Die Welt als Zelle und Vorstellung

So landen Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung im Gefängnis: Innenpolitik-Chef Heribert Prantl wollte aus erster Hand erfahren, wie es im deutschen Justizvollzug aussieht. Also ging er freiwillig hinter Gitter. Was er dort erlebte, hat ihn ziemlich gefangen genommen.

Der Beamte ist sehr gründlich. Er filzt mich penibler, als ich das vom penibelsten Flughafen-Check kenne. In der Kleiderkammer nimmt er mir mit routinierter Freundlichkeit meine Privatsachen weg. Er lässt mich das Handy ausschalten, zählt mein Geld, sichtet meine Aktentasche, stopft das alles zusammen in die Plastikbox Nummer 103, die er mit der Plombe Nummer 92958 versiegelt.

Knast ist registrierte Ordnung. Immerhin: Man ist dort keine Nummer, man hat einen Namen. Der Beamte sagt nicht »Häftling« zu mir, er sagt »Herr Prantl«. Trotzdem ist die Entkleidung und Neueinkleidung eine Prozedur der Selbstentfremdung. Es ist, als lasse man seine bürgerliche Existenz in der Kleiderkammer zurück. Neben den Zellentüren sind durchsichtige Plastikschilder an die Wand geschraubt, darunter Papierstreifen geschoben. Auf meinem steht nicht »Nummer 103«, sondern »Heribert Prantl«. Im Studenten- und im Altersheim sehen die Schilder ähnlich aus; aber es ist anders, seinen Namen neben der 15 Zentimeter dicken Stahltür zu lesen mit den vielen Riegeln und der Kostklappe. Man steht vor der beschrifteten Gefängniszelle wie vor dem eigenen Grabstein. »Ein Stück Tod mitten im Leben« sei die Haft, hat der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch vor hundert Jahren geschrieben. Der moderne Strafvollzug soll aber nicht nur ein Stück Tod sein; er soll, so steht es im Gesetz, funktionieren wie eine Wiederauferstehung zu einem »Leben ohne Straftaten«. Tut er das? Kann er das?

Aufnahmestation, Zelle 5: Hierher werde ich, schon in schlabbrigen Anstaltsklamotten, von zwei Beamten geführt, ich ziehe das Wägelchen mit der Gefängnis-Grundausstattung und der Gefängniswäsche hinter mir her: ein billiges Besteck (»Messer ungehärtet«), ein Trinkbecher, ein Frühstücksbrettchen, ein tiefer Teller; Zahnpasta, Zahnbürste, Einwegrasierer, ein Stück Rasierseife, ein Pinsel mit wenigen harten Borsten; vier Paar Wollsocken, Handtuch, Geschirrhandtuch, ein abgetragener Trainingsanzug, ein Schlafanzug mit der Aufschrift »Baseball High 35«, Bettwäsche, Wolldecke, eine blaue Latzhose; Duschlatschen, Arbeitsschuhe, vier Unterhosen, vier Unterhemden, fein gerippt und mit dem ausgewaschenen Eindruck »JVA Oldenburg«. Das ist meine neue Habe.

Ich bin im »Alcatraz des Nordens«, einem Männergefängnis der Hochsicherheitsstufe, 310 Häftlinge, die eine Hälfte Straf-, die andere Untersuchungsgefangene. Außen herum eine Mauer, fast zwei Kilometer lang, sechseinhalb Meter hoch; zwei Meter versetzt nach innen ein zweiter Zaun aus Gittergeflecht, sensorgesichert; 220 Videokameras innen und außen. Fluchtversuche zwecklos. Nur kurz nach der Eröffnung der Anstalt vor neun Jahren hat es ein Betrüger geschafft; er hatte sich an die Unterseite eines ausfahrenden Bollerwagens geklammert, so wie Odysseus an das Bauchfell eines Schafs, als er aus Polyphems Höhle entfloh. Der geflüchtete Häftling hatte einen Beamten bestochen; die Kollegen schämen sich heute noch.

