Hört, Hört!

Zum Start der Süddeutsche Zeitung Diskothek: die besten Anekdoten aus 50 Jahren Popgeschichte

    1955 Er hat sie alle angerufen! Aber nicht wegen der Lackschäden... Elvis trägt einen pinkfarbenen Anzug und ein durchsichtiges Hemd, als er am 13. Mai in einem Stadion in Jacksonville, Florida, auftritt. Seine Show besteht aus einer Abfolge lasziver Bewegungen – und sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Denn als Elvis zum Abschluss seines Auftritts scherzhaft »Mädchen, ich seh euch gleich hinter der Bühne« ins Mikrofon raunt, springen plötzlich tausende Fans auf und stürmen auf die Bühne zu. Im Schweinsgalopp flüchtet Elvis zu seiner etwas entfernten Garderobe und kann dem Raum auch erreichen, jedoch die Tür nicht mehr verriegeln, so dass hundert völlig entfesselte Mädchen hineindrängen und ihm die Kleider vom Leib reißen – bevor er sich schließlich auf einer Duschkabine in Sicherheit bringt. Elvis muss einige Stunden in der Garderobe bleiben, bis sich die Aufregung gelegt hat. Endlich kann er das Gelände verlassen, doch als er zum Parkplatz kommt, traut er seinen Augen nicht: Sein pinkfarbener Cadillac ist über und über mit Namen und Telefonnummern bedeckt, die die Mädchen mit Lippenstift auf das Blech geschrieben oder gleich in den Lack gekratzt haben.

    1956 Die knallen, die Knollen! Hier kommen die berühmtesten Kartoffeln der Rockgeschichte. Mitte der Fünfziger gehen Elvis Presley, Johnny Cash und Carl Perkins häufig zusammen auf Tour. Elvis ist zwar der größte Star der Truppe, doch auf der Bühne gelingt es Carl Perkins gelegentlich, dem »King« die Schau zu stehlen. Eines Nachts gratuliert Johnny Cash Perkins zu einem besonders feurigen Auftritt, doch dieser flucht nur darüber, dass ihm diese Erfolge nichts nützten, solange ihm kein Hit gelinge. Cash erzählt ihm darauf von einem Soldaten namens C. V. White, den er während seiner Militärzeit in Landsberg am Lech kennen gelernt habe. Der habe gelegentlich auf seine spiegelblanken Armeestiefel gezeigt und gesagt: »Don’t step on my blue suede shoes!« (»Tritt nicht auf meine blauen Wildlederschuhe.«) Das sei doch wohl ein ganz gutes Thema für einen Song, meint Cash dann noch. Ein paar Tage später hört Perkins, wie ein Mann zufällig genau denselben Satz beim Tanzen zu seiner Freundin sagt. Am nächsten Morgen wacht Perkins um drei mit der Idee für den fertigen Song auf. Er geht in die Küche und will den Text aufschreiben, hat aber leider kein Papier zur Hand. Also leert er eine Kartoffeltüte aus und notiert darauf seine Eingebung, komplett mit .chreibfehlern: Statt »suede« (Wildleder) schreibt er »swaed«. Der Song Blue Suede Shoes wird trotzdem einer der größten Rock’n’Roll-Hits. 1957 Liebe Popstars, bitte werdet niemals Priester oder Missionar. Das geht immer in die Hose! Mit anzüglichem Slang, greller Schminke und einer außerirdischen Bühnenshow hatte Little Richard mehr für den wilden Ruf des Rock’n’Roll geleistet als die gesamte Konkurrenz. Bis er auf einer Australien-Tour am Sternenhimmel den russischen Sputnik-Satelliten vorbeiziehen sieht (Passagier übrigens: die Hündin Laika). Der Sänger hält es für ein Zeichen Gottes: Er streift sich vier Diamantringe im Wert von 8000 Dollar von den Fingern, wirft sie in den Hunter River und schwört seinem flamboyanten Lebensstil ab. Nach seiner Rückkehr in die USA schreibt er sich sogar an einer Bibelschule in Huntsville, Alabama, ein, was ihn auch steuerlich recht günstig kommt. »Rock ’n’ Roll ist vom Teufel«, sagt er, »weil Rock’n’ Roll dich dazu bringt, Drogen zu nehmen, und Drogen dich zu einem Homosexuellen machen.« Beides übrigens Sachgebiete, in denen Little Richard eine Menge Erfahrung hat. Die fromme Askese sollte jedoch nicht lang andauern. Bereits fünf Jahre später tauscht Richard das Büßerhemd wieder gegen den Glitzeranzug und geht auf Europa-Tournee. In Hamburg damals in seinem Vorprogramm: eine unbekannte Combo namens The Beatles.

    1958 Was bekommt man, wenn man von »sweet little sixteen« noch mal drei Jahre abzieht? Eine Menge Ärger. Da Elvis seinen Militärdienst ableistet, hat Jerry Lee Lewis endlich freie Bahn, sich zum wahren König des Rock’n’Roll zu krönen. Im März bringt der »Killer« seine Single Breathless heraus, im Mai geht er auf England-Tournee, um seinen Ruhm zu festigen. Bei der Passkontrolle am Londoner Flughafen fällt dem Beamten auf, dass Lewis’ Frau außerordentlich jung zu sein scheint. Die Presse bekommt ebenfalls schnell Wind davon. Wie alt ist die Frau denn?, wird Jerry Lee gefragt. 15, sagt er. Wie sich bald herausstellt, ist Myra Lewis jedoch erst 13 und zudem die Kusine ihres Mannes. Jerry Lee Lewis, 22, betont, dass die beiden legal geheiratet hätten und sich sehr lieben würden. Doch als dann noch herauskommt, dass er selbst bereits mit 14 zum ersten Mal das Jawort sprach (»Verdammt, ich war einfach zu jung«) und die aktuelle Ehe bereits seine dritte ist, gibt es einen Riesenskandal und die Tournee wird nach zwei Konzerten abgebrochen. »Wir sind in England sehr freundlich empfangen worden«, sagt Lewis nach seiner Rückkehr in New York zu Reportern. »Ich habe bloß Heimweh bekommen.« Nach dieser Schmach kommt Jerry Lee Lewis’ Karriere abrupt zum Stillstand. Was ihn und seine junge Frau allerdings nicht daran hindert, von da an ein gottesfürchtiges Familienleben zu pflegen und fast 15 Jahre verheiratet zu bleiben – bis sie ihn in flagranti mit einer Indianerin erwischt.

    1959 Wie zwei weiße Teenager die Soulmusik erfinden. Und verschwinden. Später sollte das Label Tamla Motown als Hitfabrik bekannt werden, doch als Berry Gordy seine Firma gründet, wollen sich partout keine Erfolge einstellen. Eines Tages im Sommer unterhält sich Gordy in seinem Haus in Detroit mit seiner Sekretärin darüber, wie pleite die Firma sei. Jetzt müsse schleunigst Geld her, sonst gingen bei Motown bald die Lichter aus! Mit diesem Gedanken im Kopf setzt sich Gordy ans Klavier und haut wütend in die Tasten; dazu ruft er mit kehliger Stimme »money, money«. Zufällig kommt der Sänger Barrett Strong vorbei und arbeitet weiter an der Songidee, während Gordy einen Schlagzeuger auftreibt, um den Titel so schnell wie möglich aufzunehmen. Einen Drummer findet er auch, aber keinen Bassisten und Gitarristen. In diesem Moment kommen zwei Teenager hereingeschneit, die glaubhaft versichern, beide Instrumente spielen zu können. Die beiden sind weiß, alle anderen schwarz, aber was soll’s? Nach zwei Stunden ist der Titel Money (That’s What I Want) im Kasten; er wird zum ersten großen Hit von Motown und später sogar von den Beatles gecovert. Die beiden weißen Jungs jedoch hat keiner jemals wieder gesehen.

