Warum ist dieser Mann ein Star?

Sein Krebs-Roman Das Schicksal ist ein mieser Verräter war ein Welterfolg, die Verfilmung kommt jetzt ins Kino. Aber in den USA wird John Green aus einem ganz anderen Grund gefeiert: Wenn er und sein Bruder Hank auf Youtube ihre einmalige Mischung aus Oberseminar, Comedy und Alltagsphilosophie präsentieren, schauen Millionen zu. Besuch bei einem Phänomen.

(Foto: Gage Skidmore CC BY-SA 2.0)

John Greens größte Angst ist also wahr geworden: Mit zwölf hat er sich zum ersten Mal eingebildet, dass Menschen ihn beobachten. »Ich war ein Nerd und hatte kaum Freunde«, erzählt er. Und die Welt war gegen ihn, so schien es: Überall sah er Menschen, die ihn anstarrten, über ihn tuschelten, heimlich lachten – eine fast normale Teenager-Wahnvorstellung. Das ist 25 Jahre her. »Schon seltsam, dass ich heute genau dasselbe spüre. Nur stimmt es diesmal wirklich.«

Wo immer der 36-Jährige auftaucht, warten Hunderte, oft Tausende junger Menschen auf ihn, sie wollen Autogramme und Fotos, sie kreischen, als würde da Justin Bieber vor ihnen stehen, und nicht dieser unbeholfen wirkende Schriftsteller aus Indianapolis in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Mit Nickelbrille und chaotischer Frisur sieht er immer noch aus wie ein Nerd. Und das nimmt er als Kompliment. Gerade sitzt John Green in einer Hotelsuite in Hollywood, vor sich eine Cola mit viel Eis. »Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe das, was ich tue. Aber meine Angststörung macht all das nicht gerade leichter«, sagt er, und fährt sich mit der Hand durch die Haare. Das macht er mehrmals pro Minute. Es erklärt die Frisur. Gestern Abend, auf der Buchmesse in Los Angeles, mussten Sicherheitsleute den Zugang zum Park vor der Bibliothek vor seiner Lesung komplett sperren: Es waren einfach zu viele gekommen. Nächste Woche in Cleveland wird es ähnlich sein. Und dann in Dallas, Nashville, Houston und den vielen anderen Städten, durch die er gerade tourt.

DER FILM

Der Schriftsteller reist durch die USA, um Werbung für den Film Das Schicksal ist ein mieser Verräter zu machen. Am 12. Juni startet er in Deutschland und er wird wohl ähnlich erfolgreich sein wie die Buchvorlage, die John Green geschrieben hat. Es ist die Geschichte eines 16-jährigen Mädchens: Hazel Grace hat Schilddrüsenkrebs im Endstadium und muss stets einen Sauerstofftank hinter sich herziehen, seit Metastasen ihre Lungen zerfressen. In einer Selbsthilfegruppe verliebt sie sich in einen Jungen, der schon ein Bein an den Krebs verloren hat. Eine Liebesgeschichte im Angesicht des Todes: Ziemlich unwahrscheinlich, dass ein solcher Stoff eines der erfolgreichsten Jugendbücher 2013 werden konnte. Und noch etwas unwahrscheinlicher, dass der Film bei Hollywood-Galas wie den MTV-Awards als Sommerhit für Jugendliche angekündigt wird, neben Godzilla und X-Men.

Klar: Das Buch ist witzig, klug und rührend; es hat jede Menge Preise bekommen; hält sich seit zwei Jahren in den Bestsellerlisten. Doch das allein erklärt den Erfolg nicht. Der Hype hat noch einen anderen Grund: Youtube.

John Green ist nicht nur Schriftsteller, er ist Superstar in einer Parallelwelt, die verborgen liegt hinter den Katzenvideos und Musikclips auf der Video-Plattform. Seit 2007 betreibt er mit seinem Bruder Hank einen Videoblog: Die beiden stellen fast täglich je vierminütige Filmchen ins Netz, in denen sie einander erzählen, was sie gerade beschäftigt. Zwei Millionen Abonnenten sehen zu. Der Schriftsteller John Green hat das, was Hollywood dringend möchte: die Aufmerksamkeit der Generation Internet. Kurz nach Veröffentlichung hatte der Trailer von Das Schicksal ist ein mieser Verräter auf Youtube mehr Likes als je ein anderer Filmtrailer.

