Bilder aus dem Krieg

Personen wie Wolodymyr Selenskyj, Wladimir Putin oder Joe Biden dominieren die Nachrichten über den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. In unserer Fotorubrik zeigen wir, wie die Gewalt und das Sterben das Leben ganz normaler Menschen und ihren Alltag verändert hat.

    Foto: Maxim Dondyuk

    Heft 33/2022, 19. August

    Drei Monate lang ernährten sich diese Frauen und der Mann von dem, was sie in Konserven noch im Keller hatten. Drei Monate lang mussten sie auf ihre Renten warten. Am 22. Mai, als der Fotograf Maxim Dondyuk dieses Bild aufnahm, kamen zum ersten Mal seit dem Kriegsbeginn wieder Postbeamte in das Dorf Vilkhivka in die Region Charkiw. Sie zahlten die offenen Renten aus. Gleichzeitig erreichte die Menschen im Dorf eine Hilfslieferung: ein Auto voller Lebensmittel und Wasser. Endlich konnten sie etwas Frisches zubereiten. Die Menschen begrüßten und umarmten sich an diesem Tag. Denn sie waren sich nicht sicher gewesen, wer von ihnen noch am Leben war. Während der russischen Besatzung hatten die meisten ihre Keller kaum verlassen. Die Angreifer bombardierten das Dorf ständig, erzählten die Einheimischen dem Fotografen. Es gab kein Internet, kein Telefon. Sie wussten nur, ob die direkten Nachbarn und Nachbarinnen noch lebten. Die Besatzer des Dorfes wechselten mehrmals. Zuerst kamen junge, zurückhaltende Wehrpflichtige aus Russland. Dann ältere, aggressivere Soldaten. Den Ukrainern verboten sie, nach draußen zu gehen. Die Russen sagten wieder und wieder, der Krieg würde nicht lange dauern, weil sie bald siegreich sein würden. Inzwischen sind die Besatzer aus dem Dorf abgezogen. Lina Schönach

    Maxim Dondyuk, 39, arbeitet hauptsächlich als Dokumentarfotograf. Derzeit halten seine Frau und er sich in der ukrainischen Stadt Lwiw auf. In den Monaten vor dem Kriegsbeginn arbeitete Dondyuk an einem Projekt über Tschernobyl.

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    Foto: Sergiy Illyashenko

    Heft 32/2022, 12. August

    Und dann kamen die Russen doch nicht. Zum Glück. Dabei waren die Menschen hier, im äußersten Westen von Kiew, auf alles gefasst. Nur sieben Kilometer weiter auf dieser Straße, hinter einem kleinen Wald, liegt Irpin. Der Vorort war im März schwer umkämpft, Hunderte Zivilisten wurden getötet, Menschen flohen, es war das Grauen. Irpin gleicht heute einer Geisterstadt. Hier, am Westrand von Kiew, rechneten alle damit, dass die russischen Truppen als Nächstes durch den Wald vorrücken würden. Also verbarrikadierten die Bürger die kleine Verbindungsstraße, so gut sie konnten. Aber dann verschoben die Russen ihre Angriffe plötzlich in den Osten des Landes. Die Barrikaden blieben. Und schufen einen fast surrealen Ort. Die Zeichen des Krieges, aber ein Bild des Friedens: keine Autos, kein Verkehr, nur die Stille zwischen Hochhaus und Waldrand. Die Menschen, die schon geflohen waren, sind zurückgekehrt in die Siedlung. Abends gehen sie hier noch eine Runde spazieren. Kinder spielen auf den stillgelegten Wegen und klettern auf den Hindernissen herum. Eine Zwischenwelt. Wann die Betonteile weggeräumtwerden? Das weiß niemand. Es weiß ja auch niemand, wann der elende Krieg ein Ende findet. Max Fellmann

    Sergiy Illyashenko, 37, lebt im Westen von Kiew, ganz in der Nähe dieser Siedlung. Bisher arbeitete er vor allem für Werbung und Fernsehen, aber der Krieg hat alles verändert. Er will festhalten, was mit seiner Stadt passiert. Weggehen kommt nicht infrage.

    Foto: Fabian Ritter

    Heft 31/2022, 5. August

    Luda, die Markenstrategin einer Werbeagenur, stieg am 26. Mai an der Bushaltestelle der Universität in Kiew aus, es war früher Abend. Sie ging hinüber in den Park, in dem eine Statue von Mahatma Gandhi steht, dem indischen Unabhängigkeitskämpfer. Ihre Hängematte hatte sie dabei, sagt Fabian Ritter, der Fotograf, der auf den Auslöser drückte, als die Sonne unterging. Luda wollte ein wenig Normalität atmen, den Slacklinern zusehen, in die Eisdiele gehen, eine Cola trinken – das Schlupfloch finden, das der Krieg dem Alltag lässt. Die Frage, ob Luda aus Kiew oder ganz aus der Ukraine flüchten soll, stellt sich ihr kaum, denn sie müsste wohl ohne Oleg gehen, ihren Freund, der ist jung wie sie und dürfte das Land nur verlassen, wenn er einen Arbeitsvertrag im Ausland vorweisen könnte. Ludas Vater ist auch Ukrainer, ihre Mutter aber Russin. Ihre eigene Identität sei nicht mehr gespalten, sagt sie, seit Kriegsbeginn fühle sie sich mehr und mehr als Ukrainerin. Auch deshalb will sie nicht fort, und die Geschäfte und Restaurants, die immer noch offen haben, zu unterstützen, sei auch eine Form des Widerstandes. Sonntags gehen Luda und Oleg in die Kirche, beide sind überzeugt, auch patriotischer geworden zu sein. Im Park nahe der Universität war an diesem Abend Fliegeralarm zu hören. Sicherheit gibt es nicht in einem Krieg. Susanne Schneider

    Fabian Ritter feierte kürzlich seinen 30. Geburtstag in Kiew mit seinen neuen ukrainischen Freunden. Der Dortmunder Fotograf war im März erstmalig in der Ukraine und möchte demnächst wieder hin.

