Zweimal zweites Leben

Ein Mann und eine Frau finden zueinander. Weil ihre Partner auf der Intensivstation liegen. Ist das verwerflich? Oder wunderschön? Die Geschichte einer unmöglichen Liebe.

Wenn sich zwei Menschen wie Harald und Susanne verlieben, gibt es viele, die sofort als Moralwächter zur Stelle sind und urteilen, ob sein kann, was nicht sein darf.

Er nimmt den Schleichweg durch den schicken, neu gebauten Duisburger Hafen und parkt in Obermeiderich. Ruhige Straße, verklinkerte Reihenhäuser. Sie haben Glück gehabt mit dem Haus, sagt Harald S., das Viertel ist eigentlich zu gut, sie sind ja einfache Ruhrpottler. »Aber überzeugte«, sagt Susanne D. Sie kommt vom Friseur und wirft ihre Tasche im Flur auf die Bank. Er sagt: »Bis heute Morgen war sie noch hellrot.« Jetzt ist sie dunkelbraun. »Steht dir gut.« Sie lächelt ihn an. Freundliches, waches Gesicht. Er kocht Kaffee, verteilt Tassen.

Harald, 49, und Susanne, 41, wirken harmonisch. Sie sind ein Paar, aber viele finden, sie dürften keines sein. »Wir haben unser zweites Glück auf dem Unglück unserer Partner aufgebaut«, sagt Susanne. Harald schüttelt den Kopf. Sie können doch nichts für das Unglück ihrer Partner. Diese Schuldgefühle sind unnötig, findet er. Aber wären ihre Ehepartner nicht so krank geworden, hätten sie sich nicht kennengelernt, sicher. Und vielleicht hätten sie das alles ohne einander nicht ausgehalten. »Trotzdem hat unsere Geschichte kein Happy End«, sagt Susanne.

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Eine solide Ehe
Harald, geboren 1961 in Duisburg, ist gelernter Elektroinstallateur, ging aber unter Tage, weil er mehr verdienen konnte: Schacht Walsum. 16 Jahre war er dort, Hitze, Kälte, Staub, Wechselschichten. Harte Arbeit. 1989 heiratete er und bekam mit seiner Frau Martina zwei Kinder. Ein normales Familienleben: genau das, was er sich wünschte. Das Zechenhaus in Walsum, das die Familie erst mietete und später kaufte, vergrößerte er nach und nach. Baute alles selbst an und ein, goss ein neues Dach, mauerte die Garage, karrte Schotter an für die Auffahrt und legte Steine darauf.

Seine Frau arbeitete als Groß- und Außenhandelskauffrau im Betrieb ihrer Eltern, einer Firma für Schweißtechnik. Als die Kinder klein waren, setzte sie eine Zeit lang aus, dann ging sie halbtags ins Büro. Als die Mine keine Aufträge mehr bekam, stieg Harald in den Schweißbetrieb mit ein. Zehn-Stunden-Tage. Irgendwann, dachte Harald, würde alles abbezahlt und fertig sein. Dann würde er von der Arbeit kommen und sich in den Garten setzen. Nichts mehr tun müssen. Ein Traum.

Eine lustige Ehe
Susanne, geboren 1969 in Duisburg, lernte Bäckerin, heiratete früh, bekam zwei Kinder. Ihr Mann Michael fuhr Wechselschichten als Manager in der Adjustage-Abteilung bei Thyssen-Krupp. Er arbeitete viel, verdiente gut. Sie kauften ein Haus mit Swimmingpool und richteten sich schön ein. Ganz wichtig: die Familien. Man feierte zusammen, spielte Karten, kegelte. Alle mochten Michael, kein Kind von Traurigkeit. Wenn jemand fragte: »Warum bist du denn so dick?«, sagte er: »Weil ich immer allen alles wegesse.« Und lachte sich kaputt.
»Ich hatte einen ganz tollen Mann«, sagt Susanne. Die Ehe machte Spaß. Für die Kinder hatte der Vater immer ein offenes Ohr und einen lustigen Spruch auf den Lippen.

