»Ich wollte jemand sein. Und verschwand«

Unsere Autorin ist Soziologin und Genderforscherin, geübt darin, den gesellschaftlichen Druck auf den weiblichen Körper zu analysieren. Doch längst nicht nur theoretisch: Jahrelang war sie selbst an Bulimie erkrankt

    Zehn Jahre hat es gedauert, zehn Jahre aus Fressen und Kotzen und wieder fressen und wieder kotzen. Eben noch die maßlose Gier, die Lust an der eigenen Ausdehnung - und gleich danach das genaue Gegenteil: die Sehnsucht, sich aufzulösen. »Ich füllte mir den Bauch bis zur Schmerzgrenze«, schreibt unsere Autorin, die Schweizer Genderforscherin Franziska Schutzbach: Manchmal verschlang sie 10.000 Kalorien auf einmal, acht Burger, fünf Portionen Pommes, ein Liter Vanilleeis, zwei Liter Cola, um sie anschließend zu erbrechen.

    Geschichten über Bulimie-Kranke gibt es viele, doch diese ist außergewöhnlich. Was Franziska Schutzbach am eigenen Leib erlebte und erlitt, beschäftigt sie auch in ihrer Forschung: wie die Gesellschaft Frauenbilder und dadurch auch Frauenkörper formt, inwiefern Essstörungen auch Bewältigungsmechanismen sein können, Antworten auf den absurden Druck, einem Bild von Weiblichkeit zu genügen, das man sich nicht selbst ausgesucht hat.

    Die Ursprünge ihrer eigenen Bulimie, analysiert Schutzbach, lagen in ihrer Kindheit und in einem schiefen Selbstbild, das eher die Erwartungen ihrer Umwelt spiegelte als ihre eigenen Wünsche und Fähigkeiten. Zu Großem erzogen, konnte sie die selbst gesteckten Ziele nicht erreichen und suchte ihr Heil darin, wenigstens mit einem schlanken Körper zu glänzen: »Ich wollte jemand sein. Und verschwand.«

    Was Schutzbach an sich selbst und an Mitpatientinnen in Kliniken beobachtet hat, bringt sie in Relation zu den wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema. Sind Essstörungen selbstzerstörerische Strategien, mit der Welt klarzukommen? Ist man Sklave des eigenen Körpers oder Herrscher darüber? Überraschend: Schutzbach beschreibt, wie Menschen mit Essstörungen durch ihre Krankheit nicht nur verlieren, sondern auch etwas für sie in diesem Moment sehr Wichtiges bekommen.

    Sie selbst sei inzwischen geheilt - »falls man so etwas jemals mit Sicherheit sagen kann« -, irgendwann war es vorbei. Geblieben ist ihr bis heutig eine trotzige Weigerung, sich mit Essen zu beschäftigen. »Längere Gespräche über Ernährung nerven mich. Ich habe zehn Jahre zwanghaft an Essen gedacht, ich tue das nie wieder.«

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    Am eigenen Leib

    Unsere Autorin beschäftigt sich als Geschlechterforscherin mit dem weiblichen Körper und der Frage, wie er von der Gesellschaft geformt und gesehen wird. Theoretisch. Praktisch litt sie jahrelang selbst an Bulimie.

    Foto: gleb_pokrov / photocase.de

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