»Für mich ist es ein Kick, der Demütigung nah zu sein«

Christian Bale gilt als Besessener. Das Ausmaß, in dem der Schauspieler seinen Körper für seine Filme misshandelt, ist legendär. Nun spielt er Moses - und sieht ausgerechnet diese Rolle überraschend locker.

(Christian Bale bei der Filmpremiere von Exodus)

SZ-Magazin: Vier Uhr nachmittags, Sie sind beim Bier?
Christian Bale: Möchten Sie eins? Es heißt Stauder Pils. Sie wollten mir Heineken geben, aber ich habe mir ein interessantes deutsches Bier gewünscht. Dann kam dieses.

Sie sehen entspannt, ja erholt aus. Dabei kommt der dritte Film in diesem Jahr mit Ihnen in der Hauptrolle ins Kino: nach American Hustle und Auge um Auge nun Exodus. Sind Sie ein Arbeitstier?
Ich mag nur keine halben Sachen. Wenn ich arbeite, mache ich nichts lieber als das. Wenn ich nichts tue, möchte ich nie wieder arbeiten. Wir sind Anfang dieses Jahres mit Exodus fertig geworden, seitdem habe ich nicht mehr gedreht. Meine Frau und ich haben im Sommer unser zweites Kind bekommen, einen Sohn. Da wollte ich zu Hause sein, die ganze Zeit.

Sie sind der erste Schauspieler, den ich treffe, von dem mein Sohn sich ein Autogramm wünscht. Er findet: Sie zu sprechen, muss der Höhepunkt meines Berufslebens sein.
Sehr nett von ihm. Aber wie soll ich dem jetzt gerecht werden? Das erhöht den Druck auf dieses Gespräch unglaublich. Ich kann eigentlich nur enttäuschen.

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Sehen Sie sich Ihre Filme an?
Ich sehe sie mir an, aber ich betrachte sie nicht als meine Filme. Sie sind zuallererst die Filme der Regisseure und all der anderen Leute, die beteiligt sind, der anderen Künstler und der Handwerker. Es wäre arrogant von mir zu behaupten, ein Film wäre meiner.

Und wenn Sie den Film sehen: Achten Sie vor allem auf sich?
Ich versuche, das nicht zu tun. Es kann unendlich beschämend sein, sich zu sehen. Allerdings lernt man mehr, wenn man sich schlecht findet, als wenn man zufrieden ist.

Sind Sie schon mal aus einem Film rausgegangen, in dem Sie mitgespielt haben?
Ich habe einen Film angehalten und die Leute, mit denen ich ihn gesehen habe, gebeten, mich allein zu lassen.

Mit wem haben Sie sich den Film angeschaut?
Mit meiner Familie. Nicht mal das konnte ich aushalten. Ich habe ihn dann um drei Uhr morgens allein gesehen. Aber ich konnte nicht still sitzen, bin auf und ab gelaufen und habe mir ständig die Hände vors Gesicht geschlagen, um nicht hinschauen zu müssen. Und musste eben doch hinschauen, um herauszufinden, ob alles mein Fehler war oder nur zum Teil. Was da so falsch gelaufen ist.

Verraten Sie, welcher Film das war?
Lieber nicht.

Sind Sie tatsächlich so bescheiden, wie Sie gerade klingen?
Bescheidenheit trifft es nicht. Es ist eher eine Schüchternheit, die ich nicht ablegen kann. Sie kommt vielleicht daher, dass ich als Kind so oft umgezogen bin. Ich habe mich nie einer Gruppe von Freunden zugehörig gefühlt.

(Christian Bale mit seiner Ehefrau Sibi Blazic)
Ihre Mutter war Artistin im Zirkus und Ihr Vater Pilot. Sie sind in Wales geboren und haben an vielen Orten gelebt, in England, Portugal und den USA.
Ich wusste immer, dass wir nicht lange bleiben würden, ein paar Monate, ein Jahr höchstens, und es nichts brächte, mein Herz an jemanden zu hängen. So wird man zum Einzelgänger. Und immer unbeholfener in Gruppen.

