Dem Amateur ist nichts zu schwör

Nicht nur die Piraten erregen Aufmerksamkeit mit unbeschwerter Euphorie und Mut zum Experiment, auch in Wirtschaft und Wissenschaft gewinnen die Quereinsteiger an Einfluss - und zwingen uns zu neuem Denken: Willkommen im Zeitalter der Dilettanten!


Johannes Ponader, der politische Geschäftsführer der Piraten, hat vor ein paar Wochen Fernsehgeschichte geschrieben. Sonntagabend bei Jauch saß er mit Trekking-Sandalen und Smartphone inmitten der politischen Prominenz und irritierte die Runde so massiv, dass es in der ersten Viertelstunde kaum ein anderes Gesprächsthema gab. Ein bloßes Handy als Störfaktor reichte aus, um das erstarrte Ritual der politischen Debatte sichtbar zu machen. Die Aufregung der Teilnehmer, erzählt Ponader auf einem Landesparteitag der Piraten kurze Zeit später, sei nach dem Ende der Sendung erst richtig in Gang gekommen: Röttgen, Wowereit und Künast hätten nach dem Abspann »ihre Masken fallen lassen«, wie er sagt, und den Moderator in scharfem Tonfall angegangen, warum die Talkshow so stark auf den Piraten-Vertreter zugeschnitten gewesen sei. »Genau dieses Spiel«, sagt Ponader, »möchte ich nicht mitmachen, diese verschiedenen Gesichter vor und hinter der Kamera, diese Scheinwelt der Politik. Wir müssen unsere Authentizität bewahren, die wir als politische Laien besitzen.«

Die Piraten, die »Dilettanten«, wie es in den vergangenen Monaten oft abschätzig hieß, sind die jüngste und wirkungsvollste Ausprägung einer Tendenz, die in unterschiedlichen Bereichen an Bedeutung gewinnt - die Konjunktur der Amateure. Die Demokratisierung der Produktions- und Vertriebsmittel im Netz hat durch Youtube oder die Gattung der Blogs zunächst die Musikindustrie und den Journalismus erfasst, und nun beginnt sie auch, die Welt der Politik, Naturwissenschaft und Ökonomie zu verändern. Vorbei die Notwendigkeit der hierarchisch organisierten Filter, der Verlage und Managements, die über den kleinen Kreis derer entscheiden, die sich in der Öffentlichkeit präsentieren dürfen. Parallel zu dieser Entwicklung haben sich die Profis in den letzten Jahren in verschiedener Hinsicht selbst diskreditiert und Unheil über die Menschen gebracht: Bankenkrise und Kernschmelze sind - auch wenn es so wirken mag – nicht das Produkt von Laien, sondern von hoch bezahlten Spezialisten.

In der Stadthalle von Montabaur, wo er den Parteitag der rheinland-pfälzischen Piraten leitet, wird Johannes Ponader alle paar Meter angeredet, gelobt, kritisiert von Menschen, die er noch nie gesehen hat. Er weiß nicht, wie er mit seiner neuen Rolle als Prominenter umgehen soll: »Manche meinen, ich sei jetzt Freiwild. Das hat sicher mit der Distanzlosigkeit zu tun, die ich ausstrahle und die ich ja auch weiterhin ausstrahlen will.« Die Piratenpartei stößt nach den jüngsten Wahlerfolgen an eine Grenze: Es geht um die Frage, ob ein politisches Konzept, das ganz auf die unvermittelte, »distanzlose« Kraft des Laien vertraut, das zwischen privater und öffentlicher Person nicht trennen will, einen bestimmten Grad an Etablierung erträgt.

Untrennbar verbunden mit dem Siegeszug der Amateure ist eine bestimmte Ästhetik der Echtheit und Aufrichtigkeit. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen zwischen den improvisierten, manchmal unbeholfenen und linkischen Handlungsweisen der Laien und einem Maß an Authentizität, das den Professionellen abhanden gekommen ist. Und dieser Siegeszug findet inzwischen sogar in einem der hermetischsten Bereiche überhaupt statt: den Naturwissenschaften. Ohne jahrelange Ausbildung und teures Equipment schien dort jede Anstrengung aussichtslos. Doch auch das ändert sich gerade. In einem ausrangierten Lagerhaus in der Flatbush Avenue im New Yorker Stadtteil Brooklyn gibt es seit Ende 2010 ein Labor, in dem Laien mit Gentechnik experimentieren.