    1960 Danach brauchte Tina bestimmt keine Rückbildungsgymnastik mehr. Endlich haben Ike und Tina Turner ihren ersten Hit: Im Herbst klettert A Fool In Love die Charts hoch. Ike schlägt sich seit knapp zehn Jahren als Musiker durch, nun möchte er ran ans große Geld und bucht eine Menge Konzerte für die Band. Das Problem: Tina ist hochschwanger, allzu viele Auftritte wird sie nicht mehr mitmachen können. Also engagiert Ike eine Doppelgängerin, die Tina ein paar Mal auf der Bühne vertreten soll. Am 27. Oktober bekommt Tina in Los Angeles ihren zweiten Sohn Ronald. Am Tag darauf erfährt sie, dass ihr Double in Wahrheit eine Prostituierte ist – die den Freiern seit einigen Tagen weismacht, sie könnten mit Tina Turner schlafen! Wutentbrannt verlässt Tina das Krankenhaus und stellt die Hure zur Rede. Als die patzig reagiert, flippt Tina aus und schmeißt ihre Doppelgängerin im Verlauf einer deftigen Keilerei in eine Badewanne. Zwei Tage nach der Geburt steht sie dann wieder auf der Bühne. »Es war gar nicht so schlecht«, schreibt sie in ihrer Autobiografie. Allerdings: »Ich blutete ziemlich stark bei den hohen Tönen.«

    1961 »Say It Loud, I’m Black And I’m Proud« zu sagen hat sich James Brown in der Cafeteria zum Glück verkniffen. Im Mai tourt James Brown durch die amerikanischen Südstaaten, in denen Rassentrennung zu dieser Zeit noch die Regel ist. So gibt es auch in der Cafeteria des Busbahnhofs von Birmingham, Alabama, wo Brown zu Mittag essen möchte, eine weiße und eine schwarze Seite. Kaum haben sich der Soulsänger und seine Band in dem schwarzen Bereich niedergelassen, hören sie laute Rufe auf der anderen Seite. Brown steht auf und blickt über die halbhohe Bretterwand, die die beiden Raumhälften trennt. Er sieht ein paar Afroamerikaner, die sich an die Tische der weißen Seite setzen und dabei von jungen Leuten unterstützt werden, die wie Studenten aussehen – offensichtlich Bürgerrechtler. Bei den anderen Weißen kommt die Aktion gar nicht gut an. James Brown merkt, dass sich hier Ärger zusammenbraut, und eilt mit seiner Band zum Auto, um schnell das Weite zu suchen; er weiß, dass es niemanden mehr interessieren wird, auf welcher Seite er tatsächlich saß. Auch die Bürgerrechtler flüchten aus der Cafeteria und rennen zu ihrem Bus, verfolgt von einer weißen Meute, die sich mit Knüppeln und Baseballschlägern bewaffnet hat. James Browns Auto und der Bus der Bürgerrechtler brettern mit quietschenden Reifen aus der Stadt, gejagt von einem rassistischen Mob in zahlreichen Autos und Kleinlastern. Brown und seine Leute können entkommen. Später erfahren sie jedoch, dass die Meute den Bus eingeholt und niedergebrannt hat. Alle Aktivisten wurden brutal zusammengeschlagen.

    1962 Das nennt man dann wohl: um sein Leben singen. Anfang der Sechziger sind schwarze und weiße Musik noch strikt getrennt. Den schwarzen Soulmusiker Solomon Burke schert das wenig: Er singt gern weiße Countrysongs. Doch Burkes Vielseitigkeit führt gelegentlich zu Verwechslungen. Bei einem Auftritt in Alabama sieht er sich plötzlich einigen tausend Mitgliedern des rassistischen Ku-Klux-Klan gegenüber! Die Kapuzenmänner glaubten, für ihren Kameradschaftsabend einen Countrysänger engagiert zu haben; nun sind sie überrascht über den »Nigger« auf der Bühne und schwenken bedrohlich ihre Fackeln. Mit seinem Hit Down In The Valley schafft es Burke jedoch, selbst dieses Publikum zum Tanzen zu bringen. Am Ende bekommt er 7500 Dollar Gage und ein freundliches Abschiedsgeleit.

    1963 Kein Wunder, dass sich Dennis Wilson bald darauf mit einer Mörderbande einlässt. Im März bringen die Beach Boys ihre Single Surfin’ USA heraus – bis dahin ihr größter Hit. Kern der Gruppe aus Kalifornien sind die drei Brüder Brian, Carl und Dennis Wilson, die zeit ihres Lebens unter ihrem strengen Vater Murry leiden. Den Erfolg seiner Söhne sieht Murry Wilson vor allem als sein Werk an und so piesackt er sie mit seinen Vorstellungen von Zucht und Ordnung, schließlich sollen die Beach Boys eine »saubere« Gruppe sein. Auf Tourneen postiert er sich zum Beispiel im Hotelflur, um zu verhindern, dass sie Mädchen mit auf ihre Zimmer nehmen. Auch Flüche sind ihm ein Dorn im Auge: Als er einmal hört, wie der Cousin der Wilsons, Mike Love, der ebenfalls bei den Beach Boys singt, hinter der Bühne »Fuck« sagt, möchte er ihn aus der Band schmeißen, kommt damit aber nicht bei der Plattenfirma durch: »Fuck, you’re kidding!«, entgegnet ein Capitol-Mitarbei-ter schmunzelnd, als Murry Wilson Love anschwärzen will. Gleichzeitig entwickelt er bizarre Werbeideen für die Beach Boys. Die beste: Er lässt 5000 Anstecker mit der Aufschrift »Ich kenne Brian’s Dad« herstellen.

    1964 Da sieht man’s mal wieder: Ohne Bob Dylan wäre die Welt nur halb so schön. Im Sommer sind die Beatles auf ihrer ersten US-Tour. Am 28. August treten sie vor tausenden kreischender Mädchen im Tennisstadion von Forest Hills/New York City auf. Danach fahren sie zurück ins Hotel nach Manhattan, das ebenfalls von tausenden Fans belagert wird. Trotzdem gelingt es einem Gast, die Absperrungen zu überwinden und bis zu ihrer Suite vorzudringen: Bob Dylan. Die Beatles und Dylan verbindet großer gegenseitiger Respekt, allerdings sind sie sich noch nie vorher begegnet, und so schlägt Dylan vor, erst mal gemeinsam einen Joint zu rauchen. Was? Wie bitte? Bisher haben die Beatles zwar Aufputschpillen geschluckt und jede Menge Whiskey-Cola getrunken, jedoch noch nie gekifft! Dylan denkt, die vier wollen ihn auf den Arm nehmen, und holt einen Beutel mit Marihuana aus der Tasche, um einen Joint zu rollen. Da auf dem Gang ein Dutzend Polizisten Wache schiebt, zieht man sich in eine entlegene Ecke der Suite zurück und dichtet die Türritzen mit zusammengerollten Handtüchern ab.
     Dylan reicht die etwas krumm geratene Tüte John Lennon, der sie mit den Worten »Du probierst!« an Ringo weitergibt und noch einen Witz darüber macht, dass Ringo sein Vorkoster sei. Ringo zündet also den Joint an. Unvertraut mit der Kiffer-Etikette, gibt er ihn jedoch nicht nach einigen Zügen weiter, sondern raucht ihn zu Dylans Befremden ganz allein – und fängt schon bald an, hysterisch zu kichern. Der Anblick des lachenden Ringo bringt die anderen ebenfalls zum Lachen und schnell werden weitere Joints gedreht, bis jeder der Beatles und auch ihr Manager Brian Epstein versorgt ist. Es wird dann noch ein sehr lustiger Abend, in dessen Verlauf Dylan sich mehrmals am Telefon mit »Ja, hallo? Hier Beatlemania!« meldet und Paul McCartney den Sinn des Lebens findet. Verzweifelt versucht er, ein Blatt Papier und einen Bleistift zu organisieren, um seine unglaublichen Erkenntnisse für die Nachwelt aufzuschreiben, aber er kann sich nicht bewegen – nur kichern. John Lennon sagte später, dass die Beatles an diesem Abend ein für alle Mal aufgehört hätten zu trinken. »So einfach war das.«

    1965 Aus Rache über die Entlassung klaut Jimi seinem Ex-Boss schnell noch den Schnurrbart. »Mein Sohn verehrt Little Richard«, soll Jimis Vater Al Hendrix einmal gesagt haben. »Er würde zehn Meter durch Scheiße robben, um in Little Richards Band mitmachen zu dürfen.« Solch einer Mutprobe bedurfte es allerdings gar nicht: Da Jimi Hendrix beim Vorspiel für Little Richards Band darauf verweisen kann, bereits mit Soulstars wie Sam Cooke und den Isley Brothers gespielt zu haben, bekommt er Anfang 1965 den Job als Gitarrist. Hendrix nennt sich damals noch Maurice James und pflegt seine Gitarre in einem Kartoffelsack zu transportieren, doch auf der Bühne zeigt er bereits viele der Tricks, mit denen er später berühmt werden sollte: So spielt er sein Instrument mit den Zähnen oder hinter dem Rücken und experimentiert mit Rückkopplungen. Little Richard wäre über diese zusätzliche Attraktion wohl nicht unglücklich gewesen – wenn sich sein Gitarrist bloß an die Bandregeln gehalten hätte: Hendrix aber mag die Anzüge nicht, in denen Little Richards Begleitgruppe auftreten muss, kommt dauernd zu spät und hat oft nicht einmal die Saiten komplett. Einmal provoziert er seinen Boss mit einem Rüschenhemd, obwohl Richard extra angeordnet hatte, dass auf der Bühne nur er selbst Rüschenhemden tragen darf! So wird Hendrix bald gefeuert. Was Little Richard nicht daran hindert, sich nach den späteren Erfolgen des Ausnahme-Gitarristen als dessen Entdecker auszugeben.

