Getrennte Schlafzimmer

Er schnarcht zuviel, sie friert ständig. Immer mehr Ehepaare überdenken den Alltag ihrer Nächte. Eine gute Idee, findet unsere Autorin.

Da liegt er nun neben ihr; gut sieht er aus, und nett ist er. Dutzende Male war sie an seiner offenen Bürotür vorbeigelaufen, hatte ihn wie zufällig in der Kantine abgepasst, war am Kaffeeautomaten neben ihm aufgetaucht – bis er sie endlich zum Abendessen einlud.

Nun ist es vollbracht, es war sehr schön, und während er schon schläft, läuft vor ihrem inneren Auge das weitere – gemeinsame – Leben ab: Toskana-Urlaube, ein Haus, zwei Autos, drei Kinder. Ein Bett. Kingsize, natürlich. Frühstücke im Schlafzimmer. Romantik bis ins hohe Alter.

Allerdings: Der Mann schnarcht. Laut und rhythmisch. Er schläft bei offenem Fenster. Er zieht die Decke zu sich herüber und legt sich quer. Er hat über die weiche Matratze gemault. Die Katze aus dem Schlafzimmer ausgesperrt. Und seltsam auf die geblümte, rosafarbene Bettdecke und den Tüllbaldachin über ihrem Bett geschaut. Und er redet im Traum. Nun ist ihr kalt, sie liegt wach, zerrt an der Decke. Muss früh raus. Vor der Zimmertür rumort die Katze. Und er schnarcht weiter.

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Kann das gutgehen?

Kann dieses – überaus beispielhafte – Paar es schaffen? Schlaftechnisch zumindest passen die beiden nicht zusammen, weil Männer und Frauen im Bett selten zusammenpassen – hinterher zumindest. Frauen sind, weil genetisch auf Babygeschrei gepolt, empfindlicher für äußere Reize und schlafen daher unruhiger, Männer wachen seltener auf. Frauen schnarchen weniger, Männer mit zunehmendem Alter immer häufiger. Frauen haben es gern warm, brauchen mehr Nachtruhe, gehen früher ins Bett, stehen früher auf. Frauen haben häufiger das Restless-Legs-Syndrom, zappeln also im Schlaf mit den Beinen. Frauen wollen kuscheln und dann ihre Ruhe, Männer den schnellen Zugriff.

Vorausgesetzt also, aus dem oben beschriebenen One-Night-Stand mit Schlafgewohnheitsschock würde eine Beziehung, vorausgesetzt, die beiden würden zusammenziehen, vorausgesetzt, sie wäre klug und er wäre einsichtig – dann würden sie von Anfang an auf getrennten Schlafzimmern bestehen.

Immer mehr Menschen tun das offenbar, Romantik hin, Gewohnheit her. Getrennte Betten sind in – auch wenn es für Deutschland keine konkreten Zahlen, sondern nur einen gefühlten Trend gibt. Offiziell schlafen, Umfragen zufolge, zwar nach wie vor neunzig Prozent aller Deutschen in einem Bett, aber der Wiener Schlafforscher Gerhard Klösch hat festgestellt, dass die Paar-Schläfer stetig abnehmen, je älter die Menschen werden.

Seine Untersuchungen belegen, was viele Liebespaare in leidvoller Praxis feststellen: dass es gesünder und geruhsamer ist, das Bett auf Dauer nicht mit einem geliebten Menschen zu teilen (und, im Übrigen, auch nicht mit einem Haustier, Kind oder Handy). Vor allem Frauen schlafen schlechter und unruhiger, wenn ein Mann mit im Bett ist.

In den USA ist man – schlaftechnisch gesehen – schon weiter: Vor zehn Jahren lagen laut einer US-Studie noch 88 Prozent aller Liebespaare gemeinsam unter einer Decke, fünf Jahre später waren es nur noch drei Viertel, ebenso in Großbritannien. Auch unter Architekten gilt es als ausgemacht, dass immer mehr Ehepaare nachts in zwei getrennten Zimmern nächtigen, denn sie müssen – auf Wunsch ihrer Auftraggeber – immer häufiger zwei Elternschlafzimmer in die Entwürfe moderner Einfamilienhäuser hineinzeichnen.

»Ganz klar«, sagt Thomas Pollmächer vom Klinikum Ingolstadt, »unsere Lebensgewohnheiten prägen unsere Schlafgewohnheiten: Wir haben – im Idealfall – mehr Raum zur Verfügung, also gibt es mehr Möglichkeiten als früher, getrennt zu schlafen. Und immer mehr Familien sind mit unterschiedlichen Tages- und Arbeitsrhythmen konfrontiert, mit Nacht- oder Schichtarbeit etwa, da schläft man getrennt, um sich nicht zu stören.«

Dennoch werden Umfragen über Schlafgewohnheiten offenbar etwa genauso ehrlich beantwortet wie Umfragen zu Beischlaffrequenzen. Freunde schauen komisch, wenn sie erfahren, dass ein Paar nachts nicht mehr in Löffelchenstellung liegt, Kinder befürchten eine drohende Scheidung der Eltern, wenn Mama oder Papa ein Bett im Arbeitszimmer aufstellen.

Ehe-Ratgeber predigen zwar, dass getrennte Betten Wunder wirken können: »Als Sexualtherapeuten raten wir Paaren, eine gewisse Spannung und Sehnsucht aufzubauen. Wenn man sich immer körperlich nah ist, kann kein Verlangen entstehen«, heißt es etwa auf einer Webseite mit dem sprechenden Namen »LoveCreation«. Getrennte Schlafzimmer führten dazu, dass man sich für eine »Begegnung verabreden« müsse.

