Sommerzeit

Manchmal glaubt Andreas Bernard, sein Jahr bestünde nur aus zwei Momenten: Der Uhrumstellung im Oktober und im März. Auch dieses Wochenende wird er wieder melancholisch am Ziffernblatt drehen.

Nicht umsonst ist der Wechsel zur Sommerzeit ein paar Tage lang wie eine Art Mini-Jetlag zu spüren. In diesem schroffen Übergang offenbart sich für einen Moment jener Riss, der seit Langem aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden ist: dass die Zeitmessung nicht mehr den elementaren Bewegungen der Gestirne folgt, sondern allein der menschlichen Willkür.

In Deutschland wurde die Einheitszeit Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Damals konnte das Wissen, dass es keine »natürliche« Zeit mehr gibt, noch kollektive Beunruhigung auslösen; heute kehrt diese Irritation allenfalls zweimal im Jahr für einen Augenblick zurück. Dass die Sommerzeit bis heute leichte Unruhe hervorruft, lässt sich daran erkennen, dass diese Konstruktion auffallend häufig in Kriminalgeschichten oder Horrorfilmen eine Rolle spielt. Man könnte eine ganze Anthologie des Motivs zusammenstellen, von George Romeros Film Die Nacht der lebenden Toten, in dem ein Geschwisterpaar nur deshalb in die Fänge der Zombies gerät, weil es am ersten Abend der Sommerzeit noch das Grab eines Verwandten besucht, bis zu der Erzählung Summertime von Ferdinand von Schirach: In dieser Geschichte gerät ein Unternehmer in den Verdacht, seine Liebhaberin ermordet zu haben, weil die Uhr an der Einfahrt der Hotelgarage noch die abgelaufene Winterzeit anzeigt.

Die Zeit gerät für einen Moment aus den Fugen Ende März, und mit ihr die gewohnte Ordnung der Verhältnisse: eine prekäre Konstellation, die sich die Literatur und das Kino immer wieder zunutze machen.

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Übermorgen also wird es wieder so weit sein: der halbjährliche Gang durch die Wohnung am Morgen, von Uhr zu Uhr, zu den Wanduhren über der Küchen- und Wohnzimmertür, die nur mühevoll zu erreichen sind, zum Wecker neben dem Bett, zum Thermostat der Heizung im Flur. An allen Ziffernblättern der gleiche Eingriff, der Stundenzeiger wird ein Feld vorgerückt (eine einfachere Bewegung als dann zu Beginn der Winterzeit).

Täuscht der Eindruck, oder scheinen sich die Zeiger ein wenig zu wehren, als seien sie einer unzulässigen Manipulation ausgesetzt? Und wenn die Finger die leichte Staubschicht auf den Wanduhren ertasten, wird sich für einen Moment wieder der vertraute Eindruck einstellen: Wie kurz doch das letzte Hantieren an den Ziffernblättern zurückliegt! Das Jahr schrumpft auf einmal zusammen, auf die zwei Augenblicke Ende März und Ende Oktober: Als wäre kaum Zeit verstrichen dazwischen, als verginge das Leben mit dem Verstellen der Uhren.

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