Zwischen mir und der Freiheit liegen zwanzig Türen und Gitter. »Spüren Sie doch einmal am eigenen Leib, wie sich das anfühlt«, hat Gefängnisdirektor Gerd Koop im November 2008 zu mir gesagt. Da hatte ich auf der jährlichen Tagung der Gefängnisspezialisten in der Katholischen Akademie von Stapelfeld einen Vortrag gehalten; das Thema hieß, ein wenig neckisch: »Wohin fährt der Strafvollzug?« Ich habe die Einladung ins Gefängnis angenommen; nun sitze ich drin. Keine Sonderbedingungen für Prantl, hat der Direktor sein Personal angewiesen. Immerhin wissen die Vollzugsbeamten, dass ich nicht so richtig zu ihrer Klientel gehöre: kein Betrüger, kein Totschläger, kein Räuber, kein Drogist. Nur Journalist – der früher drei Jahre bayeri-scher Richter, dann drei Jahre bayerischer Staatsanwalt gewesen ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die ersten Tage in U-Haft die schlimmsten sind.

»Neun Jahre« – das war das höchste Urteil, das ich einst als Richter gefällt habe; auf »13 Jahre« lautete mein höchster Strafantrag als Staatsanwalt. Länger als eine Stunde war ich damals, als Justizjurist, nie im Gefängnis gewesen – immer nur kurz, zu einer Anhörung, zu einer Vernehmung. Der Richter straft, aber er kennt die Strafe nicht, die er ausspricht. Jetzt, als Journalist, bin ich vier Tage lang da: zunächst als unechter Häftling und dann als Praktikant, der das Vollzugspersonal bei der Arbeit begleitet.

Wenn Wände reden könnten, die Zellenwände würden reden von Resignation, Wut, Gleichgültigkeit, von Melancholie, Misstrauen, Feindseligkeit, von Angst, Hass und Hoffnung. Gegen solche Gefühle hilft der Alarmknopf neben der Tür nicht. Der Knopf hat zwar neulich einem Strafgefangenen das Leben gerettet, der einen Herzinfarkt hatte. Der Knopf löst aber keinen Alarm aus, wenn ein Untersuchungshäftling sich aus seinem Bettzeug eine Schlinge dreht. Die ersten Tage in U-Haft sind die schlimmsten. Der Untersuchungsgefangene gilt zwar vor dem Gesetz als unschuldig. Aber was hilft ihm das, wenn sein bisheriges Leben zusammenbricht, wenn seine Zukunft nach Gefängniskost schmeckt, wenn er nicht weiß, was aus ihm, Frau, Kind und Arbeit wird? Diese Gefühle lassen sich nicht auf Einladung des Gefängnisdirektors simulieren. Gut situierte Häftlinge, solche wie ich, quälen sich mit der Frage, ob sie sich werden freikaufen können. Meistens klappt es. Die Gefängnispopulation ist auch deswegen nicht ein Abbild der Gesellschaft, sondern ein Abbild ihrer Unterschicht. Das Gefängnis als Ort des sozialen Lernens?

Meine »Hütte«, wie man im Jargon sagt, riecht verqualmt: Gefängniszellen gehören zu den wenigen Orten in Deutschland, wo geraucht werden darf. Aber die achteinhalb Quadratmeter sind viel sauberer als erwartet: gestrichener Betonfußboden, Schrank, Tisch, Pritsche, Regal, das alles nicht aus Metall, sondern aus Holz; eine hölzerne Wandleiste gibt es zum Bilderaufhängen, Bilder direkt an die Wand zu kleben ist streng verboten – als Verstoß gegen das erste Gebot dieses Gefängnisses: »Die Anstalt muss immer sauber sein.« Der Anstaltschef glaubt an den »unmittelbaren Zusammenhang zwischen Dreck und Aggression«. Die Wandleiste ist allerdings voll von weißen Flecken: Man nimmt hier Zahnpasta zum Ankleben der Bilder, meist herausgerissen aus der nur noch im Knast beliebten Erotikillustrierten Coupé. Kugelschreiber-Kritzeleien findet man auch auf der Bilderleiste: ein paar Zeichen auf Arabisch und ein ordentlich gereimter Zweizeiler auf Deutsch: »Der Papa sitzt im Zuchthaus – wie / im Hühnerstall das Federvieh«. Ein kleiner Fernseher steht vor dem Bett, Standard bei Untersuchungsgefangenen, das mindert die Selbstmordgefahr.

