»Keiner ist frei von Neid«

Martina Gedeck und Corinna Harfouch prägen seit mehr als zwanzig Jahren den deutschen Film - und gelten als Konkurrentinnen um die Rollen starker Frauen. Ausführlich unterhalten haben sie sich nie. Bis jetzt. Eine Begegnung.

SZ-Magazin: Frau Harfouch, Frau Gedeck, Sie beide zählen zu den prägenden deutschen Schauspielerinnen unserer Zeit, haben sich aber nie persönlich kennengelernt. Zufall?
Martina Gedeck:
Wir haben einfach nie zusammen gearbeitet, sind uns aber hin und wieder begegnet. Ich hab mal mit deinem Sohn gedreht, Die grüne Wüste, da warst du öfter am Set.
Corinna Harfouch: Stimmt. Da hab ich ihn noch zu den Dreharbeiten begleitet. Gedeck: Er war ja noch fast ein Kind, 13 oder so, Ende der Neunziger.
Harfouch: Ich wollte eigentlich nicht, dass er das spielt. Die Filmfigur stirbt!

Waren Sie mal beide für dieselbe Rolle vorgesehen?
Gedeck:
Mir hat noch keiner gesagt: Eigentlich wollten wir Corinna, die hat leider keine Zeit, jetzt nehmen wir eben dich.
Harfouch: Das würde wohl geheim gehalten.
Gedeck: Wahrscheinlich wüssten wir das gar nicht.
Harfouch: Zusammen zu drehen ist auch weiterhin unwahrscheinlich. Das Problem ist, es gibt kaum Geschichten mit zwei gleich starken Frauenrollen.

Man sieht die andere im Kino, im Fernsehen, im Theater. Beäugt man sich? Harfouch: Ich weiß noch, wann mir Martina zum ersten Mal aufgefallen ist. Das war in Rossini. Diese Mischung aus Anmut und Zartheit, Schüchternheit und Sexy-ness ist hängen geblieben.
Gedeck: Ich hab dich in einem Fernsehfilm gesehen, bei dem du auf einem Bauernhof warst und dich in jemanden verliebt hast. Du hast eine sehr spröde Frau gespielt, die immer Gummistiefel anhatte.
Harfouch: Das war dieser Film mit den drei Schwestern, glaub ich, Frei nach Plan. Gedeck: Nein, das war früher.
Harfouch: Im Ernst?
Gedeck: Ist bestimmt 20 Jahre her.

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Sie wissen nicht mehr, wann Sie was gespielt haben?
Gedeck:
Wer weiß denn schon noch, was er vor 20 Jahren gemacht hat?
Harfouch: Ehrlich gesagt kann ich mich an meine eigenen Filme ganz schlecht erinnern.

Schauen Sie sich Ihre eigenen Filme nicht an?
Gedeck: Du siehst dich nicht von außen. Du spürst dich nur von innen. Du kennst die Szenen nicht, in denen du nicht vorkommst. Du kennst nur deine Drehtage, aber wie sich deine Teile einfügen in das Ganze, weißt du nicht. Das eigene Empfinden beim Spielen ist immer intensiver als das, was man auf der Leinwand sieht. Ich bin oft erst mal enttäuscht, aber das ist normal.
Harfouch: Man fühlt sich nackt. Das Urteil über den Film mildert sich erst nach Jahren ab. Dann kann man ihn wie ein Fremder ansehen.
Gedeck: Meistens wurde ja vieles weggeschnitten, was man gelungen fand. Und später denkt man: Ach, so schlecht war’s gar nicht, was draus wurde.
Harfouch: Vor einer Premiere schaut man sich seinen Film am besten allein zu Hause an. Sonst guckt man nur auf seine Fehler, ist zu finster und überkritisch.

Wenn das Resultat so oft enttäuschend ist, warum tut man sich das an?
Harfouch:
Weil man frei sein kann. Der Hauptteil der Arbeit ist ja das Spielen, nicht das Ergebnis. Am Theater sowieso.

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Schauspielerin werden zu wollen?
Gedeck:
Ich habe erst studiert, mich dann aber an der Schauspielschule HdK in Berlin beworben und bin prompt genommen worden. Die Sehnsucht nach der anderen Welt war groß.