    Heft 30/2022, 29. Juli

    Foto: Lisa Bukreyeva

    Das ukrainische Dorf Moschun, rund 30 Kilometer von Kiew entfernt, ist umgeben von Wäldern. Inmitten der Bäume und des Grüns leuchtet es plötzlich gräulich. Die Hülle einer Artilleriegranate ist in einem Baum stecken geblieben, sie hat sich tief in das Holz eingebohrt. Der Baum steht nur etwa 100 Meter von der Hauptstraße mit ihren Wohnhäusern und Geschäften entfernt. Als die Fotografin Lisa Bukreyeva das Dorf am 9. Juli besucht, erzählt ihr ein Bewohner von der Granatenhülle im Baum. Sie sei aber nicht mehr gefährlich: Der Sprengstoff im Inneren sei bereits detoniert. Moschun ist eines der am schwersten getroffenen Dörfer in der Region um Kiew. Durch den Beschuss der russischen Armee wurden mehr als 2000 Häuser zerstört. Viele Überlebende sind geflohen. Inzwischen hat sich das russische Militär zurückgezogen, doch zuvor haben die Soldaten den Boden mit Minen präpariert. Es wird vermutlich Jahre dauern, bis die Minen geräumt und die Spuren der Einschüsse und Granaten verschwunden sein werden. Nur da, wo die Schweine des Dorfs schon wieder unbekümmert im Wald und auf den Feldern herumspazieren, trauen sich auch die Menschen hin. Die Felder müssen dringend bestellt werden – in Moschun wird nun vor allem Obst und Gemüse angebaut, als Vorbereitung auf den kommenden Winter. Beyza Arslan-Tenha

    Lisa Bukreyeva wurde 1993 in Kiew geboren und arbeitet als Fotografin. Über die Dorfbewohner in Moschun sagt sie: »Die Menschen hier haben einen starken Lebenswillen. Ihre Häuser und Erinnerungen wurden zerstört, aber sie sind daran nicht zerbrochen.«

    Heft 29/2022, 22. Juli

    Foto: Johanna-Maria Fritz

    Was werden die ukrainischen Soldaten zu Hause erzählen, wenn dieser Horror irgendwann vorbei ist? Welche Erlebnisse werden sie nachts wachhalten? Welche Erinnerungen werden sie teilen wollen – und welche versuchen, zu vergessen? Man kann nur mutmaßen, wie tief die Spuren sind, die der Krieg in diesen Söhnen, Ehemännern, Brüdern und Freunden hinterlassen wird. Gerade aber zählt nur: Die Männer sind noch am Leben. Bevor dieses Foto entstand, hatte der Trupp in Sjewjerodonezk gekämpft, im Osten der Ukraine – erfolglos. Ende Juni gab der Bürgermeister bekannt, dass die Stadt von den Russen besetzt sei. Die Eroberung gilt als strategisch wichtiger Schritt, um den Donbass vollständig zu erobern. Die ukrainischen Soldaten mussten sich zurückziehen. Flüchten, im eigenen Land. Zwei Tage lang liefen sie ohne Nahrung und Wasser durch die Lande, erzählen sie. Schließlich sammelte sie ein heimischer Militär-Truck auf. Die Erschöpfung ist ihnen anzusehen. Am Dreck in den Gesichtern und den staubigen Uniformen, vor allem aber an den Blicken: Müde sind sie, resigniert, traurig. Und es ist noch nicht vorbei. Solange der Angriffskrieg in der Ukraine tobt, müssen die Familien und Freunde dieser Männer weiter um sie bangen. Zwar haben sie bisher überlebt – doch viele sind heute schon wieder im Kampf. Nach Hause geht es noch längst nicht. Vivian Pasquet

    Johanna-Maria Fritz, 28, arbeitet als Fotografin oft in Krisengebieten. Kurz nach dem Angriff auf die Ukraine reiste sie hin und fotografiert seither immer wieder im ganzen Land. Mit vielen Soldaten und deren Angehörigen hält sie weiter Kontakt.

    Heft 28/2022, 15. Juli:

    Foto: Emile Ducke

    Für Michail Lukaschows Geburtshaus wiederholt sich die Geschichte. Vor etwa 90 Jahren baute sein Vater das kleine Haus in dem Dorf Sorokivka, rund 30 Kilometer vor Charkiw. Dann, während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung, zerstörte eine deutsche Bombe die Wände und das Dach. Sein Vater nahm Mörtel und Spachtel und reparierte die Schäden. Nun, während des russischen Angriffs auf die Ukraine, schlägt eine russische Granate in die Erde vor dem Haus ein. Wieder ziehen sich Risse durch die Wände, die mit den sichtbaren Balken an Gerippe erinnern – und der 85-jährige Michail Lukaschow tut es seinem Vater gleich. Mit der Spachtel in der Hand trifft ihn der deutsche Fotograf Emile Ducke Ende Mai vor seinem Haus an. Die russische Belagerung ist vorbei, das Dorf Sorokivka ist befreit. Doch die Frontlinie wurde nur verschoben. Während der Fotograf und Michail Lukaschow reden, detonieren ein paar Kilometer entfernt weitere Bomben. Der Artilleriebeschuss ist für die Bewohner des Dorfes zu einem stetigen Hintergrundonnern geworden. Dass die Kämpfe aber weiter entfernt und damit weniger gefährlich zu sein scheinen, zeigt das Verhalten der Dorfbewohner. Der 85-jährige Lukaschowund seine Frau Nadeschda reagieren gar nicht auf die dumpfenGeräusche. Sie räumen auf; sie reparieren das Haus. Es soll wieder warm werden drinnen, wenigstens das. Astrid Probst