DAS VIDEOBLOG

Sogar bei Interviews hat John Green seinen Camcorder dabei. Er filmt die Aussicht aus dem Hotelzimmer, die Fotografen und die Journalisten, die kreischenden Fans vor den Veranstaltungshallen. Manche Aufnahmen veröffentlicht er sofort auf verschiedenen Internet-Plattformen: Hier ein Selfie auf Twitter (2,39 Millionen Follower), dort ein kurzer Videoclip auf Tumblr (688 000), ein Bild mit einem der Schauspieler auf Instagram (707 000). Nachts schneidet er ein Video und lädt es auf Youtube hoch. John Green lebt eine Prominenz 2.0: Seine Fans wissen immer, was ihn gerade beschäftigt.

»Gut, manchmal wäre es schön, nicht überall erkannt zu werden«, sagt er. Gerade die jungen Mädchen, die ihn im Supermarkt oder auf der Straße erspähen, würden nämlich lieber tuscheln und kichern, statt ihn einfach anzusprechen. »Das kann anstrengend sein.« Da fühlt er sich wieder wie der junge Nerd, der glaubt beobachtet zu werden.

Der Youtube-Kanal »Vlogbrothers«, auf Deutsch Videoblog-Brüder, richtet sich an Teenager: »Mein Bruder und ich wollten mit den Videos eine Gemeinschaft aufbauen, in der sich junge Menschen zivilisiert über ernste Themen unterhalten können, egal ob Sexualität, Klimawandel oder die Ukraine-Krise.« Jedes Video beginnt mit »Guten Morgen, Hank«, beziehungsweise »Guten Morgen, John«. Danach folgen recherchierte Vorträge, etwa über Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik, das amerikanische Steuersystem oder das Urheberrecht. In anderen Videos geht es um Alltägliches – Zahnarztbesuche, den ersten Kuss, Flugangst, Star Wars. Die »Vlogbrothers« wechseln ständig zwischen Plauderei und Analyse, sie mischen Klamauk und Ernst. Jedes »Äh«, jede Denkpause und jedes Luftholen entfernen sie im Schnitt. Die Videos wirken gehetzt, aufgeregt. Es scheint, als würden die beiden nicht einmal blinzeln.

John Greens Vortrag über den Ukraine-Konflikt. Vorsicht: Er verwechselt mehrmals Osten und Westen.

Für ihre jungen Zuschauer sind sie so etwas wie eine Mischung aus großer Bruder, Superheld und Gymnasiallehrer. Ihre Fans nennen sich selbst »Nerdfighter«, kämpfende Nerds also, sie kommentieren zu Tausenden jedes Video, sie lesen die Bücher, die John ihnen aufgibt, als wären es Hausaufgaben. Sie diskutieren die Themen der Videos, und sie schicken selbst Fragen ein, die die beiden beantworten: Wie sage ich meinen Eltern, dass ich schwul bin? Warum interessieren sich die Jungs in meiner Klasse nicht für mich? Was soll ich studieren? Ich werde gemobbt, was kann ich tun? Ist Schwarz eine Farbe?

»Wir waren wohl einfach unter den Ersten, die Youtube entdeckt haben.«

Seltenes Bild: Die »Vlogbrothers« zusammen in einem Zimmer. Die wenigen Videos, die die Green-Brüder zu zweit machen, sind bei den Fans besonders beliebt.

»Es ist großartig, dass so viele Menschen uns zuhören«, sagt John Green. Er will seinen Fans Antworten geben, gute Ratschläge. »Aber am Ende weiß ich, dass ich nicht vertrauenswürdiger bin als irgendjemand anders. Und das sage ich den Nerdfightern auch.«

Woher kommt dann der große Erfolg? »Das weiß ich selbst nicht.« Die Hand fährt wieder durch seine Haare. So viel Understatement klingt kokett, doch John Green ist der eigene Ruhm immer noch suspekt. Er sagt in allen Interviews, dass sein jüngster Roman »eigentlich gar nicht so gut ist, wie alle tun«, und wenn er von seinen Videos spricht, zählt er ungefragt sachliche Fehler auf, die ihm passiert sind. »Ich hab Ost-Ukraine gesagt! Ich meinte den Westen. So peinlich …« Es macht ihn sofort sympathisch. Seinen eigenen Erfolg als Videoblogger erklärt er nach längerem Nachdenken so: »Wir waren wohl einfach unter den Ersten, die Youtube entdeckt haben.«

