Bilder aus dem Krieg

In der Ukraine herrscht Krieg. Aber wie sieht das Leben abseits der Front aus? In unserer Fotorubrik zeigen wir, wie die Gewalt den Alltag der Menschen beinflusst – und welche kleinen Anflüge von Normalität es zwischendurch gelegentlich gibt.

    Foto: Mikhail Palinchak

    Heft 48/2022, 02. Dezember 2022

    Ein Fotograf braucht Licht, um die Dunkelheit zu fotografieren. Oft ist
    Mikhail Palinchak auf dem Weg von zu Hause in sein Büro schon am Obststand vorbeigefahren, ohne dort je eingekauft zu haben. Er kennt die Obstfrau nur vom Sehen, weiß nicht einmal genau, was sie außer Weintrauben, die wahrscheinlich aus Odessa stammen, sonst noch verkauft. Jetzt hat er sie wahrgenommen. Sie steht in der Mitte seines Bildes, aber beherrschend ist die Dunkelheit um sie herum. Putin hat sie über die Ukraine gebracht, hat die Elektrizitätswerke im ganzen Land bombardieren lassen, ganz wie ein Fürst der Finsternis aus einer Erzählung Tolkiens, kühl auf die Angst der Bewohner -Kiews abzielend. Vierzig Prozent der Energie-Infrastruktur wurden in einer der größten Hauptstädte Europas zerstört, in jedem Stadtviertel wird seit Anfang November für einige Stunden der Strom abgestellt, um das Netz nicht zu überlasten. Oft mehrmals am Tag für bis zu vier Stunden. Palinchak hatte am Tag der Aufnahme 14 Stunden lang keinen Strom zu Hause, er fuhr in sein Büro, das in einem anderen Stadtviertel liegt, aber auch dort war es dunkel. Einige Läden haben sich Batterien oder tragbare Generatoren für den Fall eines Stromausfalls besorgt. Der Obststand ist so wie vor dem Krieg jeden Tag von acht Uhr morgens bis 21 Uhr geöffnet. Die Dunkelheit kommt unregelmäßig. Lars Reichardt

    Der Fotograf Mikhail Palinchak wurde 1985 in Uzhgorod, Ukraine, geboren
    und arbeitet als Fotograf in Kiew. Für ihn sind der Taktikwechsel
    Putins und die Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine ein implizites Einge-ständnis von Niederlagen der russischen Armee auf dem Schlachtfeld.

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    Heft 47/2022, 25. November 2022

    Diese Zimmerpflanzen wurden zurückgelassen, als Mitarbeitende eines Ärztehauses in der Siedlung Kuryliwka im Laufe der monatelangen russischen Besatzung ihren Arbeitsplatz verließen. Hier, ramponiert von den Angriffen und ohne Wasser, hätten die Pflanzenleben enden können. Doch dann reiste die Künstlerin Zhanna Kadyrova nach Kuryliwka. Für ein Kunstprojekt baut sie Skulpturen aus dem Metall zerbombter Zäune oder aus Streben von Glasdächern. Im Ärztehaus war sie auf der Suche nach Material und fand stattdessen die Pflanzen. Ganz spontan entschloss sie, ihnen »bei der Flucht zu helfen«, so nennt sie es. Gemeinsam mit Lesha Berezovskiy, dem Fotografen dieses Bildes, lud sie die Töpfe in ihr Auto und nahm sie mit in ihre Heimatstadt Kiew. Sie entfernte Glassplitter aus den Blättern, gab ihnen Wasser und Erde. Immer wieder rettete sie danach Pflanzen aus verlassenen Gebäuden nahe der Frontlinien: aus einer ausgebrannten Schule etwa oder einem zerbombten Kulturhaus. Die Erlebnisse mit ihren »Flüchtlings-Pflanzen« schreibt sie derzeit auf. Im Januar möchte sie mit ihnen nach Hannover reisen und sie bei einer Ausstellung präsentieren. Das Ärztehaus, in dem sie die ersten Pflanzen fand, wird gerade wieder aufgebaut. Irgendwann möchte sie Kadyrova dorthin zurückbringen. Nach Hause. Vivian Pasquet

    Der Fotograf Lesha Berezovskiy, 31, wuchs selbst in einer kleinen Stadt auf, die Anfang März von Russen besetzt wurde. Sie liegt in der Region Luhansk.

    Foto: Lesha Berezovskiy

    Heft 46/2022, 18. November 2022

    Eine Turnhalle im kleinen Ort Novyi Bykiv, der etwa hundert Kilometer östlich der Hauptstadt Kiew liegt. Rund 2000 Menschen leben in Novyi Bykiv. Drei Tage nach Kriegsbeginn, am 27. Februar 2022, wurde der Ort von russischen Soldaten überfallen und die Bewohner durchlebten in den ­folgenden vier Wochen eine grauenhafte Besatzung. Die Soldaten demütigten die Bewohner. Sie errichteten einen Kontrollpunkt, und wer daran vorbeikam, etwa auf dem Weg zum Hühnerfüttern oder um Verwandte zu versorgen, wurde je nach Laune der Soldaten fest­gehalten, nach Gold oder Waffen befragt, bedroht, gequält oder sogar verschleppt. Der US-Journalist Joshua Yaffa erreichte Novyi Bykiv einige Tage nach dem Abzug der Russen. Er erfuhr von einer Folterkammer im Keller eines besetzten Hauses, einer mit »Steinmauern ver­sehenen Kriechkammer von der Größe eines auf die Seite gedrehten Kühlschranks«, wie Yaffa berichtet. Gerade lang genug zum Liegen, nicht hoch genug zum Stehen. Gefangene knieten tagelang darin, zum Beispiel eine 25-jährige Lehrerin. Über­lebende erzählten von ihr, doch wo sie verblieben ist, weiß niemand. Auch in dieser Turnhalle hatten sich die Russen einge­nistet, schliefen und aßen dort. Nun leben hier Tauben. Erst wenn die neuen Fenster da sind, wird man die Tauben los. Dann soll der Turnunterricht für die Kinder wieder losgehen, und der Frieden soll zurückkommen. Lara Fritzsche

    Der Fotograf Lesha Berezovskiy, 31, wuchs selbst in einer kleinen Stadt auf, die Anfang März von Russen besetzt wurde. Sie liegt in der Region Luhansk.

    Foto: Lesha Berezovskiy

    Heft 45/2022, 11. November 2022

    Einsamkeit hat viele Gesichter. Hier im Krieg zeigt sie sich als ein Verschlag aus Stein und Holz, bedeckt von einer Plastikplane. Aufgenommen wurde das Foto in Kolychivka im Norden der Ukraine. Von der älteren Frau, die hier wohnt, ist wenig bekannt, nur dass sie Svitlana heißt, dass ihr Zuhause während der russischen Besatzung niedergebrannt wurde und dass sie keinen Ort hat, an dem sie bleiben kann. Deshalb baute sie sich aus den Resten der Hausmauern diesen Unterschlupf. Als Dusche dient ein dunkelgrüner Eimer im Geäst des Baums (links mittig im Bild). Darunter sind zwei verrostete Metallplatten zu sehen, unter denen Svitlana manchmal ein Feuer zum Kochen entfacht. Rechts daneben: Kartons mit dem Logo einer Hilfsorganisation. Der Ofen dahinter funktioniert nicht mehr, aber das Metall könnte eventuell noch etwas Geld einbringen. Darauf trotzt ein Strauß Blumen der Trostlosigkeit, als wolle Svitlana sich selbst zeigen: Ich kümmere mich um dich! Dennoch: Ganz allein ist die ältere Frau nicht mehr. Freunde des Fotografen dieser Aufnahme haben begonnen, Svitlanas Haus wiederaufzubauen. Die Freunde sind Teil eines Freiwilligenbundes, der seit dem Abzug der Russen in der Stadt Fenster einbaut, Mauern hochzieht, Dächer deckt – mit dem Ziel, Svitlana und anderen ein menschenwürdiges Zuhause zurückzugeben. Zwar muss sie noch eine Weile ausharren, aber im Winter sollte sie es ein bisschen besser haben: Der Rohbau ihres neuen Häusleins steht bereits. Vivian Pasquet

    Der Fotograf Lesha Berezovskiy, 31, wuchs selbst in einer kleinen Stadt auf, die Anfang März von Russen besetzt wurde. Sie liegt in der Region Luhansk.

    (Anmerkung der Redaktion: In Heft 44 pausierte die Kolumne, stattdessen gab es in dem Heft ein langes Stadtgespräch in Kiew, dass Sie hier nachlesen können mit SZ Plus.)