Wollten Sie auch ans Theater?
Gedeck:
Ja, unbedingt, und ich hatte das Glück, bei Peter Zadek anzufangen. Allerdings kam ich immer ans Theater, wenn kurze Zeit später Intendantenwechsel war und sich das Ensemble auflöste. Das fing in Hamburg an und so ging’s weiter. So habe ich nie in eine Theaterfamilie gehört, dabei habe ich mir eine Familie gewünscht in der Arbeit. Parallel zum Theater kamen Filmangebote. Ich war nicht wählerisch, wollte möglichst viel spielen. Und dann wurde das Filmen immer spannender.
Harfouch: Ich war eine schlechte Schülerin, aber im Spielen war ich gut.
Gedeck: Hast du schon als Kind Theater gespielt?
Harfouch: Kindertheater, geradezu obsessiv. Irgendwann haben sie mich aus dem Pioniertheater rausgeschmissen, weil meine Zensuren schlecht wurden.
Gedeck: Wie kann man so was machen?
Harfouch: Das Pioniertheater war ein Schultheater. Und die Schule hat das so entschieden. Das war bitter. Denn es tat mir gut, weil ich mich beim Spielen als wertvoll empfand. Dass man das weitermachen will, was einem gut tut, ist doch klar.
Gedeck:
Ich hab als Kind nie gespielt, erst als Austauschschülerin in Amerika, eine alte russische Magd in einem Stück von Turgenjew. Alle waren begeistert über meinen Akzent, den sie für russisch hielten, der aber natürlich deutsch war. Ich bin nicht ans Theater rangeführt worden.

»Spielen ist für mich ein heiliger Begriff: etwas in sich finden.«


Heute kann jedes Kind sich Theaterstücke auf Youtube anschauen.
Harfouch: Die neuen Medien verändern alles. Meine Söhne sind da voll drin. Und wir, wir hatten nicht mal Telefon, als ich ein Kind war.  
Gedeck: Im Osten hattet ihr Blöcke an der Tür, da konnte man Nachrichten hinterlassen: Bin beim Bäcker.
Harfouch: Putzig. Hatten wir auch nicht alle. Es ist schon ein seltsames Bedürfnis, ein paar wenige Bilder zu finden für das Leben von 18 Millionen Menschen in einem ganzen Land, wie es in Filmen so oft getan wird. Das ist das, was die Ostler so verletzt. Gedeck: Ich hab das tatsächlich aus der Weissensee-Serie im Fernsehen. Da haben sie Blöcke. Bilder, besonders im Film, sind ja immer eine Verkürzung der Wirklichkeit.
Harfouch: Ich komme aus Großenhain, ein ganz kleiner Ort. Wir hatten nur einen Schlüssel und waren vier Kinder, der Schlüssel lag im Stromkasten im Hausflur.
Gedeck: In Kanada schließen die Leute auch nicht ab. In Kanada hat man vielleicht auch ein Jagdgewehr in der Blockhütte.
Gedeck: Frau Harfouch hat vielleicht auch eine Waffe im Haus.
Harfouch: Ich hab ein Beil im Haus. Ich wohne ja mittlerweile wieder auf dem Land. Anfangs hatte ich wahnsinnige Angst, wenn es dunkel wurde.
Gedeck: Dass jemand kommt?
Harfouch: Angst vor der Lähmung, die mich befallen würde, wenn ein Böser kommt. Weil ich so reagiere: mit Schockstarre. Eines Abends lag ich auf meiner Couch und hörte ein Geräusch. Da war klar, draußen ist der Böse und guckt mir zu. Ich stand auf, flötend, betont locker, ging zur Kellertür, dahinter war das Beil.
Selbst da haben Sie eine Rolle gespielt.
Harfouch: Total. Ich bin mit dem Beil hinter meinem Rücken die Treppe hochgeschlichen, damit ers nicht sieht. Und dachte plötzlich, was, wenn ich dem den Schädel spalte? Ich habe das Beil, heimlich, hinter meinem Rücken, umgedreht. Irgendwann war klar, dass da keiner war. Heute habe ich keine Angst mehr.
Gedeck: Man gewöhnt sich dran. Ich bin während der Dreharbeiten zu Die Wand über längere Zeit allein in einer Berghütte in Österreich geblieben. Wir hatten 70 Drehtage übers Jahr verteilt. Unten am Berg eine Schranke, die man zuschließen musste. Oben war niemand. Das war unheimlich. Ich dachte, wenn ich jetzt Licht anhabe und jemand sieht das Licht, hat der eine halbe Stunde Zeit, um auf mich zuzukommen. Aber ich konnte nicht ab nachmittags im Dunkeln sitzen. Ich war oft draußen und hab mir den Nachthimmel angeguckt. Die Angst war weg.
Harfouch: Das hilft unheimlich, wenn man rausgeht. Sich nicht mit seiner Angst verkriecht, sondern den Raum öffnet.
Gedeck: Da standen Pferde, die kamen immer zu mir, und ich dachte, die passen auf mich auf.
Harfouch: Übrigens waren wir doch mal für dieselbe Rolle vorgesehen: Mir wurde auch die Hauptrolle in Die Wand angeboten, von der österreichischen Regisseurin Karin Brandauer …
Gedeck: Ach, nein! Wie toll!
Harfouch: Das war irgendwann nach der Wende. Ich bin nach Wien gefahren, das erste Mal im Leben, war in der Wohnung von Karin Brandauer und habe mit ihr über den Film gesprochen. Klaus Maria schaute immer mal zur Tür herein, wie ein Kasper. Sie war eine warmherzige Frau. Genauso intelligent, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Es war noch nicht alles Geld beisammen, aber sonst alles klar. Ein paar Wochen später sitze ich im Auto und höre im Radio: Karin Brandauer ist gestorben. Herr Brandauer übernahm das Projekt.
Gedeck: Wie ging’s weiter?
Harfouch: Wir haben uns ein paar Mal getroffen. Ich hab sogar aufgehört zu arbeiten, weil ich nichts mehr anfangen wollte vor dem großen Projekt. Drei Wochen vor Drehtermin richtete mir der Produktionsleiter aus: Die Sache findet nicht statt. Ein paar Jahre später wurden die Rechte an dem Stoff frei, eine Regisseurin tauchte bei mir wieder damit auf. Letztlich hat sie aber das Geld nicht zusammengekriegt. Das war’s.