DIE UNTERNEHMER

Als Hank und John 2007 als »Vlogbrothers« begonnen haben, waren sie 27 und 29. Damals klang es utopisch, dass man mit Youtube-Videos Geld verdienen könnte. Seitdem haben die beiden ein regelrechtes Video-Imperium aufgebaut. Kopf des Unternehmens ist der Jüngere: Hank Green, 34, Chemiker. Er hat schon als Jugendlicher einen Umweltblog begonnen und den Beruf Webdesigner gelernt. Heute lebt er mit seiner Familie in Montana und beschäftigt für seine Projekte mehrere Mitarbeiter. Zum Beispiel SciShow, eine regelmäßige Wissenschaftssendung auf Youtube, die 1,7 Millionen Abonnenten hat. Vor zwei Jahren hat er den Klassiker Stolz und Vorurteil von Jane Austen als Videoblog neu inszeniert, hundert Folgen zu je drei Minuten. Er gewann damit einen Emmy, den wichtigsten US-Fernsehpreis. Hank betreibt ein Plattenlabel, hat selbst zwei Musikalben aufgenommen (aktuelle Single: I Fucking Love Science, auf Deutsch: »Verdammt, ich liebe Wissenschaft«). Nebenbei organisiert er die weltweit größte Konferenz für Videoblogger: 12 000 Besucher kamen zur letzten »Vidcon« in Kalifornien. John sagt über seinen Bruder: »Er war immer schon derjenige mit den Ideen. Er gründet gerne. Und probiert Dinge aus.« Hank sagt: »Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich meistens – einfach, um lange Erklärungen zu vermeiden –, ich bin Lehrer für Naturwissenschaften.«

»SciShow: The Science of Lying« - Hank Green erklärt, warum wir lügen.

Und irgendwie stimmt das ja. Ein weiteres Green-Projekt heißt Crash Course, 1,7 Millionen Abonnenten. Es ist nichts anderes als Schulunterricht auf Youtube, im atemlosen Green-Duktus, und mit jeder Menge Witzen. John hat Video-Reihen für Geschichte, englische Literatur und klassische Literatur produziert, Hank für Chemie, Ökologie, Biologie und Psychologie. Die Videos kommen inzwischen in mehreren Tausend High Schools im Unterricht zum Einsatz. Nun bekommt John Green regelmäßig Post von Lehrern: »Könnten Sie vielleicht ein bisschen langsamer sprechen?«

DFTBA

So wie jedes Video der beiden mit dem notorischen »Guten Morgen« beginnt, enden die meisten mit »DFTBA«, kurz für »don’t forget to be awesome«. Der Spruch dient als Erkennungszeichen der Nerdfighter. Sie tragen die Buchstaben auf T-Shirts, als Tattoos, kritzeln sie auf Schulhefte. »Vergiss nicht, großartig zu sein.«

Inzwischen hat sich der Spruch verselbstständigt. »DFTBA«-Poster gibt es auf Jahrmärkten, T-Shirts und andere Artikel mit dem Aufdruck werden von internationalen Textilketten wie Urban Outfitters oder Zara produziert und weltweit verkauft. Und das liegt wahrscheinlich ein bisschen an Barack Obama.

Vor einem Jahr hat der US-Präsident mehreren Videobloggern ein Interview gegeben, das live auf Youtube übertragen wurde. John Green war dabei. Er fragte Obama erst nach seinen Steuerplänen und bat ihn dann um Hilfe bei der Namensgebung seiner Tochter. »Herr Präsident, was finden Sie besser: Eleanor oder Alice?« Obama gab keinen Tipp, sondern antwortete: »Egal ob Eleanor oder Alice. Sagen Sie dem Mädchen, sobald es auf der Welt ist: Vergiss nicht, großartig zu sein.« Und die Zuschauer auf Youtube haben John zum ersten Mal sprachlos erlebt.

US-Präsident Obama im Interview mit Videobloggern: »Don't forget to be awesome«

»Ganz ohne Ironie: Wir machen die Welt gemeinsam ein Stück besser«

Die Hauptdarsteller Ansel Elgort und Shailene Woodley spielen im Film zwei krebskranke Teenager, die sich verlieben. Die Besetzung ist auch in den Nebenrollen großartig (mit dabei: Laura Dern und Willem Dafoe). Doch Vorsicht: Hier wird gelitten und gestorben. Bei allen Vorpremieren standen reichlich Taschentücher bereit. Und die wurden auch gebraucht.