Das hört sich traurig an.
Ach. Ich glaube, ich habe damals auch angefangen mit dem Schauspielen. Weil man sich ständig verstellt. Weil man allen vormacht, man wäre Teil der Gruppe, und alles wäre gut. Ich könnte jetzt auf der Stelle sehr glaubwürdig einen Menschen spielen, der sich in Gruppen wohlfühlt, voller Wärme ist und die Nähe vieler Menschen aushalten kann. Aber im Leben meide ich Situationen, in denen ich von vielen Leuten umgeben bin. Das überfordert mich.

Hat Sie diese Schüchternheit genervt? Oder stört sie Sie noch?
Sie hat mich oft gestört, ja. Wie in Morrisseys Song: »Shyness is nice, and shyness can stop you from doing all the things in life you'd like to.«

Sie haben mit 13 Jahren in Spielbergs Film Das Reich der Sonne die Hauptrolle gespielt und waren danach berühmt. Wollten nicht alle Mädchen mit Ihnen gehen?
Das ist eben leider genau nicht passiert. Ich war viel zu jung, um mit Erfolg umgehen zu können. Damit, im Mittelpunkt zu stehen. Aber es war etwas am Schauspielen, was mich magisch anzog, obwohl ich es als Berufswahl im Grunde absurd fand.

Warum?
Es kam mir so künstlich vor, so manieriert. Doch dann habe ich gut verdient. Wir hatten nie viel Geld gehabt, und ich war stolz darauf, meine Familie unterstützen zu können. Mich verbindet bis heute eine Hassliebe mit meinem Beruf. Ich bin dankbar und gleichzeitig sauer, dass ich da hineingezwungen worden bin.

Weil Sie kein normales Leben führen können?
Ich führe ein normales Leben, glaube ich. Was ist das überhaupt, ein normales Leben? Mein Leben ist für mich normal. Ihr Leben ist für Sie normal. Jeder lebt sein Leben. Es gibt kein normales Leben. Vielleicht ist ja ein langweiliges Leben damit gemeint, und wer will schon ein langweiliges Leben führen?

Als Sie ein Teenager waren, haben sich außerdem Ihre Eltern getrennt. Ist es zu privat zu fragen, warum Sie mit Ihrem Vater gegangen sind?
Ich bin nicht mit ihm gegangen. Er ist geblieben.

Ihre Mutter und Ihre Schwestern sind gegangen?
Ja.

Aber es war trotzdem eine Entscheidung, bei Ihrem Vater zu bleiben.
Es war nicht meine Entscheidung.

Sie waren alt genug. Man hätte Sie fragen können.
Nein. Das wurde klargemacht.

Wie war Ihre Beziehung zu Ihrem Vater, als Sie zu zweit waren?
Mein Vater hat erst gelernt, wie man eine Vater-Sohn-Beziehung führt. Er hatte seinen eigenen Vater nur ungefähr sechsmal in seinem Leben gesehen. Beziehungen fielen ihm nicht leicht. Aber zwei Dinge waren ihm unheimlich wichtig: niemals langweilig zu sein. Und Autoritäten in Frage zu stellen. Das möchte ich an meine Kinder weitergeben. Sie sollen wissen, dass ich nicht auf alles eine Antwort habe und auch manchmal Unsinn rede. Ich möchte, dass sie sich trauen, etwas in Frage zu stellen, was ich gesagt habe.

Wie hat Ihr Vater Ihnen beigebracht, nicht langweilig zu sein?
Er hat so gelebt. Er war ruhelos, hat das Abenteuer gesucht. Das Leben musste aufregend sein.

(Christian Bale in seiner Rolle als Moses)

Haben Sie seine Ruhelosigkeit geerbt?
Ich hoffe es. Auch wenn ich nun Familie habe und sehr gut nichts tun kann. Mit nichts tun meine ich: nicht arbeiten.

Haben Sie Ihren Vater bewundert?
Sehr. Er ist mein Held, mein Idol. Er und Jimi Hendrix.