    Foto: Lisa Bukreyeva

    Heft 43/2022, 28. Oktober 2022

    Da geht man einen Weg entlang, still und kühl, vom Wald umrahmt, und blickt am Ende in sieben Gesichter. Es sind Kinder aus dem Dorf Sloboda, nahe der Stadt Tschernihiw. Das jüngste ist acht, das älteste 15. Aus alten Reifen haben sie einen Grenzposten aufgetürmt, in der Mitte ein Stecken mit der wehenden Flagge ihrer Heimat. Sie fragen, ob man etwas spenden will, nur ein paar Münzen. Für die Soldaten. Im Tausch dafür kriegt man Süßigkeiten. Seit der Invasion stehen überall in der Ukraine Kinder an solchen Posten, als Soldaten verkleidet, um ihre Straße zu bewachen. Ob sie auch in Friedenszeiten dort stünden? Vielleicht trügen sie dann kein Flecktarn, sondern bereits Halloween-Kostüme, die sie den Eltern nach kindlicher Überredungskunst aus den Rippen geleiert haben, eine Disney-Prinzessin, ein Vampir, vielleicht sogar ein Soldat – aus eigenem Jux und nicht, weil es die Gewalt gerade vorlebt. Vielleicht würden sie durch den Wald streifen, auf der Jagd nach Wesen, die nur sie sehen. Die Gegend ist seit dem Frühling frei von russischen Soldaten, aber einige Gebiete sind noch vermint. Zur Dämmerung wären sie vielleicht zu Hause, um durchs Haus zu toben. Die Mutter würde sich nur darum sorgen müssen, dass sich keiner den Kopf anhaut, und der einzige Kampf, den der Vater führen müsste, wäre gegen diese kindliche Energie. Ein völlig aussichtsloser Kampf, den er sicher mit Freuden zu verlieren bereit wäre. Marvin Ku

    Die Fotografin Lisa Bukreyeva, Jahrgang 1993, stammt aus Kiew und fing 2019 an zu fotografieren. Heute arbeitet sie ausschließlich als Dokumentarfotografin.

    Foto: Edik Kryzhanivskyi

    Heft 42/2022, 21. Oktober 2022

    Im Hafen von Odesa wird ein Frachter mit Getreide beladen. Ein Anblick, den es wegen des russischen Angriffs monatelang nicht gab. Bis Ende Juli. Da unterzeichneten Ukraine und Russland die Vereinbarung für den sogenannten Getreidekorridor. Der UN-Generalsekretär António Guterres sprach von einem »Leuchtfeuer der Hoffnung«. Jahrelang war die Ukraine einer der wichtigsten Getreide-Exporteure der Welt. Bis der Krieg kam. Immerhin, das Abkommen sorgt dafür, dass jetzt wieder Schiffe den Hafen verlassen. Sie transportieren nicht nur Weizen, Gerste und Mais, sondern auch Öl, Düngemittel und andere ukrainische Erzeugnisse, den ganzen langen Weg durch das Schwarze Meer und den Bosporus in die Welt hinaus. Die Beladung eines Frachters, 20 000, 30 000 Tonnen, dauert rund fünf Tage. Alle zwei, drei Wochen können ein paar Frachter den Hafen verlassen – als Karawane. Klingt fast nach geregelten Abläufen. Aber immer wieder heulen die Sirenen: Angriffe der Russen. Die verbliebenen Arbeiter retten sich in die Luftschutzkeller und warten, Stunden, halbe Tage. Der riesige Hafen, in Friedenszeiten das wilde Herz von Odesa, liegt dann da wie eine Geisterstadt. Und all die Bars und Clubs, in denen die Menschen einst ihre langen Nächte feierten, sind leer und verlassen. Max Fellmann

    Edik Kryzhanivskyi, 29, lebt und arbeitet in Kiew. Er war früher Fotojournalist und arbeitet heute als offizieller Fotograf des ukrainischen Außenministeriums.

    Heft 41/2022, 14. Oktober 2022

    Im April wurde in der Ukraine eine Briefmarke verkauft, die bereits in kurzer Zeit zum Sammlerstück wurde. Zu sehen war ein Soldat auf der Schlangeninsel, der einem russischen Kriegsschiff den Mittelfinger zeigte. Die NGO »Chesno« (auf Deutsch: »Ehrlich«) ließ sich von dieser Briefmarke und ihrem Erfolg anregen und entwarf eine eigene Briefmarke, die auf dem Kontraktowa-Platz in Kiew ausgestellt ist. Sie zeigt die Zerstörung der von Russland gebauten Krim-Brücke, noch bevor diese am Samstag, den 8. Oktober wirklich massiv beschädigt wurde. Eine Aktion zwischen Kunst und politischer Kommunikation, die skurrile Bilder produziert. Das Foto rechts hat der Fotograf Brendan Hoffman gemacht. Die beiden Touristinnen Valya Kuma und Oksana Andryushchenkova sind gut gelaunt, sie besuchen Kiew aus dem Umland, sie machen Fotos in der Hauptstadt ihres Landes im Krieg und recken den Daumen zur damals noch fiktiven Zerstörung der Verbindungsbrücke zur annektierten Krim. Der Fotograf erfährt immer öfter in Gesprächen, dass die Menschen in der Ukraine Gerechtigkeit wollen, manche auch Rache. Doch Hoffman fragt sich, was passiert, wenn Gewalt täglich normalisiert wird. Führt das zur gesellschaftlichen Verrohung in der Ukraine? Das wäre dann ein weiterer hoher Preis für die Menschen in diesem überfallenen Land. Beyza Arslan-Tenha

    Brendan Hoffman, geboren 1980 in den USA, arbeitet als Dokumentarfotograf. Seit 2013 lebt er in Kiew. In seiner Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit Identität, Politik und Umwelt.

    Heft 40/2022, 7. Oktober 2022

    Die Stadt Bakhmut im Bezirk Donezk wurde zerstört. Nur ein kleiner Teil ihrer Bevölkerung ist geblieben. Es sind die Verwundbaren oder die Verzweifelten, oft sind sie beides. Und unter ihnen sind die behinderten Bewohner von Bakhmut. Olena Bondarenko ist eine von ihnen und Gründerin und Leiterin der Zivilorganisation »Hope« für Menschen mit Behinderung. Bondarenko selbst verlor nach einer erfolglosen Operation im Alter von sechs Jahren die Kontrolle über ihre Beine. »Hope« hat 197 Mitglieder, von denen noch etwa 80 in der Stadt leben. Die meisten können nicht laufen oder haben Angst, die Flucht anzutreten, weil sie befürchten, dass sie bei einer Evakuierung keine Hilfe bekommen könnten. Obwohl das ebenso für Bondarenko gilt, ist sie eine entschlossene Zurückbleiberin. »Die Frage, die uns oft gestellt wird, lautet: Warum bleibt ihr?« Sie aber findet, diese Frage gehöre umgedreht: »Warum sollten wir gehen?« Schließlich sei es ihr Land. Bondarenko sagt, dass sie an die ukrainische Armee glaube und wisse, dass niemand sie zurücklassen werde. Ein Soldat schaut regelmäßig bei ihr vorbei und bringt Medikamente. Immer, wenn er ihr Vorräte übergibt, fragt er sie, ob sie ihre Meinung über eine Evakuierung geändert habe. Aber die Antwort ist immer gleich: Nein. Sie bleibe bei den behinderten Menschen in ihrer Obhut. »Ich werde bei ihnen sein.« Sasha Maslov

    Sasha Maslov, Jahrgang 1984, ist ein ukrainisch-amerikanischer Fotograf, geboren in Charkiw in der Ukraine, wohnhaft in New York. Das Jahr 2022 hat er überwiegend in der Ukraine verbracht.

    Foto: Lisa Bukreyeva

    Heft 39/2022, 30. September

    Olena ist froh, vor dem kalten Winter neue Fenster in ihr zerstörtes Haus einbauen zu können. Bekommen hat sie diese von Freiwilligen, die beim Wiederaufbau nach den russischen Angriffen im ukrainischen Dorf Sloboda mit anpacken. Wahrscheinlich werden sie auch der alten Frau helfen, die Fenster auszutauschen – alle halten in diesen schweren Zeiten zusammen. Zuvor schafft Olena das Material mit einem alten Karren nach Hause. Dort kann sie aber nicht bleiben, ihr Haus ist noch unbewohnbar. Sie lebt derzeit bei Verwandten im Dorf. Trotz ihres Schicksals lächelt die alte Frau viel und freut sich, dass sie frei lebt, erzählt Lisa Bukreyeva. Sie hat Olena, die ihren Nachnamen aus Angst vor den Russen nicht nennen wollte, mit dem Karren am 13. August fotografiert. Für die Fotografin steht Olena sinnbildlich für viele ukrainische Frauen, die trotz ihres Schicksals weitermachen und nicht aufgeben wollen. »Sie akzeptieren, dass sie verletzt oder ganze Städte zerstört werden könnten. Sie wissen, wofür sie das tun. Freiheit kann nicht durch Kugeln zerstört werden«, sagt Bukreyeva. Dass Olena wie viele aber große Angst vor einem weiteren Angriff der Russen hat, kann sie nicht verbergen. Lina Schönach

    Lisa Bukreyeva, Jahrgang 1993, stammt aus Kiew und fing 2019 an zu fotografieren. Heute arbeitet sie ausschließlich als Dokumentarfotografin.