    1966 Lou Reed hat allen Grund, Psychiater zu quälen. Als Jugendlicher bekam er eine Elektroschock-Therapie. Beim Pop-Art-Künstler Andy Warhol muss alles immer möglichst schnell gehen. Das merkt auch die New Yorker Band The Velvet Underground, die Warhol im Dezember 1965 als Manager verpflichtet. Bereits einen Tag nach der Übereinkunft drückt Warhol der Band um Lou Reed eine neue Sängerin aufs Auge, und zwar die Kölnerin Christa Päffgen alias Nico, die zwar toll aussieht, aber nicht singen kann. Doch schon am 13. Januar 1966 kommt es zum ersten gemeinsamen Auftritt – wenn auch zu einem ungewöhnlichen. Ort: das Jahrestreffen der »New Yorker Gesellschaft für klinische Psychiatrie«, zu dem Warhol als Gast geladen ist. Beim Essen wird gerade der zweite Hauptgang serviert, als Mitarbeiter Warhols mit Kameras und Mikrofonen in der Hand den Ballsaal stürmen und den Psychiatern Fragen stellen wie: »Ist Ihr Penis groß genug?« oder »Machen Sie’s ihr mit dem Mund?« Zugleich entern Velvet Underground und Nico die Bühne und tun ihr Bestes, die versammelten Psychiater mit Songs wie Heroin und Venus In Furs zu erschrecken, natürlich in maximaler Lautstärke abgespielt. Ein Großteil der Ärzte verlässt das Dinner, Warhols PR-Strategie geht auf: Mit dieser Schockbehandlung, über die viele Zeitungen am nächsten Tag berichten, etabliert er The Velvet Underground und Nico als die neuen Stars der Rock-Avantgarde.

    1967 Und das Allerschlimmste: Der arme Keith hatte keine Zigaretten dabei! Die Aufnahmen für das Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band ziehen sich schon einige Monate hin und die Beatles bekommen in den Londoner Abbey-Road-Studios gelegentlich Besuch von anderen Rockstars. Eines Abends schaut zum Beispiel Keith Richards von den Rolling Stones vorbei – allerdings in ziemlich angeheitertem Zustand. Nach einer kurzen Plauderei verabschiedet er sich bald wieder, findet jedoch den Ausgang nicht und tritt versehentlich in eine Kammer neben dem Aufnahmeraum, in der Trommeln und andere Instrumente aufbewahrt werden. Offensichtlich ein wenig überfordert, legt Richards sich schlafen und erwacht auch dann nicht, als die Beatles die Session beenden und die Instrumentenkammer abgesperrt wird. Erst zwölf Stunden später, am nächs-ten Vormittag, betritt wieder ein Toningenieur das Studio. Leises Wimmern hinter der Kammertür. Der verwunderte Toningenieur schließt auf und Keith Richards schießt wie ein geölter Blitz an ihm vorbei ins Freie. Der Stones-Gitarrist hat allen Grund, sich schleunigst aus dem Staub zu machen: In seiner Not hat er nachts in eine afrikanische Trommel gepinkelt.

    1968 Man sollte eben niemals nackige Hippie-Mädchen ins Haus lassen Als Dennis Wilson, Schlagzeuger der Beach Boys, eines Abends im Frühjahr nach Hause kommt, findet er sein Haus am Sunset Boulevard in Los Angeles hell erleuchtet vor. Drinnen tummeln sich ein Dutzend halbnackte Hippie-Mädchen und ihr bärtiger Anführer, ein ungepflegter Typ namens Charles Manson, von dem Wilson schon vorher gehört hat. Manson und seine »Family« ziehen für mehrere Monate bei Wilson ein und feiern regelmäßig Orgien, bei denen Wilson sich mit Tripper infiziert; außerdem spielt Manson dem Beach Boy eigene Songs vor. Wilson ist angetan vom Talent seines neuen Freundes und veranlasst, dass Manson im Tonstudio der Beach Boys ein Demoband aufnehmen darf. Kurz darauf kommt es allerdings zu einem Streit, in dessen Verlauf Manson ein Messer zieht und Wilson fragt: »Was würdest du tun, wenn ich dich töten würde?« Wilson bekommt es daraufhin mit der Angst zu tun und bricht den Kontakt ab, nimmt allerdings trotzdem mit den Beach Boys ein Manson-Stück auf: Cease To Exist erscheint im Dezember unter dem Namen Never Learn Not To Love als Single-B-Seite. Im August 1969 verüben Mansons Mädchen mehrere bestialische Morde in Hollywood, unter anderem an der Schauspielerin Sharon Tate. Als Dennis Wilson nach Mansons Festnahme zu seiner Bekanntschaft mit dem Mörder befragt wird, sagt er, er könne sich an nichts Besonderes erinnern. Noch Jahre danach lebt er in Furcht vor Charles Manson und dessen »Family«.

    1969 Nannten sie ihn wohl deshalb den Eidechsen-König? Am 1. März verpasst Jim Morrison seinen Flug nach Miami, wo am Abend ein Konzert der Doors stattfinden soll. Die Zeit bis zum nächsten Flug vertreibt er sich mit ein paar Drinks, und als er schließlich im Dinner Key Auditorium in Miami eintrifft, ist er bereits völlig besoffen. Auf der Bühne beginnt er sofort, sinnlose Tiraden ins Mikrofon zu krakeelen. Nur mit Mühe gelingt es, ein paar Songs zu spielen, Morrison grölt dabei ständig Parolen wie »You’re all a bunch of fucking idiots!« und »I wanna see some action out there«. In der Halle herrscht Pandämonium, die Leute johlen und strömen auf die Bühne, einer reicht Morrison ein lebendiges Lamm hinauf. Das Chaos erreicht den Höhepunkt, als Morrison Anstalten macht, seine braune Lederhose aufzuknöpfen und seinen Penis zu entblößen; da-ran wird er jedoch von einem Mitarbeiter der Band gehindert, der Morrison von hinten umklammert. Die Doors beenden das Konzert, als jemand Farbbeutel auf die Bühne schmeißt und ein Sicherheitsbeamter Morrison von der Bühne ins Publikum wirft, wo sich die Menge auf ihn stürzt. Vier Tage nach dem Chaos-Auftritt wird Haftbefehl gegen den Sänger erlassen, wegen »obszönen und lasziven Verhaltens, unsittlicher Entblößung und Trunkenheit in der Öffentlichkeit«. Beim Prozess im Herbst kann die Entblö-ßung nicht bewiesen werden, trotzdem wird Morrison zu acht Monaten Gefängnis verdonnert. Bevor es zur Berufungsverhandlung kommt, stirbt der Sänger in Paris.

    1970 Russen? Vietcong? Keine Gefahr! Aber wie schützen wir unser Land vor den Beatles? Am 21. Dezember hält eine Limousine an der Pforte des Weißen Hauses. Elvis Presley springt heraus und gibt dem Pförtner einen handgeschriebenen Brief, in dem er dringend um ein Treffen mit Präsident Nixon bittet. Er habe eingehende Erkenntnisse über Drogenmissbrauch und kommunistische Gehirnwäsche-Methoden, schreibt der »King«, und wolle dem Präsidenten dabei helfen, Amerika auf Kurs zu bringen. Der Brief zeigt Wirkung: Bereits am nächsten Tag bekommt Elvis einen Termin bei Nixon, der bald darauf eine Anti-Drogen-Kampagne starten möchte. Elvis ist allerdings selbst drogensüchtig und mit Speed und Medikamenten voll gepumpt, als er im Oval Office erscheint. Im Verlauf des Gesprächs sagt Elvis, er mache sich Sorgen um die amerikanische Jugend, die von den »schmutzigen, ungepflegten« Beatles zu unmoralischen Handlungen verführt werde. Dem kann Nixon nur beipflichten. Dann bittet Elvis den Präsidenten, ihm die Dienstmarke eines Anti-Drogen-Agenten zu verleihen. Als Nixon zustimmt, freut sich Elvis so sehr, dass er den Präsidenten spontan umarmt. Zum Abschied überreicht er Nixon einen Colt in einer Geschenkbox.