Der erste dramatische Zwischenfall
Am 26. April 2006 wird Harald über Lautsprecher aus der Werkstatt ins Büro gerufen. Seine Frau ist umgekippt, von jetzt auf gleich, am Schreibtisch. Als er ankommt, schnappt Martina nach Luft, ihre Lippen sind blau. Sein Schwager sagt: »Die wird schon wieder.« Harald denkt: Die wird nicht einfach wieder. Die kriegt ja gar keine Luft!

Er versucht sie wiederzubeleben, Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzmassagen. Sie atmet, hört auf zu atmen. Der Notarzt holt sie zurück, spritzt Blutverdünner, Martina kommt zweimal zurück und fällt zweimal wieder weg. Als sie auf der Intensivstation liegt, ist Harald erleichtert, weil sie da in den richtigen Händen ist. Er stellt sich vor, wie er sie besucht, Blumen in der Hand, und seine Frau sagt: »Mensch, wo bin ich denn hier?« Aber Martina wacht nicht auf. Nach drei Tagen nehmen die Ärzte das Beatmungsgerät ab. Sie atmet. Mehr nicht. Harald erzählt den Kindern, die zwölf und 14 Jahre alt sind: »Das wird.« Aber er fragt sich: Was, wenn nicht? Nach einer Woche sagt ein Pfleger: »Wenn Sie Pech haben, kann Ihre Frau für immer so daliegen.« Martina spricht nicht und kann kaum etwas sehen, nicht essen, die Beine nicht bewegen, die Arme nur ein bisschen. Die Ärzte glauben, dass sie eine Lungenembolie hatte, denn organisch ist nichts festzustellen. Durch den Blutverdünner kann man eine Embolie später nicht mehr erkennen. Die Diagnose: hypoxischer Hirnschaden. Martina wird auf die Wachkoma-Station des Krankenhauses in Duisburg verlegt.

Der zweite dramatische Zwischenfall
Am 6. Mai 2006 geht Michael mit seinem Sohn zu dessen Fußballspiel. Es ist warm und sonnig, Michael kriegt einen Sonnenbrand. Abends kommt Besuch. Bei Tisch wird Michael übel. Aschfahl ist er im Gesicht, trotz des Sonnenbrands, und wackelig auf den Beinen. Susanne will ihn ins Krankenhaus fahren. Er wehrt ab: »Ach, Quatsch.« Grinst. »Mensch, glaubste, mir geht’s schon wieder gut.« Dann sackt er zusammen und verschluckt fast seine Zunge, wird violett im Gesicht. Die Tochter brüllt, der Sohn kann sich nicht rühren vor Schreck, die Nachbarn kommen, Beatmung, Herzmassage, Krankenwagen anrufen. Michael bewegt sich 15 Minuten lang nicht. Susanne sagt: »Der Michael ist jetzt tot.« Die Kinder, 14 und 17 Jahre, denken das auch. Dann erst kommt der Krankenwagen. Susanne fährt mit in die Herzklinik von Duisburg.

Michael lebt. Er öffnet seine Augen bald und spricht: in Zahlen. Er war immer gut in Mathematik. Sonst reagiert er nicht. Tagelang. Die Ursache für seinen Anfall: ein sogenannter Hinterwandinfarkt. Er wird auf die Wachkoma-Station des Krankenhauses in Duisburg verlegt, in das Bett neben Martina.

Geteiltes Leid


Schicksalhafte Fügung

Zehn Patienten liegen in einem Raum und stehen unter Dauerbewachung. Ihre Betten, dicht an dicht, sind durch verstellbare weiße Wände voneinander abgetrennt. Man versteht jedes Wort, das am Nachbarbett gesprochen wird. Eines Tages kommt Martinas Schwester mit Harald, ihrem Schwager, zu Besuch auf die Wachkoma-Station. Als sie sich in dem Raum umgesehen hat, sagt sie zu Harald: »Hast du gesehen, neben Martina liegt ein Mann, der ist auch noch jung. Unterhalte dich doch mal mit seiner Frau, der geht es sicher ähnlich wie dir.«

Harald hat kein Interesse. Seine Kinder fragen ständig nach der Mutter. Soll er sie mit ins Krankenhaus nehmen? Martina sieht so anders aus – alle Spannung ist aus ihrem Gesicht gewichen. Wenigstens sind nicht mehr die Schläuche an ihr dran.
Auch Susanne, Michaels Frau, versinkt in ihrem Unglück, guckt nicht rechts und nicht links. Sie hat erfahren, dass ihr Mann das Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis verloren hat. Auch die Hirnbereiche, in denen Gefühle gesteuert werden, sind betroffen. Sie ist sauer auf das Schicksal, das ihr ihr schönes Leben genommen hat.