    Foto: Mikhail Palinchak

    Heft 38/2022, 23. September

    Sechs Monate war Artemii Palinchak, 6, von seinem Vater getrennt. Am 22. Februar nahmen der Junge und seine Mutter den Flieger nach Danzig, Polen. Der ältere Bruder, 14, folgte einige Tage später mit dem Zug. Fort vom ausbrechenden Krieg, dem Luftalarm, aber auch fort von ihrem Vater, Mikhail Palinchak, dem Fotografen dieses Bildes. Er saß in einer leeren Wohnung, keine Kinder mehr, die von Raum zu Raum rennen, kein Gelächter. Aber er war beruhigt, dass seine Familie in Sicherheit ist. »Alle Männer und alle Soldaten kämpfen für die Freiheit ihrer Kinder«, sagt er. Etwa 12 Millionen Menschen sind inzwischen aus der Ukraine geflohen – vor allem Frauen und Kinder. Millionen von Kindern, die von ihren Vätern getrennt sind. Täglich telefonierte Mikhail per Video mit seiner Frau und den beiden Söhnen, die inzwischen in Polen zur Schule gehen. In den Schulferien im August besuchte die Familie den Vater in Kiew. Die Cafés hatten wieder geöffnet, die russischen Soldaten waren weg, nur der Luftalarm ertönte noch. Alle saßen wieder gemeinsam am Tisch. Sie aßen Wassermelone an einem August-Abend. Als das Licht so schön durch das Fenster fiel, schnappte sich Mikhail seine Kamera und drückte auf den Auslöser. Ein kleiner Moment der Normalität.
    Beyza Arslan-Tenha

    Mikhail Palinchak wurde 1985 in Uzhgorod, Ukraine, geboren und arbeitet als Fotograf in Kiew. Auf die Frage, was sich an seinem Sohn in sechs Monaten verändert hat, lacht er und antwortet: »Er hat einen Vorderzahn weniger.«

    Heft 37/2022, 16. September

    Ein bisschen sehen die Angestellten eines großen Supermarktes mit Essensmeile in Kiew so aus, als habe man sie in die falsche Szenerie gesetzt. Statt vor dampfenden Töpfen gruppiert sich eine Reihe Köchinnen vor einem Strauch im Kreis; die Frauen und Männer von Wurst- und Käsetheke haben ihren Platz auf einem Stahlträger vorn im Bild gefunden. Weitere Angestellte fläzen im Gras oder stehen einfach so herum. Fast kunstvoll mutet die Anordnung der Menschen an, inmitten dieses scheinbar ruhigen Orts. Doch in Wahrheit ist es ziemlich laut: Luftalarm. Solange die Sirenen heulen, müssen alle Angestellten ihren Arbeitsplatz verlassen. Zu groß ist die Angst, dass sich die Geschehnisse wiederholen: Der Supermarkt ist Teil des Einkaufszentrums »Retroville«, das im März dieses Jahres schon einmal von der russischen Armee bombardiert wurde, acht Menschen starben. Im Hintergrund des Grashügels sieht man Fenster eines benachbarten Wohnblocks. Sie sind behelfsmäßig mit Holz vernagelt, weil die Druckwelle der Bomben das Glas splittern ließ. Gern hätte sich der Fotograf dieses Bildes mit den Menschen länger unterhalten – doch kaum, dass der Alarm vorbei war, standen sie schon auf und gingen zurück an die Arbeit. Wie nach einer ganz normalen Pause. Vivian Pasquet

    Viacheslav Ratynskyi, 32, fotografiert seit 2014 den Krieg in der Ukraine – erst im Donbass, jetzt überall im Land. Auch ein Nachbargebäude, in dem er ein Apartment besitzt, wurde bei dem Angriff auf »Retroville« beschädigt.

    Heft 36/2022, 9. September

    Lesha Berezovskiy fühlte sich schuldig, als er Ende Juni dieses Foto seiner Freundinnen und Freunde am Fluss Desna im Dorf Chapliivka nahe der russischen Grenze aufnahm. Vier Monate nach dem Kriegsbeginn kam die Gruppe zum ersten Mal wieder zusammen, in einem Sommerhaus. Drei seiner Freunde hätten um die Zeit Geburtstag gehabt und wollten zusammen feiern, erzählt der Fotograf. 300 Kilometer entfernt von Kiew – ihrer Heimatstadt – war es friedlich. Die Sonne schien, das Wasser war herrlich, sie sprangen hi-nein und konnten ungestört Zeit miteinander verbringen. Berezovskiy beobachtete die Menschen beim Schwimmen und dachte, dass es ihr letzter gemeinsamer Sommer sein könnte. »Also wollte ich diesen Moment festhalten«, sagt er. Natürlich mussten alle immer wieder an den Krieg und seine Folgen denken. Und sie schämten sich dafür, diese schönen Momente in diesen grausamen Kriegszeiten zu erleben. Einen Tag, nachdem dieses Foto entstanden war, las die Gruppe kurz nach dem Aufstehen die Nachricht, dass Kiew bombardiert worden war, 14 russische Raketen hatten die Stadt getroffen. Er wäre am liebsten da gewesen, als Kiew angegriffen wurde, erzählt er. Lina Schönach

    Der Fotograf Lesha Berezovskiy, 31, wuchs in einem Dorf in der Region Luhansk auf, das seit Ende Februar von Russen besetzt wird. »Meine Großeltern sind noch da, und ich kann sie vielleicht nicht mehr sehen«, sagt er.

    Heft 35/2022, 2. September

    Es ist der 17. März in Butscha, Region Kiew. Yura, 14, fährt mit seinem Vater Ruslan auf dem Fahrrad zum Rathaus, an dem nun Lebensmittel verteilt werden. Am Rad und um ihre Handgelenke haben sie weiße Bänder befestigt. Ein Zeichen, dass sie friedliche Zivilisten sind. Sie sind wenige Minuten unterwegs, als ein russischer Soldat sie stoppt. Sie sind unbewaffnet und heben die Arme, doch der Soldat tötet Yuras Vater mit zwei Schüssen. Yura fragt den Soldaten, ob er sich seinem Vater nähern dürfe. Als Antwort trifft ihn eine Kugel am linken Oberarm. Als er mit dem Gesicht auf dem Boden liegt, fliegt eine weitere Kugel an seinem Kopf vorbei. Er bleibt reglos liegen, bis der Soldat weitergeht. Danach rennt Yura nach Hause. Erst am Tag darauf traut sich seine Mutter, Alla, mit seiner Großmutter auf die Straße, um den Leichnam des Vaters mitzunehmen. Sie begraben ihn im Hinterhof des Hauses. Am 19. März verlässt Yura mit seiner Mutter und Großmutter Butscha. Nach einem Monat und dem Rückzug der Russen kehren sie zurück, öffnen das Grab im Hinterhof und verlegen den Leichnam auf einen Friedhof. Ende Juli lernt der Fotograf Vic Bakin in Butscha Alla und Yura kennen und erfährt ihre Geschichte. Als Bakin mit Yura durch die Nachbarschaft läuft, hält Yura an. Er zeigt auf die Stelle, wo sein Vater starb. Beyza Arslan-Tenha

    Als der Fotograf Vic Bakin, geboren 1984, Yura und dessen Mutter in Butscha besuchte, kümmerte sich Yura um die Bienen seines Vaters: »Normalerweise half er ihm um diese Zeit mit der Honig-Ernte«, erzählt Bakin. »Zum ersten Mal ist er allein dafür zuständig.«

    Foto: Mikhail Palinchak

    Heft 34/2022, 26. August

    Wie wären sich diese beiden ukrainischen Frauen in Friedenszeiten wohl begegnet? Hätten sie einander freundlich zugenickt? Oder wären sie geschäftig aneinander vorbeigeeilt, eine jede vertieft in ihr eigenes Leben? Und hätten sie das je für möglich gehalten: dass sie sich prügeln würden, auf offener Straße? Es gehört zu jedem Krieg, dass er Menschen zu etwas macht, das sie niemals sein wollten. Neben Arbeitslosen sind es Rentner und Rentnerinnen, die wie diese Frauen in einer Schlange stehen, um an Essen-Coupons zu gelangen. Die Coupons werden von Freiwilligen der Kirche in Charkiw ausgegeben, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Sie liegt im Nordosten und wird von der russischen Armee immer wieder bombardiert. Mehr als die Hälfte der Geschäfte in der Stadt hat inzwischen geschlossen, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. So sind an jenem Tag mehr als 1000 Menschen gekommen, um einen der raren Coupons zu erhalten. Manche standen seit fünf Uhr früh in der Schlange. Sie wissen: Die Letzten werden leer ausgehen. Da kann man verzweifeln und die Nerven verlieren, wenn sich jemand vordrängelt. Der Kampf der Frauen dauerte zum Glück nur einen Augenblick. Letztlich verzichteten sie auf weitere Gewalt und stellten sich wieder in die Schlange. Vivian Pasquet