    1971 Dabei hatte der arme Tisch nichts und niemanden kaputtgemacht. Im Rahmen seiner Sendereihe Ende offen... lädt der WDR zu einer Diskussionsrunde ein: Pop und Co. – Die andere Musik zwischen Protest und Markt. Neben Vertretern der Plattenindustrie, Soziologen und Journalisten erscheint auch Nikel Pallat, Saxofonist der Berliner Rockband Ton Steine Scherben, bekannt für linke Polithymnen wie Macht Kaputt, Was Euch Kaputt Macht. Gegen Ende der Talkshow kommt Pallat richtig in Fahrt. »Du arbeitest für den Unterdrücker und nicht gegen den Unterdrücker«, fährt er Rolf-Ulrich Kaiser an, Chef der Plattenlabel Ohr und Pilz. Außerdem sei das Fernsehen eindeutig »ein Unterdrückungsinstrument in dieser Massengesellschaft«. Um seine Worte zu unterstreichen, holt er plötzlich ein Beil unter seinem Jackett hervor und beginnt, den Tisch zu zerhacken, an dem die überraschten Diskussionsteilnehmer sitzen. 45 Sekunden lang wird Pallats Aktion live in die deutschen Wohnzimmer übertragen; erst als er beginnt, sich der Studiomikrofone anzunehmen, bricht der WDR die Übertragung ab. Die Lieder von Ton Steine Scherben werden in der Folge so gut wie nie mehr im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgestrahlt.

    1972 Nur heute, als Überraschungsgast: der alte Affe Angst. Anfang der Siebziger gelingt Elton John ein Hit nach dem anderen. Im Geheimen hat er aber Sehnsucht nach coolerer, härterer Musik als der eigenen. Sein Idol: Iggy Pop, Sänger der Stooges. Elton John bewundert Iggy, der sich zu Gitarrenlärm auf der Bühne die Brust aufschlitzt, und möchte dessen Band gern zu seinem neuen Label holen. Aber wie soll er sie kennen lernen? Die Gelegenheit bietet sich eines Abends in Atlanta. Um sich ein unvergessliches Entree zu verschaffen, leiht sich Elton ein Gorillakostüm und stürmt zu den Stooges auf die Bühne. Was er nicht weiß: Iggy Pop hat LSD genommen – und stirbt beinahe vor Schreck, als er einen Affen auf sich zurennen sieht. Der Gitarrist James Williamson reißt sein Instrument hoch, um es dem Tier über den Kopf zu braten. Als Elton die Maske lüftet, sind nicht nur die Stooges sauer. Auch das Publikum zeigt sich wenig erfreut, den Mainstream-Star zu erblicken. So muss Elton Johns Label weiter ohne die Stooges auskommen.

    1973 Erstaunlich, dass die israelischen Soldaten nicht schlagartig depressiv geworden sind. Leonard Cohen, Songwriter und kanadischer Jude, beschließt, nach Israel zu fliegen und dort für die Truppen zu singen. Anfang Oktober trifft er in Tel Aviv ein, wenige Tage später greifen Syrien und Ägypten an – der Jom-Kippur-Krieg beginnt. Cohen gibt improvisierte Konzerte auf Armeestützpunkten und wird dann mit einem Helikopter ins Kampfgebiet auf der Sinai-Halbinsel gebracht. Im Wüstencamp Ismailia trifft er den General und späteren Kriegshelden Ariel Scharon. »Wir sitzen im Schatten eines Panzers im Sand und trinken Cognac. Ich will seinen Job«, schreibt Cohen anschließend. Bei einem späteren Auftritt gerät seine Stellung unter ägyptisches Feuer und Cohen muss mit Gitarre in Deckung gehen. Während die Kugeln durch die Luft pfeifen, hat Cohen eine Vision: » Ich töte einen arroganten israelischen Offizier, der mich mit dem Wunsch genervt hat, endlich Suzanne zu singen.«

    1974 Ob Peter Gabriel als Jugendlicher unter Akne litt? Das würde einiges erklären. »Warum steht nicht mehr über uns in der Zeitung?«, fragt Peter Gabriel eines Tages den Pressesprecher von Charisma Records, wo Gabriels Band Genesis unter Vertrag steht. Die Antwort des Mannes: »Weil ihr verdammt langweilig seid!« Gabriel muss zugeben, dass da etwas dran ist: Bei Konzerten machen Genesis optisch wenig her. Um das zu ändern, geht Gabriel ab sofort nur noch in bizarre Kostüme gekleidet auf die Bühne. Los geht’s mit einem roten Abendkleid, zu dem er den Kopf eines Fuchses trägt; auch als Blume, Fledermaus und römischer Zenturio sieht man ihn in dieser Zeit. Sein berühmtestes Kostüm führt er ab Herbst 1974 auf der The Lamb Lies Down On Broadway-Tour vor. Es nennt sich »Slipperman« und ist ganz in Grün gehalten; Gabriel, über und über mit Pickeln und Beulen bedeckt, sieht darin aus wie eine Warzenkröte auf zwei Beinen. Und als ob das nicht genug wäre, verfügt das Kostüm noch über zwei Hoden, die sich mittels eines geheimen Mechanismus zu Luftballongröße aufblasen lassen. Der einzige Nachteil der Verkleidung: Wegen der vielen Beulen auf seinem Kopf kann Gabriel nur mit Mühe das Mikrofon zum Mund führen.

    1975 Ein Model lässt sich am besten abschleppen,wenn es blau ist. Auf dem Zenit seines Ruhms sucht Bryan Ferry, Dandy, Frauenheld und Kopf von Roxy Music, ein sexy Covergirl für Roxy Musics neue Platte Siren. In der Vogue sieht er Jerry Hall, ein 20-jähriges Model aus Texas, und weil sie ihn an eine Sirene aus der griechischen Mythologie erinnert, lässt er das Mädchen nach London kommen. Hall erinnert sich, dass Ferry sich furchtbar mit Parfum eingeduftet hat, als er sie vom Flughafen abholt. Das Model und der Sänger nehmen den Zug nach Wales, wo Hall als nackte blaue Sirene über einen Felsen krabbeln soll: Sie wird mit blauer Farbe eingeschmiert, doch die zerläuft bald in der Sonne genauso wie der Klebstoff an ihren angepappten Flossen. Abends lässt sich die Mischung aus Kleber und Farbe nicht mehr von Halls Körper abwaschen. Hall kann sich nichts anziehen, doch sie muss den letzten Zug nach London bekommen. Da wickelt Ferry das Model in ein Handtuch ein, steigt mir ihr in den Zug nach London und bietet ihr, dort angekommen, zur Säuberung seine Badewanne an. Vom nächsten Morgen an ist Hall Ferrys Freundin – bis sie ihn ein paar Jahre später ohne Vorwarnung für Mick Jagger verlässt.

    1976 Mmmh, dieses amerikanische Bier schmeckt ja gar nicht so dünn wie sonst! Als die Ramones für ihren ersten Auftritt nach London kommen, eilt ihnen der Ruf voraus, den Punk erfunden zu haben. Vor dem »Roundhouse«, wo sie auftreten sollen, stehen die englischen Punks von The Clash und den Sex Pistols Spalier. Sie haben ein bisschen Angst vor den Amerikanern und geben sich hart, was wiederum die Ramones so einschüchtert, dass ihr Schlagzeuger Tommy erst mal eine Valium einwirft. Doch trotz ihrer Nervosität wollen die Ramones nicht auf einen ausgefeilten Scherz verzichten, der bei ihren Konzerten Tradition hat: Die Band liebt es, in die Getränke ihrer Gäste zu pinkeln. Diesmal trifft es einen jungen englischen Punk, der ganz wild da-rauf ist, den Ramones zu imponieren: Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, schafft es vor dem Konzert hinter die Bühne, wo Johnny Ramone ihn überschwänglich begrüßt und ihm gleich ein gut gefülltes, dunkelgelb leuchtendes Glas Bier in die Hand drückt. Rotten leert es in einem Zug. Bassist Dee Dee Ramone sagt später: »Wir anderen hielten nur den Atem an und taten so, als wäre nichts. Und dann ging Rotten wieder.«

    1977 Als George Harrison das Ergebnis sah, soll er kurzzeitig überlegt haben, die Bee Gees zu verklagen. »Die Beatles gibt es nicht mehr«, erklärt Robin Gibb von den Bee Gees. »Und wenn unsere Aufnahme von Sgt. Pepper erscheint, wird es sein, als hätte ihre Platte nie existiert.« Kein Wunder, dass Gibb von sich überzeugt ist. Mit Saturday Night Fever haben die Bee Gees gerade ein Hitalbum gelandet – und das Nachfolgeprojekt soll nun noch erfolgreicher werden: ein Filmmusical, das auf dem Klassiker Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und einigen anderen Beatles-Songs beruht. Im Oktober beginnen die Dreharbeiten, außer den Bee Gees spielen noch Peter Frampton, Aerosmith, Alice Cooper und einige andere Rockstars mit. Regisseur Michael Schultz hat allerdings Probleme, von seinem Ensemble glaubwürdige Schauspielleistungen zu erhalten: Aerosmith kommen morgens bereits besoffen im Studio an und die Bee Gees rauchen einen Joint nach dem anderen. Ein weiteres Problem ist die bizarre Handlung: Es geht um vier Musiker, die bunte Uniformen tragen, um einen riesigen Hamburger he-rumtanzen und dabei mit ihren Liedern die Welt vor einem bösen Syndikat retten. Auch Rivalitäten zwischen den Stars verbessern das Klima nicht. »Die Bee Gees haben jeden Tag Stunden gebraucht, um sich ihre Haare machen zu lassen«, erzählt Joe Perry von Aerosmith später. »Als wir erfahren haben, dass sie eine viel höhere Gage bekommen als wir, haben wir die Idee gehabt, sie in der letzten Kampfszene nicht zu verprügeln, sondern ihre Frisuren durcheinander zu bringen.« Trotzdem glaubt das Studio noch kurz vor der Premiere, einen Hit an der Hand zu haben. Weit gefehlt. Der Sgt. Pepper-Film wird ein Mega-Flop – und dem Soundtrack-Album widerfährt die zweifelhafte Ehre, vom Rolling Stone zur schlechtesten Platte der Siebziger gewählt zu werden.