Susanne und Harald begegnen sich jeden Tag am Krankenbett. Sie fangen an, sich zu grüßen. Sich anzulächeln. Und kommen allmählich ins Gespräch, geben sich Tipps, wie man mit den Kindern umgeht. Heulen sich beim anderen aus. Oft bleiben sie bis nachts zusammen auf der Station sitzen und reden und teilen ihre Sorgen.

Wann genau sie ein Paar wurden? »Sie werden lachen«, sagt Harald. »Das weiß keiner von uns. Nicht einmal Susanne, obwohl Frauen so etwas doch immer wissen. Wir waren in Gedanken ja bei unseren Partnern, die gingen immer vor.« Die beiden sehen sich in die Augen. Ein langer, ernster Blick ist das.

Sie sind nicht die Sorte Liebende, die die Finger nicht voneinander lassen können. Die Erde hat nicht gebebt, als sie sich das erste Mal sahen. Ihre Verbindung ist die Last, die sie tragen. »Niemand konnte mich so gut verstehen wie Harald«, sagt Susanne, Harald nickt. »Ist ja klar. Wir waren in derselben Situation. Jeder von uns, der etwas in Erfahrung brachte, hat es dem anderen erzählt.« Susanne klimpert mit den Augen, damit man nicht sieht, dass sie fast weint. »Ich bin ja nicht der empfindliche Typ«, sagt sie, »aber ich weiß nicht, ob ich noch hier sitzen würde, wenn Harald nicht gewesen wäre.«

Geteiltes Leid
Seit Wochen rast Harald zwischen der Arbeit, den Kindern und dem Krankenhaus hin und her. Keine freie Minute. Manchmal sieht er sein Gesicht im Spiegel und erschrickt: Wie siehst du denn aus? Und sein Motorrad, mit dem er so gern auf Spritztouren geht, steht herum. Soll er doch mal raus? Eine Stunde nur? Es kostet ihn Überwindung, sein Pflichtgefühl will ihn nicht loslassen, aber dann setzt er sich auf seine Maschine und fährt los. Seltsamerweise Richtung Klinik.

Susanne will nicht mitfahren, doch er wird richtig sauer: »Du musst mal da raus! Nicht immer nur trauern.« Da steigt sie auf. Es tut gut, durch die Sommerluft zu brausen. Danach machen sie das manchmal: einfach so durch die Gegend fahren und an nichts denken. Als ihre Partner im Hochsommer in die Reha kommen, bleiben die beiden in Kontakt. Erfolge, Rückschläge, Hoffnung, Enttäuschung – mal beim einen, mal beim anderen. Sie trösten sich gegenseitig. Die Ärzte sagen, im ersten halben Jahr kann nach einem erworbenen Hirnschaden viel zurückkommen. Und die Patienten können wieder dazulernen – tote Gehirnzellen sind zwar tot und Verbindungen unterbrochen, das Hirn verfügt aber über eine große Anzahl ungenutzter Hirnzellen, die neu programmiert werden können. Je länger der Stillstand jedoch anhält, desto geringer werden die Chancen. Die ungenutzten Verästelungen im Gehirn werden nach und nach stillgelegt.

Bittere Erkenntnisse
Martina lernt wieder sprechen und schlucken, aber nicht gehen. Sie sitzt im Rollstuhl. Ihr Kurzzeitgedächtnis ist zerstört. Sie schielt. Sie lacht über alles, auch wenn es nicht zum Lachen ist. Manchmal wird sie unverschämt zu den Leuten. Das ist nicht mehr die Martina, die Harald geheiratet hat. Auch die Kinder vermissen die Mutter, die vorher so sehr für sie da war. Sie hört nicht zu, wenn sie ihr wesentliche Dinge erzählen. Sie kann sich auf nichts konzentrieren. Die Ärzte raten Harald davon ab, seine Frau mit nach Hause zu nehmen. Man muss 24 Stunden am Tag auf sie aufpassen. Gemeinsam mit seinen Kindern ringt Harald sich dazu durch, seine Frau in einem Pflegeheim unterzubringen.