Tut das weh, wenn ein anderer die Rolle bekommt, die man nie bekommen hat?
Gedeck: Wer will die Rolle in Die Wand nicht spielen?
Harfouch: Ich hätte sie liebend gern gespielt. Auch wenn es eine furchteinflößende Aufgabe ist. Aber es ist schon so lange her, dass ich gefragt wurde. Und es ist die Rolle für eine jüngere Frau.

Haben Sie den Film gesehen?

Harfouch: Natürlich. Ich finde ihn auch schön über weite Strecken. Mir wurde nur diese Traurigkeit nicht deutlich genug, die in der Romanvorlage von Marlen Haushofer angelegt ist: dass diese Frau die Gesellschaft der Menschen nicht mehr braucht und nicht mehr will.
Gedeck: Diese Frau lernt ja, allein zu überleben, weil sie durch eine unsichtbare Wand von der Welt getrennt wird. Wir haben all das gefilmt: Heu wenden, Kartoffeln ausgraben, Kuh melken, die ganze monotone Mühsal. Das ist beim Schnitt in den Hintergrund getreten. Bei diesem Film ging es mehr um die inneren Bilder.
Harfouch: Ein Film ist ja immer nur eine Annäherung.

Was an der Schauspielerei hat Sie beide angezogen?
Gedeck
: Spielen war etwas anderes, es war so wie Fasching. Du durftest Dinge, die du sonst nicht durftest. Man konnte sich darin auflösen, das war lebenswichtig für mich. Ich wollte, dass man mich in Ruhe lässt.
Harfouch: Das Gefühl kenne ich: sich zu vergessen. Unbeschreiblich schön. Das passiert nicht oft, dafür muss man viel tun, aber es ist ein Rausch. Die Welt, die man in der Arbeit kreiert, ist sicherer und so viel reizvoller als die schreckliche Restwelt.

Hört sich an wie eine Flucht.
Gedeck:
Nein, das ist es überhaupt nicht. Man flüchtet nicht, man vertieft sich eher in sich, schöpft aus sich. Man selbst ist ja ganz viele. Ich weiß ohnehin nicht, was dieses Ich sein soll. Keiner weiß doch, wer er ist. Jeder andere weiß das besser über einen, oder glaubt es zumindest.
Harfouch: Spielen ist für mich ein heiliger Begriff: etwas in sich finden. Die vielen Möglichkeiten in sich lebendig halten, die man nicht in der Realität ausleben kann. Wenn ich das nicht darf, werde ich krank und traurig. Wenn ein Regisseur mir das Blut aussaugt wie ein Vampir, weil er immer noch weniger möchte, weniger Spiel, wenn man mich meiner Möglichkeiten beraubt, werde ich aggressiv.
Gedeck: Kannst du nicht sagen: Hab verstanden, ist schon recht, und dann machen, was du willst?
Harfouch: Es gibt Situationen, wo diese graue schlechte Laune sich so in einen reinfrisst, dass man selber ganz grau wird. Oder um sich schlägt.

