Kleinkariert

Hefte mit französischer Lineatur eignen sich zum Rechnen, Schreiben, Skizzieren und sogar Komponieren. Lange gab es sie nur in Frankreich. Das ist jetzt anders.

Lange Zeit gehörte es zu meinen Reiseritualen, mir im Urlaubsland zuallererst ein Schulheft zu kaufen, das ich dann als eine Art Reisetagebuch benutzte. Manchmal klebte ich auch einfach Eintrittskarten, Zuckerpapierchen oder Postkarten ein. Das war allerdings, bevor auch ich anfing, alles mit dem Smartphone abzufotografieren. In diesem Zusammenhang erzählte ich meiner Tochter kürzlich mal von »früher«, also von meiner eingeschlafenen Schulheft-Tradition. Prompt brachte sie mir daraufhin aus ihrem Sprachurlaub in Antibes ein französisches Schulheft mit.

Das Besondere an französischen Schulheften ist ihre Lineatur: schon seit Ende des 19. Jahrhunderts ist die sogenannte Séyès-Lineatur Standard an allen Schulen Frankreichs. Erfunden hat sie damals der Buch- und Papierwarenhändler Jean Alexandre Séyès. Sie besteht aus genau 8 mm hohen Karos, die oben und unten von horizontalen, durchgehenden Linien begrenzt werden. Zwischen diesen beiden etwas dickeren Linien liegen drei dünnere mit vier jeweils 2 mm hohen Zwischenräumen. Die Schüler lernen, ihre Buchstaben in den ersten Zwischenraum über der verstärkten Linie zu schreiben. Dabei helfen ihnen die Karos gerade zu schreiben und sich nach vertikalen und horizontalen Linien zu richten. Das Ergebnis ist bei den meisten Schülern eine gut lesbare Schrift. Schönschrift, findet die französische Mutter einer Freundin, die sich bei jedem ihrer Heimatbesuche mit Notizblocks eindeckt. Denn die französische Lineatur ist längst nicht mehr nur Schreiblernhilfe für Grundschüler. Bis zur Universität und auch danach ist sie in Frankreich die beliebteste und meistverwendete Lineatur. Weil sie nicht nur zum Schönschreiben einlädt, sondern noch dazu so vielseitig ist: Die Séyès-Lineatur lässt sich an jede Schriftgröße anpassen, man kann sie für Rechenaufgaben benutzen, zum millimetergenauen Zeichnen und sogar anstelle von Notenpapier für Musik.

Inzwischen, habe ich mir sagen lassen, bieten auch Schreibwarengeschäfte in Trend-Städten wie New York Hefte und Blöcke mit »French Ruling« an für Fans besonderer Schreibwaren. Befinde mich also offenbar in guter Gesellschaft. Umso besser, dass ich mein vollgeschriebenes Schulheft aus Frankreich zum Beispiel hier nachbestellen kann.

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