    1978 Dabei hat er meist so genuschelt, dass sowieso nichts zu verstehen war. Als Serge Gainsbourg zusammen mit Reggaemusikern auf Jamaika den Text der französischen Nationalhymne unter dem Titel Aux Armes Et Caetera (»An die Waffen und so weiter«) verwurstet, läuft die konservative Presse Sturm: Landesverrat! Gainsbourgs Kommentar: »Die Franzosen ertragen es einfach nicht, wenn ein halbes Dutzend Schwarze und ein russischer Jude die Nationalhymne singen.« In einer Talkshow wenig später deckt Gainsbourg einen eingeschnappten Kriegsveteranen mit Obszönitäten ein und bläst Kondome zu Luftballons auf. Die Konzerte sind schnell ausverkauft; da macht es auch nichts, dass sie von Bombendrohungen Rechtsradikaler und von protestierenden Fallschirmjägern begleitet werden. Die Tour kulminiert in Straßburg. Da die jamaikanischen Musiker in der aufgeladenen Atmosphäre nicht auf die Bühne wollen, singt Gainsbourg die Marseillaise vor alten Kriegern in Uniform a cappella und verabschiedet sich mit dem gestreckten Mittelfinger. Gainsbourg: »Natürlich hatte ich meine Ärmel gerade so weit hochgerollt, dass sie meine Cartier-Uhr erkennen konnten.«

    1979 Vielleicht hätte Johnny den Akkord siebzehn Stunden lang spielen müssen, um das Album zu einem Erfolg zu machen. Oder achtzehn. »›Du gehst mir nirgendwohin, Dee Dee‹, sagte Phil und zielte mit seiner Knarre auf mein Herz«, erinnert sich Dee Dee Ramone in seiner Autobiografie an einen Besuch in der Villa von Phil Spector, einem der ein-flussreichsten Produzenten der Popgeschichte: Bis halb fünf Uhr morgens müssen die Ramones danach dem Meister lauschen, der ein ums andere Mal seinen alten Hit Baby, I Love You vorspielt. Die Ramones hält Spector für die beste Band seit den Rolling Stones und will mit ihnen ein neues Album einspielen – auch wenn seine Glanzzeit schon seit Mitte der Sechziger vorüber ist. Im Frühjahr beginnen in Hollywood die Sessions – und die Probleme. Der zu Jähzorn neigende Produzent, der meist Perücke und Sonnenbrille trägt, mietet drei Studios, ohne der Band zu verraten, in welchem denn nun aufgenommen wird. Sind die Ramones dann endlich angekommen, müssen sie Spector ihre Songs immer wieder vorspielen, ohne dass dieser Anstalten macht, irgendetwas aufzunehmen; für eine Gruppe, die ihr Debütalbum in zwei Tagen einspielte, eine schwer erträgliche Arbeitsweise. Besonders gegängelt fühlt sich Gitarrist Johnny Ramone: Den Anfangsakkord von Rock’n’Roll High School muss er für Spector gefühlte sechzehn Stunden lang wiederholen – tatsächlich war es wohl etwas kürzer –, bis er schließlich die Nerven verliert und brüllt: »Mir reicht’s. Ich fahre zurück nach New York. Scheiß auf den Typen!« Einzig Sänger Joey Ramone kommt gut mit Spector klar, vielleicht weil der verspricht, ihn zum »neuen Buddy Holly« zu machen. Doch auch Joey wundert sich, als Spector ihm zum Geburtstag eine leere Schachtel schenkt. Leider sind alle Mühen vergebens: Das Album End Of The Century wird nicht der erwartete Hit. Und im Februar 2003 bekommt die Geschichte mit der Knarre und dem Jähzorn einen bitteren Beigeschmack, als eine Schauspielerin erschossen in Spectors Haus aufgefunden wird.

    1980 Weißbier und Radi wären wohl die bessere Diät gewesen! Bob Marley bricht im September beim Joggen im New Yorker Central Park zusammen. Die Ärzte diagnostizieren Krebs und geben dem Reggaestar nur noch wenige Wochen zu leben. In seiner Verzweiflung beschließt Marley, einen Wunderdoktor aufzusuchen. Sein Büro streut die Nachricht, er ruhe sich in Äthiopien aus, tatsächlich fährt Marley jedoch an den Tegernsee. In Rottach-Egern befindet sich die Klinik des umstrittenen Dr. Issels, der behauptet, mit ganzheitlichen Methoden auch schwere Krebsfälle therapieren zu können. Marley wird auf eine Diät aus Joghurt, Körnern und Kräutertee gesetzt, dazu injiziert ihm der Arzt zahlreiche geheime Wirkstoffe und mit Sauerstoff angereichertes Eigenblut. Auch Spaziergänge sind Teil der Behandlung und so sieht man den bis auf die Knochen abgemagerten Marley im Winter durch Rottach-Egern gehen, immer mit einer Wollmütze bekleidet, da er seine Rasta-Locken im Zuge der Therapie bereits verloren hat. Bis auf die Kälte gefällt es Marley gut in Rottach, das Tegernseer Tal erinnert ihn angeblich sogar an seinen Geburtsort Nine Mile auf Jamaika. Im Dezember meldet die AZ, er wolle einen neuen Song namens »Bavaria« schreiben, doch obwohl er noch Monate in Bayern bleibt, kommt es nicht dazu. Als Bob Marley Anfang Mai 1981 von Dr. Issels entlassen wird, wiegt er nur noch vierzig Kilo. Zwei Tage später ist er tot.

    1981 Hat er dafür wenigstens eine Eins bekommen? Dass sich der Schulunterricht an der Berufspraxis zu orientieren hat, war Anfang der Achtziger noch keine so populäre Forderung wie heute. Wie so etwas aussehen kann, erlebt damals der 16-jährige Andreas Dorau. Er hat gerade eine Single mit avantgardistischem Lärm beim Hamburger Label ZickZack veröffentlichen dürfen. Nun heißt es im Musikunterricht: Wir komponieren einen Popsong. Unter der Leitung des rührigen Fachlehrers Jürgen Kreffter erarbeiten sechs Schüler, unter ihnen Dorau, den Song Fred Vom Jupiter. Für ihre Projektgruppen hat die Schule ein Studio gemietet und so kann der Titel gleich aufgenommen werden. Fred Vom Jupiter wird unter dem Namen Die Doraus & Die Marinas veröffentlicht und gelangt im folgenden Jahr bis in die Top 20. Bis heute darf der Titel auf keiner Neue-Deutsche-Welle-Party fehlen; gerade ist sogar ein Musical nach ihm benannt worden. Der anhaltende Erfolg lohnt sich auch für Jürgen Kreffter – der Lehrer wird als Co-Komponist geführt.

    1982 Wahre Fans schicken seitdem Waffen an Michael – in der Hoffnung, dass ihm noch einmal so ein toller Song gelingt. Im Sommer nimmt Michael Jackson in Los Angeles sein neues Album auf. Dabei spielt er seinem Produzenten Quincy Jones einen neuen Song vor, der von einem unheimlichen Erlebnis im Jahr zuvor handelt. Damals wurde Jackson von einem zudringlichen Fan belästigt, einer jungen Frau, die behauptete, er sei der Vater ihres Kindes. Im Lauf der folgenden Monate schickt sie Jackson Dutzende Briefe, in denen sie dem Star ewige Liebe schwört und von einer gemeinsamen Zukunft fantasiert. Jackson hat reichlich Erfahrung mit solchen Fans, doch die Besessenheit dieser Frau führt sogar dazu, dass er Albträume bekommt. Schließlich erhält er ein Päckchen; darin eine Waffe und die Ankündigung der Frau, sie werde sich und das Baby umbringen, da Jackson ihre Liebe verschmähe; Jackson solle am selben Tag Selbstmord begehen – dann wären sie endlich im nächsten Leben vereint. Über die Episode schreibt Jackson das Lied Billie Jean, bis heute einer seiner größten Hits. Als Quincy Jones den Titel zum ersten Mal hört, findet er ihn allerdings relativ schwach und empfiehlt Jackson, Billie Jean lieber nicht auf das neue Album Thriller zu packen.