Tun Sie das - um sich schlagen?
Harfouch: Es kommt vor, ist allerdings kein besonders gutes Gefühl für mich selbst. Ich habe meine Aggressionen immer bekämpft, bin sogar Vegetarier geworden, weil ich so verzweifelt war über meinen Jähzorn und gehört hatte, dass Fleisch aggressiv macht. Allerdings hat mir mein Bauchgefühl oft sehr geholfen, und manchmal frage ich mich, warum ich meine Aggressionen eigentlich nicht pflege.

Warum?
Harfouch:
Weil ich nur versuche, ein braves Mädchen zu sein. Wie alle anderen auch. Das klappt manchmal sogar. Ich hatte mal schweren Liebeskummer, der ein Jahr dauerte, war innerlich tot, habe aber unheimlich viel gearbeitet: fünf Filme gedreht und in zwei Theaterstücken mitgespielt. Ich hatte mir das als Mittel gegen den Liebeskummer so vorgenommen. Beim letzten Film war ich innerlich nicht mehr wirklich da, der ist aber gar nicht schlecht.
Gedeck:
Es kommt viel Wahres und Echtes raus, wenn man den Kopf ausschaltet. In Erschöpfungszuständen, wenn man denkt, ich kann nicht mehr, wird es besonders fein.

»Spielen ist für mich ein heiliger Begriff: etwas in sich finden.«


Betrachten Sie beide sich eigentlich als Konkurrentinnen?
Gedeck:
Ich erlebe öfter Konkurrenz von Männern. Das liegt in der Natur der Sache: Es gibt zwei Hauptdarsteller, einen Mann und eine Frau. Da geht es um die Gunst des Regisseurs. Kommt der andere mehr vor? Wer wird zuerst genannt? Ich habe erlebt, dass Männer sich in den Vordergrund schieben, auch unwirsch. Nur bei selbstbewussten Männern spielt das keine Rolle.

Vergleichen Sie sich mit anderen Darstellerinnen?
Gedeck:
Mit wem soll ich mich vergleichen? Mit Corinna Harfouch?
Harfouch: Wenn man was Tolles sieht bei jemandem, vergleicht man sich nicht, sondern ist glücklich und inspiriert für sich selber. Man fragt sich aber nicht: Ach, wie macht die das denn? Natürlich ist keiner frei von Neid. Aber wenn Vergleich im negativen, im vergiftenden Sinn in mir auftaucht, verbiete ich mir das.
Gedeck: Als ich eine bucklige Bäuerin spielen sollte, hab ich mir Der Glöckner von Notre Dame mit Charles Laughton angeguckt. Ich habe mir überhaupt oft Männer angeguckt. Die Kraft, die Power, den Wahnsinn, so wollte ich das spielen. Es kam aber nicht im Geringsten so heraus. Ich war eine junge Frau, es war vollkommen absurd. Trotzdem hat mir dieser Schauspieler gezeigt, wie weit man gehen kann. Da holt man sich schon etwas von anderen.
Harfouch: Ich erinnere mich auch an einen frühen Film, Das Haus am Fluß, bei dem ich dachte: Die Frau ist ein Schmetterling. Ganz leicht, mit Löckchen, sie springt über die Wiese, und dann wird sie von der Nachricht gefällt, dass ihr Mann tot ist. So habe ich’s gespielt, aber es ist ganz anders geworden, als ich es mir vorgestellt habe. Wenn man jung ist, denkt man, man kann alles spielen.

Und wenn man nicht mehr so jung ist?
Harfouch:
Muss man versuchen, dem hinterherzukommen, wer man gerade ist. Eines Tages stellt man fest: Ich bin jetzt wohl die Mutter. Und meine Rolle hat nichts mehr mit Erotik zu tun, denn die Mutterrolle ist offensichtlich frei davon. Das zu spüren ist verletzend. Es kommt der Moment, in dem man begreift: Das ist jetzt auch am Drehort so. Und dann versteht man: Man darf sich die Erotik nicht nehmen lassen.
Gedeck: Ich habe mich mit meinem Alter vor allem beschäftigt, als ich um die 25 rum war und nur langweilige, sexyhexy Rollen gekriegt habe. Die Freundin von. Aus der Nummer wollte ich raus. Das hatte aber auch mit Deutschland zu tun. Es geht auch anders, Ingrid Bergman hat mit 26 Casablanca gespielt.