Warum Jimi Hendrix?
Er hatte ein unglaubliches Talent. Und ich glaube, er war ein netter Mensch. Er spielte sich die Finger blutig, so voller Hingabe war er. Neulich habe ich eine Dokumentation über Sitting Bull gesehen. Er sprach vom Sonnentanz, in dem man der Wahrheit über den Schmerz näher kommt. So etwas fasziniert mich. Ich bin lange Motorradrennen gefahren. Du verlangst deiner Maschine alles ab, um zu gewinnen. Du fühlst dich so klar, so voller Leben. Ein Tag, an dem du dich so fühlst, ist kein verlorener Tag. Aber du musst unglaublich gut aufpassen, um den Punkt zu erkennen, den du nicht überschreiten darfst, um nicht zu verunglücken. Ich bin zu oft zu weit gegangen. Darum habe ich alles voller Metallplatten in meinem linken Arm und der Schulter.

Erkennen Sie den Punkt jetzt?
Nein. Ich habe aufgehört mit den Motorradrennen. Ich möchte meinen Kindern erhalten bleiben. Und ich glaube daran, dass man seinen Kindern ein Vorbild sein soll, ohne sie überbehüten zu wollen. Ich konnte meinen Arm monatelang nicht benutzen. Ich hätte so gern mit meiner Tochter gespielt und konnte nichts tun. Das ist eine Zeit, die nie wiederkommt. Also, ich bin zwar verrückt nach Motorradrennen, mit den Kindern können sie aber nicht mithalten.

Sie reiten auch, oder?
Nur in Filmen. Wenn man in einen Reitstall geht, muss man eine alberne Kappe aufsetzen und immer im Kreis herumreiten. Das macht überhaupt keinen Spaß. Beim Film brauchst du keine Kappe, sondern bekommst ein Schwert in die Hand und galoppierst so schnell, wie das Pferd laufen kann. Das ist lustig.

In Exodus spielen Sie Moses, den man gar nicht als reitenden Krieger vor Augen hatte. Ist es belastend, eine so große historische Figur zu spielen?
Wir haben den Film in 74 Tagen gedreht. Und obwohl das nicht lange ist und ein anderer Regisseur als Ridley Scott 130 Tage gebraucht hätte, hat mich die Intensität dieses Mannes angestrengt. Ich wusste, ich halte diese Rolle nicht durch, wenn ich mich nicht zwischendurch total entspanne und runterkomme. Darum habe ich mir die Monty-Python-Filme angeguckt. Und ständig das Lied gesungen.

Welches Lied?
»Always look on the bright side of life«. Aus Das Leben des Brian. Ich habe mir selten so viele Auszeiten von einer Figur erlaubt wie bei Exodus.

Sie haben mal gesagt, es sei leichter gewesen, dreißig Kilo für Der Maschinist abzunehmen, als den engen Batman-Anzug zu tragen. Wie war es, für Exodus in diesen wallenden Gewändern herumzulaufen?
Sehr angenehm. Schön luftig von unten. Das einzige Problem war, elegant vom Pferd zu springen. Die Kameraleute sagten ständig, sie hätten da was gesehen, was sie nicht hätten sehen sollen.

Donald Sutherland hat sich als die Konkubine seiner Regisseure bezeichnet. Die Drehzeit sei die Liebesgeschichte, und am Ende stehe immer ein Gefühl großen Verlustes. Wie ist Ihre Beziehung zu Regisseuren?
Die Beziehung zwischen Schauspieler und Regisseur ist die engste am Set. Er flüstert dir ins Ohr, und du musst verstehen, welches Tempo, welchen Rhythmus, welche Haltung er von dir erwartet. Dabei musst du ganz und gar subjektiv sein und dich verletzlich machen. Nur dann entstehen diese Momente, die man nicht planen kann. Wenn ein Regisseur diese Momente erkennt, musst du dich nicht ständig wiederholen, sondern kannst Neues entdecken. Mit solchen Leuten möchtest du natürlich immer wieder arbeiten.