    Mikhail Palinchak, 37, arbeitet als Reportagefotograf. Seine Familie ist aus Kiew geflohen. Er nicht, weil er den Krieg dokumentieren will. Über die kämpfenden Frauen sagt er: »Es war bedrückend. Die anderen Menschen in der Schlange blieben aber friedlich.«

    Foto: Maxim Dondyuk

    Heft 33/2022, 19. August

    Drei Monate lang ernährten sich diese Frauen und der Mann von dem, was sie in Konserven noch im Keller hatten. Drei Monate lang mussten sie auf ihre Renten warten. Am 22. Mai, als der Fotograf Maxim Dondyuk dieses Bild aufnahm, kamen zum ersten Mal seit dem Kriegsbeginn wieder Postbeamte in das Dorf Vilkhivka in die Region Charkiw. Sie zahlten die offenen Renten aus. Gleichzeitig erreichte die Menschen im Dorf eine Hilfslieferung: ein Auto voller Lebensmittel und Wasser. Endlich konnten sie etwas Frisches zubereiten. Die Menschen begrüßten und umarmten sich an diesem Tag. Denn sie waren sich nicht sicher gewesen, wer von ihnen noch am Leben war. Während der russischen Besatzung hatten die meisten ihre Keller kaum verlassen. Die Angreifer bombardierten das Dorf ständig, erzählten die Einheimischen dem Fotografen. Es gab kein Internet, kein Telefon. Sie wussten nur, ob die direkten Nachbarn und Nachbarinnen noch lebten. Die Besatzer des Dorfes wechselten mehrmals. Zuerst kamen junge, zurückhaltende Wehrpflichtige aus Russland. Dann ältere, aggressivere Soldaten. Den Ukrainern verboten sie, nach draußen zu gehen. Die Russen sagten wieder und wieder, der Krieg würde nicht lange dauern, weil sie bald siegreich sein würden. Inzwischen sind die Besatzer aus dem Dorf abgezogen. Lina Schönach

    Maxim Dondyuk, 39, arbeitet hauptsächlich als Dokumentarfotograf. Derzeit halten seine Frau und er sich in der ukrainischen Stadt Lwiw auf. In den Monaten vor dem Kriegsbeginn arbeitete Dondyuk an einem Projekt über Tschernobyl.

    Foto: Sergiy Illyashenko

    Heft 32/2022, 12. August

    Und dann kamen die Russen doch nicht. Zum Glück. Dabei waren die Menschen hier, im äußersten Westen von Kiew, auf alles gefasst. Nur sieben Kilometer weiter auf dieser Straße, hinter einem kleinen Wald, liegt Irpin. Der Vorort war im März schwer umkämpft, Hunderte Zivilisten wurden getötet, Menschen flohen, es war das Grauen. Irpin gleicht heute einer Geisterstadt. Hier, am Westrand von Kiew, rechneten alle damit, dass die russischen Truppen als Nächstes durch den Wald vorrücken würden. Also verbarrikadierten die Bürger die kleine Verbindungsstraße, so gut sie konnten. Aber dann verschoben die Russen ihre Angriffe plötzlich in den Osten des Landes. Die Barrikaden blieben. Und schufen einen fast surrealen Ort. Die Zeichen des Krieges, aber ein Bild des Friedens: keine Autos, kein Verkehr, nur die Stille zwischen Hochhaus und Waldrand. Die Menschen, die schon geflohen waren, sind zurückgekehrt in die Siedlung. Abends gehen sie hier noch eine Runde spazieren. Kinder spielen auf den stillgelegten Wegen und klettern auf den Hindernissen herum. Eine Zwischenwelt. Wann die Betonteile weggeräumtwerden? Das weiß niemand. Es weiß ja auch niemand, wann der elende Krieg ein Ende findet. Max Fellmann

    Sergiy Illyashenko, 37, lebt im Westen von Kiew, ganz in der Nähe dieser Siedlung. Bisher arbeitete er vor allem für Werbung und Fernsehen, aber der Krieg hat alles verändert. Er will festhalten, was mit seiner Stadt passiert. Weggehen kommt nicht infrage.

    Foto: Fabian Ritter

    Heft 31/2022, 5. August

    Luda, die Markenstrategin einer Werbeagenur, stieg am 26. Mai an der Bushaltestelle der Universität in Kiew aus, es war früher Abend. Sie ging hinüber in den Park, in dem eine Statue von Mahatma Gandhi steht, dem indischen Unabhängigkeitskämpfer. Ihre Hängematte hatte sie dabei, sagt Fabian Ritter, der Fotograf, der auf den Auslöser drückte, als die Sonne unterging. Luda wollte ein wenig Normalität atmen, den Slacklinern zusehen, in die Eisdiele gehen, eine Cola trinken – das Schlupfloch finden, das der Krieg dem Alltag lässt. Die Frage, ob Luda aus Kiew oder ganz aus der Ukraine flüchten soll, stellt sich ihr kaum, denn sie müsste wohl ohne Oleg gehen, ihren Freund, der ist jung wie sie und dürfte das Land nur verlassen, wenn er einen Arbeitsvertrag im Ausland vorweisen könnte. Ludas Vater ist auch Ukrainer, ihre Mutter aber Russin. Ihre eigene Identität sei nicht mehr gespalten, sagt sie, seit Kriegsbeginn fühle sie sich mehr und mehr als Ukrainerin. Auch deshalb will sie nicht fort, und die Geschäfte und Restaurants, die immer noch offen haben, zu unterstützen, sei auch eine Form des Widerstandes. Sonntags gehen Luda und Oleg in die Kirche, beide sind überzeugt, auch patriotischer geworden zu sein. Im Park nahe der Universität war an diesem Abend Fliegeralarm zu hören. Sicherheit gibt es nicht in einem Krieg. Susanne Schneider

    Fabian Ritter feierte kürzlich seinen 30. Geburtstag in Kiew mit seinen neuen ukrainischen Freunden. Der Dortmunder Fotograf war im März erstmalig in der Ukraine und möchte demnächst wieder hin.

    Heft 30/2022, 29. Juli

    Foto: Lisa Bukreyeva

    Das ukrainische Dorf Moschun, rund 30 Kilometer von Kiew entfernt, ist umgeben von Wäldern. Inmitten der Bäume und des Grüns leuchtet es plötzlich gräulich. Die Hülle einer Artilleriegranate ist in einem Baum stecken geblieben, sie hat sich tief in das Holz eingebohrt. Der Baum steht nur etwa 100 Meter von der Hauptstraße mit ihren Wohnhäusern und Geschäften entfernt. Als die Fotografin Lisa Bukreyeva das Dorf am 9. Juli besucht, erzählt ihr ein Bewohner von der Granatenhülle im Baum. Sie sei aber nicht mehr gefährlich: Der Sprengstoff im Inneren sei bereits detoniert. Moschun ist eines der am schwersten getroffenen Dörfer in der Region um Kiew. Durch den Beschuss der russischen Armee wurden mehr als 2000 Häuser zerstört. Viele Überlebende sind geflohen. Inzwischen hat sich das russische Militär zurückgezogen, doch zuvor haben die Soldaten den Boden mit Minen präpariert. Es wird vermutlich Jahre dauern, bis die Minen geräumt und die Spuren der Einschüsse und Granaten verschwunden sein werden. Nur da, wo die Schweine des Dorfs schon wieder unbekümmert im Wald und auf den Feldern herumspazieren, trauen sich auch die Menschen hin. Die Felder müssen dringend bestellt werden – in Moschun wird nun vor allem Obst und Gemüse angebaut, als Vorbereitung auf den kommenden Winter. Beyza Arslan-Tenha

    Lisa Bukreyeva wurde 1993 in Kiew geboren und arbeitet als Fotografin. Über die Dorfbewohner in Moschun sagt sie: »Die Menschen hier haben einen starken Lebenswillen. Ihre Häuser und Erinnerungen wurden zerstört, aber sie sind daran nicht zerbrochen.«