In einer Ecke der Zelle führt die Tür zum abgetrennten,
1,2 Quadratmeter kleinen Klosett mit Waschbecken. Menschenwürde im Knast beginnt mit A – wie Abort. Es riecht zwar etwas streng, aber es gibt fließend warmes und kaltes Wasser. Warmwasser ist Knastkomfort, in den älteren Gefängnissen nicht vorhanden. Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg ist ziemlich neu, vor neun Jahren wurde sie eröffnet, und es steckt viel Erfahrung darin: Sie ist vom Direktor und dem Personal selbst geplant worden. 16 Stationen mit jeweils 21 Haftplätzen, jede Station eine Art Wohngruppe mit Freizeitküche, jeweils etliche Stationen von einer Wachstation aus gut einsehbar. Die alten Zuchthäuser waren Stein gewordener Irrtum. Dieses Gefängnis ist gemauerte Reform, es ist ein Vollzugsreformhaus.

Ich lese die drei DIN-A4-Zettel an der Innenseite meiner Zellentür, eine Art Haus- und Zellenordnung: »Sie haben die Anordnungen der Vollzugsbeamten zu befolgen, auch wenn Sie sich dadurch beschwert fühlen.« Ich sitze in einer Zelle im Erdgeschoss, vergitterter Blick auf ein paar Masten mit Videokameras, auf vier Obstbäume und auf den martialischen, auch nach oben vergitterten »Bärenkäfig«. Das ist der Auslauf für die zehn besonders gefährlichen Häftlinge der Sicherheitsstation, deren Zellen 23 Stunden am Tag verriegelt sind. Ich werde eingeschlossen und bin nun froh drum. Ich kann zwar nicht hinaus, es kann aber auch keiner von denen herein, die draußen im Gefängnishof ihre letzten Runden drehen.

In diesem Gefängnishof haben fast alle Verbrecher ihre Runden gedreht, die man aus den Zeitungen kennt: der Holzklotzmörder; der siebenfache Mörder vom China-Restaurant in Sittensen; der Heimleiter, der die ihm anvertrauten Kinder missbraucht hat; der Vater von Kevin, der sein Kind verhungern ließ. »Wegen was bist du da?«, ruft einer mit russischem Akzent in meine Zelle. »Sag ich nicht«, sag ich. Am nächsten Tag, bei der Arbeit im Gefängnisbetrieb, lerne ich von Dimitri, wie man auf solche Fragen elegant antwortet. Er sitzt für sechseinhalb Jahre. »Wegen was?«, frage ich ihn. Er grinst: »Ohne Ticket gefahren.« Dimitri hat internationale Knasterfahrung, er kennt die russischen Gefängnisse. »Kein Vergleich«, sagt er, »eher Sport hier.«

Es klopft und rappelt an der Tür. Jemand hält ein Tablett mit dem Abendessen herein: drei Scheiben Brot, drei Scheiben Käse und zwei Scheiben Wurst. Dazu werden eine Packung Frühstücksmargarine gereicht, Marke Goldquelle, und 250 Gramm Marmelade Sauerkirsch extra, »fruchtige Qualität aus Mecklenburg«. Wie lange soll ich damit haushalten? Bevor ich fragen kann, ist die Tür schon wieder zu. Es wird Nacht, aber nicht richtig dunkel; das Licht vom Gefängnishof ist gleißend. Es hebt jetzt ein merkwürdiges Nachtleben an: Es klopft, hämmert, gluckert, es blubbert und furzt. Raue Rufe hallen über den Hof, von Gitterfenster zu Gitterfenster, Wortfetzen in Türkruss-arabischdeutsch. Meine Zelle ist eine schützende Wabe.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Geiselnahme – das ist die heimliche, die verdrängte Angst des Personals.