    Emile Ducke, 28, ist ein deutscher Fotograf. Gerade ist er in Lwiw und hat vor, im Westen der Ukraine zu bleiben. Mit seiner Arbeit will er das Leben nach der russischen Besatzung dokumentieren.

    Heft 27/2022, 8. Juli:

    Foto: Mikhail Palinchak

    Es ist nicht die erste Erinnerungswand, die Leo Soto initiiert hat. Es ist die fünfte. Angefangen hatte es 2021, als bei einem Gebäudeeinsturz in Surfside, Florida, ein Freund von Soto ums Leben kam – und 97 weitere Menschen, die in der Nacht von dem Unglück überrascht wurden. Soto errichtete damals an der Unglücksstelle eine besondere Form der Gedenkwand: Er druckte Fotos der Opfer aus und befestigte sie an einem Zaun. Zwischen die Fotos schob, knotete und fädelte er Blumen. Eine Collage aus Trauer und Blütenschmuck. Soto ist überzeugt, dass es hilft, für den eigenen Schmerz einen Ort zu haben. Am 24. April, also zwei Monate nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, läuft Soto durch Lwiw. Er sucht einen guten Ort für seine Blumenwand und findet ihn am Halytsia-Platz. Bei sich hat er Pakete voller Kunstblumen, gespendet von Firmen in Warschau. Noch am selben Tag, so beschreibt er es auf seiner Instagram-Seite, nehmen die Ukrainer und Ukra-inerinnen in Lwiw die Idee an und beginnen, Fotos ihrer Toten und Vermissten aufzuhängen und Blumen zwischen die Zaunstäbe zu fädeln. Leo Soto ist inzwischen wieder in Miami, er studiert Tourismus und Gastgewerbe und will im Herbst seinen Abschluss machen.
    Lara Fritzsche

    Mikhail Palinchak ist Ukrainer und lebte die vergangenen 17 Jahre in Kiew. Jetzt reist er umher und fotografiert, dieses Foto machte er in Lwiw. Seine Frau und seine zwei Söhne sind ins Nachbarland Polen geflohen.

    Heft 26/2022, 1. Juli:

    So sollte es auf diesem Spielplatz sein: verschwitzte Jungen und Mädchen stehen hoch oben auf der Rutsche. Eltern warten mit ausgebreiteten Armen. Ein Ort wie ein Versprechen: dass ein Kind hier Kind sein darf. So war es einmal. Doch dann fielen russische Soldaten in den Ort Butscha nahe Kiew ein. Sie zerstörten Häuser, legten Minen. Durchschossen die Rutsche. Der Spielplatz steht inmitten einer großen Wohnsiedlung. Viele junge Familien leben hier, weil es etwas günstiger als Kiew ist und die Hauptstadt gut erreichbar. Die Russen töteten Väter und Mütter und machten offenbar auch vor den Kleinsten nicht halt. Noch ist nicht klar, wie viele Kinder nun Waisen sind oder getötet wurden. Als die Eindringlinge abzogen, ließen sie die Toten auf der Straße liegen. Die Bilder gingen um die Welt. Am 53. Tag nach dem Abzug fotografierte Lisa Bukreyeva die durchlöcherte Rutsche. Und sie interviewte etliche Familien. Bukreyeva hörte, dass die Soldaten betrunken gewesen seien. Dass sie ukrainischen Kindern Waffen in die Hand gedrückt und sie zu schießen aufgefordert hätten. Einfach so, aus Spaß. Heute ist die Wohnsiedlung so zerstört, dass eine Rückkehr für Überlebende kaum möglich scheint. Die Rutsche bleibt leer. Vivian Pasquet

    Lisa Bukreyeva, 29, ist in Kiew geboren und arbeitet als Fotografin. Immer wieder besucht sie Orte außerhalb Kiews, um die Spuren des Krieges zu dokumentieren. Über die Kinder, mit denen sie in Butscha sprechen konnte, sagt sie: »Sie wirken sehr alt. Man kann in ihren Augen sehen, dass sie durch die Hölle gegangen sind.«

    Heft 25/2022, 24. Juni:

    Foto: Eduard Kryzhanivsky

    Die Mörsergranate ist nicht explodiert, nachdem russische Soldaten sie in die Einfamilienhaussiedlung in Irpin geschossen hatten. Nun steckt sie im Asphalt wie ein Korken, der jederzeit hochgehen kann. Irgendwer hat einen Streifen roten Stoff danebengelegt, wohl als Warnung. Die Steine sollen offenbar verhindern, dass diese Warnung wegweht. Als der ukrainische Fotograf Eduard Kryzhanivsky dieses Foto von der Granate machte, hatten sich die russischen Soldaten bereits zurückgezogen aus der Stadt am Rande von Kiew. Das Leid war natürlich geblieben: Von 200 bis 300 getöteten Zivilisten sprach der Bürgermeister von Irpin gegenüber den Medien. Eines der Opfer wohnte hinter dem grünen, von Granatsplittern durchlöcherten Zaun auf dem Foto: eine Frau um die vierzig, die ebenfalls von Granatsplittern getroffen worden war. Eduard Kryzhanivsky hat kurz mit ihrer Mutter geredet und sie gefilmt. Auf dem Video sieht man eine kleine Frau mit braunen Haaren und dicker Wolljacke. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes drückt ihr zwei Plastiktüten voller Brot in die Hand. »Warum so viel?«, fragt die Mutter. Ihre Tochter hat sie im Garten beerdigt. Christoph Cadenbach

    Eduard Kryzhanivsky, 29, lebt in Kiew und arbeitet als Fotograf unter anderem für das Büro des ukrainischen Außenministers. Neulich begleitete er Annalena Baerbock bei ihrem Besuch in Kiew. Kryzhanivskys Familie, er hat zwei Töchter, ist nach Deutschland geflohen. Sie wohnt nun in München bei Freunden.

    Heft 24/2022, 17. Juni:

    Foto: Tomasz Lazar

    Auf den ersten Blick scheint ganz klar, was das Bild zeigt: Ukrainische Kinder spielen Krieg. Der Junge vorne rechts heißt Dima, er ist elf, trägt ein Militärhemd und eine Holz-Kalaschnikow in Händen. Auf dem Pappschild steht: »Stopp Kontrollpunkt«. Der polnische Fotograf Tomasz Lazar, der das Foto am 21. Mai in Lukashivka im Norden der Ukraine gemacht hat, ist sich aber nicht sicher, ob die Kinder spielen. Er sagt: Womöglich wurden sie auch von den Familien geschickt, damit jemand im Blick hat, ob noch mal russische Soldaten in das Dorf bei Tschernihiw kommen, das sie am 30. März verlassen haben. Oder damit die Jungs eine Beschäftigung haben, während die Eltern versuchen, ein wenig Normalität herzustellen. Fragen konnte Lazar Dima und dessen Freunde nicht, die Kinder mussten kurz nach der Begegnung gehen. Seit dem Kriegsbeginn dokumentiert Lazar den Alltag der Menschen in der Ukraine, und immer wieder hat er ähnliche Szenen beobachtet: Kinder, die an den Zufahrtsstraßen Miniatur-Checkpoints errichtet haben. Wäre es überhaupt ein Spiel, wenn Kinder im Krieg Krieg spielen? Oder vielmehr ein Versuch, ohne professionelle Hilfe irgendwie klarzukommen mit der Angst, der Trauer, mit dieser Situation, die viel zu schwer ist, als dass man sie begreifen könnte, weder als Kind noch als erwachsener Mensch? Sara Peschke

    Tomasz Lazar, 37, war seit dem Kriegsbeginn insgesamt eineinhalb Monate lang in der Ukraine unterwegs. Gerade befindet er sich zu Hause in Polen, aber er möchte so bald wie möglich wieder über die Grenze, um festzuhalten, was in seinem Nachbarland passiert.

    Heft 23/2022, 10. Juni:

    Foto: Lesha Berezovskiy

    Der Typ hat vielleicht Nerven. Es ist Krieg, und er trainiert auf dem Rennrad. Er fährt durch Hostomel, nicht mal die Minen sind an diesem Tag Ende April schon allesamt entschärft. Tolik Todorov heißt er, ein guter Freund von Lesha Berezovskiy, dem Fotografen. Sie fahren öfter gemeinsam, zum ersten Mal jetzt wieder seit dem Kriegsbeginn. Hostomel ist ein Vorort von Kiew, 15 Kilometer entfernt, vor dem Krieg lebten hier viele Pendler. Tolik und Lesha wohnen in Kiew, aber da war zu viel Verkehr fürs Rennradfahren, deswegen kamen sie oft nach Hostomel. Sie halten vor der Schrift an der Hauswand: »Hier drin sind Menschen«, steht da auf Ukrainisch. Es ist eine Bitte, das Haus nicht zu beschießen. Man liest es auf vielen Häusern. Manchmal auch: »Hier drin sind Kinder«. Die Bitte sei oft nicht erhört worden, sagt Lesha. Einen Monat lang waren die russischen Soldaten hier. Hostomel liegt nahe Butscha und Irpin, und auch in dieser Kleinstadt werden Massengräber vermutet. Noch ist unklar, wie viele der 16 000 Einwohner getötet wurden. Tolik und Lesha haben nach dem Kriegsbeginn Essen gekocht und es mit Leshas Auto ausgefahren, die Dörfer im Norden mit Vorräten und Medikamenten beliefert. Jetzt reparieren sie Dächer, wenn sie etwas Benzin ergattern. Wenn nicht, gönnen sie sich ein wenig Normalität. Zeit zum Rennradfahren. Lars Reichardt

    Lesha Berezovskiy, 31, ist freier Fotograf in Kiew. Zu seinen Auftraggebern zählen europäische Magazine und ukrainische Firmen, für die er Produktfotos machte. Doch viele seiner heimischen Kunden sind inzwischen geflohen oder ihre Produkte stecken in den Häfen fest.

