsorge wird, verglichen mit der Lage im 18. oder 19. Jahrhundert, weiterhin zufriedenstellend sein. Der Landarzt ist eine Fiktion.