Liebe, die ins Ohr geht

Für den Schlagersänger Andy Borg würde die Dresdnerin Karin Witt alles tun. Denn keiner sonst versorgt sie so zuverlässig mit großen Träumen für den kleinen Alltag.

Die wichtigste Frage in diesen Tagen: Was schenkt man einem wie Andy Borg zum 30-jährigen Bühnenjubiläum?

»Also erst wollten wir ihm eine Palme kaufen, er ist ja auch so'n Gartenfreak, aber wie versteckt man die? Ins Auto krieg ich die, aber in die Halle? Machen Sie das mal, dass er die nicht gleich sieht, das ist gar nicht so einfach bei Herrn Borg, der Herr Borg kriegt alles mit, wenn man nicht aufpasst«, sagt Karin Witt, 51, verheiratet, drei erwachsene Kinder, seit 30 Jahren Andy-Borg-Fan.

Und jetzt?

»Jetzt schenken wir ihm einen Gutschein für ein Gartencenter in Passau, für 60 Euro. Die machen das eigentlich nicht, aber ich hab da angerufen und gesagt: Sie kennen doch den Herrn Borg. Die Birgit hatte einen Paprikabusch vorgeschlagen, aber da wächst ja nur einmal im Jahr was dran.«

Karin Witt, die in ihrem Wohnzimmer auf einem cappuccinofarbenen Sofa sitzt, neben ihr ein Kissen mit einem aufgedruckten Foto von Andy Borg und ihr, redet gern schnell und viel und benutzt ein paar lustige Verben dafür: babbeln und quackeln und schnattern. »Wenn ich zu viel babbel, sagen Sie Bescheid«, meint sie. Ab und zu muss man nachfragen, um bei ihren Geschichten mitzukommen.

Wer ist Birgit?
»Andys zweite Frau.«
Und warum ein Paprikabusch?
»Weil der Andy am liebsten gefüllte Paprika isst.«
Woher wissen Sie das?
»Ich hab ihn die essen sehen.«

Andy Borg ist 51, Österreicher, geboren als Andreas Adolf Meyer. Er lebt heute in Passau und ist seit 30 Jahren Schlagersänger. In Karin Witts Wohnzimmer kann man seine Karriere auf Fotos an der Wand zurückverfolgen: Auf den alten, aus den Achtzigerjahren, sieht er mit seinen braunen zurückgeföhnten Locken ein bisschen aus wie David Hasselhoff. Auf den aktuelleren trägt er öfter Trachtenjanker, seit 2006 moderiert er den Musikantenstadl in der ARD, durchschnittlich mehr als fünf Millionen Zuschauer am Samstagabend, die meistens älter sind. Andy Borg ist ein Star, aber nur in seiner Zielgruppe, und die Titel seiner Alben lassen vermuten, dass er genau weiß, was seine Fans, vor allem die weiblichen, von ihm wollen: Bleib bei mir heut Nacht oder Träumen erlaubt.

Karin Witt, die als Putzfrau arbeitet, will ihm nun diesen Gartencenter-Gutschein schenken, bei einem Konzert in Hoyerswerda, und auf den ersten Blick macht sie den Eindruck, dass sie ganz schön verschossen ist in Andy Borg. Ihr Wohnzimmer sieht aus, als würde ein Teenager darin leben, überall grinst Andy Borg auf Fotos und Autogrammkarten, sie hat sogar Kaffeebecher mit seinem Gesicht darauf und ein Bild von ihm in ihrem Portemonnaie. Sie weiß, dass er nicht nur gefüllte Paprikaschoten mag, sondern auch Käsekuchen. Und bei Konzerten geht auch sie vor zur Bühne, um ihm etwas in die Hand zu drücken. Allerdings keine Blumen, wie die anderen Frauen, sondern eine Flasche Multivitaminsaft oder einen Korb mit Obst. »Denn da weiß ich, das kommt nicht weg, das isst er auf der Fahrt nach Hause«, sagt sie und klingt dabei überraschend leidenschaftslos. Auch würde sie ihn auf der Bühne nicht »abschmatzen, weil er das nicht mag«.

In Sendungen wie dem Musikantenstadl sieht man solche Szenen immer wieder: Fans, die ihrem Star während des Auftritts um den Hals fallen und einen Kuss auf die Wange geben. In keinem anderen Musikgenre gibt es so etwas, wird so viel Nähe von den Künstlern verlangt. Wer nur seine Musik anbietet, sich aber nicht anfassen lässt, wird wohl weniger Erfolg haben. Oder gar keinen. Denn die Schlager- und Volksmusik verspricht ja vor allem eins: dass es die perfekte Welt, in diesem Fall den perfekten Mann, tatsächlich gibt – einen, der hübsch und erfolgreich ist, aber trotzdem keine Allüren hat, ein Star zum Anfassen eben; einer, dem nicht Fußball oder Autos das Wichtigste sind, sondern die Liebe, und der seine Gefühle ausdrücken kann ohne rot zu werden oder zu stottern. Die Musiker scheinen sämtliche dieser Träume zu erfüllen.

Fragt man nun Karin Witt, was sie an Andy Borg besonders mag, sagt sie: seine schöne Stimme. Und sicher ist: Damit fing es bei ihr an.