»Genspace« heißt das Labor, im siebten Stock der Hausnummer 33, zwischen Möbelhalle und »Dunkin’ Donuts«. Es besteht aus zwei abstellkammergroßen Räumen, die bis unters Dach mit Brutschränken und Petrischalen vollgestellt sind. Auch eine Bibliothek gibt es, wo neben Büchern wie Principles of Biochemistry der Science-Fiction-Roman Blade Runner steht. Gegründet wurde das Labor von einer Gruppe aus Künstlern, Programmierern und Biologen, die von der professionellen Forschung enttäuscht waren und beschlossen haben: Die Zukunft ihres Fachs wollen sie nicht den blickdichten Laboren der Unternehmen überlassen.

Ellen Jorgensen, eine der Gründerinnen, hat an der New York University promoviert. Ihre Erfahrung in der professionellen Forschung beschreibt sie so: »Geforscht wird nur an Dingen, von denen Firmen sich schnellen Gewinn erhoffen.« Ellen Jorgensen, die gern T-Shirts mit Totenkopfmotiven und Badeschlappen trägt, ist eine gefragte Rednerin. Erst im Januar war sie in München und hat vor 800 Zuhörern bei einer Konferenz gesprochen. »Wir haben uns zusammengeschlossen, damit Menschen sehen: Wissenschaft braucht Nerds und Spinner, die sich viele Fragen ganz anders stellen.«

An einem Sonntag im Mai sind zehn angehende Forscher in das Genspace gekommen, zur ersten Sitzung eines Einführungskurses über Gentechnik. Alle sind zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, neun Männer, eine Frau, fast alles Programmierer, die seit der Schulzeit nichts mehr mit Biologie zu tun hatten. Mit ihren Karohemden und Bärten sehen sie aus wie Folksänger oder Internet-unternehmer. Warum sie hier sind? »Ich will verstehen, wie Zellen aufgebaut sind«, sagt einer, »um sie dann so zu verändern, dass sie tun, was ich ihnen befehle.«

Weil jeder im Genspace-Labor mit genetisch veränderten Zellen hantieren darf, forschen Menschen dort an Dingen, die auf den ersten Blick sinnlos erscheinen: Wie man Bakterien unter ultraviolettem Licht bunt leuchten lässt. Oder wie man Pflanzen züchten müsste, damit sie auf dem Mars überleben könnten. »Vielleicht entsteht hier die Zukunft der Menschheit - oder ein monatelanges Experiment taugt am Ende nur für eine Anekdote beim Feierabendbier«, sagt Jorgensen. Noch ist die Laienforschung recht überschaubar, aber es zeigen sich erste Erfolge: Vor zwei Jahren wurde ein Artikel in Nature, dem wichtigsten Wissenschaftsmagazin der Welt, veröffentlicht, dessen Ergebnisse teilweise von Amateuren stammten, die in einer Art Computerspiel die Struktur von Proteinsträngen analysiert hatten. Eine Gruppe im Genspace erforscht gerade, wie sich mit genetisch veränderten Bakterien verseuchte Seen in Trinkwasser verwandeln ließen.

Fotos aus dem Buch "There, I fixed it! No, you didn´t", erschienen bei Cheeseburger Inc.

Über soziale Netzwerke sind die Laienforscher vernetzt


Vielleicht werden diese Sandalen einmal wie die Turnschuhe Joschka
Fischers im Museum stehen. Der politische Geschäftsführer der
Piratenpartei, Johannes Ponader (rechts): schlurfig im Auftreten, hellwach im Kopf.
  