    1983 Schaut mal her, da kommt Marvin... und Marvin... und Marvin. Insider behaupten, dass auf keiner Tournee in der Geschichte der Popmusik so viel gekokst wurde wie auf der letzten Tour von Marvin Gaye. »Marvin hat das Kokain sogar gegessen«, sagt später einer seiner Musiker. Der übermäßige Drogenkonsum zeigt Wirkung: Seiner eigenen Männlichkeit nicht mehr sicher, überquert Marvin Gaye die Grenze von der Erotik zum Sexkitsch. Beim Finale seines Hits Sexual Healing zieht er nicht nur Anzugjacke und T-Shirt aus, sondern entblößt sich bis auf die Unterhose. Gleichzeitig steigert das Kokain Gayes Paranoia ins Unermessliche: Er glaubt, dass ihm ein Killer nach dem Leben trachte. Am Bühnenrand postiert er Leibwächter mit Maschinengewehren, seinen Fahrer lässt er komplizierte Routen fahren, um vermeintliche Verfolger abzuschütteln. In der Öffentlichkeit zeigt er sich nur noch in Begleitung seines Bruders Frankie und seines Freundes Dave, die beide etwa gleich groß sind wie er und sich den gleichen Bart und die gleiche Frisur zugelegt haben; so will er den Killer täuschen. Ein Jahr später wird Gaye tatsächlich erschossen, wenn auch von keinem gedungenen Mörder: Nach einem Familienstreit tötet ihn sein eigener Vater.

    1984 Zum Glück hatte das Lied nicht acht Strophen! Die englische Indie-Band The Smiths soll ihr Debütalbum aufnehmen, doch ihr Sänger Morrissey hat regelrecht Angst vor dem Studio; er würde das gesamte Material am liebsten genau einmal einspielen und dann schnell wieder nach Hause gehen. Der Produzent John Porter weiß, dass man so nicht arbeiten kann, doch er hat nicht mit Morrisseys Eigenwilligkeit gerechnet. Bei einer Session in London verlässt der Sänger nach der ers-ten Strophe kurz das Studio. Als er nicht wieder auftaucht, stellt die Band Nachforschungen an – und findet heraus, dass er mit dem Zug nach Manchester gefahren ist! Also bucht der Produzent Porter ein Studio in Manchester und spricht sogar mir Morrisseys Mutter, um den Sänger zum Erscheinen zu bewegen. Dieser singt tatsächlich die zweite Strophe ein und geht dann kurz raus, angeblich um Pommes zu holen. Stattdessen fährt er zurück nach London. Wo dann schließlich die dritte Strophe des Liedes aufgenommen wird.

    1985 Alles halb so wild: Paul McCartney hat sich bei Let It Be ja auch verspielt. Anfang Juli wird Bob Dylan langsam nervös. Nur noch zwei Wochen bis zum Live-Aid-Spektakel und sein Auftritt soll der Höhepunkt dieses Benefizkonzerts für die Hungernden in Af-rika sein. Hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt werden vor ihren Fernsehern sitzen – doch Dylan weiß nicht so recht, was er eigentlich spielen soll. Also bittet er Keith Richards und Ron Wood, ihn auf der Bühne zu unterstützen. Die beiden Stones-Mitglieder stimmen gern zu, man trifft sich sogar zu einer Probe. Dann kommt der große Abend. In wenigen Minuten müssen die drei auf die Bühne – da hat Dylan plötzlich die Eingebung, seinen obskuren Song When The Ship Comes In zu spielen. Das Problem: Richards und Wood kennen das Stück überhaupt nicht, ebenso wenig wie die Ballad Of Hollis Brown, die Dylan auch noch aus dem Hut zaubert. Doch für Diskussionen bleibt keine Zeit, zumal auch noch eine Saite auf Dylans Gitarre reißt. Wood reicht die eigene an Dylan weiter und bekommt eine Ersatzgitarre; leider total verstimmt, wie er auf der Bühne merkt. Zeitgleich mit dem Auftritt der drei Pechvögel beginnt außerdem hinter dem Bühnenvorhang die All-Star-Band USA For Africa fürs große Finale zu proben. Die TV-Zuschauer hören davon nichts – Dylan, Richards und Wood umso mehr: Während ihres ganzen Sets müssen sie gegen Cyndi Lauper und Lionel Richie ansingen, die hinter ihnen We Are The World trällern. »Mir hat’s trotzdem Spaß gemacht«, erzählte Ron Wood später. »Es geht doch nichts über ein kleines bisschen Chaos.«

    1986 Neil Young hätte einfach Geffens Schreibtisch zerhacken sollen! Um Neil Young zu seinem Label zu locken, verspricht David Geffen dem Star Anfang der Achtziger totale kreative Freiheit. Young unterschreibt und liefert seiner neuen Firma einige Monate später das Album Trans mit seltsamer Computermusik; danach veröffentlicht er ein Rockabilly-Album. Beide Platten verkaufen sich schlecht – David Geffen ist sauer. Er verklagt Neil Young wegen Vertragsbruchs auf drei Millionen Dollar Schadenersatz: Dieser habe absichtlich Platten aufgenommen, die nicht wie »Neil Young« klingen. Das lässt sich Young nicht gefallen und reicht seinerseits Klage gegen Geffen ein, Streitwert: 21 Millionen Dollar. Zwar ziehen beide ihre Klagen nach anderthalb Jahren zurück, doch das Verhältnis bleibt dauerhaft gestört. Neil Youngs subtile Rache: sein 86er-Album Landing On Water. Scheinbar hat sich Young hier an Geffens Wunsch gehalten und eine Platte mit konventionellen Rock-songs aufgenommen; schrille Synthesizer geben dem Sound sogar einen etwas modernen Anstrich. Doch irgendetwas stimmt nicht mit dem Sound der Platte: Landing On Water ist wahrscheinlich das einzige Rockalbum, das ohne Bassisten aufgenommen wurde! Schließlich hatte Geffen von Young stets gefordert, die Produktionskosten seiner Alben zu senken.

    1987 Gut, dass er nicht Gitarrist war! Rick Allen hat getrunken und rast eine Landstraße in der Nä-he von Sheffield entlang. Eine Backsteinmauer steht im Weg, als der Schlagzeuger der Heavy-Metal-Band Def Leppard bei einem Überholmanöver die Kontrolle über seinen Corvette Stingray verliert. Allen prallt mit solcher Wucht auf, dass der Sicherheitsgurt seinen linken Arm abtrennt, direkt am Schultergelenk. Der Arm wird auf einer Weide gefunden und im Krankenhaus wieder angenäht. Doch als sich die Wunde infiziert, muss er amputiert werden. »Am schlimmsten ist es, wenn ich meine eigene Musik höre«, sagt Allen im Frühjahr 1984, drei Monate nach dem Unfall. »Ich höre die Drums und denke, ja, das konnte ich mal.« Ein Jahr später sitzt Allen jedoch wieder am Schlagzeug, einem Sondermodell: Was der linke Arm nicht mehr kann, macht jetzt der linke Fuß. »Der Wille zählt«, sagt Allen und spielt mit Def Leppard im Jahr 1987 Hysteria ein, eines der erfolgreichsten Hardrock-Alben aller Zeiten. Allens Comeback ist heute legendär. Erst kürzlich war im Kleinanzeigenteil einer englischen Musikzeitschrift folgendes Gesuch zu lesen: »Einarmiger Drummer für Def-Leppard-Tribute-Band gesucht.«

    1988 Wahre Könner dürfen sich danebenbenehmen. Das können Sie schriftlich von uns haben, Mr. Brown. James Brown mag Ordnung und Sauberkeit. Vor Auftritten muss zum Beispiel in seiner Künstlergarderobe extra eine Tro-ckenhaube aufgestellt werden. Einen bleibenden Eindruck von Browns Hygienestandards er-halten auch die Teilnehmer eines Versicherungsseminars, die im September in Augusta, Georgia, tagen – zufällig im selben Gebäude, in dem Brown sein Büro hat. Mit einem Gewehr und einer Pistole bewaffnet stürmt der Sänger plötzlich in den Raum und beschuldigt die verdutzten Versicherungsvertreter, in seine private Toilette gepinkelt zu haben! Als diese die Polizei rufen, springt Brown in seinen Wagen und rast davon, verfolgt von mehreren Streifenwagen. Bei einer Höllenfahrt von Georgia nach South Carolina durchbricht er eine Straßensperre und hält auch nicht an, als ihm die Ordnungshüter die Vorderreifen zerschießen: Auf den Felgen schafft er weitere zehn Kilometer, bevor er schließlich im Straßengraben landet. Als er aus dem Wrack klettert, singt er Georgia und legt den »Good Foot« auf den Asphalt, seinen berühmten Tanz. Die Liste der Anklagen gegen den »Godfather Of Soul«: einfache Körperverletzung, Tragen einer nicht zugelassenen Waffe, zweifacher tätlicher Angriff mit Tötungsabsicht sowie zahllose Verstöße gegen die Verkehrsregeln. Brown wird zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er zwei absitzen muss. Genau wie bei seinem ersten Gefängnisaufenthalt in den vierziger Jahren gründet er hinter Gittern einen Gospelchor.