Das erste Mal hat sie diese schöne Stimme 1982 gehört, auf einer Faschingsfete in Dresden, wo Karin Witt geboren wurde und noch heute lebt. Sie war damals 21, frisch verheiratet und tanzte gerade mit ihrem Mann Lutz, als der DJ Adios Amor spielte, Andy Borgs ersten und größten Hit. Karin Witt war begeistert, konnte aber die Platte in der DDR nicht kaufen, also setzte sie sich nachts, wenn der Empfang von Westsendern am besten war, vors Radio, um das Lied mit einem Tonbandgerät aufzunehmen. Erst zwei Jahre später sah sie dann Andy Borgs Gesicht: bei einem Gastauftritt in der DDR-Samstagabendshow Ein Kessel Buntes. Und bis 1990 musste sie warten, um ihn bei einem Konzert in Dresden live zu erleben.

Rauswurf aus dem Fanclub

Karin Witt hat sich dann immer näher herangekämpft an ihren Andy Borg: Zuerst trat sie in einen Fanclub ein – auch der Austausch zwischen Künstlern und Publikum ist in kaum einem Genre so gut organisiert wie in der Schlager- und Volksmusik. Die Fanclubs veranstalten private Autogrammstunden mit ihren Stars, und mit manchen Künstlern kann man sogar in den Urlaub fahren. Hansi Hinterseer zum Beispiel war mit seinen Fans im Frühjahr für eine Woche in einem Hotelclub an der türkischen Mittelmeerküste, Flug, Vollpension, ein Konzert und die Sicherheit, dass man ihn ab und an am Pool sieht, ab 999 Euro.

Auch Karin Witt war mit Andy Borg schon auf Kreuzfahrt unterwegs, einmal auf dem Nil, »da hat er abends mit uns Karten gespielt«, und einmal von Rostock nach Dänemark, wo sie das erste Mal »die Birgit« traf, Andy Borgs zweite Frau.

Für einen Schlagermusiker ist es eigentlich undenkbar, sich von seiner Frau zu trennen, weil damit der Traum, den er verkörpert, wie Trockeneisnebel verfliegt. Plötzlich ist er genauso gewöhnlich wie all die anderen Männer. Andy Borg hat sich 1994 scheiden lassen, und seine neue Frau, »die Birgit«, saß nun auf diesem Schiff ganz allein an einem Tisch. »Da bin ich zu ihr hingegangen und hab mit ihr geschnattert und am nächsten Morgen wurde mir von der Chefin meines Fanclubs mitgeteilt, dass ich raus bin.«

Warum?

»Weil mit der Birgit niemand reden durfte. Die hätte sich in das Leben vom Andy reingedrängelt, meinten die anderen, und seine Ehe kaputtgemacht. Aber ich sag immer: privat ist privat.«

Karin Witt hat dann ihren eigenen Fanclub aufgemacht. 27 Mitglieder, darunter drei Männer. Zu Weihnachten und Ostern schickt sie eine Liste mit 27 Namen an Andy Borg, der dann 27 Fotos von sich mit einem persönlichen Gruß signiert. Wenn er Geburtstag hat, sammelt sie Geld von ihren Mitgliedern und kauft ihm eine Swatch-Uhr. Vorher ruft sie Birgit an und fragt, welche er noch nicht hat. Auch der Gartencenter-Gutschein ist aus der Clubkasse finanziert. »Aber das ist alles freiwillig, der Andy verlangt nichts«, sagt Karin Witt, und je länger man ihr zuhört, desto mehr bekommt man das Gefühl, dass sie nicht ihrer großen Liebe hinterherjagt. Sie schwärmt zwar von Andy Borgs Musik und seiner »witzigen Art« – beim Musikantenstadl setzt er sich schon mal eine lächerliche Pudelmütze auf den Kopf –, aber das Interesse an ihm ist wohl eher wie ein Spiel: Je mehr sie gibt, umso mehr bekommt sie zurück.

Nach einem Konzert in Cottbus hat er sie in seinem Auto schon einmal nach Hause gefahren, und auf einem Foto in ihrem Wohnzimmer sieht man ihn auf ihrem cappuccinofarbenen Sofa sitzen, er war mit Birgit zum Kaffeetrinken da, Karin Witts schönster Moment mit ihm bisher. Das Foto hängt nun wie eine Urkunde an der Wand. Ein Zeugnis ihres Engagements und der Nähe, die sie dafür gewonnen hat. Und ein Beweis, dass sie in der Hierarchie der Fans ganz oben steht.

So weit, dass auch sie schon ein bisschen berühmt geworden ist. Eine Klatschzeitschrift hat ihr einmal eine Affäre mit Andy Borg angedichtet. »Das hat mich so aufgeregt, ich sehe den Andy wirklich nur als Künstler. Mein Mann fährt mich sogar zu den Konzerten hin. Ich hab ja keinen Führerschein.« Mit rein geht er allerdings nicht. »Der ist viel zu müde, der arbeitet auf dem Bau und schaut sich im Auto lieber DVDs auf dem Navi an.«

Ist er nicht eifersüchtig auf Andy Borg?

»Nein, wir kennen uns 36 Jahre und sind glücklich verheiratet.« Auch Karin Witts Kinder stören sich nicht an ihrer Begeisterung für den Schlagersänger, ihre Tochter Nicole, 24, ist selbst leidenschaftlicher Fan: von Pietro Lombardi, der 2011 Deutschland sucht den Superstar gewonnen hat.

Karin Witts größter Traum: Einmal bei Andy Borg daheim auf dem Sofa zu sitzen. Das wäre dann ihre Fußball-Weltmeisterschaft.
Und was macht sie, wenn er seine Karriere irgendwann beendet?
Karin Witt schweigt einen Moment und sagt dann: »Das weiß ich nicht.«

Fünf Tage später, am 17. September, ruft Andy Borg sie wie immer zu ihrem Geburtstag an. Um 13.43 Uhr, das wird sie sich ganz genau merken.

Fotos: Jörg Brüggemann

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