»Sie wollten uns zerstören. Aber wir haben überlebt«

Die meisten Frauen, die im Bosnienkrieg Opfer sexueller Gewalt wurden, reden bis heute nicht darüber. Aus Scham. Und aus Angst vor der Reaktion ihres eigenen Volkes. Doch jetzt sprechen die ersten - denn die Welt soll sich erinnern an ihre Schicksale.

Den Leuten in Bosnien wäre es lieber gewesen, die Frauen hätten den Mund gehalten. Der Krieg steckt allen noch in den Knochen. Jeder ist damit beschäftigt, wieder auf die Beine zu kommen, da ist kein Platz für Mitgefühl. Und was die Frauen zu erzählen haben, taugt auch nicht zur Legende. Hasija war 18, als sie von Soldaten abgeholt wurde. Es regnete leicht an jenem Morgen im Mai 1992, sie wollte sich schnell eine Jacke überziehen, aber die Männer schubsten sie raus. »Sie haben mich beschimpft und bedroht. Dann haben sie mich in die Schule gebracht. Da fing die Party an«, sagt sie bitter und starrt auf die weiße Tischdecke.

»Als ich aufwachte, war ich nackt und voller Blut«, sagt Asmira*. »In einer Ecke des Zimmers hockte meine Schwiegermutter mit meinen Kindern im Arm. Ich fragte, wer mich ausgezogen hatte. Meine Schwiegermutter weinte und sagte, du weißt doch, was geschehen ist.«

»Ich kannte die Männer, die mich gefangen genommen und vergewaltigt haben«, sagt Sebiha, scharf geschnittenes, zorniges Gesicht. »Vor dem Krieg haben sie in meinem Restaurant gegessen.«

»Einen meiner Vergewaltiger habe ich vor drei Jahren auf der Straße gesehen«, sagt Amra*. »Ich habe ihn angezeigt. Es ist nichts passiert.«

»Sie wollten, dass wir serbische Babys kriegen«, sagt Enisa. »Sie wollten uns zerstören. Aber wir haben überlebt. Und jetzt sind wir laut. Anfangs haben wir die Fenster zugemacht, damit niemand hört, was wir sagen. Jetzt lassen wir sie geöffnet.«

(Foto: Enisa, die Kämpferin, spricht im Namen aller Frauen, die sexuelle Gewalt im Krieg erlebt haben.)

Die fünf Frauen sprechen aus, was viele andere Frauen in Bosnien bis heute niemandem gesagt haben, nicht ihren Freunden, nicht ihren Angehörigen, nicht ihren Ehemännern. Manchmal sind die Frauen es auch leid, dass immer nur sie sagen, was geschehen ist, vor Gerichten, Staatsanwälten, Menschenrechtlern, Journalisten. Doch sie tun es. Damit sich etwas ändert im Land. Sie wollen geachtet werden dafür, dass sie überlebt haben. Nicht verachtet. In jedem Krieg werden Frauen vergewaltigt. Immer steckt dahinter die Absicht, sie zu erniedrigen und für die eigenen Männer unbrauchbar zu machen. Ein Verbrechen, das noch nachwirkt, wenn die Truppen das Land längst verlassen haben.

Im Bosnienkrieg, der von 1992 bis 1995 andauerte, wurden dem Europarat zufolge 20 000 Frauen Opfer sexueller Gewalt und Folter. Die meisten der Täter waren bosnisch-serbische und serbische Soldaten, die meisten der Opfer muslimische Bosnierinnen. Von Tag eins des Krieges an wurden so viele Frauen wie möglich so oft wie möglich vergewaltigt, in »Einzel-, Gruppen- und Dauervergewaltigungen«, wie Human Rights Watch die Verbrechen klassifizierte. Im Juni 2001 deklarierte der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien auf der Basis der Prozesse in Den Haag Vergewaltigung im Krieg als Kriegstaktik und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

In den ersten acht Kriegsmonaten überrollten die bosnisch-serbischen Armee-Einheiten von Radovan Karadzic und die paramilitärischen Truppen Milosevics die ländlichen Gebiete Bosniens, die im Osten und Nordosten an Serbien und im Norden an Kroatien grenzen. Über zwei Millionen muslimische und kroatische Bosnier und Bosnierinnen mussten ihre Heimat verlassen. Die Soldaten gingen überall nach einem ähnlichen Muster vor: Sie nahmen ein Dorf unter Beschuss, vertrieben die muslimische oder kroatische Zivilbevölkerung aus ihren Häusern, die sie plünderten und niederbrannten. Dann trennten sie Männer und Frauen. Die Männer, die nicht flüchten konnten, wurden in Lager gebracht; viele wurden gefoltert, viele getötet. Die Frauen wurden in Lager, Keller, Schulen, Cafés, Hotels, Fabriken, Bars gebracht; sie wurden gefoltert, sexuell missbraucht, viele geschwängert. In einer patriarchalischen Gesellschaft wie der bosnischen ist eine Frau, die im Krieg vergewaltigt wurde und überlebt hat, nicht zu bemitleiden, sondern eine Schande. »Die Frau ist die Säule in der bosnischen Familie«, sagt Saliha Duderija, Vizeministerin für Menschenrechte und Flüchtlinge in Bosnien und Herzegowina. »Sexuelle Gewalt bringt diese Säule zum Einstürzen.«

