Spender-Herz

Wer Kleinbeträge für Menschen in Krisenregionen spendet, hilft viel - nicht zuletzt der Deutschen Post.

Jetzt, in diesem Moment, verhungern Kinder. Und ich stehe mit zwei Einkaufstüten, vollgestopft mit Brot, Milch, Reis, Obst sowie einer Familienpackung Eis, vor meinem geöffneten Briefkasten. Darin liegt ein Umschlag, auf den das Foto eines dürren Kindes gedruckt ist. Es hat dunkle Haut, steht in einer verdorrten Landschaft, hinter sich eine Hütte und andere Kinder, deren Eltern nicht wissen, wovon sie sich die nächsten Monate ernähren sollen. Darum der »eilige Spendenaufruf«: Tausende Tote seien zu befürchten. Furchtbar, denke ich, da fällt mir eine Packung Lasagneblätter runter. Mit zwei Fingern, die nicht Tüte oder Schlüssel halten, nehme ich den Brief, zögere – und werfe ihn ins Altpapier. Das Eis taut, schnell in die Wohnung.

Wie ungerecht das ist: mein Überfluss, ihr Leid, aber am Briefkasten ist mein vorherrschendes Gefühl gerade Ärger. Nicht über Diktatoren, die ihr Volk hungern lassen, nicht über Ressourcen verschwendende Industrienationen – mich nerven die Hilfsorganisationen. Ausgerechnet diejenigen, die wirklich etwas tun und nicht nach ein paar Sekunden Betroffenheit zum Alltag übergehen. Warum? Weil sie mir pausenlos solche Briefe schicken. Jede Woche bekomme ich zwei bis drei Bittschreiben. Ich spende nicht regelmäßig für eine Hilfsorganisation, sondern je nach Weltlage hier zehn Euro, da zwanzig, selten fünfzig. Für Opfer vieler Gräuel: Krieg, Dürre, Überschwemmung, Beschneidung, Vertreibung. Auch zugunsten von Tanzbären habe ich gespendet. Mit der Überweisung landete mein Name in der Adressliste der Hilfsorganisation. Es folgten ein zweiter Brief (Tanzbär befreit, bitte für Futter spenden) und ein dritter (Bär erholt sich, jetzt: misshandelte Tiger aus Zirkus gerettet, bitte spenden).

Ich bin sehr froh, dass es Menschen gibt, die gequälten Tieren helfen, Straßenkinder vor Missbrauch schützen und gegen Staudämme im Regenwald kämpfen. Es ist nur so: Ich will doch genau diese Helfer vor Ort unterstützen – und nicht dafür zahlen, dass mir ihre Verwaltungen bis an mein Lebensende unzählige Spendenaufrufe schicken. Wenn ich spende, tue ich offenbar vor allem der Deutschen Post etwas Gutes. »Das Aussenden kostet nur Cents«, beteuert die Sprecherin einer Hilfsorganisation. Stimmt, aber laut der Post gibt es maximal 45 Prozent Mengenrabatt – bleiben rund dreißig Cent Porto pro Brief, damit sind die zehn Euro Spende nach 33 Briefen verbraucht. »Wir gehören zu den zurückhaltenden Organisationen«, findet die Sprecherin, »wir verschicken nur drei Mal im Jahr ein Mitgliedermagazin, jährlich bis zu drei Flyer über aktuelle Einsätze und in dringenden Notfällen Sondernewsletter.« Spendensammeln sei mühsam, in der Endabrechnung lohne sich die Massenpost.

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Aber die permanenten Hilferufe lassen mich an der Welt verzweifeln. Jeder neue Brief zeigt mir, wie jämmerlich meine Spenden sind: »87 Euro genügen, um ein mangelernährtes Kind zwei Wochen aufzupäppeln«, schreibt mir das Deutsche Rote Kreuz – heißt: Meine zehn Euro reichen für anderthalb Tage. Klar, Hilfsorganisationen verschicken in erster Linie nicht Briefe, sondern ein schlechtes Gewissen, das verstehe ich. Doch wenn ich den Eindruck bekomme, dass ich sowieso nie genug gebe, wächst die Versuchung, es ganz zu lassen.

Ein Vorschlag: Alle Hilfsorganisationen senden mir nur noch E-Mails, das sollte einiges an Porto für bessere Zwecke sparen. Ich verspreche, ich werde die Mails nicht gleich löschen.

Illustration: Mrzyk ét Moriceau

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