Um halb sieben beginnt die Arbeit. Strafgefangene müssen, Untersuchungsgefangene können arbeiten; die zehn Häftlinge der Sicherheitsstation dürfen nicht. Ich komme in eine Halle mit langen Werkbänken: Eine Firma von draußen lässt hier Kabelbäume zusammenbauen, Stecker fürs Auto löten, Kleinteile für Pipelines montieren; an die sechzig Mann werkeln heute, es herrscht irritierend ruhige Geschäftigkeit. Mir schießt eine schauerliche Geschichte aus der JVA Uelzen durch den Kopf: Vor neun Jahren nahm dort ein Häftling, der Küchendienst hatte, das größte Messer – er schnitt damit dem Gefängnisdirektor, der das Mittagessen vorkostete, die Kehle durch und erstach dann den Küchenchef. Sicherheit im Knast ist immer prekäre Sicherheit, auch in der besten Anstalt.

Ich wäre lieber in die Tischlerei gekommen; aber die ist das Revier der Langzeithäftlinge, an den Fräs- und Sägemaschinen stehen ein paar hundert Jahre. Auch nicht schlecht wäre die gehobene Bastel-atmosphäre der Schlosserei gewesen, wo der praktischste Grill hergestellt wird, den ich je gesehen habe. Die Ausbruchfantasien der Gefangenen sind in das »Modell Oldenburg« umgeleitet worden. 800 Vorbestellungen, der Verkaufsschlager der JVA, dank einer wunderbaren Höhenverstellung für das Grillgut.

Aber ich bin zum Löten von kleinen Schaltern eingeteilt, das Soll liegt bei 1200 Stück am Tag, die Endabnahme ist streng, meine Brille hinderlich. Der Vorarbeiter – Räuber? Mörder? Betrüger? – weist mich bedächtig ein. Ich bin kein Meister des Lötkolbens, aber der Nebenmann, gefährliche Körperverletzung, erbarmt sich meiner mit freundlichem Akzent; ich produziere trotzdem nur Ausschuss. Das sei ganz normal, sagt mein Gegenüber, wegen Drogen in U-Haft. Er selbst habe eine gute Woche gebraucht, bis seine Arbeit brauchbar war.

Die Arbeit bringt durchschnittlich elf Euro am Tag – bei sehr sorgfältiger Produktion. Das ist wenig, aber besser als nichts. Drei Siebtel davon, an die 70 Euro pro Monat, dürfen für Einkäufe ausgegeben werden; der Rest dient als Rücklage, zur Schuldentilgung und für die Opferentschädigung. Ich habe das Gefühl, dass ich es auch nach zwei Wochen hier mit meiner Hände Arbeit nur auf 50 Cent täglich bringen würde.

An der Decke über den Arbeitsplätzen lugen, wie fast überall in der Anstalt, Kamera-Augen. Die Sicherheitszentrale passt auf, dass nicht nebenbei Gerätschaften produziert oder geklaut werden, die für eine Geiselnahme taugen. (Soeben hat im bayerischen Straubing ein verurteilter Gefangener die Psychologin in seine Gewalt gebracht: Der Vergewaltiger war irgendwie an ein Messer gekommen.) Geiselnahme – das ist die heimliche, die verdrängte Angst des Personals. Dagegen helfen Zellenkontrollen, Leibesvisitation und der »Sicherheitsblick«, den sich Vollzugsbeamte und Sozialarbeiter angewöhnt haben. Wenn sie jeden Tag mit schlotternden Knien zur Arbeit kämen, könnten sie hier nicht arbeiten. »Ich habe mehr Angst, wenn ich abends mit dem Fahrrad durch Oldenburg nach Hause fahre«, sagt Nikola Framme, eine selbstbewusste junge Frau, studierte Diplomverwaltungswirtin, Vollzugsabteilungsleiterin, Frauenbeauftragte im Gefängnis. Fast ein Drittel des Personals im
Männerknast ist weiblich. Das hat den Ton und das Klima verändert in der Anstalt. Die Männer stehen nicht mehr im Unterhemd auf dem Flur. Und dass er seine »Bremsstreifen« im Klo wegbürsten soll, das lässt sich auch der Hartgesottenste von einer Frau nicht gern sagen. »Anmache« gibt es angeblich kaum.

