Beichte

Lange vor Yoga-Studios und Wohlfühl-Rubriken in Frauenzeitschriften hat die Kirche eine Form der umfassenden Bekenntniskultur erfunden: die Beichte.

Die Beichte hat einen miserablen Ruf. Niemand scheint sie noch in Anspruch zu nehmen. Selbst dort, wo die christlichen Kirchen die Sprache auf diesen unzeitgemäßen Akt bringen, etwa auf der Webseite »beichten.info«, geschieht das immer imSinne eines Legitimationspro-blems, mit der großflächig platzierten Eingangsfrage: »Wozu das Ganze überhaupt?« Und wer das 720-seitige Gesamtprogramm des aktuellen Kirchentages auf das Stichwort »Beichte« hin durchsucht, erhält nur sieben kümmerliche Nennungen.

Es könnte sich also der Eindruck verfestigen, dass der Akt des Beichtens aus einer längst vergangenen Zeit stammt. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Wir sind umzingelt von Bekenntnissen – allerdings nicht im religiösen Zusammenhang, im geschlossenen Raum des Beichtstuhls, sondern in aller Öffentlichkeit. Jede Nachmittags-Talkshow im Fernsehen, jede Wohlfühl-Rubrik einer Frauenzeitschrift, jeder Werbeprospekt eines Yoga-Studios steht im Zeichen der Konfession, fordert unentwegt ein Geständnis der innersten Wahrheit heraus. Bist du mit dir im Reinen? Führst du das richtige Leben? Bemerkenswert daran ist, dass die christliche Beichte diese umfassende Bekenntniskultur erst in die Welt gebracht hat. Im frühen 13. Jahrhundert wurde die alljährliche Beichte als Voraussetzung für den Empfang des Abendmahls festgeschrieben. Lange Zeit bestand sie in der bloßen Auflistung der gesetzlichen Übertretungen eines Gläubigen, vorgetragen auf einem frei stehenden Stuhl vor der versammelten Kirchengemeinde.

Erst Mitte des 16. Jahrhunderts, in der Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit der Reformation, verdichtet sich dieser Akt; es entsteht der geschlossene Beichtstuhl, in dem allein der Priester zum Adressaten der Konfessionen wird. Nun ist nicht mehr ausschließlich von begangenen Taten die Rede, sondern auch von verborgenen Wünschen und Intentionen. Im Innern der Beichtstühle formiert sich zum ersten Mal die Rede-weise des Geständnisses, die gleichbedeutend ist mit der Herausbildung neuzeitlicher Individualität.

Man darf es also nicht vergessen: Im Beichtstuhl hat der Siegeszug einer Geständniskultur begonnen, die sich zunächst in Tagebüchern, Briefen und empfindsamen Romanen niederschlug, später in der Psychoanalyse, und die heute von allen Kanälen befeuert wird. Keine Community im Netz, die nicht vom Imperativ des »Bekenne deine Wahrheit« angetrieben wird. Die Welt ist eine große, unablässig arbeitende Beicht-Maschine geworden – und deshalb hat der Ursprungsort dieser Redeweise seine Bedeutung verloren.

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