    1989 Nührwänä? Voll guhl! Nirvana haben gerade ihre Debüt-LP veröffentlicht, als sie im Herbst zum ersten Mal auf Europa-Tour gehen. Zufällig führt sie ihr Terminplan am 11. November nach Berlin – zwei Tage nach dem Mauerfall. Die Stadt befindet sich im Ausnahmezustand, viele tausend DDR-Bürger strömen durch die Straßen und auch im Underground-Club »Ecstasy«, wo Nirvana spielen, kann man an diesem Abend mit Ostmark bezahlen. So kommt es, dass sich zahlreiche DDR-Bürger in Jeanskluft unter das befremdete West-Berliner Szenepublikum mischen. Alle werden sie Zeuge einer spektakulären Nirvana-Show: Von Soundproblemen genervt, bricht Kurt Cobain das Konzert mitten im sechsten Song ab – und zertrümmert wutentbrannt seine Gitarre auf dem Bühnenboden. Die Ossis sind begeistert: »Urst gut, urst gut!«, ruft einer noch lang nach Ende des Auftritts.

    1990Nur Frank Farian,der lacht immer noch. Beim Geldzählen. Peinlich, peinlich: Gerade stehen Milli Vanilli in Bristol, Connecticut, vor 80000 Zuschauern auf der Bühne, als das Tonband mit »ihrem« Gesang hängen bleibt. »Girl, girl, girl, you know, girl, girl, girl, you know…« Auch wenn jetzt eigentlich klar ist, dass Rob Pilatus und Fabrice Morvan gar nicht singen, sondern nur gut aussehen und die Lippen bewegen, dauert es noch 16 Monate bis zum Ende von Milli Vanilli. 30 Millionen verkaufte Girl You Know It’s TrueSingles und hysterische Reaktionen, wo immer sie auftauchen: Da werden die falschen Sänger übermütig und verlangen künstlerische Mitsprache. Produzent Frank Farian lässt sich nicht unter Druck setzen. Er feuert die beiden und gibt eine Presseerklärung heraus: »Ich habe noch nie so schlechte Sänger gehört.« Der Bluff von Milli Vanilli fliegt auf, das Duo muss seinen Grammy zurückgeben, desillusionierte Fans zerreißen vor laufenden Kameras Poster und T-Shirts der Band und die Plattenfirma zieht das Album aus dem Verkehr. Die Häme ist vernichtend. In der US-TV-Show Saturday Night Live rät Dennis Hopper den beiden, eine Eisdiele zu eröffnen. Der Name? »Ganz klar, Milli & Vanilli.« Pilatus und Morvan nehmen stattdessen ein neues Album unter dem Namen »Rob & Fab« auf. Diesmal singen sie selbst. Es verkauft sich 2000-mal.

    1991 Wer hätte das gedacht? Der Ku-Klux-Klan, ein Fanclub für schwarze Musik! Für sein zweites Solo-Album Death Certificate schreibt der Rapper Ice Cube Lieder, deren Funk-Wucht nur noch übertroffen wird von der Hässlichkeit ihrer Texte. Vor allem seine ehemaligen Bandkollegen von der Gruppe N.W.A., mit denen er ein paar Jahre zuvor den Gangsta-Rap erfand, sind ihm ein Dorn im Auge. Im Stück No Vaseline wird er zuerst ausfällig gegen-über seinem Ex-Manager, einem Juden, bevor er eine Kanonade übler Beschimpfungen gegen die alten Freunde abfeuert; zum Beispiel stellt er sie sich bei homosexuellen Orgien mit einem Besenstil vor. Schließlich malt er sich noch aus, seinen früheren Mitstreiter Eazy-E an einem Baum aufzuknüpfen und ihm die Lockenpracht vom Schädel zu brennen. Fast ebenso wüst ist auch das Stück Black Korea, in dem er droht, die koreanischen Läden in seiner Nachbarschaft anzuzünden – eine Prophezeiung, die ein Jahr später bei den großen Rassenunruhen in Los Angeles bittere Wirklichkeit wird. Musikkritiker sehen in dem Album ein Stück authentischer Ghetto-Wut aus Compton, einer der übelsten Gegenden in Los Angeles, und preisen die erausragende Musikbegleitung der Texte Ice Cubes. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum fordert hingegen Schallplattenläden auf, das Album des Rappers zu boykottieren. Nur eine Gruppierung zeigt sich zufrieden mit den Aussagen des »Irren von Compton« (Spex): Der rassistische Ku-Klux-Klan übermittelt der Plattenfirma Priority seine Glückwünsche.

    1992 Madonna lässt tief blicken – zwischen ihre Beine. Nachdem Madonna in den Achtzigern eine Serie von Hits hingelegt hatte, die selbst Michael Jackson neidisch werden ließ, will sie mehr sein als ein Superstar und Vorbild aller selbstbestimmten Frauen: Madonna will jetzt Lehrerin werden! Doch was könnte sie bloß unterrichten, fragt sich Madonna – bis sie schließlich verkündet: »I teach you how to fuck.« (»Ich zeige euch, wie man fickt.«) Als Anschauungsmaterial lässt sie ein opulentes Fotobuch herstellen, in dessen Cover das Wort SEX gestanzt ist. Zu finden sind darin ihre Gedanken zu Pornos, Sex mit Dicken, Blowjobs und ihrer »Pussy«, die neun Leben hat, wie man lesen kann. Illustriert werden Madonnas Einsichten mit zahlreichen Nacktbildern der Künstlerin: beim Gruppensex am Meer, als Anhalterin an einer Straße in Florida, beim Tanken mit nichts als einem Paar schwarzer Leggins bekleidet. Das Lehrbuch schließt mit dem Kalenderspruch, dass viele Menschen nicht bekommen, was sie wollen, weil sie nicht sagen, was sie sich wünschen – das Foto dazu zeigt eine Peitsche. Als der Band erscheint, stürmen Madonna-Fans die Buchhandlungen. Inzwischen ist SEX vergriffen, Sammler zahlen weit über hundert Euro für ein Exemplar.

    1993 Ach, deshalb brauchen Frauen immer so lange auf dem Klo. Zu Beginn des Jahres zieht die Sängerin Björk aus ihrer Heimat Island nach London, ge-gen Ende wird sie das Album Debut herausbringen. Und dazwischen? Dazwischen verbringt Björk viele Nächte in Londoner Clubs, zu später Stunde oft auf der Damentoilette, wo es ruhiger ist, man sich schminken und unterhalten kann und auch vieles andere anstellen. Doch irgendwann spürt Björk, dass das Leben vielleicht doch mehr bereithalten könnte als nächtliche Clubtoiletten. Deshalb schreibt sie den Song There’s More To Life Than This. Sie gibt dem Lied einen stampfenden Rhythmus und geht für ihn ein letztes Mal nachts zurück in die Toilette eines Londoner Clubs, der Milk Bar: Mitten in einer normalen Partynacht nimmt sie dort den Gesang auf. Später hört man auf ihrer Platte, wie Leute reinkommen, reden, lachen, wie sich ab und zu die Klotür schließt und es plötzlich leiser wird. Björk aber singt, dass man die Party besser verlassen und sich nachts an den Hafen setzen soll, bis die Sonne aufgeht.