Labore wie Genspace entstehen in vielen Städten in den USA, in Europa und sogar in Ägypten. Über soziale Netzwerke sind die Laienforscher vernetzt wie Profis und tauschen Ergebnisse, Ideen und Baupläne für Analysegeräte aus. Auch deutsche Forscher mischen mit: Beim jährlichen Ideenwettbewerb der »Genetically Engineered Machines« in Boston, einer Art Wettkampf der abseitigen Forschung, waren im letzten Jahr Studenten aus München, Potsdam und Freiburg vertreten.

Letztlich profitiert die Bewegung der Do-it-yourself-Biologen von der Krise der professionellen Forschung. Denn durch schrumpfende Etats sind viele Labore pleite – also übernehmen die Laien ihre Instrumente. Die Inkubatoren und Spektralfotometer stammen aus Laborauflösungen oder von eBay. Noch vor ein paar Jahren hätten die Geräte mehr als hunderttausend Dollar gekostet, sagt Jorgensen, »wir haben nur ein paar Hundert dafür bezahlt«. Genspace ist das erste Laienlabor, das dem Sicherheitsstandart Biosafety-Level 1 entspricht: Hier kann mit lebenden Organismen geforscht werden, sogar mit Bakterien und Tierzellen, nur menschliches Gewebe ist verboten. Mittlerweile ist das Labor so erfolgreich, dass es noch dieses Jahr größere Räume braucht. Während Universitäten sich immer neue Werbemaßnahmen für mehr Naturwissenschaften einfallen lassen müssen, scheinen viele Tüftler keine Notwendigkeit mehr darin zu sehen, sich einem hierarchischen und autoritären - und damit durch und durch professionellen - Wissenschaftsbetrieb unterzuordnen.

Von einem ähnlichen Mechanismus profitieren auch die Piraten in Deutschland, und zwar ungleich stärker als von irgendeinem konkreten Element ihres Programms. Denn jene »Politikverdrossenheit«, die viele Aktivisten und Wähler der neuen Partei nun überwunden haben, bezog sich ja weniger auf Themen und Fragestellungen als vielmehr auf den Stil der Auseinandersetzung, auf die immer gleichen Worthülsen der immer gleichen Anzugträger, auf das nach Hunderten von Aufführungen erstarrte parlamentarische Theater. Der Stil der Piraten ist tatsächlich laien- und allzu oft auch stümperhaft; er äußert sich auf dem Parteitag in Montabaur etwa in Bewerbungsreden zum Landesvorsitz, die mit den Worten beginnen: »Hallo, ich bin der Jan, ich bin 29 Jahre alt und seit gestern wieder Single.« Doch dieses Manko des Sonderbaren wird von der allgemeinen Sehnsucht nach dem »Echten« in der Politik übertrumpft - eine Sehnsucht, die sich gerade wieder in jenem ZDF-Interview mit Horst Seehofer offenbarte, wo eine kurze Übertretung der politischen Rede- und Inszenierungsordnung wie ein unverhoffter Moment der Wahrheit begrüßt wurde.

Die Piratenpartei will eine Politik ohne routinierte Inszenierungen, und dass ihr eindrucksvollster Vertreter sich auch in der Welt des Laientheaters bewegt, gibt ihr das passende Rüstzeug. Johannes Ponader, ein hochbegabter Mathematiker, der das Engagement an freien Theatern einer Universitätskarriere vorzog, stellt den Bezug von sich aus her, wenn er auf die Frage, wie sehr sich die Piraten selber als Amateure definieren, antwortet: »Wie eine Laientheatergruppe haben wir im Gegensatz zu den Professionellen eigene Stärken: Improvisationstalent und schnelles Reaktionsvermögen. Deswegen waren wir in den Sprint-Wahlkämpfen in Nordrhein-Westfalen und im Saarland, wo Landtage aufgelöst wurden, auch im Vorteil.« Und wie lange kann man bei zunehmender Popularität ein aufrichtiger Laie bleiben? »Die größte Gefahr für uns wäre jetzt die Verbrüderung mit den etablierten Politikern. Dann werden wir genau die gleichen Profidarsteller, die am Theater den Hamlet fünfzig Mal hintereinander spielen könnten. Ein Laie würde nach mehr als zehn Aufführungen am Stück selber wahnsinnig werden, weil er den Hamlet nur mit dem Einsatz seiner Seele geben kann.« Und Ponader holt ein wenig aus, spricht über Diderot, Kleist und den Schauspiellehrer Stanislawski. Parlamentarismus mit den Mitteln der Theatertheorie.

