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»Bis zum heutigen Tag ist mein Leben bestimmt davon«

Die ehemalige RAF-Terroristin Silke Maier-Witt war an der Schleyer-Entführung beteiligt und lebte jahrelang im Untergrund. Im Interview spricht sie über Reue, ihren Blick auf die damalige Zeit und die Gründe, warum sie 1977 zur RAF gegangen ist.

Silke Maier-Witt war Mitglied der zweiten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). 1980 tauchte sie in der DDR unter, nach der Wende wurde sie enttarnt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Heute lebt sie in Nordmazedonien und macht Friedensarbeit.

Foto: Jose Giribas/SZ Photo/laif

SZ-Magazin: Frau Maier-Witt, am 21. Januar 1978 wurden Sie 28. Wie wurde bei der RAF Geburtstag gefeiert?
Silke Maier-Witt: Es war ungewöhnlich, dass wir uns etwas geschenkt haben, aber an diesem Tag, das weiß ich noch genau, habe ich von Stefan Wisniewski ein Plüsch-Wildschwein von Steiff bekommen.

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Was wollte er Ihnen damit sagen?
Weil ich manchmal wie ein Wildschwein reagieren würde, meinte er. Ich hatte damals schon beginnend Probleme mit der Gruppe, zugleich hatte ich versucht, Verantwortung zu übernehmen. Es wäre mir übrigens lieber, wir würden über das Jahr 1979 sprechen, in dem ich 29 Jahre alt war.

Warum?
1978 begann damit, dass ich mich in der Gruppe erstmals akzeptiert fühlte – und es endete nach all den Verhaftungen, bei denen auch vier von uns getötet wurden, damit, dass mir klar wurde, dass die Gruppe nicht mehr zu retten ist. Das habe ich nicht laut gesagt, aber so empfunden. 1978 war für mich ein Wendejahr.

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Anfang 1978 starb Ihr Vater.
Das habe ich über die Bild erfahren. Die schrieb: »Sie brachte ihren Vater ins Grab«, oder so. Meine Auseinandersetzung damit habe ich damals nicht an mich herangelassen. Sie fand erst nach der Verhaftung statt.

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Ihr Vater war in der SS, Sie in der RAF. Wie war Ihr Verhältnis zueinander?
Eher kühl. Aber ein Vater ist ein Vater. Ich habe ihn nur einmal schwach erlebt, bei seinem ersten Herzinfarkt. Im Krankenhaus unterhielten wir uns, und ich habe erstmals verstanden, mit welcher Anstrengung er wohl versucht hat, die Nazi-Vergangenheit abzuschütteln und auch zu verdrängen.

Wie sah ein typischer Tag bei Ihnen aus?
Wir sind sehr früh aufgestanden, um vier Uhr, weil wir von Düsseldorf nach Bonn fuhren, um das Haus von Hans-Dietrich Genscher und eine amerikanische Siedlung auszukundschaften, das war tägliche Routine.

Am 7. April 1977 traten Sie in Amsterdam der RAF bei. An diesem Tag wurde der Generalbundesanwalt Siegfried Buback in Karlsruhe von der RAF ermordet, mit ihm sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Justizbeamte Georg Wurster. Wurde das gefeiert?
Nein. Es wurde kein Sekt aufgemacht oder so. Es ging darum, ob die an der Aktion Beteiligten gut zurückkommen.

Hat Sie Bubacks Tod gefreut? Oder im Gegenteil gerührt?
Weder noch. Hätte mich sein Tod wirklich berührt, wäre ich nicht Mitglied der RAF geworden. Ich wusste nicht, dass die Aktion geplant war. Ich war dafür zuständig, dass die Kommunikation klappte zwischen den Anführern im Gefängnis und uns draußen. Ich habe die Kassiber, die von den Rechtsanwälten rausgeschmuggelt wurden, an die Gruppe weitergegeben. Wir standen unter Erfolgsdruck, die Gefangenen von Stammheim waren ja Autoritäten, und denen musste genügt werden.

Silke Maier-Witt 1977 auf RAF-Fahndungsplakaten. Darüber stand der Hinweis: »1 Million DM Belohnung«.

Foto: picture-alliance/dpa

Ihre Rolle bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer war das Auskundschaften von Schleyers Fahrtwegen. War die 28-jährige Silke Maier-Witt auch bereit, selbst zu töten?
Ich hoffe, dass ich nicht geschossen hätte. Gott sei Dank bin ich nie in die Situation gekommen, das zu müssen. Natürlich wollte ich, dass die Entführung klappt, dass unsere Gefangenen im Austausch für Schleyer rauskommen. Aber nicht um jeden Preis. Sie fragen mich genau diese Dinge, die für mich der schwierigste Teil meiner Aufarbeitung sind: Wieso konnte ich die Skrupel überwinden, die ich durchaus hatte, etwa als ich das Schlachtfeld nach der Schleyer-Entführung sah? Wie viel Munition da verschossen wurde, dass vier Leute tot dalagen, das war ja erschreckend. Auf der einen Seite habe ich Entsetzen gespürt, auf der anderen Seite habe ich gefolgt und funktioniert. Es gab mit dem sehr hohen Fahndungsdruck und dem dauernden Unterwegssein wenig Zeit zu reflektieren und keine Möglichkeiten, mit anderen außerhalb der Gruppe darüber zu reden.