    Heft 29/2022, 22. Juli

    Foto: Johanna-Maria Fritz

    Was werden die ukrainischen Soldaten zu Hause erzählen, wenn dieser Horror irgendwann vorbei ist? Welche Erlebnisse werden sie nachts wachhalten? Welche Erinnerungen werden sie teilen wollen – und welche versuchen, zu vergessen? Man kann nur mutmaßen, wie tief die Spuren sind, die der Krieg in diesen Söhnen, Ehemännern, Brüdern und Freunden hinterlassen wird. Gerade aber zählt nur: Die Männer sind noch am Leben. Bevor dieses Foto entstand, hatte der Trupp in Sjewjerodonezk gekämpft, im Osten der Ukraine – erfolglos. Ende Juni gab der Bürgermeister bekannt, dass die Stadt von den Russen besetzt sei. Die Eroberung gilt als strategisch wichtiger Schritt, um den Donbass vollständig zu erobern. Die ukrainischen Soldaten mussten sich zurückziehen. Flüchten, im eigenen Land. Zwei Tage lang liefen sie ohne Nahrung und Wasser durch die Lande, erzählen sie. Schließlich sammelte sie ein heimischer Militär-Truck auf. Die Erschöpfung ist ihnen anzusehen. Am Dreck in den Gesichtern und den staubigen Uniformen, vor allem aber an den Blicken: Müde sind sie, resigniert, traurig. Und es ist noch nicht vorbei. Solange der Angriffskrieg in der Ukraine tobt, müssen die Familien und Freunde dieser Männer weiter um sie bangen. Zwar haben sie bisher überlebt – doch viele sind heute schon wieder im Kampf. Nach Hause geht es noch längst nicht. Vivian Pasquet

    Johanna-Maria Fritz, 28, arbeitet als Fotografin oft in Krisengebieten. Kurz nach dem Angriff auf die Ukraine reiste sie hin und fotografiert seither immer wieder im ganzen Land. Mit vielen Soldaten und deren Angehörigen hält sie weiter Kontakt.

    Heft 28/2022, 15. Juli:

    Foto: Emile Ducke

    Für Michail Lukaschows Geburtshaus wiederholt sich die Geschichte. Vor etwa 90 Jahren baute sein Vater das kleine Haus in dem Dorf Sorokivka, rund 30 Kilometer vor Charkiw. Dann, während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung, zerstörte eine deutsche Bombe die Wände und das Dach. Sein Vater nahm Mörtel und Spachtel und reparierte die Schäden. Nun, während des russischen Angriffs auf die Ukraine, schlägt eine russische Granate in die Erde vor dem Haus ein. Wieder ziehen sich Risse durch die Wände, die mit den sichtbaren Balken an Gerippe erinnern – und der 85-jährige Michail Lukaschow tut es seinem Vater gleich. Mit der Spachtel in der Hand trifft ihn der deutsche Fotograf Emile Ducke Ende Mai vor seinem Haus an. Die russische Belagerung ist vorbei, das Dorf Sorokivka ist befreit. Doch die Frontlinie wurde nur verschoben. Während der Fotograf und Michail Lukaschow reden, detonieren ein paar Kilometer entfernt weitere Bomben. Der Artilleriebeschuss ist für die Bewohner des Dorfes zu einem stetigen Hintergrundonnern geworden. Dass die Kämpfe aber weiter entfernt und damit weniger gefährlich zu sein scheinen, zeigt das Verhalten der Dorfbewohner. Der 85-jährige Lukaschowund seine Frau Nadeschda reagieren gar nicht auf die dumpfenGeräusche. Sie räumen auf; sie reparieren das Haus. Es soll wieder warm werden drinnen, wenigstens das. Astrid Probst

    Emile Ducke, 28, ist ein deutscher Fotograf. Gerade ist er in Lwiw und hat vor, im Westen der Ukraine zu bleiben. Mit seiner Arbeit will er das Leben nach der russischen Besatzung dokumentieren.

    Heft 27/2022, 8. Juli:

    Foto: Mikhail Palinchak

    Es ist nicht die erste Erinnerungswand, die Leo Soto initiiert hat. Es ist die fünfte. Angefangen hatte es 2021, als bei einem Gebäudeeinsturz in Surfside, Florida, ein Freund von Soto ums Leben kam – und 97 weitere Menschen, die in der Nacht von dem Unglück überrascht wurden. Soto errichtete damals an der Unglücksstelle eine besondere Form der Gedenkwand: Er druckte Fotos der Opfer aus und befestigte sie an einem Zaun. Zwischen die Fotos schob, knotete und fädelte er Blumen. Eine Collage aus Trauer und Blütenschmuck. Soto ist überzeugt, dass es hilft, für den eigenen Schmerz einen Ort zu haben. Am 24. April, also zwei Monate nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, läuft Soto durch Lwiw. Er sucht einen guten Ort für seine Blumenwand und findet ihn am Halytsia-Platz. Bei sich hat er Pakete voller Kunstblumen, gespendet von Firmen in Warschau. Noch am selben Tag, so beschreibt er es auf seiner Instagram-Seite, nehmen die Ukrainer und Ukra-inerinnen in Lwiw die Idee an und beginnen, Fotos ihrer Toten und Vermissten aufzuhängen und Blumen zwischen die Zaunstäbe zu fädeln. Leo Soto ist inzwischen wieder in Miami, er studiert Tourismus und Gastgewerbe und will im Herbst seinen Abschluss machen.
    Lara Fritzsche

    Mikhail Palinchak ist Ukrainer und lebte die vergangenen 17 Jahre in Kiew. Jetzt reist er umher und fotografiert, dieses Foto machte er in Lwiw. Seine Frau und seine zwei Söhne sind ins Nachbarland Polen geflohen.

    Heft 26/2022, 1. Juli:

    So sollte es auf diesem Spielplatz sein: verschwitzte Jungen und Mädchen stehen hoch oben auf der Rutsche. Eltern warten mit ausgebreiteten Armen. Ein Ort wie ein Versprechen: dass ein Kind hier Kind sein darf. So war es einmal. Doch dann fielen russische Soldaten in den Ort Butscha nahe Kiew ein. Sie zerstörten Häuser, legten Minen. Durchschossen die Rutsche. Der Spielplatz steht inmitten einer großen Wohnsiedlung. Viele junge Familien leben hier, weil es etwas günstiger als Kiew ist und die Hauptstadt gut erreichbar. Die Russen töteten Väter und Mütter und machten offenbar auch vor den Kleinsten nicht halt. Noch ist nicht klar, wie viele Kinder nun Waisen sind oder getötet wurden. Als die Eindringlinge abzogen, ließen sie die Toten auf der Straße liegen. Die Bilder gingen um die Welt. Am 53. Tag nach dem Abzug fotografierte Lisa Bukreyeva die durchlöcherte Rutsche. Und sie interviewte etliche Familien. Bukreyeva hörte, dass die Soldaten betrunken gewesen seien. Dass sie ukrainischen Kindern Waffen in die Hand gedrückt und sie zu schießen aufgefordert hätten. Einfach so, aus Spaß. Heute ist die Wohnsiedlung so zerstört, dass eine Rückkehr für Überlebende kaum möglich scheint. Die Rutsche bleibt leer. Vivian Pasquet

    Lisa Bukreyeva, 29, ist in Kiew geboren und arbeitet als Fotografin. Immer wieder besucht sie Orte außerhalb Kiews, um die Spuren des Krieges zu dokumentieren. Über die Kinder, mit denen sie in Butscha sprechen konnte, sagt sie: »Sie wirken sehr alt. Man kann in ihren Augen sehen, dass sie durch die Hölle gegangen sind.«

    Heft 25/2022, 24. Juni:

    Foto: Eduard Kryzhanivsky

    Die Mörsergranate ist nicht explodiert, nachdem russische Soldaten sie in die Einfamilienhaussiedlung in Irpin geschossen hatten. Nun steckt sie im Asphalt wie ein Korken, der jederzeit hochgehen kann. Irgendwer hat einen Streifen roten Stoff danebengelegt, wohl als Warnung. Die Steine sollen offenbar verhindern, dass diese Warnung wegweht. Als der ukrainische Fotograf Eduard Kryzhanivsky dieses Foto von der Granate machte, hatten sich die russischen Soldaten bereits zurückgezogen aus der Stadt am Rande von Kiew. Das Leid war natürlich geblieben: Von 200 bis 300 getöteten Zivilisten sprach der Bürgermeister von Irpin gegenüber den Medien. Eines der Opfer wohnte hinter dem grünen, von Granatsplittern durchlöcherten Zaun auf dem Foto: eine Frau um die vierzig, die ebenfalls von Granatsplittern getroffen worden war. Eduard Kryzhanivsky hat kurz mit ihrer Mutter geredet und sie gefilmt. Auf dem Video sieht man eine kleine Frau mit braunen Haaren und dicker Wolljacke. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes drückt ihr zwei Plastiktüten voller Brot in die Hand. »Warum so viel?«, fragt die Mutter. Ihre Tochter hat sie im Garten beerdigt. Christoph Cadenbach

    Eduard Kryzhanivsky, 29, lebt in Kiew und arbeitet als Fotograf unter anderem für das Büro des ukrainischen Außenministers. Neulich begleitete er Annalena Baerbock bei ihrem Besuch in Kiew. Kryzhanivskys Familie, er hat zwei Töchter, ist nach Deutschland geflohen. Sie wohnt nun in München bei Freunden.

