Paul Westheim

Die Geschichte von Paul Westheim und sein Kampf um die Rückgabe seiner Kunstsammlung.

    Ernst Ludwig Kirchners "Zwei Frauen auf der Straße" aus dem Jahr 1914. Das einzige Bild, das für Westheim aus seiner Sammlung gerettet wurde.
    I. Die Geschichte von Lilly und Claude Cassirer
    III. Die Geschichte von Sophie Lissitzky-Küppers
    IV. Die Geschichte von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer

    II. Die Geschichte von Paul Westheim
    „Die Sammlung, an die ich mich erinnere, ist meine, vielmehr ist sie mal die meine gewesen, denn sie existiert nicht mehr. Sie ist offenbar im letzten Weltkrieg bei einem der Luftbombardements vernichtet worden.“ Dieses Fazit zog Paul Westheim 1961, nachdem er fast zwanzig Jahre nach seinen Kunstwerken gesucht hatte. Er ahnte nicht, dass er sich irrte. Paul Westheim wurde in der nordhessischen Kleinstadt Eschwege an der Werra geboren, seine Eltern lebten streng jüdisch-orthodox. Die Kaufmannslehre, die er auf Wunsch seines Vaters begonnen hatte, brach er ab – er wollte Kritiker und Schriftsteller werden. Im Januar 1917 erschien unter seiner Leitung die erste Nummer der Monatsschrift Das Kunstblatt, die bis zur Einstellung durch die Nazis 1933 eines der wichtigsten Periodika für die Vermittlung der modernen Kunst in der Weimarer Republik wurde. Westheim schrieb außerdem Monografien über die Kunst des 20. Jahrhunderts, veröffentlichte Beiträge expressionistischer Künstler, gab Zeitschriften und Bücher heraus und wurde frühzeitig einer der führenden Kunstkritiker im Rundfunk.

    Westheim kaufte auch selbst Kunstwerke – von Künstlern, die ihn interessierten, die er persönlich kannte und förderte. Rückblickend sagte er: „Was ich sammelte, waren nicht eigentlich Bilder und Plastiken, sondern Menschen, geistige, schöpferische Menschen, für die ich mich einsetzte, deren Gestalten mir Erlebnis war.“ Westheims Vierzimmerwohnung in Berlin-Schöneberg wurde so zu einer Kunstkammer – mit insgesamt etwa 50 Gemälden und Plastiken sowie 3000 Aquarellen, Zeichnungen und Grafiken.

    Paul Westheim in seinem Wohnzimmer in Berlin.
    1933 musste Westheim aus Deutschland fliehen. Seine Auswanderung nach Paris bereitete er unter enormem Zeitdruck vor und brachte seine Kunstwerke kurzerhand in der Wohnung seiner langjährigen Freundin Charlotte Weidler in Sicherheit. Die promovierte Kunsthistorikerin galt als Expressionismus-Expertin und war als deutsche Repräsentantin des Department of Fine Art am Carnegie-Institut in Pittsburgh tätig.

    In regelmäßigen Briefen informierte sie Paul Westheim über die Zustände in Deutschland und das Schicksal seiner Sammlung. Da er in Paris in finanziellen Schwierigkeiten war, verkaufte sie unter der Hand einige Bilder für ihn. In den Jahren 1937 und 1938 allerdings wurde die Korrespondenz zunehmend gefährlicher: „Mit meinen Briefen bin ich sehr, sehr vorsichtig, denn die Gestapo versucht jetzt, Deine Verbindungen festzustellen ... Man kam dabei auch auf mich. Das kann schlimm werden.“ Mitte 1938 schrieb sie: „Was wird nun mit Deinen Sachen? Wie kann ich Dir möglichst viel davon retten? Dass bei mir etwas zu holen sein wird, weiß die Bande natürlich. Das Wertvolle nehme ich aus den Rahmen und am zweckmäßigsten auch aus dem Keilrahmen. Was zu rollen geht, wird gerollt. Das andere so flach wie möglich eingepackt und so gut es geht versteckt.“

    Als die Wehrmacht im Juni 1940 Paris besetzte, musste Paul Westheim erneut fliehen – diesmal konnte er nicht einmal mehr packen. Noch am gleichen Tag stürmte die Gestapo seine Wohnung und beschlagnahmte seine Habseligkeiten, darunter auch das Verzeichnis seiner Kunstsammlung.

    Nach Monaten des Versteckens erhielt Westheim im Spätsommer 1941 ein Visum für Mexiko. Dort lernte er Mariana Frenk kennen, die er 1959 heiratete.

    Paul Westheim im Jahr 1929 (1886 - 1963)
    Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes versuchte Westheim, das Schicksal seiner Sammlung aufzuklären. Nur ein einziges Gemälde, die Zwei Frauen auf der Straße von Ernst Ludwig Kirchner, war gerettet worden. Ein Exilant hatte es für ihn mit nach England genommen. Er musste jedoch feststellen, dass Charlotte Weidler, die inzwischen in den USA lebte, nach Kriegsende nicht mehr auf seine Briefe reagierte, sondern die Korrespondenz komplett abbrach. Er schrieb daraufhin Briefe an Bekannte, Freunde, Kunsthändler und Museumsleute – ohne Erfolg. Auch die zuständigen Behörden in Deutschland bemühten sich vergeblich, eine Auskunft von Charlotte Weidler zu erhalten. Lediglich ihre Schwester konnte ausfindig gemacht werden. Sie gab eidesstattlich zu Protokoll, dass „die Bilder und sonstigen Sachen des Herrn Westheim an Ort und Stelle“ in der Wohnung ihrer Schwester geblieben und später in einem Keller versteckt worden seien. Sie habe sie nach Kriegsende nicht wiedererhalten.

    Erst nachdem Westheim 1963 überraschend gestorben war, kam langsam die Wahrheit ans Licht. Charlotte Weidler war es Ende der Vierzigerjahre gelungen, die Kunstwerke nach New York auszuführen. Sie hatte Westheims Tod offenbar gezielt abgewartet, denn in den Sechzigern begann sie plötzlich, einzelne Gemälde aus der Sammlung zu verkaufen. Westheims Witwe Mariana erfuhr davon und begann, Fragen zu stellen. Eine New Yorker Galerie, die gerade Oskar Kokoschkas Gemälde Robert Freund II zum Verkauf anbot, antwortete ihr, dass die Eigentümerin das Bild von Westheim gekauft hätte. Mariana wusste es besser, hatte aber nichts als die Erinnerungen ihres verstorbenen Mannes, um es zu beweisen. Mariana Frenk-Westheim verstarb 2004 im Alter von 106 Jahren. Sie hatte bis dahin kein Bild ihres Mannes zurückerhalten.

    Gekürzte Zusammenfassung der Redaktion aus dem Buch: "Verlorene Bilder – Verlorene Leben. Jüdische Kunstsammler und was aus ihren Kunstwerken wurde" von Melissa Müller und Monika Tatzkow, erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag.

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