    Heft 22/2022, 3. Juni:

    Foto: Viacheslav Ratynskyi

    Die russischen Soldaten sind weg, aber den Krieg haben sie dagelassen, versteckt in der Erde: Landminen. Der Acker, auf dem der 15-jährige Zakhar hier Kartoffeln anpflanzt, wurde erst Tage zuvor von ukrainischen Minenräumern freigegeben. In kleinen Orten wie Kozarovychi, 40 Kilometer nördlich von Kiew, haben viele Einwohner solche Felder zur Selbstversorgung. Einen Monat lang war die russische Armee in Kozarovychi, bis die Ukrainer sie Anfang April vertrieben. Der Fotograf Viacheslav Ratynskyi fuhr nach der Befreiung in den Ort, um dort die Eltern eines Kollegen zu besuchen. Ihr Sohn wurde von russischen Soldaten verschleppt, lange wusste niemand, ob er lebt. Jetzt erfuhr Ratynskyi, dass sein Kollege in einem russischen Gefängnis ist. Nach dem Gespräch mit den Eltern erkundete Ratynskyi noch den von Gefechten gezeichneten Ort, dabei fiel ihm der schuftende Junge auf, er heißt Zakhar. Der Junge erzählte, er habe große Angst gehabt, als die russischen Soldaten kamen. Die Männer hätten gesagt, er hätte nichts zu befürchten, aber dann stellten sie ihre Panzer zwischen den Wohnhäusern ab, als Deckung. Zakhar und seine Mutter suchten tagelang Schutz im Keller, um sie herum tobten schwere Kämpfe, auch Zivilisten starben. Der 15-Jährige wollte nicht lange sprechen, er sagte nur noch, er fürchte sich nicht vor übersehenen Minen, »weil ich mein Feld gut kenne«. Marc Baumann

    Viacheslav Ratynskyi, 32, fotografiert seit 2014 den Krieg in der Ukraine – erst im Donbass, jetzt überall im Land. Zakhars Generation, sagt er, werde massive psychische Langzeitfolgen und Lernrückstände davontragen. »Diese Jugend wird sicher patriotischer sein, als wir es waren, sie kennen den Preis der Freiheit.«

    Heft 21/2022, 27. Mai:

    Foto: Mila Teshaieva

    Würde man jemanden bitten, ein Foto zu machen, das Frieden, Hoffnung und Schönheit ausstrahlt, dieses wäre ein gutes Ergebnis: ein 13-jähriges Mädchen, das vor einem blühenden Kirschbaum steht. Doch dieses Bild erzählt noch eine ganz andere Geschichte: Olenka Timkova sieht am 8. Mai 2022, dass im Garten ihres Elternhauses ein großer Ast des Kirschbaums abgebrochen ist. Das macht sie traurig. Weil sie den Garten mit seinen Bäumen und Blumen liebt, aber auch, weil dieser abgebrochene Zweig ein Symbol für ihren eigenen Zustand und den ihres Landes, der Ukraine, ist. In diesem Moment machte die Fotografin Mila Teshaieva das Bild. Der Baum steht in Borodjanka, einer kleinen Stadt bei Kiew, in die schon in den ersten Tagen des Krieges russische Panzer rollten. Als am 5. März das Haus der Nachbarn bombardiert wurde und sieben Menschen darin umkamen, beschlossen Olenka Timkovas Eltern, mit ihren drei Kindern zu Bekannten in den Westen der Ukraine zu fliehen. Mitte April kehrten sie nach Borodjanka zurück, wissend, dass große Teile der Stadt zerstört waren. Olenka Timkova schrieb ein Gedicht über den Krieg und darüber, dass man gerade dann in seinem Land bleiben muss, wenn es ihm schlecht geht. Ihre Freundinnen und Freunde flohen alle aus der Stadt. Olenka Timkova sagt, sie träume davon, dass sie bald zurückkehren. Susanne Schneider

    Die Fotografin Mila Teshaieva, 48, ist Ukrainerin und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Vom 28. Februar bis zum 10. Mai war sie in Kiew, der Stadt, in der sie aufwuchs. Das Foto, auf dem Olenka Timkova und der Kirschbaum zu sehen sind, bedeutet für sie, »dass das Leben den Tod besiegen wird«.

    Heft 20/2022, 20. Mai:

    Foto: Mikhail Palinchak

    Laut der jüngsten Volkszählung wohnten 318 Menschen in dem ukrainischen Dorf Yahidne, das 140 Kilometer nordöstlich von Kiew liegt. Seit März 2022 sind es viele weniger: Nachdem russische Truppen das Dorf erobert und geplündert hatten, hielten sie mehr als 300 Dorfbewohner 28 Tage lang im Keller einer Grundschule gefangen – ohne Elektrizität, ohne Heizung, ohne frische Luft, teils durften sie tagelang keine Toilette aufsuchen. Einige wurden krank, andere erlitten Schwächeanfälle, manche überlebten die Strapazen nicht. Damit die Gräuel dieser Tage nicht vergessen werden, malten die Gefangenen einen Kalender auf die Kellertür und notierten die Namen und Sterbedaten derer, die von russischen Soldaten auf der Straße und in ihren Häusern getötet wurden (links) oder zu schwach waren, um wochenlang unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem stickigen Keller zu überleben (rechts). Glaubt man den Aufzeichnungen, kamen 17 Menschen zwischen dem 4. und 31. März 2022 ums Leben, Presseagenturen berichten sogar von mindestens 20. »31 – die Unseren sind gekommen« steht auf der Kellertür (unterhalb des in Grün notierten Instagram-Accounts eines gefangenen Mädchens). Nach dem Abzug der Russen wurden die Überlebenden von ukrainischen Soldaten befreit. Im Moment sind sie damit beschäftigt, ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen und irgendwie weiterzuleben. Tobias Haberl

    Mikhail Palinchak, 37, aus Kiew arbeitet als Reportagefotograf für internationale Magazine. Seine Frau ist mit den beiden Söhnen nach Polen geflohen, er ist geblieben, um den Krieg zu dokumentieren. Palinchak kam Mitte April nach Yahidne, um mit den Überlebenden zu sprechen und dieses Foto zu machen.