Ist Werner Herzog einer davon? Mit ihm haben Sie 2006 Rescue Dawn gedreht, einen Kriegsfilm über einen deutsch-amerikanischen Kampfpiloten, der im Vietnamkrieg aus Laos flieht.
Werner ist ein Bilderstürmer: Er lehnt jede Art von Dogma ab, wie ein Film sein soll, und erfindet seine eigene Art, einen Film zu machen. Es ist spannend, dabei zu sein, wenn so etwas passiert. Ich wünsche mir sehr, dass uns ein Projekt wieder zusammenführt.

Stimmt es, dass Sie sich auch mehr seiner legendären Ausbrüche gewünscht haben?
Wenn ich das gesagt habe, war das natürlich ein Witz. Werner ist einer der leidenschaftlichsten Menschen, denen man im Leben begegnen kann. Aber er ist auch sehr sanft.

In Rescue Dawn essen Sie Maden, als würden sie Ihnen schmecken. Wie hat er Sie dazu gekriegt, etwas so Ekelhaftes zu tun?
Werner hat das nie von mir erwartet. Er hat nicht einmal geglaubt, dass ich das tun würde.

Und dann haben Sie es ihm gezeigt?
Das sind genau die Momente, die ich meine: Der Regisseur sagt, wir gucken mal, was passiert. Und dann passiert etwas, womit keiner gerechnet hat.

Was ging in Ihnen vor?
Ich sah die Gesichter von Steve und Jeremy, den anderen Schauspielern. Sie guckten so besorgt, weil sie sich die ganze Zeit fragten: Wie sollen wir das bloß spielen? Da überkam mich dieses sonderbare Gefühl, irgendetwas zwischen Kraft und Überdrehtheit. Ich stopfte mir den Mund voll mit Maden. Die anderen starrten mich ungläubig und angeekelt an. Werner ließ es laufen. Ich musste wie irre lachen. Ich wurde so albern, dass ich mir die ganze Schüssel mit den Würmern über den Kopf schüttete und mir die Viecher vom Gesicht leckte. Es hat mir nichts mehr ausgemacht. Es war also noch viel ekelhafter, als im Film zu sehen ist, denn Werner hat sich dann für eine etwas weniger extreme Version entschieden.

Die Opfer, die Sie für Filme bringen, sind legendär: die dreißig Kilo für Der Maschinist, dann der Schwabbelbauch, den Sie sich für American Hustle angefressen haben. Was ist so toll an diesen Grenzerfahrungen?
Man weiß ja gar nicht, wo die Grenze ist, bis man drübergegangen ist. Als Schauspieler bietest du dem Regisseur so viel wie möglich an, und dann entscheidet er, was er nimmt und was nicht. Und manchmal entscheidet sich ein Regisseur eben auch für eine softere Version.

Und Sie sind bereit, so ziemlich alles zu geben?
Es ist der Job eines Schauspielers, sich komplett lächerlich zu machen. Du erlebst als Schauspieler viele solcher Gelegenheiten, in denen du dir unfassbar blöd vorkommst. Wenn du einen guten Regisseur hast, siehst du hinterher nicht blöd aus. Bei einem schlechten Regisseur leider schon. Das ist das Risiko, immer. Du musst einem Regisseur total vertrauen. Für mich ist es ein Kick, der Demütigung und dem Scheitern so nah zu sein. Und ein Privileg, mich in der Gesellschaft von Menschen zu befinden, die das grandiose Scheitern riskieren. Jemand, der etwas wagt und noch nie Erfolg damit hatte, ist mir lieber als einer, der zwar Erfolg hat, aber auf Sicherheit bedacht ist. Denn wenn du auf Nummer sicher gehst, sitzt du in der Falle: Du musst dich ständig wiederholen. An dieser Art von Verlässlichkeit begeistert mich nichts.

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Christian Bale
spielte als Kind in Filmen wie Mio, mein Mio oder Das Reich der Sonne. Er wurde am 30. Januar 1974 in Wales geboren, spricht aber mit englischem Akzent. Der Sprung vom Kinder- zum Erwachsenenstar gelang ihm mit American Psycho, das breite Publikum lernte ihn in Batman Begins und The Dark Knight kennen. Bale ist seit 2000 mit Sibi Blazic, der ehemaligen Assistentin von Winona Ryder, ver- heiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in Los Angeles.

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