Aber selbst Anhänger dieser Lösung outen sich ungern. Kein Wunder, glaubt Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Universität Regensburg: »Getrennte Schlafzimmer sind zwar im Trend, aber gesellschaftlich noch immer nicht akzeptiert. Kaum ein Paar gibt gern zu, dass es getrennt schläft. Wer das tut, betont hinterher eilig, dass man sich aber – trotzdem – noch liebe.« Immer wieder kämen Paare zu ihm, berichtet Zulley, bei denen einer von beiden, meist die Frau, heimlich vom ruhigen Schlaf im Einzelzimmer (unterbrochen durch gelegentliche Besuche des Mannes) träume – meist wegen der bis zu neunzig Dezibel, die da nachts neben ihr vom schnarchenden Bettgefährten aufgefahren werden.

Schnarchgeräusche können schließlich schon mal den Lärm von Kreissägen oder stark befahrenen Autobahnen erreichen. »Aber viele Menschen ertragen den Auszug des Partners aus dem Ehebett nicht, da geht es um Machtspiele in der Ehe. Um Kontrolle, um Überblick.« Er – manchmal aber auch sie – muss sicher sein, dass der Ehepartner brav daneben liegt und verfügbar ist. Und sich nicht emanzipatorisch ausklinkt aus der Zweisamkeit, die das Gemeinschaftsschlafen noch immer symbolisiert.

Der Wiener Somnologe Klösch mag also zwar belegt haben, dass das Einzelbett im Einzelzimmer objektiv gesünder ist und vor allem von älteren Paaren wegen erhöhter Unruhe im Bett – Harndrang, senile Bettflucht, Schlafgeräusche – immer häufiger bevorzugt wird. Aber es gibt wenig Erkenntnisse darüber, wie sich einsame Nächte auf die Psyche auswirken, wenn kein Mann – respektive keine Frau – mit im Bett liegt.

Was also wäre, um zu unserem Paar mit der ausgesperrten Katze, dem offenen Fenster und der Rüschendecke zurückzukommen, wenn es sich, frisch verliebt, gegen alle Vernunft für das Doppelbett im Elternschlafzimmer entschiede? Was, wenn Frauen zwar ohne Mann ruhiger schlafen, aber dabei weniger zufrieden sind? Das ist nämlich, dem Trend zum Trotz, der andere Teil der Wahrheit: 85 Prozent aller Männer und 75 Prozent aller Frauen lieben es, neben dem Partner einzuschlafen. Und die Hälfte aller Paar-Schläfer ist nach wie vor fest davon überzeugt, so besser zu ruhen.

Jürgen Zulley hat eine wunderbare Erklärung, die Körper und Seele zusammenbringt: »Objektiv ist es oft vernünftiger, getrennt zu schlafen. Subjektiv kann das Gegenteil der Fall sein. Das hängt«, sagt er grinsend, »vom Zustand der Beziehung ab.« Der »gefühlte Schlaf« sei doch das, was am nächsten Morgen zähle, und das objektive Ergebnis nicht das Maß aller Dinge. »Ja, man stört sich, wenn man zusammenliegt, und manchmal ist die Störung so stark, dass es klüger ist, nachts getrennte Wege zu gehen. Aber wenn sich diese Störungen nicht auswirken – dann ist es zusammen schöner.«

Und auch Thomas Pollmächer, der Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie, hat Trost parat: Menschen gewöhnen sich aneinander, auch im Schlaf. Paare, die gemeinsam älter wer-den und regelmäßig beieinanderliegen, synchronisieren ihre Schlafrhythmen. Sollte in unserem Fallbeispiel also sie ihm verzeihen, dass er sich in der ersten Nacht als Tierfeind geoutet hat, sollte er ihr verzeihen, dass sie einen Mädchengeschmack hat, sollte das Vorher das Hinterher wettgemacht
haben und sollten die beiden sich für eine Gemeinschaftslösung entschieden haben, dann gibt es für beide eine Chance: die Gewohnheit.

Und einen Vorzug, den auch Klösch einräumt: Zumal junge Beziehungen profitieren von einem gemeinsamen Bett, »es bringt Stabilität in die Beziehung – und Geborgenheit«.

Wenn da nur das Schnarchen nicht wäre: Umfragen haben ergeben, dass achtzig Prozent aller Gemeinschaftsschläfer das Schnarchen ihres Partners im Doppelbett ertragen – sei es aus Liebe, Solidarität oder Mangel an räumlichen Alternativen. Wer weiß, ob das wahr ist. Wahrscheinlich liegt von diesen offiziellen achtzig Prozent ein Viertel nachts regelmäßig wütend auf der Couch, im Kinderbett oder der leeren Badewanne. Oder im Nachbarzimmer mit eingebauter Schallschutzwand und Ohropax – würde das aber gegenüber Außenstehenden nie zugeben.

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Cathrin Kahlweit würde natürlich selbst auch nie verraten, ob sie von
ihrem Mann getrennt schläft und, nein, sie tut es natürlich nicht. Was
allerdings verraten wird: Es sind des Nachts viele Ohropax im Spiel. Und Kissen, die über Ohren gestülpt werden. Und Tritte, über die Bettmitte hinweg auf die andere, von lautem Schnarchen erfüllte Seite. Hier noch ein Geheimnis: Nein, das hilft auch alles nichts.

Marek Wykowski (Foto)

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