    Heft 19/2022, 13. Mai:

    Foto: Emile Ducke

    Was man nicht sieht auf diesem Foto: den Verband an Hanna Kurdjuks linker Hand und ihre Bandagen an der Hüfte. Sie sollen helfen, die schweren Wunden zu heilen, verursacht von einer russischen Granate, die am 16. März in ihrer Heimatstadt Tschernihiw genau dort explodierte, wo sie seit einer Stunde in einer Schlange von etwa hundert Menschen stand, die alle Brot kaufen wollten. Hanna Kurdjuk hatte schon am Tag davor gewartet, vergeblich. Durch die Granate starben zwölf Menschen. Kurdjuk erzählte dem Fotografen Emile Ducke am 16. April, genau einen Monat nach der Explosion, dass sie verletzt am Boden lag, nichts fühlte, viele Tote um sich herum sah und dass sie schrie: »Helft mir!«. Dann weiß sie nichts mehr. Als sie aufwachte, lag sie im städtischen Krankenhaus Nr. 2 in Tschernihiw, ihr Arm und ein Fuß waren gebrochen, wegen ihrer Verbrennungen musste Haut transplantiert werden. Kurdjuk teilt sich das Zimmer mit drei Frauen, zwei von ihnen hatten wie sie in der Schlange angestanden. Auf Kurdjuks Decke liegt ein Teller mit Buchweizenbrei, daneben ein Stück Brot. Wie lange sie noch im Krankenhaus bleiben muss, weiß sie nicht. Wenn sie gesund ist, will sie zurück nach Hause zu ihrem Mann und ihrem behinderten Sohn. Susanne Schneider

    Emile Ducke, 28, ist ein deutscher Fotograf. Er lebte fünf Jahre in Moskau. Von Ende März bis Mitte April war er in der Ukraine unterwegs, jetzt ist er in der polnischen Hauptstadt Warschau. Ob er nach Moskau zurückkehren wird, weiß er nicht.

    Heft 18/2022, 6. Mai:

    Foto: Viacheslav Ratynskyi

    Die Zielscheibe an der Mauer haben Paintball-Spieler aufgemalt. Nun spielt hier keiner mehr Kriegsspiele, sondern üben Zivilisten mit Holzgewehren für den Ernstfall. Männer, die nie zuvor eine scharfe Waffe in der Hand hielten, trainieren Grundkampftechniken in verlassenen Gebäuden, umgeben von Wäldern, irgendwo in der Nähe von Drohobytsch. Nach der Kurzausbildung, in der sie auch medizinische Notversorgung lernen, werden die Männer Teil der Tereborona, wie die zivilen territorialen Verteidigungskräfte der Ukraine genannt werden. Mehr als 100 000 Männer und Frauen haben sich bisher für den Dienst in den Einheiten beworben, sie besorgen Patrouillengänge, unterstützen, wo sie können, und sie kämpfen. Seit dem Beginn des Krieges dokumentiert Viacheslav Ratynskyi, so sagt er es, den Mut seiner Landsleute, dazu gehören für ihn die freiwilligen Streitkräfte ebenso wie Familien, die Uniformen nähen, und Schauspieler, die in Theaterküchen für Soldaten kochen. Drohobytsch liegt in der Region Lwiw an der polnischen Grenze. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die jüdische Gemeinde in Drohobytsch 15 000 Mitglieder, von 1941 bis 1943 ermordete die SS fast alle jüdischen Einwohner der Kleinstadt. Gabriela Herpell

    Viacheslav Ratynskyi, 32, arbeitet seit zehn Jahren als Fotojournalist in Kiew, derzeit u. a. für die ukrainische Nachrichtenagentur UNIAN. »Ich hoffe, dass das der letzte Konflikt ist, den ich fotografiere«, sagt er, »und dass mein nächstes Projekt der Wiederaufbau ist.«

    Heft 17/2022, 29. April:

    Foto: Mila Teshaieva

    Der Hund gab kein Geräusch von sich, er sah die Fotografin Mila Teshaieva nur zitternd an. Am Tag zuvor hatte es noch Kämpfe in dem Ort nahe Irpin gegeben, nur wenige Kilometer entfernte Explosionen waren zu hören. Teshaieva lief mit ihrer Kamera durch zerstörte, menschenleere Straßen, im Innenhof eines ausgebrannten Hauses fand sie das Tier. »Der Hund versuchte noch mal, aus dem Wasserloch zu klettern, aber der Rand war rutschig, die Hinterbeine verletzt.« Sie glaubt, dass er schon tagelang im Wasser festsaß, während um ihn herum geschossen wurde und Raketen einschlugen. »Das Tier war wie unter Schock, es hatte wohl schon keine Hilfe mehr erwartet«, sagt die in Berlin lebende Teshaieva. Seit der ersten Kriegswoche dokumentiert sie, was der Krieg mit ihrer Heimat anrichtet, mit den Menschen, den Städten – und begegnet dabei auch den Tieren. »Auf diesem Bild sieht man keine dramatische Kriegsszene, und doch ist dieser still leidende Hund für mich ein Symbol dafür, wie man in den Schrecken des Krieges feststeckt und nichts dagegen tun kann, nicht mal mehr schreien, weil keine Kraft dafür übrig ist«, sagt sie. Den Hund holte sie mit einem Bekannten, den sie während des Kriegs kennengelernt hatte, aus dem Wasserloch, sie gaben ihm etwas Essen, aber sie konnten ihn nicht mitnehmen. Ukrainische Soldaten sagten Teshaieva, sie würden sich um ihn kümmern und ihn einer Tierrettungsorganisation übergeben. Marc Baumann

