Das makabere Geschäft mit der Erderwärmung

Während viele Menschen Angst vor der Klimakrise haben, denken etliche große Firmen bereits darüber nach, wie sich damit Geld verdienen lässt. Die Pläne sind ebenso bizarr wie bedrückend.

Von wegen Sahara: Dieses Foto entstand im letztjährigen Rekordsommer in Niedersachsen.

Foto: dpa

Vor kurzem veröffentlichte der Finanz-Nachrichtendienst Bloomberg (dessen Gründer Mike Bloomberg zum Kreis der eventuellen US-Präsidentschaftskandidaten gehört) einen Text mit dem griffigen Titel: »US-Konzerne bereiten sich darauf vor, den Klimawandel zu monetarisieren.« Das undeutliche Gefühl konnte man schon vorher haben, aber nun wird es wohl Gewissheit: Wir werden die Klimakrise nicht abwenden, denn man kann mit ihr auch Geld verdienen.

Jedenfalls gab es eine Umfrage unter Unternehmen darüber, was sie für Auswirkungen durch die Klimakrise erwarten. Natürlich auch negative: Coca-Cola befürchtet, es könnte irgendwann nicht mehr genug Wasser geben, um die Brausen der beliebten Marke anzurühren. Die Firma Intel fürchtet, dass die Kühlung ihrer Prozessorenfabriken teurer wird. Die Firma Disney fürchtet, dass die Kühlung ihrer Erlebnisfabriken teurer wird: Schon jetzt beeinträchtigten steigende Temperaturen »Komfort, Gesundheit und Wohlbefinden« von Besucher*innen der Disney-Parks. Menschen, deren Ernten ausbleiben, die von Unwettern und Überschwemmungen heimgesucht werden, hören dies sicher mit Sorge und Mitgefühl.

Die positiven Erwartungen der Konzerne aber lesen sich erst recht wie ein besonders tiefer und ungeschönter Einblick in die Seele des Spätkapitalismus. Google fürchtet einerseits zwar, der Weltuntergang könnte sich negativ auf das Online-Anzeigengeschäft auswirken, aber andererseits könnten mehr Menschen Google Earth benutzen: »Wenn Kunden Google Earth Engine als Werkzeug schätzen, mit dem sie die physischen Veränderungen natürlicher Resourcen und des Klimas auf der Erde beobachten können, könnte dies zu steigender Kundenloyalität führen«, also zu einer »positiven Auswirkung auf unsere Marken«.

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Wird es im Schmelzwasser der Polkappen weiter regelmäßig iOS-Updates geben?

Auch Apple weigert sich, die menschengemachte katastrophale Veränderung des Erdklimas einfach nur so schwarz zu sehen wie du und ich und Greta Thunberg: »Wenn Menschen drastische Wetterereignisse mit höherer Frequenz erleben, erwarten wir ein zunehmendes Bedürfnis nach Zuversicht und Vorbereitetsein im Bereich der persönlichen Sicherheit und des Wohlbefindens Nahestehender«, schwurbelt die Firma. Hier würde die Bedeutung ihrer iPhones noch weiter zunehmen, denn die Geräte dienten »als Taschenlampe und als Sirene; sie können Erste-Hilfe-Anweisungen geben; sie können als Radio fungieren; und sie können viele Tage lang per Autobatterie oder Handkurbel aufgeladen werden«. Gut, aber wird es im Schmelzwasser der Polkappen weiter regelmäßig iOS-Updates geben?

Naheliegender und von fast tröstlicher Schlichtheit, dass der Heimwerker-Gigant Home Depot steigende Umsätze erwartet, nicht zuletzt im Produktbereich Deckenventilatoren (Bloomberg ist eine seriöse Seite, und wir haben uns alle Mühe gegeben festzustellen, dass dies kein schwacher Satireversuch ist). Die Bank Wells Fargo stellt fest, dass die Vorbereitung und Reaktion auf »klimawandel-induzierte Naturkatastrophen« mit einem erhöhten Geldbedarf einhergehe, und man nutze gern die Gelegenheit, diese Anstrengungen mit entsprechenden Finanzierungsangeboten zu unterstützten. Anders gesagt: Wenn deine Hütte weggeschwemmt wurde, leiht dir Wells Fargo gern die Kohle für ein Boot. Der Pharmakonzern Merck & Co. stellt nüchtern fest: »Während das Klima sich ändert, wird es größere Märkte für Produkte gegen tropische und wetterbedingte Krankheiten, etwa durch Wasserverschmutzung, geben.« Man meint, ein Händereiben zu hören.

Und in Deutschland? Selten wird es so konkret wie bei den sächsischen Winzern, die sich darauf freuen, angesichts der Erderwärmung »auf der großen Bühne der Weinmacher«, wo sie »früher im Schatten standen, jetzt im Licht« zu stehen. Aber womöglich haben die deutschen Autokonzerne das Elektroauto verschlafen, weil sie längst an Amphibienfahrzeugen für die Generation Golfstrom arbeiten. Auf küstennahen Überschwemmungsgebieten wird es sicher keine Dieselfahrverbote geben. Die deutsche Bekleidungsbranche, die einst nahtlos umschalten konnte von der Uniform-Produktion auf körperbetonte Business-Wear, hat womöglich schon die Schnittmuster in petto für atmungsaktive Schutzanzüge in den Trendfarben Aqua, Stormy und Langanhaltende Dürre. Und die Discounter proben mit ihren Sonderverkaufsflächen und den »Bitte bevorraten Sie sich«-Schildern im Grunde ja schon lange ihre künftige Rolle als Hang-Outs für Hamsterkäufe.

Oder ist solcher Sarkasmus naiv, und das Erstaunen über die Offenheit der US-Konzerne auch? Es gibt schließlich keine von Menschen angerichtete Katastrophe, von der Menschen nicht auch irgendwie profitieren. Warum sollte es bei der letzten, endgültigen anders sein? Wir werden im Dunkeln sitzen, mit nassen Füßen, aber wir werden mit der Handkurbel den iPhone-Akku soweit aufladen, dass wir im Licht der Taschenlampe unsere Kreditverträge studieren können, und dann vielleicht noch kurz Google Earth, um zu schauen, was von der Welt noch übrig ist. Spätere Lebensformen werden uns nachsagen können, wir hätten den Planeten ruiniert, aber nicht, wir wären nicht bis zum Schluss markentreu geblieben.

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