Michael lernt wieder gehen. Körperlich ist er besser in Form als Martina. Aber er ist geistig schwer behindert. Er hat große Kulleraugen bekommen und der schöne Bass von früher ist jetzt eine blecherne Stimme. Er hat an nichts Spaß, will nur rauchen, fernsehen, schlafen. Man kann ihn nicht allein lassen, weil er alles vergisst. Ihm fehlen die Gedanken. Die Gefühle. Der Humor. Er ist das Gegenteil von früher.
Susanne will ihn trotzdem zu sich nach Hause nehmen. Alle sagen, wie toll, dass sie sich das zutraut. Dann nimmt ein Arzt sie beiseite: »Wissen Sie, was Sie sich da vornehmen? Haben Sie ein Konzept? Sie werden nicht arbeiten können, bekommen Sie Hilfe?« Er insistiert: »Und denken Sie an Ihre Kinder!« In Susannes katholischer Familie gibt es keine Trennungen. Mutter und Geschwister sind der Ansicht, sie könne ihren Mann jetzt nicht einfach abservieren. Die Ärzte bieten den Verwandten ein Gespräch an, um ihnen die Situation zu verdeutlichen. Keiner aus der Familie geht auf das Angebot ein. Harald bekommt keine Vorwürfe, weil Martina in einem Pflegeheim ist. Vielleicht erwartet die Welt da draußen von einem Mann nicht so sehr, für seine behinderte Frau zu sorgen.

Weihnachten verbringt Michael zu Hause bei Susanne und den Kindern, zur Probe. Sie gehen auf den Duisburger Weihnachtsmarkt, wie sie es immer getan haben. »Wenn ich mich nicht gleich hinsetzen kann«, droht Michael laut, »klaue ich was.« Im Restaurant furzt und rülpst er. Er quengelt, weil er nicht an Ort und Stelle schlafen kann. Susanne wird wütend. Die Kinder wollen nach Hause.

»Wenn man jemanden liebt, bricht es einem das Herz, ihn so zu sehen«, sagt Susanne. »Aber man denkt auch ekelhafte Sachen, wie: Du hast dich dein Leben lang vollgefressen und geraucht und jetzt soll ich dir alles hinterhertragen?« Sie bekommt Angst davor, Respekt und Achtung vor ihrem Mann zu verlieren. Angst vor der Belastung, die er für seine Kinder sein würde. »Auch sie waren dafür, dass er ins Pflegeheim kam.« Für den großen Rest ihrer katholischen Familie ist Susanne fortan unten durch.

Ein neuer Anfang

Die Kräfte lassen nach
Nun leben Harald und Susanne mit allen Kindern zusammen in Obermeiderich. »Das war die praktischste Lösung«, sagt Harald. Denn Pflegeheime sind teuer. Harald musste die Lebensversicherung und die Konten der Kinder auflösen, das Haus verkaufen. Susanne musste das Auto und das Haus verkaufen.

An den großen Küchentisch mit Eckbank passen leicht sechs Personen. Auf der Anrichte vier Laibe Brot und Toast, Familienpackungen Müsli, ein Berg Obst in einer Schüssel, Stundenpläne an der Kühlschranktür. Der jüngste von allen ist Haralds Sohn, 16, die älteste Susannes Tochter, 21. Die Kinder, sagen die Eltern, halten zusammen wie Pech und Schwefel. Harald hat Fotos von allen vier Kindern im Portemonnaie. Susanne auch.
Beide versuchen, ihre Kinder dazu zu motivieren, die kranken Eltern zu besuchen, vermitteln ihnen aber zugleich, dass sie diese nicht im Stich lassen, wenn sie es nicht aushalten. Haralds Sohn ist auf den Vater fixiert, die Tochter hofft immer noch, dass es der Mutter eines Tages besser geht. Sie besucht sie regelmäßig, der Sohn sträubt sich.

Susannes Kinder, die den Anfall des Vaters miterlebt haben, leiden unter posttraumatischem Stress: Dem Mädchen sind die Haare so ausgefallen, dass es eine kahle Stelle am Hinterkopf hat. Der Junge simuliert unbewusst den Erstickungsanfall des Vaters mit epileptischen Anfällen. Als er mit blauem Gesicht aus der Schule auf die Intensivstation gebracht wird, denkt Susanne, dass sie die Angst nicht mehr aushalten kann. Was, wenn der Sohn auch krank würde? Und behindert?