    Heft 24/2022, 17. Juni:

    Foto: Tomasz Lazar

    Auf den ersten Blick scheint ganz klar, was das Bild zeigt: Ukrainische Kinder spielen Krieg. Der Junge vorne rechts heißt Dima, er ist elf, trägt ein Militärhemd und eine Holz-Kalaschnikow in Händen. Auf dem Pappschild steht: »Stopp Kontrollpunkt«. Der polnische Fotograf Tomasz Lazar, der das Foto am 21. Mai in Lukashivka im Norden der Ukraine gemacht hat, ist sich aber nicht sicher, ob die Kinder spielen. Er sagt: Womöglich wurden sie auch von den Familien geschickt, damit jemand im Blick hat, ob noch mal russische Soldaten in das Dorf bei Tschernihiw kommen, das sie am 30. März verlassen haben. Oder damit die Jungs eine Beschäftigung haben, während die Eltern versuchen, ein wenig Normalität herzustellen. Fragen konnte Lazar Dima und dessen Freunde nicht, die Kinder mussten kurz nach der Begegnung gehen. Seit dem Kriegsbeginn dokumentiert Lazar den Alltag der Menschen in der Ukraine, und immer wieder hat er ähnliche Szenen beobachtet: Kinder, die an den Zufahrtsstraßen Miniatur-Checkpoints errichtet haben. Wäre es überhaupt ein Spiel, wenn Kinder im Krieg Krieg spielen? Oder vielmehr ein Versuch, ohne professionelle Hilfe irgendwie klarzukommen mit der Angst, der Trauer, mit dieser Situation, die viel zu schwer ist, als dass man sie begreifen könnte, weder als Kind noch als erwachsener Mensch? Sara Peschke

    Tomasz Lazar, 37, war seit dem Kriegsbeginn insgesamt eineinhalb Monate lang in der Ukraine unterwegs. Gerade befindet er sich zu Hause in Polen, aber er möchte so bald wie möglich wieder über die Grenze, um festzuhalten, was in seinem Nachbarland passiert.

    Heft 23/2022, 10. Juni:

    Foto: Lesha Berezovskiy

    Der Typ hat vielleicht Nerven. Es ist Krieg, und er trainiert auf dem Rennrad. Er fährt durch Hostomel, nicht mal die Minen sind an diesem Tag Ende April schon allesamt entschärft. Tolik Todorov heißt er, ein guter Freund von Lesha Berezovskiy, dem Fotografen. Sie fahren öfter gemeinsam, zum ersten Mal jetzt wieder seit dem Kriegsbeginn. Hostomel ist ein Vorort von Kiew, 15 Kilometer entfernt, vor dem Krieg lebten hier viele Pendler. Tolik und Lesha wohnen in Kiew, aber da war zu viel Verkehr fürs Rennradfahren, deswegen kamen sie oft nach Hostomel. Sie halten vor der Schrift an der Hauswand: »Hier drin sind Menschen«, steht da auf Ukrainisch. Es ist eine Bitte, das Haus nicht zu beschießen. Man liest es auf vielen Häusern. Manchmal auch: »Hier drin sind Kinder«. Die Bitte sei oft nicht erhört worden, sagt Lesha. Einen Monat lang waren die russischen Soldaten hier. Hostomel liegt nahe Butscha und Irpin, und auch in dieser Kleinstadt werden Massengräber vermutet. Noch ist unklar, wie viele der 16 000 Einwohner getötet wurden. Tolik und Lesha haben nach dem Kriegsbeginn Essen gekocht und es mit Leshas Auto ausgefahren, die Dörfer im Norden mit Vorräten und Medikamenten beliefert. Jetzt reparieren sie Dächer, wenn sie etwas Benzin ergattern. Wenn nicht, gönnen sie sich ein wenig Normalität. Zeit zum Rennradfahren. Lars Reichardt

    Lesha Berezovskiy, 31, ist freier Fotograf in Kiew. Zu seinen Auftraggebern zählen europäische Magazine und ukrainische Firmen, für die er Produktfotos machte. Doch viele seiner heimischen Kunden sind inzwischen geflohen oder ihre Produkte stecken in den Häfen fest.

    Heft 22/2022, 3. Juni:

    Foto: Viacheslav Ratynskyi

    Die russischen Soldaten sind weg, aber den Krieg haben sie dagelassen, versteckt in der Erde: Landminen. Der Acker, auf dem der 15-jährige Zakhar hier Kartoffeln anpflanzt, wurde erst Tage zuvor von ukrainischen Minenräumern freigegeben. In kleinen Orten wie Kozarovychi, 40 Kilometer nördlich von Kiew, haben viele Einwohner solche Felder zur Selbstversorgung. Einen Monat lang war die russische Armee in Kozarovychi, bis die Ukrainer sie Anfang April vertrieben. Der Fotograf Viacheslav Ratynskyi fuhr nach der Befreiung in den Ort, um dort die Eltern eines Kollegen zu besuchen. Ihr Sohn wurde von russischen Soldaten verschleppt, lange wusste niemand, ob er lebt. Jetzt erfuhr Ratynskyi, dass sein Kollege in einem russischen Gefängnis ist. Nach dem Gespräch mit den Eltern erkundete Ratynskyi noch den von Gefechten gezeichneten Ort, dabei fiel ihm der schuftende Junge auf, er heißt Zakhar. Der Junge erzählte, er habe große Angst gehabt, als die russischen Soldaten kamen. Die Männer hätten gesagt, er hätte nichts zu befürchten, aber dann stellten sie ihre Panzer zwischen den Wohnhäusern ab, als Deckung. Zakhar und seine Mutter suchten tagelang Schutz im Keller, um sie herum tobten schwere Kämpfe, auch Zivilisten starben. Der 15-Jährige wollte nicht lange sprechen, er sagte nur noch, er fürchte sich nicht vor übersehenen Minen, »weil ich mein Feld gut kenne«. Marc Baumann

    Viacheslav Ratynskyi, 32, fotografiert seit 2014 den Krieg in der Ukraine – erst im Donbass, jetzt überall im Land. Zakhars Generation, sagt er, werde massive psychische Langzeitfolgen und Lernrückstände davontragen. »Diese Jugend wird sicher patriotischer sein, als wir es waren, sie kennen den Preis der Freiheit.«

    Heft 21/2022, 27. Mai:

    Foto: Mila Teshaieva

    Würde man jemanden bitten, ein Foto zu machen, das Frieden, Hoffnung und Schönheit ausstrahlt, dieses wäre ein gutes Ergebnis: ein 13-jähriges Mädchen, das vor einem blühenden Kirschbaum steht. Doch dieses Bild erzählt noch eine ganz andere Geschichte: Olenka Timkova sieht am 8. Mai 2022, dass im Garten ihres Elternhauses ein großer Ast des Kirschbaums abgebrochen ist. Das macht sie traurig. Weil sie den Garten mit seinen Bäumen und Blumen liebt, aber auch, weil dieser abgebrochene Zweig ein Symbol für ihren eigenen Zustand und den ihres Landes, der Ukraine, ist. In diesem Moment machte die Fotografin Mila Teshaieva das Bild. Der Baum steht in Borodjanka, einer kleinen Stadt bei Kiew, in die schon in den ersten Tagen des Krieges russische Panzer rollten. Als am 5. März das Haus der Nachbarn bombardiert wurde und sieben Menschen darin umkamen, beschlossen Olenka Timkovas Eltern, mit ihren drei Kindern zu Bekannten in den Westen der Ukraine zu fliehen. Mitte April kehrten sie nach Borodjanka zurück, wissend, dass große Teile der Stadt zerstört waren. Olenka Timkova schrieb ein Gedicht über den Krieg und darüber, dass man gerade dann in seinem Land bleiben muss, wenn es ihm schlecht geht. Ihre Freundinnen und Freunde flohen alle aus der Stadt. Olenka Timkova sagt, sie träume davon, dass sie bald zurückkehren. Susanne Schneider

    Die Fotografin Mila Teshaieva, 48, ist Ukrainerin und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Vom 28. Februar bis zum 10. Mai war sie in Kiew, der Stadt, in der sie aufwuchs. Das Foto, auf dem Olenka Timkova und der Kirschbaum zu sehen sind, bedeutet für sie, »dass das Leben den Tod besiegen wird«.