    Mila Teshaieva wurde 1974 in Kiew geboren und wuchs dort auf. Seit 2010 lebt sie in Berlin. Die Natur sei auch Opfer des Kriegs, sagt sie: »Sieht man, wo Bomben im Wald gelandet sind, alles verbrannt haben, fühlt man richtig, wie die Gewalt auch dort hindurchgezogen ist.«

    Heft 16/2022, 22. April:

    Foto: Mikhail Palinchak

    Seit Wochen verlässt Irina Sirgievna jeden Morgen um sechs Uhr ihre Wohnung und läuft eine Stunde durch die Straßen Kiews. Ihr Ziel: eine Bibliothek, in deren Luftschutzbunker sie gemeinsam mit zwanzig anderen freiwilligen Helfern Tarnnetze für die ukrainische Armee herstellt. Anfangs hörte sie auf ihrem Weg noch Explosionen, inzwischen ist es gespenstisch still, die russischen Truppen sind nach Osten weitergezogen. Ihr Leben lang hat Sirgievna als Finanzbuchhalterin gearbeitet, aber seit dem Beginn des Krieges im Jahr 2014 verteidigt auch sie ihr Land, zuerst nur gelegentlich, seit der russischen Invasion am 24. Februar 2022 jeden Tag von sieben bis 19 Uhr. Erst werden fünf mal sechs Meter große Netze aus Seilen geknöpft, dann grüne, braune und graue Stoffstreifen eingeflochten. Die Netze dienen der Tarnung für Militärfahrzeuge und Artilleriestellungen, seit Kurzem fertigt die Gruppe auch Tarnüberwürfe für Scharfschützen an. Manche verbringen auch die Nächte lieber unter der Erde, Irina Sirgievna aber geht jeden Abend zurück in ihre Wohnung, um sich nur ein paar Stunden später wieder auf den Weg zu machen. »Die Atmosphäre im Bunker ist extrem konzentriert«, sagt der Fotograf Mikhail Palinchak. »Nur manchmal singen sie alte ukrainische Lieder.« Tobias Haberl

    Mikhail Palinchak, 37, arbeitet als Reportagefotograf für internationale Magazine. Seine Frau ist mit den beiden Söhnen nach Polen geflohen, er aber blieb in Kiew, um diesen Krieg zu dokumentieren. Er sagt: »Wir werden diesen Krieg gewinnen, weil wir keine andere Option haben.«

    Heft 15/2022, 15. April:

    Foto: Elena Subach

    Lwiw ist die Stadt unserer Fotografin Elena Subach und jene Stadt, die seit dem Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine viele Menschen aufgenommen hat. Im Moment sind schätzungsweise 200 000 Ukrainer und Ukrainerinnen aus dem Rest des Landes in Lwiw. Hotels, Hostels, Apartments, alles ist ausgebucht. Privatpersonen nehmen Landsleute auf, meistens unentgeltlich. Auch Subach und ihr Mann beherbergen gerade Menschen aus Kiew, davor hatten sie Geflüchteten aus Cherson und Charkiw Unterschlupf gewährt. Lwiw ist eine Stadt des Transits, eine Stadt im Westen der Ukraine, die noch Vorkehrungen für den Krieg treffen kann. In Lwiw, deren Innenstadt Unesco-Weltkulturerbe ist, werden Statuen mit Sandsäcken ummantelt, Kirchenfenster vernagelt und Kulturschätze in sichere Räume gebracht, etwa die Skulpturen des Bildhauers Johann Georg Pinsel. Er war ein berühmter Barock- und Rokoko-Bildhauer des 18. Jahrhunderts und einer der Gründer der Bildhauerschule in Lwiw. Die größte Pinsel-Sammlung befindet sich in der Stadt. Subach kennt sein Werk: »Pinsels Skulpturen strahlen eine unglaubliche Kraft aus. Seine Werke zeigen eine erstaunliche Kombination aus innerer Ruhe und Dynamik.« Auf dem Foto wird eines seiner Exponate in Sicherheit gebracht. Lara Fritzsche

    Elena Subach arbeitet als Kuratorin in der Nationalgalerie in Lwiw. Vor dem Krieg hat sie Ausstellungen organisiert. Zum Fotografieren kam sie vor zehn Jahren. Die Themen, mit denen sie sich künstlerisch befasst, waren vor dem Krieg: Religion, Leben und Tod, die Provinz als Ort, Identitäten. Vielleicht seien sie es auch jetzt noch, »gerade ist das alles schwer zu sagen«, meint sie.