    1994 Sie trugen gelbe Kutten –und grillten wie die Millionäre. Am 22. August zieht eine Prozession über die Insel Jura vor der Westküste Schottlands. Die Teilnehmer tragen gelbe Kapuzenumhänge. Sie folgen einem Mann in einer weißen Kutte, aus deren Kapuze ein gebogenes Horn hervorsticht. Die Prozession führt zu einem alten Bootshaus, wo der Mann mit dem Horn eine Million englische Pfund aufeinander schichtet und anzündet. Echtes Geld geht hier in Flammen auf – der Höhepunkt des subversiven Schaffens der Künstlergruppe K Foundation, auch bekannt als KLF; die Abkürzung steht für »Kopyright Liberation Front«. Unter diesem Namen hatten Bill Drummond und Jimmy Cauty Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Hits wie What Time Is Love? oder Last Train To Trancentral. Dann entschieden sie sich 1992, der Musikbranche den Rücken zu kehren. Zuerst brachten sie zu einer großen Feier der britischen Plattenindustrie ein totes Schaf mit, dann gaben sie bekannt, alle ihre Platten zurückzuziehen, was einen Journalisten zu dem Kommentar veranlasste, dass sie ihr Geld ja auch gleich verbrennen könnten. Sie nahmen ihn beim Wort.

    1995 Muss man ein bisschen gestört sein, um großen Rock’n’Roll zu spielen? Kein Abschiedsbrief, keine letzte große Geste, nichts – auf einmal ist er weg. Am 1. Februar lässt Richey Edwards seinen Pass und seine Kreditkarten auf dem Schreibtisch seines Apartments in Cardiff liegen. Ein paar Tage später wird sein Auto an einer Tankstelle am River Severn bei Bristol gefunden, nahe einer berüchtigten Selbstmörder-Brücke. Fünf Jahre zuvor ist Edwards mit seiner Band Manic Street Preachers angetreten, um den Rock’n’Roll mit hymnischen Refrains, dick aufgetragenem Eyeliner und revolutionä-ren Slogans zu retten – ein drittklassiger Gitarrist, aber ein begnadeter Texter und ein verzweifeltes Großmaul dazu. Als ein Journalist in einem frühen Interview seine Glaubwürdigkeit in Frage stellt, ritzt er sich mit einer Rasierklinge »4 real« in den Unterarm. »Selbstverstümmelung ist ein kontrollierter Schmerz, der es dir ermöglicht weiterzuleben«, schreibt er später. Als er spurlos verschwindet, entschließen sich die übrigen Manic Street Preachers, ohne ihn weiterzumachen. Auf ihrem nächsten Album entschuldigen sie sich dafür. Es wird ihre bis dahin erfolgreichste Platte.

    1996 »Der Typ ist mir etwas zu alt«, dachte Michael Jackson. Möglicherweise hat Jarvis Cocker an diesem Abend einfach zu viel getrunken. Es ist der 19. Februar und in London werden die Brit Awards verliehen. Cocker, Sänger der Band Pulp, sitzt im Publikum und muss mit ansehen, wie Michael Jackson am Ende seiner Darbietung des Earth Song als Gekreuzigter von der Bühne getragen wird. Um Jackson herum tummeln sich Kinder, die versuchen, ihn zu berühren, als wäre er der Messias. Jarvis Cocker reicht es jetzt und gemeinsam mit dem Bandkollegen Peter Mansell stürmt er auf die Bühne, um etwas gegen Jacksons Vorstellung zu unternehmen. Weil ihm nichts einfällt, streckt er Jackson einfach den Hintern entgegen und tanzt wild herum. Ein Sicherheitsmann will Cocker ergreifen, doch in dem Handgemenge erwischt er stattdessen eines der Kinder. Bald heißt es, Cocker habe Kinder angegriffen; die Polizei verhört ihn bis in die Morgenstunden. Michael Jackson lässt am Tag danach verbreiten, wie entsetzt er sei, dass zwei Mitglieder der Band Pulp versucht hätten, Kinder zu verletzen. Cocker antwortet: »Ich habe die Kinder nicht geschubst. Das ist nicht mein Stil.«

    1997 Steht das Angebot eigentlich immer noch? In seiner TV-Sendung Vivasion macht Stefan Raab gern Witze über den Rapper Moses Pelham. So steht auf Raabs Tisch ein mit Filzstift bemaltes Ei, das tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem schwergewichtigen Musiker hat. Raab tut so, als könne das Ei sprechen, und äfft Pelhams hessischen Dialekt nach – was dieser gar nicht komisch findet. Bei einer Feier der Musikbranche im März bittet er den Moderator zur Aussprache unter Männern nach draußen, und zack, setzt es eine Kopfnuss: Raab geht mit gebrochenem Nasenbein zu Boden. Die Angelegenheit kommt vor Gericht, Pelham wird zu einer Geldstrafe von 50000 Mark verurteilt. Er zahlt, zeigt aber keinerlei Anzeichen von Reue. Im Gegenteil: In einer Sat1-Sendung verspricht er jedem, der Raab vermöbelt, eine Belohnung: »Mit einem ärztlichen Befund gibt’s direkt Kohle.«

    1998 George Michael wird mit offener Hose erwischt.Schwamm drüber? Nö. Er sang drüber. Am 7. April nimmt Marcelo Rodriguez, Beamter der Beverly Hills Police, einen gewissen Georgios Kyriacos Panayiotou wegen »unzüchtigen Verhaltens« in einem Toilettenhäuschen fest. Rodriguez schreibt in den Polizeibericht, Panayiotou habe »seinen erigierten Penis in meine Richtung geschwenkt und begonnen, mit der rechten Hand zu masturbieren«. Was der Polizist nicht ahnt: Der Mann mit dem griechischen Namen ist George Michael. Zwei Tage später kommt alles heraus und Michael beschließt, mit dem Vorfall offensiv umzugehen: In einem CNN-Interview gibt er zu, er habe schon öfter in diesem Park Sex mit Männern gesucht; das Risiko, erwischt zu werden, sei Teil des Kicks. Erstmals spricht der ehemalige Wham!-Sänger nun offen über seine Homosexualität, gleichzeitig deutet er jedoch an, man habe ihn in eine Falle gelockt: »Das Spiel ging so: Der Polizist zeigt dir seinen, du zeigst ihm deinen, und wenn du deinen zeigst, nimmt er dich fest.« Michaels Rache: Im Video zu seiner nächsten Single Outside parodiert er die Ereignisse und vor allem den Polizeibeamten Rodriguez. Das begleitende Greatest-Hits-Album wird ein riesiger Erfolg und hilft, die 810 Dollar Strafe zu verschmerzen.

    1999 War das nicht der Sinn des Zölibats, dass man nur so tut als ob? Ihre musikalische Karriere hatte SinÉad O’Connor etwas aus den Augen verloren, als sie, verzweifelt und auf der Suche, bei den Tridentinern landet, einer obskuren Abspaltung der römisch-katholischen Kirche. Bischof Michael Cox, ein ehemaliger Hafenpolizist, weiht O’Connor zur Priesterin – ausgerechnet in Lourdes, dem Wallfahrtsort der Katholiken. Allerdings findet die Zeremonie nicht in einer Kirche oder gar Kathedrale statt, sondern bloß in einem Hotelzimmer. Danach sagt Cox, er hoffe, mit O’Connors Hilfe mehr Jugendliche für die tridentinische Kirche gewinnen zu können – leider hat die irische Sängerin da schon lange keinen Draht mehr zur Jugend. Und auch für »Mother Mary Bernadette«, wie sich O’Connor nun nennt, zahlt sich die Priesterweihe nicht aus: Schon nach drei Monaten bekommt sie Probleme mit dem Zölibat. In einem Interview sagt sie, das Zölibat könne sicherlich eine tolle Erfahrung sein – allerdings nicht für sie. Außerdem störe sie an der katholischen Kirche, dass sie die Astrologie nicht anerkenne genauso wenig wie ihre Fähigkeit, Kontakt mit den Toten aufzunehmen.

    2000 Elftausend Euro pro Sekunde – so viel verdient nicht mal der Ackermann. Die Idee stimmt eigentlich: Bei der Expo 2000 in Hannover will Deutschland der Welt all das zeigen, worauf dieses Land stolz sein kann. In der Popmusik ist das vor allem die Musikgruppe Kraftwerk – auch wenn deren Zeit seit zwanzig Jahren vorüber ist. In den Siebzigern aber haben Kraftwerk in Düsseldorf den Elektropop erfunden und sind damit bis heute weltweit stilprägend. Ein toller Coup also, denkt sich Tom Stromberg, der Künstlerische Leiter der Weltausstellung, als er verkünden kann, dass Kraftwerk den offiziellen Jingle zur Expo 2000 beisteuern: seit 14 Jahren ihre erste neue Komposition!
    Oder zumindest etwas, was man mit viel gutem Willen vielleicht Komposition nennen könnte: Eine Computerstimme sagt in sechs verschiedenen Sprachen »Expo 2000«, jeweils etwa drei Sekunden lang. Kraftwerk sollen dafür 400000 Mark bekommen – ein Skandal: Der Rockmusikerverband spricht von einer »Lachnummer«, der Bund der Steuerzahler wundert sich, dass die Expo-Gesellschaft eine Gruppe beauftragt habe, die dem »gemeinen Radio- und Fernsehzuschauer, wenn

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