DAS SCHICKSAL IST EIN MIESER VERRÄTER

Seit mehr als zehn Jahren trägt John Green seine Geschichte über Jugendliche mit Krebs nun schon herum: 2000 hatte er sein Theologiestudium beendet und wollte Priester werden. Er trat eine Stelle als Seelsorger in einer Kinderkrebsstation an: »Nach dem Studium dachte ich, dass ich theologisch erklären könnte, warum auf der Welt so viel Schlimmes passiert. Aber als ich dann diesen sterbenden Kindern gegenüberstand, hatte nichts davon mehr irgendeine Bedeutung.« Schon nach Wochen seien ihm zwei Dinge klar geworden: Er würde nicht Priester werden. Und er musste seine Erfahrungen zu einem Buch machen. »Doch alles, was mir einfiel, war nihilistisch und hoffnungslos.«

Im Jahr 2009 lernt er Esther Earl kennen, ein 15-jähriges Mädchen, das selbst einen Videoblog macht. Sie ist einer seiner Nerdfighter und leidet an Schilddrüsenkrebs im Endstadium. Die beiden werden Freunde. »Esther hat mir beigebracht, dass auch ein kurzes Leben erfüllt sein kann«, sagt John Green. Sie stirbt 2010. Wer sich die letzten Videos auf ihrem Youtube-Kanal »cookie4monster4« ansieht, wird in der schwerkranken Hazel aus dem Buch einiges von Esther erkennen. »Sie ist nicht die Vorlage. Aber ich hätte das Buch ohne sie nicht schreiben können«, sagt Green. Er hat ihr den Roman gewidmet.

DIE NERDFIGHTER

Jedes Jahr feiern die Brüder mit ihren Fans einen erfundenen Feiertag, den »Esther Day«, am 3. August, dem Geburtstag von Esther Earl. Jeder »Nerdfighter« soll an diesem Tag einem Familienmitglied oder Freund etwas Nettes sagen. Das Mädchen hatte sich das so gewünscht. Sie selbst hat nur einen einzigen »Esther Day« erlebt. Am 3. August 2010 sagt John in seinem Blog: »Aaah! Hilfe! Muss ich wirklich? Ich bin ein Junge, wir sagen so was doch eigentlich nicht! Oooooh. Hank? Ich liebe dich.« Tausende Fans haben in den sozialen Netzwerken berichtet, dass sie ihren eigenen Geschwistern, ihren Müttern oder ihren besten Freunden dasselbe gesagt hätten. Manche haben Videos davon gedreht.

Der erste «Esther Day«, an dem John seinem Bruder Hank sagt, dass er ihn liebt.

Esther Earl reagiert auf den ersten »Esther Day«, zu ihrem Geburtstag. Es ist eines ihrer letzten Videos.

John Green bringt Teenager dazu, Dinge zu tun, die sie sonst nie machen würden. Sie spenden Millionen für Charity-Projekte, lassen sich überzeugen, sich für die US-Wahlen zu registrieren oder an ihrem ökologischen Fußabdruck zu arbeiten. »Ganz ohne Ironie: Wir machen die Welt gemeinsam ein Stück besser«, sagt John Green. Nachsatz: »Eigentlich unglaublich, dass das funktioniert.«

John nutzt diese Wucht: Seine Fans haben Das Schicksal ist ein mieser Verräter auf Platz eins der Amazon-Bestsellerliste gebracht, als sie noch nicht einmal wussten, worum es darin gehen wird. Das war 2011. John hat in einem Video leichtfertig versprochen, alle vorbestellten Exemplare seines neuen Buches zu signieren. Er musste es 150 000 Mal tun. Das brachte ihm eine Sehnenscheidenentzündung – und unbezahlbare Aufmerksamkeit für sein Buch.

Im Film sollte er eigentlich einen Auftritt haben, doch der kurze Part wurde geschnitten und wird nur auf DVD veröffentlicht. John Green grinst: »Das wäre ja ein gutes Argument für die DVD«, sagt er. Er weiß, dass nichts anderes die Verkäufe ähnlich stark ankurbeln könnte.

Ein einziges Mal, so erzählt John Green, habe er negative Erfahrungen mit Fans gemacht: Als nämlich vor einigen Monaten plötzlich ein paar davon vor seinem Haus in Indianapolis standen. Und er sich kurz fühlte wie der Teenager, der glaubt von allen beobachtet zu werden. »Das war unheimlich. Eine Grenzüberschreitung.« Sie wollten Autogramme. John Green hat zwei sehr untypische Dinge getan: Er schickte seine Fans weg. Und er verlor kein Wort darüber in seinem Videoblog. »Ich hatte ehrlich gesagt Angst davor, dass das andere auf dumme Gedanken bringt.«