    Heft 14/2022, 8. April:

    Foto: Ingmar B. Nolting und Fabian Ritter

    Mia ist drei. Wären die Zeiten anders, könnte man sagen: Sie hält sich die Augen zu, da die Frühlingssonne sie blendet an diesem 18. März 2022. Aber weil Mia Schreckliches erlebt hat in ihrem kurzen Leben, kann man auch annehmen, dass sie die Welt, wie sie ist, nicht sehen will. Ihre Mutter erzählt, Mia habe in ihrem Zuhause in Kiew gesehen, wie Bomben am nahen Flughafen explodierten, als der Krieg gegen die Ukraine begann. Beide flohen nach Lwiw, Mia bekam hohes Fieber und zeigte Stresssymptome. Ihre Mutter geht mit ihr seither regelmäßig in das dortige Kinderkrankenhaus Okhmatdyt, das Therapiestunden für traumatisierte Kinder anbietet. »Alle anderen Kinder in diesem Raum malen sich ihren Kummer von der Seele«, sagt Ingmar B. Nolting, der zusammen mit Fabian Ritter zwei Wochen lang in der Ukraine war: Die beiden deutschen Fotografen wollten Fotos vom »Vorzimmer des Krieges« machen, von russischen Soldaten, ukrainischen Familien, vom Irrsinn – und von den Opfern auf beiden Seiten. Doch Mia malt nicht, sie nimmt keines der Kuscheltiere in den Arm, die vor ihr in einer Schachtel liegen, sie hält sich nur die Augen zu. Und schweigt. Aber es geht ihr schon besser, sagt ihre Mutter, zumindest hat sie jetzt kein Fieber mehr. Susanne Schneider

    Die Fotografen Ingmar B. Nolting und Fabian Ritter waren im März 2022 in der Ukraine, um die Auswirkungen des Krieges zu dokumentieren.

    Heft 13/2022, 1. April:

    Fotos: Elena Subach

    Tagelanges Warten auf den Grenzübertritt in die Sicherheit. Diese Fotos zeigen Stühle nahe der ukrainischen Stadt Uschhorod, wo Kinder, Frauen und Ältere in der Kälte anstanden, um in die Slowakei zu fliehen. Die Stühle waren eine Raststation. Wer aufrückte, übergab sie an die nächsten geschwächten Wartenden. Die Fotografin Elena Subach half hier in den ersten zwei Wochen des Krieges ehrenamtlich aus, verteilte warme Getränke, Suppen und Decken, hörte zu. »Da dieser Grenzübergang die letzte Station vor der Trennung der Familie war, erlebten wir schmerzhafte und dramatische Abschiede«, sagt Subach. »Die Männer brachten ihre Familien zum Grenztor, wo sich dann alle umarmten, küssten und sich wie für immer verabschiedeten. Ich habe noch nie so viel Liebe gesehen, und ich habe noch nie so viel Schmerz gesehen. Fast jeder Mann fotografierte seine Kinder und seine Frau mit dem Handy, als Erinnerung.« Subach selbst fotografierte in diesen Tagen kaum Menschen, aus Respekt vor deren Privatsphäre, die sie als ohnehin schon beschädigt empfand, wie sie sagt. Stattdessen machte sie Fotos von Stühlen, die in diesen Tagen wie kleine warme Inseln waren. Lara Fritzsche

    Elena Subach, 42, ist Fotografin und lebt mit ihrem Mann in Lwiw im Westen der Ukraine. Sie arbeitet als Kuratorin in einem Museum. Wenn Subach ihr Leben gerade beschreibt, sagt sie: »Ich schlafe weinend ein und wache wütend auf.« Immerhin gebe die Wut ihr Kraft zum Weitermachen.

    Heft 12/2022, 25. März:

    Foto: Alina Smutko

    In ein Hochhaus an der Lobanovsky Avenue in Kiew schlug eine Granate ein, mehrere Wohnungen in den oberen Stockwerken wurden getroffen und stürzten ein. Fenster zerbarsten, Wände brachen zusammen, persönliche Gegenstände der Bewohner und Bewohnerinnen flogen auf die Straße. Einige Menschen, die hier wohnten, haben überlebt, viele starben. Der Angriff geschah am zweiten Kriegstag. Die ukrainische Fotografin Alina Smutko und ihre Kolle­gin haben es sich zur Aufgabe ­gemacht, alle zerstörten Wohngebäude zu dokumentieren. Nach einem kalten Tag mit leichtem Schneefall erreichten die beiden Fotografinnen am frühen Abend des 3. März dieses Haus im Stadtteil Solomyanka. Straße und Gehsteig waren schon aufgeräumt worden, Smutko machte neben Fotos von dem zerstörten Haus auch dieses Bild. »Als ich um das Haus herumging, bemerkte ich diese verstreuten Dinge, und es schien mir, dass sie uns etwas über die Menschen sagen könnten, die in diesem Haus lebten – und das ist wichtiger als das Haus selbst. Es gab ­Bücher, Küchensachen, Kinderspielzeug. Und diesen Block mit der Mitschrift einer Wirtschaftsvorlesung. Unser Zuhause kann sich sofort in nichts verwandeln, und unsere gestern noch wertvollsten Dinge können zu Müll werden, der mit Glasscherben vermischt ist.« Lara Fritzsche

    Alina Smutko ist Fotografin und lebt in Kiew. Ihren dreijährigen Sohn hat Smutko zu ihren Eltern nach Poltava gebracht, 350 Kilometer östlich der Hauptstadt. Sie alle wollen in der Ukraine bleiben.