Ein Getränk wie ein ausgestreckter Mittelfinger

Pastis, dieser kleine Bruder des Absinth, ist viel mehr als nur ein Schnaps: Wer ihn trinkt, wie es die Franzosen tun, entscheidet sich für Anarchie und gegen vernetzte Geschäftigkeit. 

Ich erzählte einem Freund, dass ich über Pastis schreibe. Er: Ah, dieses Teufelszeug aus den Opiumhöhlen. Ich: Nicht Absinth, Pastis! Er: Ah, Schwarze Johannisbeere, oder?! Ich: Nicht Cassis, Pastis! Er: Ah, was ist das noch mal?

Ich bin gemein, weil Absinth und Pastis natürlich mit­einander zu tun haben – Anfang des 20. Jahrhunderts löste der eine den anderen in Form einer entschleunigten Variante ab –, aber was ich eigentlich sagen möchte: Es ist schade, dass die Deutschen so wenig Pastis trinken, und schändlich, dass manche ihn nicht mal kennen. Inzwischen kann es einem sogar in einer Bar passieren, dass man fragend an­geschaut wird, wenn man einen bestellt, weil der Barkeeper eigentlich Grafikdesign studiert, und wenn man doch einen bekommt, dann oft einen Pernod, der strenggenommen gar kein Pastis ist, was in einer Getränkekolumne schon mal erwähnt werden kann.

Seitdem der Klimawandel bewirkt, dass wir – notfalls unter einer Wolldecke und neben einem Heizpilz – schon im Spätwinter nicht in, sondern vor den Straßencafés sitzen, sieht man fast ganzjährig Menschen, die an Terrassengetränken nippen, in denen Grünzeug und Orangenscheiben schwimmen, Aperol Spritz, Hugos, früher hätte man Drinks für Spielerfrauen gesagt, aber das darf man nicht mehr, weil einen dann die Leute im Internet beschimpfen.

Ich plädiere an dieser Stelle für Pastis. Warum? Nehmen Sie den nächsten Billigflieger nach Marseille und gehen Sie morgens runter zum Hafen: Die Stadt liegt noch im Halbschlaf, die Luft ist kühl von der Nacht, das Licht brutal ­intensiv, aber auf den Plätzen sitzen sie schon unter den Platanen, Einheimische, ganz normale Menschen; manche schauen durch die Gegend, andere spielen Schach, wieder andere blättern in der Zeitung vom Vortag oder einem ­Taschenbuch. Praktisch alle haben ein Glas mit milchiger Flüssigkeit vor sich stehen, in das sie gelegentlich Eiswasser kippen: Pastis. Wer ein paar Tage bleibt, stellt fest: Sie trinken ihn morgens, mittags und abends, vor dem Essen, während des Essens, nach dem Essen. Dabei wirken sie nie ­angetrunken, eher selbstvergessen und vollkommen bei sich, als könnte es nichts auf der Welt geben, was sie zur Eile oder zu einer Handlung treibt, ein Tableau des Müßiggangs, ein ausgestreckter Mittelfinger in die Fratze vernetzter Geschäftigkeit. Wer einmal das Glück hatte, in einem solchen ­Gemälde Statist zu sein, ist für ein deutsches Frühstückscafé, in dem die Gäste um neun Uhr morgens die Kopfhörer aufsetzen und drauflosmailen, für immer verloren.

Barnaby Conrad, ein amerikanischer Künstler, Schriftsteller, Stierkämpfer und Boxer, schrieb über Absinth: »Das ­grüne Glas auf dem Cafétisch symbolisierte Anarchie oder eine entschiedene Ablehnung der Normen und Pflichten des Lebens.« Für Pastis, den »kastrierten Absinth«, gilt das Gleiche mit dem Vorteil, dass man weder Halluzinationen noch epileptische Anfälle bekommt. Pastis ist ein unauf­geregter, dabei eleganter und poetischer Drink – nicht nur, aber auch wegen des Louche-Effekts, der eintritt, wenn der bronzefarbene Schnaps mit Eiswasser vermengt in ein ­milchiges Weißgelb umschlägt. Pastis ist süffig, erfrischend und enthält bis zu siebzig verschiedene Kräuter, Heil­pflanzen und Gewürze; Pastis ist Medizin, die schmeckt.