Nikola Frammes Arbeit beginnt, wenn sie sich den »Tauchergürtel« umbindet. So nennt man das Koppel, an dem das JVA-Equipment hängt – dazu gehört tagsüber, wenn die meisten Zellen offen sind, keine Schusswaffe (»wäre viel zu gefährlich«), dazu gehört kein Schlagstock (»würde nur provozieren«); da hängen nur die vielen großen Schlüssel mit dem Doppelbart; und da hängt vor allem das kleine schwarze Gerät mit dem roten Alarmknopf. Sechsmal wurde im vergangenen Jahr Hauptalarm ausgelöst, Raufereien unter den Gefangenen zumeist. Dann sind binnen drei Minuten ein halbes Dutzend Vollzugsbeamte da; Kampfsportnaturen, die das aber nicht raushängen lassen.

Der Sicherheitsbeamte Ralf Klein erinnert sich, wie er angefangen hat: »Ich stand da wie John Wayne, durfte aber nicht John Wayne sein.« Es habe lange gedauert, bis er wirklich begriffen hatte, dass es im Haftalltag nicht darum geht, Kraft zu demonstrieren, sondern darum, mit den Gefangenen ins Gespräch zu kommen. Die Vollzugsbeamten, die Abteilungsleiterinnen zumal, suchen den richtigen Ton wie mit einer Stimmgabel: freundlich-zugewandt, rustikal-mahnend, aber nie kumpelig. Im Vollzug herrscht zwar ein besonderes Gewaltverhältnis, aber das muss der Staat den Gefangenen gegenüber nicht dadurch demonstrieren, dass er sich selbst gewalttätig aufführt. Vor dreißig Jahren hat Anstaltschef Koop als junger Beamter erlebt, wie eine tobende Frau von den Kollegen an den Haaren in den »Sauerkrautkeller« geschleift, geschlagen und getreten wurde. Demütigung erzeugt Hass; Hass erzeugt Straftaten. Anstalten, die wie ein Brutkasten für Straftaten funktionieren – und die gibt es immer noch –, müssten daher als gemeingefährlich geschlossen werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie in der JVA Oldenburg eine liberale und zugleich konsequente Haltung praktiziert wird.

Der Sauerkrautkeller von früher heißt heute »BGH« – nicht »Bundesgerichtshof«, sondern »Besonders gesicherter Haftraum«: eine geflieste Großzelle, in der Mitte eine Matte; ein roter Punkt markiert die Stelle, wo der Kopf liegen soll; im Boden verankert die Fesseln. Um zu gewährleisten, dass dieser BGH wirklich nur im extremen Ausnahmefall eingesetzt wird, hat Direktor Koop den »Händchenhalte-Erlass« ausgegeben: Es muss ständig ein Beamter neben dem gefesselten Häftling sitzen. Das verhindert, dass ein Häftling »vergessen« wird. »Manche Leute draußen glauben ja, wir sollten die Gefangenen in der Haft besonders quälen«, sagt Koop. »Aber: Das hilft keinem Opfer.«

Nur sechsmal Hauptalarm pro Jahr – das ist sehr wenig für ein Gefängnis, das (wegen der Untersuchungshäftlinge) auch eine Art Umschlagbahnhof ist. Das hat mit der verblüffend einfachen, aber klugen Vollzugsphilosophie des Gerd Koop zu tun: »Liberal und konsequent«, heißt sie. In vielen Gefängnissen ist es so, dass sich die Gefangenen die Vergünstigungen erst im Laufe der Zeit durch Wohlverhalten verdienen: den Aufschluss, also die Öffnung der Zellen tagsüber; das Telefonieren in der Telefonzelle; Radio und Fernseher in der Zelle, das absperrbare Fach im Kühlschrank auf der Stationsküche. In der JVA Oldenburg gibt es all diese Vergünstigungen von Anfang an. Das ist das Liberale. Und all diese Vergünstigungen fallen sofort weg, wenn etwas vorkommt – zum Beispiel Drogenrückstände im Urin. Das ist das Konsequente. In dieses System gehört auch die Sauberkeit: Die Zellenübergabe wird zelebriert wie eine Wohnungsübergabe. Der Gefangene hat das Recht, jeden Mangel zu rügen und beseitigen zu lassen. Das ist das Liberale. Jede Beschädigung der Zelle wird ihm vom Lohn abgezogen. Das ist das Konsequente.