Auch wenn der Begriff heute als Schimpfwort gebraucht wird: In der Kulturgeschichte galten Dilettanten lange Zeit als Erneuerer. Adelige Musiker, die es sich leisten konnten, zum Spaß und nicht zum Broterwerb zu musizieren, haben sich in Italien ab dem sechzehnten Jahrhundert dilettante hinter ihren Namen geschrieben. Es war eine Art Ehrentitel und stammt von dem Verb dilettare ab, was »sich vergnügen« bedeutet, und genau darum ging es den frühen Dilettanten auch: Sie haben etwas getan, weil es ihnen Spaß gemacht hat - und nicht, weil sie damit Geld verdienen wollten. Dank ihrer hat die Produktion von Kultur den etablierten Rahmen der Konservatorien verlassen und hat private Wohnungen erreicht. Die Kritik kam schnell, vor allem von professionellen Musikern, die ihre Existenz bedroht sahen. Auch Goethe und Schiller griffen vor mehr als 200 Jahren den Dilettanten in einem Text an, der sich anmaße, ein Künstler zu sein, nur weil er gerne Kunst betrachte. Dass ihre Streitschrift nie veröffentlicht wurde, könnte auch daran gelegen haben, dass Goethe selbst in vielen Bereichen Dilettant war: Er malte und forschte, ohne darin angemessen ausgebildet worden zu sein.

Foto: dpa

Der Boom des Amateurpornos


Banker ohne Erfahrung: Im Juli wird ein Arzt die Weltbank leiten. Ernannt wurde Jim Yong Kim von Barack Obama persönlich - auch als Zeichen, dass der Präsident den Profi-Bankern nach der Finanzkrise nicht mehr über den Weg traut.

Diese Kritik hat sich kaum geändert. Sie kommt auch heute noch aus zwei Lagern: einerseits von den etablierten Profis, die ihr Herrschaftswissen von angeblichen Stümpern bedroht sehen. Andererseits melden sich verstärkt die Kulturpessimisten zu Wort, die im Dilettanten ein leichtes Opfer gefunden haben. Ihre Bücher heißen Die Stunde der Stümper oder Die Stunde der Dilettanten - Wie wir uns verschaukeln lassen, und vielmehr als eine jahrhundertealte Furcht vor den angeblichen unrechtmäßigen Akteuren geben ihre Polemiken nicht her. Sie entlarven voller Standesdünkel den Dilettanten als Scharlatan. Und dabei scheinen sie nicht mal zu merken, dass genau diese Kritik den von ihnen protegierten Profi am härtesten trifft: sei es der Minister, der mal dieses, mal jenes Amt bekleidet, ohne den Kern seines Fachgebiets wirklich zu durchdringen, sei es der angebliche Experte, der in Talkshows seit Jahren nichts als vorhersehbare Phrasen streut. Oder die hoch spezialisierten Spekulanten der Bank JPMorgan-Chase, die gerade über zwei Milliarden Dollar verzockt haben.

Dass die Weltwirtschaft nicht allein von ausgebildeten Profis geführt wird, zeigt auch eine Personalentscheidung von Barack Obama. Der amerikanische Präsident hat dieses Jahr einen wirtschaftlichen Laien zum Chef der Weltbank ernannt: den Arzt und Anthropologen Jim Yong Kim, der sich zwar bestens mit der Gesundheitspolitik, aber kaum mit der Finanzwelt auskennt. Der frisch gekürte Banker sieht das als Vorteil: »Ich habe keine Furcht, Konventionen in Frage zu stellen«, hat Kim in einem Interview gesagt. Im Juli löst er Robert Zoellick ab - einen ehemaligen Mitarbeiter von Goldman Sachs, der Bank, die kürzlich von Anlegern verklagt wurde, wegen manipulierter Zahlen beim Börsengang von Facebook. Zoellick trägt Anzug und Schnauzbart, während von Jim Yong Kim ein Video im Netz kursiert, das ihn mit weißer Lederjacke beim Tanzen zeigt.