Was hatten Sie mit 28 für eine Vorstellung, wie Ihr Leben in zehn Jahren sein würde?
Ich dachte, bis dahin bin ich tot oder im Knast.

Wofür haben Sie konkret gekämpft?
Es war eben nicht konkret bei uns, es war ein intellektueller Balanceakt, dass man sich verstehen konnte als Gruppe, die den Imperialismus angreift, die alten Nazis und den neuen Faschismus. Das war alles abstrakt, ohne konkretes Ziel.

Wut auf die US-Politik oder Alt-Nazi-Strukturen in der BRD waren die Themen vieler linker Gruppen und Studenten dieser Zeit. Wieso sind Sie nicht bei denen geblieben?
Das kam mir so verlogen vor. Alle sagten immer nur, wir müssten etwas machen gegen den Vietnamkrieg, gegen den neuen Faschismus. Diese studentischen Sessions mit Mao-Bibel waren nichts für mich, das war nur fake, wie man heute sagen würde. Ich hatte immer diese hohe moralische Anforderung an mich, der ich gerecht werden wollte: Ich muss verhindern, dass das, was mein Vater getan hat, wieder passiert.

Wie kam es zur Annäherung an die RAF?
Ich bin im Sommer 1974 einige Zeit durch Jugoslawien und Griechenland gereist. Dann kam ich im Spätherbst zurück nach Hamburg, sonnengebräunt und erholt. Inzwischen war Holger Meins im Hungerstreik gestorben. Holger Meins sollte in Hamburg begraben werden und bei einem Treffen der linken Gruppen traf ich zum ersten Mal Mitglieder des Komitees gegen Folter. Sie traten so entschlossen auf und sagten, wer wirklich etwas tun wolle, der solle sich melden. Das hat mich angesprochen und ich schämte mich dafür, meine Zeit mit Urlaub verbracht zu haben.

Gab es jemanden, der Sie vor der RAF hätte bewahren können?
Wenn mir damals jemand zu mehr Selbstbewusstsein verholfen hätte, vielleicht. Vielleicht hätten mich starke Lehrer oder gute Freunde umstimmen können. Oder eine große Liebe, aber dazu war ich nicht in der Lage.

Gab es 1978 einen Mann in Ihrem Leben?
Ja, aber wir waren zu der Zeit nicht zusammen. Im Winter 1978 sind wir in den Jemen gegangen und haben dort zusammen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation Schieß- und Sprengstoffübungen gemacht. Da haben fast alle Frauen von uns was mit jungen Palästinensern angefangen, ich auch, kein wilder Sex oder so, wir hatten Nachtwache unter dem Sternenhimmel, es war romantisch. Was so faszinierend war an den Palästinensern: Anders als wir, die wir Ende 1978 unsere Wunden geleckt haben, wussten die ganz genau, wofür die kämpfen. Denen war das Haus weggenommen worden, die wollten die Befreiung Palästinas. Wir als Gruppe hatten eine ganz verquere Motivation.

Sie zeigen öffentlich Reue für Ihre Taten. Sie haben auch bei Schleyers Sohn persönlich um Entschuldigung gebeten. Warum machen das andere frühere RAF-Mitglieder nicht?
Weil es wohl einfacher ist, sich den Glauben zu bewahren, dass es damals die richtige Entscheidung war. Einige können sich nicht verzeihen, dass sie jemanden umgebracht haben oder daran beteiligt waren, so wie es vermutlich bei Susanne Albrecht ist. Werner Lotze hat sich auch nie verziehen, dass er einen Polizisten erschossen hat.

Können Sie sich selbst verzeihen?
Verzeihen ist irgendwie das falsche Wort. Es ist ein Teil von mir, von daher kann ich es nicht ungeschehen machen. Bis zum heutigen Tag ist mein Leben bestimmt davon, ich spüre auch die gesundheitlichen Folgen dieser belastenden Jahre. Wenn ich jetzt über die Zeit spreche, frage ich mich, warum das damals, als die Polizei bei uns die Wohnung stürmte und ich zum ers­ten Mal im Leben verhaftet wurde, nicht dazu beigetragen hat zu sagen, das ist nicht mein Leben. Warum ich zwischen Entsetzen und Bewunderung hin- und her­gerissen war. Das wird mich immer einholen, und ich werde es nicht aufklären können.

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