Laborversuch

Halluzinogen? Fotogen! Die Berliner Künstlerin Sarah Schönfeld hat Heroin, LSD und andere Substanzen auf Fotoemulsion geträufelt und das Ergebnis der chemischen Reaktion belichtet. Herausgekommen sind: berauschende Bilder.

Drogenräusche mögen im Kopf der Nutzer die irrwitzigsten Bilder produzieren – die Wirkstoffe selbst aber erscheinen gewöhnlich in biederer Gestalt, gepresst in die neutrale Form von Pille und Pulver. Allenfalls eine Comicfigur auf dem LSD-Plättchen oder ein eingestanztes Muster auf der Ecstasy-Tablette sind diskrete Hinweise auf jenen Trip, der den Konsumenten erwartet; ansonsten unterscheiden sich auch die intensivsten Drogen in ihrem Äußeren nicht von harmlosen Genussmitteln oder von Medikamenten (die sie, wie die Beispiele Heroin oder Kokain zeigen, auch einmal waren).

Die Berliner Künstlerin und Fotografin Sarah Schönfeld hat nun versucht, dieses Missverhältnis aufzulösen und die psychoaktive Wirkung von Drogen auch visuell darzustellen. Für ihr Fotoprojekt All you can feel hat sie die flüssige Essenz von dreißig Substanzen – unter anderem von Heroin, Kokain, LSD, Ecstasy, Opium, Valium, Speed und Crystal Meth, aber auch von Koffein oder körpereigenen Hormonen wie Östrogen – auf die Fotoemulsion von Negativfilm geträufelt und das Ergebnis dieser chemischen Reaktion nach Tagen und Wochen im Labor belichtet.

Lässt sich der Effekt von psychogenen Wirkstoffen auf das Hirn also ästhetisch abbilden? Entsprechen diese Bilder, die in ihrem kreisförmigen Ausschnitt vor schwarzem Hintergrund wie fremde, flirrende Planeten aussehen, den Erfahrungen der Drogenkonsumenten oder zumindest den allgemeinen Vorstellungen, die man sich von diesen Stoffen macht? In manchen Mustern scheint sich eine solche Entsprechung tatsächlich zu ergeben, wie im weiß-türkisen Eisfeld des Kokains oder der nervösen Zackigkeit des Koffeins. Und die kristallförmigen Ablagerungen des Crystal-Meth-Musters wiederholen sogar die übliche Darreichungsform der Droge, wie jeder Breaking Bad-Zuschauer inzwischen weiß.

Zwei biografische Erfahrungen, sagt Sarah Schönfeld, liegen ihrem Interesse an der Visualisierung psychogener Substanzen womöglich zu Grunde. Einmal hat die 34-Jährige ihren Vater, der im Alter von 19 an Schizophrenie erkrankte, bis heute nie anders als in einem von Psychopharmaka stabilisierten Zustand erlebt. Und zum anderen arbeitet sie seit Jahren an der Bar des Berghain, und dieser Job gab ihr ausreichend Gelegenheit, mit nüchternem Blick die vielfältigen Effekte von Drogen auf ihre Umgebung zu verfolgen. Ein Kaleidoskop des Rausches: Das Projekt All you can feel verlegt die Bilder im Kopf nach außen.

Fotos: Sarah Schönfeld

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