Wie eng die Produktionsweisen der Laien mit einem ästhetischen Versprechen verbunden sind, lässt sich anschaulich an einem auf den ersten Blick obskuren Beispiel belegen: dem Phänomen der »Amateurpornografie«. Der Umsatz von arrivierten Firmen wie etwa Beate Uhse ist im Vergleich zu 2006 auf ein Drittel zurückgegangen; Hochglanzpornos sind von den großen Produzenten auf ein Minimum reduziert worden. Umgekehrt hält der Boom von Amateurfilmen an, nicht nur auf kostenlosen Internet-Plattformen, sondern auch im DVD-Versand und in den Videotheken. Es hat also nicht allein mit finanziellen Erwägungen zu tun, dass man inzwischen lieber »normalen Menschen« beim Sex zusieht, sondern mit ästhetischen Vorlieben: Denn die Konsumenten gestehen den Amateurfilmen zu, näher am echten Sex zu sein.

Nach der Aufhebung des Pornografie-Verbots in den Siebzigern ging es ein Vierteljahrhundert allein darum, das Gezeigte so sichtbar wie möglich zu machen; sexuelle Handlungen wurden dem Zuschauer wie Indizien präsentiert: Sieh her, das geschieht wirklich! Doch diese Ambition hat sich abgenutzt; genau in dem Genre, in dem theoretisch alles möglich wäre, hat sich das strengste choreografische Regelwerk ergeben, ein Kanon der Stellungen, so vorhersehbar wie die Wortgefechte in politischen Talkshows. Die Lust am unbeholfenen Amateurporno dagegen zielt auf eine Echtheit, die sich weniger an der Sichtbarkeit des Gezeigten orientiert als an der verlockenden Vorstellung, das alles könnte jederzeit auch im eigenen Leben passieren. Insofern ist gerade der Boom des Amateurpornos beispielhaft für die neue Konjunktur der Dilettanten: Das Weniger an Professionalität erscheint als ein Mehr an Wahrheit.

Stimmt es also wirklich, dass mit den Laien unserer Zeit, mit der Piratenpartei und den Biohackern, den fachfremden Vorständen und Amateurpornografen eine neue Ära der Echtheit anbricht? Löst sich durch sie der Filz des Professionellen endlich auf? Womöglich verfehlt die rückhaltlose Feier des Amateurs die Mentalität dieses neuen Protagonisten genauso wie die Kritik der Kulturreaktionäre. Denn beide Positionen verharren in einem Kategoriensystem, das nicht mehr stimmt. Der Dilettant und der Profi sind heute keine Gegensätze mehr. Allerorten ist vom »flexiblen Menschen« die Rede, der zwischen Geldverdienen und Selbstverwirklichung nicht mehr trennen soll. Wer einer Arbeit nachgeht, soll dies im Verständnis der Coaches und Personalmanager (aber auch der Vordenker einer »digitalen Bohème«) nicht allein zur Existenzsicherung tun, sondern weil er in seiner Tätigkeit aufgeht. In der lückenlosen Ökonomisierung der eigenen Existenz, wie sie unsere Gegenwart einfordert, wären Dilettanten und Amateure also vorbildliche Figuren, professioneller als der Profi alter Schule. Aus diesem Grund ist der begeisterte Laie auch stärker gefährdet. Nicht umsonst mussten einige führende Mitglieder der Piratenpartei ihre Ämter nach Erschöpfungszuständen schon wieder aufgeben, zuletzt der Pressesprecher Christopher Lang sowie sein Stellvertreter Aleks Lessmann. Der Amateur kennt keinen Unterschied zwischen Arbeit und Leidenschaft. Das macht ihn im Zeitalter des emotionalen Kapitalismus zu einer zentralen Figur.

Foto: afp

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