Den berühmten Karriereknick bei Schauspielerinnen ab 40 spüren Sie nicht?
Gedeck: Da kann ich gar nichts drauf antworten. Da fällt mir gar nichts ein.
Harfouch: Karriere ist ja schon so ein furchtbares Wort. Das ist was für Manager. Man kann seine Laufbahn als Schauspieler nicht designen.

Oder man versucht es wie Til Schweiger in Amerika. Der ist erfolgreich, wird aber in Deutschland nie ganz ernst genommen. Warum ist das so?
Gedeck: Eben weil er erfolgreich ist. Das Gleiche gilt für Bernd Eichinger. Heute wollen viele in seine Fußstapfen treten, aber er hatte solche Talente, das ist nicht einfach. Vielen wurde nach seinem Tod erst bewusst, wie besonders er war. Er hat eine Menge Häme wegstecken müssen in seinem Leben. Eichinger hat keinen einzigen Filmpreis bekommen, erst ganz am Ende.
Harfouch: Doch, einen noch, den hat er aber gleich auf der Bühne zurückgegeben, irgendwas Albernes wie den silbernen Löffel für Der Name der Rose.
Gedeck: Die Branche tut sich schwer mit Leuten, die herausragen. In der amerikanischen Kultur wirst du auf Händen getragen, wenn du Erfolg hast. Bei uns nicht. Das hat Vor- und Nachteile. Denn man freut sich dort nur, wenn jemand Geld macht. Christoph Waltz hat einen Film gemacht, der sehr viel Geld eingespielt hat. Wenn dir das dort passiert, bist du der King. Doch wenn dein Film gut ist und kein Geld verdient, bist du unbedeutend. Und hast auch keinen Job.

Also ist es doch bei uns besser?
Gedeck:
Weiß ich nicht. Ist doch müßig, darüber nachzudenken. Wir sind ein kleines Land.

Aber ein großer Markt fürs amerikanische Kino.
Harfouch:
Nur nicht umgekehrt. Leider.

Der Film Das Leben der Anderen war in Amerika sehr erfolgreich.
Harfouch: Bei uns Ostlern war er umstritten.
Gedeck: Klar, das war ein Märchen. Aber er hat zu Gesprächen angeregt, das finde ich ein tolles Ergebnis für einen Film. Die Konflikte waren ja noch unausgesprochen damals.

Was hatten die Ostdeutschen auszusetzen?
Gedeck:
Das liegt doch auf der Hand: Man will nicht, dass der Stasi-Mann ein Guter ist. Wenn man den ersten Film über den Nationalsozialismus macht, und der Nazi ist ein guter Nazi - Entschuldigung, da wär ich auch sauer gewesen. Aber Das Leben der Anderen hat in Filmen wie Doktor Schiwago sein Vorbild. Die Erzählstruktur ist eher amerikanisch.

Hat er deshalb den Oscar bekommen?
Gedeck: Er hat sehr viele Leute sehr berührt, überall auf der Welt.
Harfouch: Das Problem des Films ist, dass er eine nationale Gedenkstätte geworden ist. Der wird an Schulen gezeigt. Diese Geschichte kann man natürlich so erzählen. Aber es ist der eine Film zum Thema.  
Gedeck: Stimmt. Man muss halt viele Filme über den Osten machen.
Harfouch: Und dann ergeben viele Filme ein Bild. Aber nicht der eine.

Corinna Harfouch
In Ostdeutschland, wo sie geboren wurde und aufwuchs, waren ihre Schauspielkünste genauso gefragt wie nach der Wende im vereinten Deutschland, in Film, Fernsehen und am Theater. Zurzeit ist sie mehr am Theater, zum Beispiel in »Die Physiker« am Schauspielhaus Zürich zu sehen. Harfouch hat drei erwachsene Kinder und wohnt mit ihrem Lebensgefährten Wolfgang Krause Zwieback in Brandenburg.


Martina Gedeck
Ihre ersten Kinoauftritte hatte sie in deutschen Komödien wie »Der bewegte Mann« und »Stadtgespräch«. 2001 brachte ihr die Rolle der Köchin in »Bella Martha« den internationalen Durchbruch und 2008 die der Ulrike Meinhof im »Baader Meinhof Komplex« viel Aufmerksamkeit. Bis zu seinem Freitod 1999 war Gedeck mit dem Theatertier Ulrich Wildgruber zusammen. Sie ist mit dem Regisseur Markus Imboden liiert.

(Fotos: ddp, action press)

Fotos: Andreas Lux

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