Kurz darauf setzten bei ihr Unterleibsblutungen ein, die nicht mehr aufhörten. Sie verlor so viel Blut, dass alle Energie aus ihrem Körper wich. Überforderung. Sie musste ins Krankenhaus, die Gebärmutter wurde entfernt. Harald war in der Zeit für alle Kinder zuständig, arbeitete, kaufte ein, kochte, kümmerte sich um die Hausausgaben, raste wieder jeden Tag ins Krankenhaus. Susanne sagt, es war toll zu wissen, dass er alles in ihrem Sinn regeln würde. Dass sie sich hundertprozentig auf ihn verlassen könnte.

Als sie wieder gesund war, wachte Harald eines Morgens zitternd auf. Nichts ging mehr. Der große Kerl hatte nicht mehr die Kraft, ein Marmeladenglas aufzuschrauben. Wenn er aufstand, brach ihm der Schweiß aus. »Ich wollte ja, aber ich konnte nicht«, sagt er. Das ging Tage, Wochen, Monate. Er verlor seine Stelle. Aber er ist nicht der Typ, der Arbeitslosigkeit aushielte. Also bewarb er sich in einem Berufstrainingszentrum. Dort lernte er wieder zu arbeiten, Belastungen auszuhalten. »Das Schlimmste für mich wäre Hartz IV«, sagt er. »Ich muss doch den Kindern ein Vorbild sein.« Seine Tage im Berufstrainingszentrum Duisburg sind gezählt, ein Jahr ist er fast dort. Jetzt muss er zurück auf den Arbeitsmarkt, mit fast fünfzig Jahren. Seine Betreuerin, die viele solcher Leute hat kommen und gehen sehen, ist zuversichtlich: »Mit seiner Einstellung dürfte das kein Problem sein.«

Ein neuer Anfang
»Wir können einiges aushalten«, sagt Susanne. »Besonders miteinander. Wir sind in einer feindlichen Welt zur totalen Einheit geworden.« Sie nimmt Haralds Hand. Die Kränkung, die ihre Familie ihr zufügt, kann sie bei aller Tapferkeit nicht überspielen. »Wir haben noch nie über Grundsätzliches gestritten«, sagt er. »Wir sind uns vollkommen einig über den Umgang mit den Kindern, Erziehung, Prinzipien.« Er drückt ihre Hand. »Aber wissen Sie, was seltsam ist?«, fragt Susanne. »Die unterschiedlichen Erfahrungen, die wir gemacht haben, obwohl unsere Situation so vergleichbar war. Harald ist krank geworden, hat seinen Job verloren. Ich habe einen neuen Beruf gefunden.«

Wäre ihr Mann nach Hause zurückgekehrt, hätte Susanne vom Jugendamt Familienhilfe bekommen. Bei Gesprächen mit dem Amt wurde ihr angeboten, selbst als Familienhelferin zu arbeiten. Und weil sie es gut macht, kann sie sich nun in einem Lehrgang zur Sozialpädagogin ausbilden lassen. Und mehr verdienen. Wovon sie selbst allerdings nicht viel merken würde: Susanne und Harald dürfen nur 900 Euro ihres Nettoverdienstes behalten, für sich und die Kinder, der Rest geht an die Pflegeheime.
»Für mich ist das nicht schlimm«, sagt sie. »Aber wenn die Kinder eines Tages arbeiten, werden sie auch für die Pflegeheime bezahlen müssen.« So lange, wie ihre kranken Eltern leben. Menschen mit erworbenem Hirnschaden können sehr alt werden, sagen die Ärzte. Sie haben keinen Stress.

Es ist dunkel geworden. Die Kinder sind oben und warten aufs Abendessen. Keiner in der zusammengewürfelten Familie weiß, ob sie sich das Haus noch leisten können, wenn Harald nicht bald Arbeit findet. Er legt seinen Arm um Susanne und sagt: »Das wird schon.« – »Alle anderen fühlen sich so im Recht, da zweifelt man schon mal«, sagt sie zum Schluss. »Aber so schlecht können wir doch nicht sein, oder?«

Fotos: Peter Cade/ Getty, Thomas Rabsch