Vollzugsplankonferenz – ich bin als »Praktikant« dabei. Vollzugsplankonferenz ist im Knast das, was in der Welt draußen »Mitarbeitergespräch« heißt. Hier im Knast reden die zuständigen Sozialarbeiter, Vollzugsbeamten und Psychologen erst über den Gefangenen, dann mit ihm; und ich bin erstaunt, mit welcher Gründlichkeit dies geschieht. Noch erstaunter bin ich darüber, mit welcher Sprache der Totschläger mit der gebrochenen Nase, der in der Haft neben der Arbeit eine Realschulausbildung macht, über sich spricht: »Schön, dass Sie sich für mich interessieren«, beginnt er das Gespräch und fährt dann fort, dass er »wieder mehr ich« sein und »den geraden Weg gehen« will. Es sind die Sozialarbeiter- und Psychologenphrasen, die er da übernommen hat. Seine Betreuer leugnen das nicht, geben aber zu bedenken, dass dieser Mann zum ersten Mal über sich und seine Probleme reden kann – er hat die Sprache dafür gelernt wie eine Fremdsprache. Die sogenannte Resozialisierung hat so oft mit »Re« nichts zu tun, viele Häftlinge waren nie sozialisiert. Und bei anderen ist die sogenannte Resozialisierung der Versuch, die weitere Desozialisierung zu verhindern.

»Wärter« sagt man landläufig zum Gefängnispersonal. Das ist nicht nur beleidigend, das ist auch grundfalsch. Im Gefängnis arbeiten keine Wärter, sondern Leute mit souveräner Leidenschaft und hoher Frustrationsschwelle. Leute, für die ein Tag gut ist, weil der renitente Gefangene sich endlich ein »guten Morgen« abquetscht. Hier im Gefängnis findet man einen Direktor, der begeistert ist, wenn er Häftlinge vom geschlossenen in den offenen Vollzug übergeben kann. Gerd Koop ist ein Haft-Manager (kein Jurist, sondern Sozialarbeiter mit Management-Ausbildung), der das Gefängnis als »Brücke ins Leben« betrachtet. Auf dieser Brücke steht er wie ein kleiner Franz von Assisi und spricht mit missionarischer Inbrunst. Er ersteigert eine Augenarztpraxis bei Ebay und staffiert eine Arrestzelle damit aus (die Gefangenen brauchen dann nicht in die Stadt »ausgeführt« zu werden, das ist riskant und teuer); er baut für eine Million eine neue Tischlereihalle (die Gefängnisprodukte sollen auf dem Markt bestehen können); er macht aus dem offenen Vollzug
der Gefängnisaußenstelle Wilhelmshaven ein Resozialisierungs-Schmuckstück. Das alles funktioniert auch deswegen, weil die Gefängnisse in Niedersachsen »budgetiert« sind; das heißt: Sie können finanziell weitgehend selbstständig arbeiten. Das beflügelt, das bringt einen neuen Geist in die Gefängnisse.

Wenn Vollzugsbeamte gut sind, behandeln sie die Häftlinge als Staatsbürger hinter Gittern. Die allermeisten Gefangenen bleiben nicht ewig Gefangene. Morgen sind sie wieder unsere Nachbarn. Diese Erkenntnis kann Gefängnisse verändern.

Süddeutsche Zeitung TV zeigt am Sonntag, 3. Mai 2009, um 23.15 Uhr bei VOX die Reportage »Der Knast im Knast – Wie die JVA Oldenburg aus Verbrechern Nachbarn macht«.

Fotos: Gianni Occhipinti

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