    Heft 20/2022, 20. Mai:

    Foto: Mikhail Palinchak

    Laut der jüngsten Volkszählung wohnten 318 Menschen in dem ukrainischen Dorf Yahidne, das 140 Kilometer nordöstlich von Kiew liegt. Seit März 2022 sind es viele weniger: Nachdem russische Truppen das Dorf erobert und geplündert hatten, hielten sie mehr als 300 Dorfbewohner 28 Tage lang im Keller einer Grundschule gefangen – ohne Elektrizität, ohne Heizung, ohne frische Luft, teils durften sie tagelang keine Toilette aufsuchen. Einige wurden krank, andere erlitten Schwächeanfälle, manche überlebten die Strapazen nicht. Damit die Gräuel dieser Tage nicht vergessen werden, malten die Gefangenen einen Kalender auf die Kellertür und notierten die Namen und Sterbedaten derer, die von russischen Soldaten auf der Straße und in ihren Häusern getötet wurden (links) oder zu schwach waren, um wochenlang unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem stickigen Keller zu überleben (rechts). Glaubt man den Aufzeichnungen, kamen 17 Menschen zwischen dem 4. und 31. März 2022 ums Leben, Presseagenturen berichten sogar von mindestens 20. »31 – die Unseren sind gekommen« steht auf der Kellertür (unterhalb des in Grün notierten Instagram-Accounts eines gefangenen Mädchens). Nach dem Abzug der Russen wurden die Überlebenden von ukrainischen Soldaten befreit. Im Moment sind sie damit beschäftigt, ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen und irgendwie weiterzuleben. Tobias Haberl

    Mikhail Palinchak, 37, aus Kiew arbeitet als Reportagefotograf für internationale Magazine. Seine Frau ist mit den beiden Söhnen nach Polen geflohen, er ist geblieben, um den Krieg zu dokumentieren. Palinchak kam Mitte April nach Yahidne, um mit den Überlebenden zu sprechen und dieses Foto zu machen.

    Heft 19/2022, 13. Mai:

    Foto: Emile Ducke

    Was man nicht sieht auf diesem Foto: den Verband an Hanna Kurdjuks linker Hand und ihre Bandagen an der Hüfte. Sie sollen helfen, die schweren Wunden zu heilen, verursacht von einer russischen Granate, die am 16. März in ihrer Heimatstadt Tschernihiw genau dort explodierte, wo sie seit einer Stunde in einer Schlange von etwa hundert Menschen stand, die alle Brot kaufen wollten. Hanna Kurdjuk hatte schon am Tag davor gewartet, vergeblich. Durch die Granate starben zwölf Menschen. Kurdjuk erzählte dem Fotografen Emile Ducke am 16. April, genau einen Monat nach der Explosion, dass sie verletzt am Boden lag, nichts fühlte, viele Tote um sich herum sah und dass sie schrie: »Helft mir!«. Dann weiß sie nichts mehr. Als sie aufwachte, lag sie im städtischen Krankenhaus Nr. 2 in Tschernihiw, ihr Arm und ein Fuß waren gebrochen, wegen ihrer Verbrennungen musste Haut transplantiert werden. Kurdjuk teilt sich das Zimmer mit drei Frauen, zwei von ihnen hatten wie sie in der Schlange angestanden. Auf Kurdjuks Decke liegt ein Teller mit Buchweizenbrei, daneben ein Stück Brot. Wie lange sie noch im Krankenhaus bleiben muss, weiß sie nicht. Wenn sie gesund ist, will sie zurück nach Hause zu ihrem Mann und ihrem behinderten Sohn. Susanne Schneider

    Emile Ducke, 28, ist ein deutscher Fotograf. Er lebte fünf Jahre in Moskau. Von Ende März bis Mitte April war er in der Ukraine unterwegs, jetzt ist er in der polnischen Hauptstadt Warschau. Ob er nach Moskau zurückkehren wird, weiß er nicht.

    Heft 18/2022, 6. Mai:

    Foto: Viacheslav Ratynskyi

    Die Zielscheibe an der Mauer haben Paintball-Spieler aufgemalt. Nun spielt hier keiner mehr Kriegsspiele, sondern üben Zivilisten mit Holzgewehren für den Ernstfall. Männer, die nie zuvor eine scharfe Waffe in der Hand hielten, trainieren Grundkampftechniken in verlassenen Gebäuden, umgeben von Wäldern, irgendwo in der Nähe von Drohobytsch. Nach der Kurzausbildung, in der sie auch medizinische Notversorgung lernen, werden die Männer Teil der Tereborona, wie die zivilen territorialen Verteidigungskräfte der Ukraine genannt werden. Mehr als 100 000 Männer und Frauen haben sich bisher für den Dienst in den Einheiten beworben, sie besorgen Patrouillengänge, unterstützen, wo sie können, und sie kämpfen. Seit dem Beginn des Krieges dokumentiert Viacheslav Ratynskyi, so sagt er es, den Mut seiner Landsleute, dazu gehören für ihn die freiwilligen Streitkräfte ebenso wie Familien, die Uniformen nähen, und Schauspieler, die in Theaterküchen für Soldaten kochen. Drohobytsch liegt in der Region Lwiw an der polnischen Grenze. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die jüdische Gemeinde in Drohobytsch 15 000 Mitglieder, von 1941 bis 1943 ermordete die SS fast alle jüdischen Einwohner der Kleinstadt. Gabriela Herpell

    Viacheslav Ratynskyi, 32, arbeitet seit zehn Jahren als Fotojournalist in Kiew, derzeit u. a. für die ukrainische Nachrichtenagentur UNIAN. »Ich hoffe, dass das der letzte Konflikt ist, den ich fotografiere«, sagt er, »und dass mein nächstes Projekt der Wiederaufbau ist.«

    Heft 17/2022, 29. April:

    Foto: Mila Teshaieva

    Der Hund gab kein Geräusch von sich, er sah die Fotografin Mila Teshaieva nur zitternd an. Am Tag zuvor hatte es noch Kämpfe in dem Ort nahe Irpin gegeben, nur wenige Kilometer entfernte Explosionen waren zu hören. Teshaieva lief mit ihrer Kamera durch zerstörte, menschenleere Straßen, im Innenhof eines ausgebrannten Hauses fand sie das Tier. »Der Hund versuchte noch mal, aus dem Wasserloch zu klettern, aber der Rand war rutschig, die Hinterbeine verletzt.« Sie glaubt, dass er schon tagelang im Wasser festsaß, während um ihn herum geschossen wurde und Raketen einschlugen. »Das Tier war wie unter Schock, es hatte wohl schon keine Hilfe mehr erwartet«, sagt die in Berlin lebende Teshaieva. Seit der ersten Kriegswoche dokumentiert sie, was der Krieg mit ihrer Heimat anrichtet, mit den Menschen, den Städten – und begegnet dabei auch den Tieren. »Auf diesem Bild sieht man keine dramatische Kriegsszene, und doch ist dieser still leidende Hund für mich ein Symbol dafür, wie man in den Schrecken des Krieges feststeckt und nichts dagegen tun kann, nicht mal mehr schreien, weil keine Kraft dafür übrig ist«, sagt sie. Den Hund holte sie mit einem Bekannten, den sie während des Kriegs kennengelernt hatte, aus dem Wasserloch, sie gaben ihm etwas Essen, aber sie konnten ihn nicht mitnehmen. Ukrainische Soldaten sagten Teshaieva, sie würden sich um ihn kümmern und ihn einer Tierrettungsorganisation übergeben. Marc Baumann

    Mila Teshaieva wurde 1974 in Kiew geboren und wuchs dort auf. Seit 2010 lebt sie in Berlin. Die Natur sei auch Opfer des Kriegs, sagt sie: »Sieht man, wo Bomben im Wald gelandet sind, alles verbrannt haben, fühlt man richtig, wie die Gewalt auch dort hindurchgezogen ist.«

    Heft 16/2022, 22. April:

    Foto: Mikhail Palinchak

    Seit Wochen verlässt Irina Sirgievna jeden Morgen um sechs Uhr ihre Wohnung und läuft eine Stunde durch die Straßen Kiews. Ihr Ziel: eine Bibliothek, in deren Luftschutzbunker sie gemeinsam mit zwanzig anderen freiwilligen Helfern Tarnnetze für die ukrainische Armee herstellt. Anfangs hörte sie auf ihrem Weg noch Explosionen, inzwischen ist es gespenstisch still, die russischen Truppen sind nach Osten weitergezogen. Ihr Leben lang hat Sirgievna als Finanzbuchhalterin gearbeitet, aber seit dem Beginn des Krieges im Jahr 2014 verteidigt auch sie ihr Land, zuerst nur gelegentlich, seit der russischen Invasion am 24. Februar 2022 jeden Tag von sieben bis 19 Uhr. Erst werden fünf mal sechs Meter große Netze aus Seilen geknöpft, dann grüne, braune und graue Stoffstreifen eingeflochten. Die Netze dienen der Tarnung für Militärfahrzeuge und Artilleriestellungen, seit Kurzem fertigt die Gruppe auch Tarnüberwürfe für Scharfschützen an. Manche verbringen auch die Nächte lieber unter der Erde, Irina Sirgievna aber geht jeden Abend zurück in ihre Wohnung, um sich nur ein paar Stunden später wieder auf den Weg zu machen. »Die Atmosphäre im Bunker ist extrem konzentriert«, sagt der Fotograf Mikhail Palinchak. »Nur manchmal singen sie alte ukrainische Lieder.« Tobias Haberl

    Mikhail Palinchak, 37, arbeitet als Reportagefotograf für internationale Magazine. Seine Frau ist mit den beiden Söhnen nach Polen geflohen, er aber blieb in Kiew, um diesen Krieg zu dokumentieren. Er sagt: »Wir werden diesen Krieg gewinnen, weil wir keine andere Option haben.«

    Heft 15/2022, 15. April:

    Foto: Elena Subach

    Lwiw ist die Stadt unserer Fotografin Elena Subach und jene Stadt, die seit dem Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine viele Menschen aufgenommen hat. Im Moment sind schätzungsweise 200 000 Ukrainer und Ukrainerinnen aus dem Rest des Landes in Lwiw. Hotels, Hostels, Apartments, alles ist ausgebucht. Privatpersonen nehmen Landsleute auf, meistens unentgeltlich. Auch Subach und ihr Mann beherbergen gerade Menschen aus Kiew, davor hatten sie Geflüchteten aus Cherson und Charkiw Unterschlupf gewährt. Lwiw ist eine Stadt des Transits, eine Stadt im Westen der Ukraine, die noch Vorkehrungen für den Krieg treffen kann. In Lwiw, deren Innenstadt Unesco-Weltkulturerbe ist, werden Statuen mit Sandsäcken ummantelt, Kirchenfenster vernagelt und Kulturschätze in sichere Räume gebracht, etwa die Skulpturen des Bildhauers Johann Georg Pinsel. Er war ein berühmter Barock- und Rokoko-Bildhauer des 18. Jahrhunderts und einer der Gründer der Bildhauerschule in Lwiw. Die größte Pinsel-Sammlung befindet sich in der Stadt. Subach kennt sein Werk: »Pinsels Skulpturen strahlen eine unglaubliche Kraft aus. Seine Werke zeigen eine erstaunliche Kombination aus innerer Ruhe und Dynamik.« Auf dem Foto wird eines seiner Exponate in Sicherheit gebracht. Lara Fritzsche

    Elena Subach arbeitet als Kuratorin in der Nationalgalerie in Lwiw. Vor dem Krieg hat sie Ausstellungen organisiert. Zum Fotografieren kam sie vor zehn Jahren. Die Themen, mit denen sie sich künstlerisch befasst, waren vor dem Krieg: Religion, Leben und Tod, die Provinz als Ort, Identitäten. Vielleicht seien sie es auch jetzt noch, »gerade ist das alles schwer zu sagen«, meint sie.

    Heft 14/2022, 8. April:

    Foto: Ingmar B. Nolting und Fabian Ritter

    Mia ist drei. Wären die Zeiten anders, könnte man sagen: Sie hält sich die Augen zu, da die Frühlingssonne sie blendet an diesem 18. März 2022. Aber weil Mia Schreckliches erlebt hat in ihrem kurzen Leben, kann man auch annehmen, dass sie die Welt, wie sie ist, nicht sehen will. Ihre Mutter erzählt, Mia habe in ihrem Zuhause in Kiew gesehen, wie Bomben am nahen Flughafen explodierten, als der Krieg gegen die Ukraine begann. Beide flohen nach Lwiw, Mia bekam hohes Fieber und zeigte Stresssymptome. Ihre Mutter geht mit ihr seither regelmäßig in das dortige Kinderkrankenhaus Okhmatdyt, das Therapiestunden für traumatisierte Kinder anbietet. »Alle anderen Kinder in diesem Raum malen sich ihren Kummer von der Seele«, sagt Ingmar B. Nolting, der zusammen mit Fabian Ritter zwei Wochen lang in der Ukraine war: Die beiden deutschen Fotografen wollten Fotos vom »Vorzimmer des Krieges« machen, von russischen Soldaten, ukrainischen Familien, vom Irrsinn – und von den Opfern auf beiden Seiten. Doch Mia malt nicht, sie nimmt keines der Kuscheltiere in den Arm, die vor ihr in einer Schachtel liegen, sie hält sich nur die Augen zu. Und schweigt. Aber es geht ihr schon besser, sagt ihre Mutter, zumindest hat sie jetzt kein Fieber mehr. Susanne Schneider

    Die Fotografen Ingmar B. Nolting und Fabian Ritter waren im März 2022 in der Ukraine, um die Auswirkungen des Krieges zu dokumentieren.

    Heft 13/2022, 1. April:

    Fotos: Elena Subach

    Tagelanges Warten auf den Grenzübertritt in die Sicherheit. Diese Fotos zeigen Stühle nahe der ukrainischen Stadt Uschhorod, wo Kinder, Frauen und Ältere in der Kälte anstanden, um in die Slowakei zu fliehen. Die Stühle waren eine Raststation. Wer aufrückte, übergab sie an die nächsten geschwächten Wartenden. Die Fotografin Elena Subach half hier in den ersten zwei Wochen des Krieges ehrenamtlich aus, verteilte warme Getränke, Suppen und Decken, hörte zu. »Da dieser Grenzübergang die letzte Station vor der Trennung der Familie war, erlebten wir schmerzhafte und dramatische Abschiede«, sagt Subach. »Die Männer brachten ihre Familien zum Grenztor, wo sich dann alle umarmten, küssten und sich wie für immer verabschiedeten. Ich habe noch nie so viel Liebe gesehen, und ich habe noch nie so viel Schmerz gesehen. Fast jeder Mann fotografierte seine Kinder und seine Frau mit dem Handy, als Erinnerung.« Subach selbst fotografierte in diesen Tagen kaum Menschen, aus Respekt vor deren Privatsphäre, die sie als ohnehin schon beschädigt empfand, wie sie sagt. Stattdessen machte sie Fotos von Stühlen, die in diesen Tagen wie kleine warme Inseln waren. Lara Fritzsche

    Elena Subach, 42, ist Fotografin und lebt mit ihrem Mann in Lwiw im Westen der Ukraine. Sie arbeitet als Kuratorin in einem Museum. Wenn Subach ihr Leben gerade beschreibt, sagt sie: »Ich schlafe weinend ein und wache wütend auf.« Immerhin gebe die Wut ihr Kraft zum Weitermachen.

    Heft 12/2022, 25. März:

    Foto: Alina Smutko

    In ein Hochhaus an der Lobanovsky Avenue in Kiew schlug eine Granate ein, mehrere Wohnungen in den oberen Stockwerken wurden getroffen und stürzten ein. Fenster zerbarsten, Wände brachen zusammen, persönliche Gegenstände der Bewohner und Bewohnerinnen flogen auf die Straße. Einige Menschen, die hier wohnten, haben überlebt, viele starben. Der Angriff geschah am zweiten Kriegstag. Die ukrainische Fotografin Alina Smutko und ihre Kolle­gin haben es sich zur Aufgabe ­gemacht, alle zerstörten Wohngebäude zu dokumentieren. Nach einem kalten Tag mit leichtem Schneefall erreichten die beiden Fotografinnen am frühen Abend des 3. März dieses Haus im Stadtteil Solomyanka. Straße und Gehsteig waren schon aufgeräumt worden, Smutko machte neben Fotos von dem zerstörten Haus auch dieses Bild. »Als ich um das Haus herumging, bemerkte ich diese verstreuten Dinge, und es schien mir, dass sie uns etwas über die Menschen sagen könnten, die in diesem Haus lebten – und das ist wichtiger als das Haus selbst. Es gab ­Bücher, Küchensachen, Kinderspielzeug. Und diesen Block mit der Mitschrift einer Wirtschaftsvorlesung. Unser Zuhause kann sich sofort in nichts verwandeln, und unsere gestern noch wertvollsten Dinge können zu Müll werden, der mit Glasscherben vermischt ist.« Lara Fritzsche

    Alina Smutko ist Fotografin und lebt in Kiew. Ihren dreijährigen Sohn hat Smutko zu ihren Eltern nach Poltava gebracht, 350 Kilometer östlich der Hauptstadt. Sie alle wollen in der Ukraine bleiben.