Video: Wir konnten nur einen Teil der dunklen Porträts, die Armin Smailovic von im Bosnienkrieg vergewaltigten Frauen aufgenommen hat, im Heft abbilden. Also zeigen wir Ihnen die vielen anderen digital. Dazu erzählt Smailovic von seinen Begegnungen mit den Frauen, deren Schicksale ihn zu diesem Werk inspiriert haben. Und von der Freundschaft, die sich zwischen ihm und drei dieser Frauen entwickelt hat. Smailovic ist als Kind bosnischer Eltern in Deutschland aufgewachsen und lebt heute in München und Sarajewo.
Ich flehte um meinen Tod ist der Titel einer Sammlung von Protokollen bosnischer Frauen, die Kriegsvergewaltigungen zum Opfer gefallen waren und lieber gestorben wären, als ihren Männern, Vätern, Brüdern und Söhnen wieder unter die Augen treten zu müssen. Auch Enisa, Hasija, Sebiha, Amra und Asmira wollten lange lieber tot sein als lebendig. »Bei jedem Streit wirft mein Mann mir vor, dass ich mich habe vergewaltigen lassen«, sagt Amra. »Als wir geheiratet haben, hat er mir gesagt, ich sei nicht schuld daran und er könne damit leben. Aber er kann es nicht.« Ihr kleines Gesicht ist eingerahmt von einem Berg dunkler Haare.

In Brezovo Polje, dem einzigen muslimischen Dorf in der Gegend, fielen die ersten Schüsse am 30. April 1992. Amra war 21. »Wir wurden in die nächste Stadt gebracht und zusammengepfercht wie im Ghetto. Am 17. Juni holten die Soldaten die Männer zwischen 16 und 80 Jahren aus den Häusern und transportierten sie ab. Mit uns Frauen fuhren sie tagelang in Bussen durch die Berge. Ständig wurde geschossen. Später erfuhren wir, dass die Soldaten uns als Schutzschilde benutzt hatten. Es gab nichts zu essen. Die alten Frauen hatten bald keine Kraft mehr. Schließlich kamen wir an einen Ort, in dem wir in eine Baracke gesperrt, nacheinander aufgerufen und vergewaltigt wurden. Ich hatte mehr Angst um meine Mutter als um mich selbst.«

Amra nimmt Tabletten gegen Depressionen. Manchmal muss sie sich zwingen, nicht alle auf einmal zu nehmen. Ihren Mann hat sie bald nach dem Krieg kennengelernt. Es ist keine gute Ehe. Sie haben Zwillinge, Söhne, 17 Jahre alt. Amra ist abhängig von ihrem Mann, weil sie nicht mehr voll arbeiten kann. In ihrer Heimat war sie in einer Textilfabrik angestellt. Heute wohnt sie in Tuzla. Vor einem Jahr hat sie angefangen, die Vereinigung »Nas Glas – Unsere Stimme«, aufzubauen, für Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Inzwischen ist sie froh, überlebt zu haben. »Das zeigt, dass die bosnische Frau stark ist. Dass der Plan, unser Volk zu vernichten, nicht aufgegangen ist.«

Nichts traumatisiert tiefer als eine Vergewaltigung, sagen Psychologen. »Die Opfer empfinden die Tat meist nicht als sexuelle Handlung, sondern als extreme und demütigende Form der Gewaltausübung gegen ihre Person und ihren Körper, die mit starken Todesängsten verbunden ist«, schreibt die Regensburger Militärsoziologin Ruth Seifert. Hasija weiß nicht, was ihre Mutter in der Gefangenschaft durchgemacht hat; sie hat nie darüber geredet. Hasija ist die Einzige aus der Familie, die bekennt, dass sie vergewaltigt wurde.

(Foto: Das Land, das Hasijas Familie gehört, liegt brach. Manchmal verirrt sich ein wildes Pferd hierher.)

»Ich habe 1996 vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Sarajewo ausgesagt, anfangs nicht unter meinem Namen. Sie haben mir angeboten, mich in ein anderes Land zu bringen, in die USA oder nach Kanada. Aus Sicherheitsgründen. Aber nur mich. Und ich wollte doch mit meiner Familie zusammenbleiben.« Ihre Mutter, die um die 60 ist, sieht uralt aus. »Sie hat zu viele Menschen verloren«, sagt Hasija. »Nun ist sie bedürftig wie ein Kind. Wenn es nichts zu tun gibt, räume ich ihre Kleider aus dem Schrank, damit sie sie wieder einräumen kann. Sie muss sich nützlich fühlen.«

Von den sechs Kindern der Mutter haben vier überlebt. Der älteste Sohn starb im Krieg, eine Tochter, drei Jahre alt damals, ist bis heute vermisst. Als nach dem Krieg die Leiche ihres Mannes gebracht wurde, verlor Hasijas Mutter ihre Lebenskraft. Da war ihre jüngste Tochter zwei. Als Älteste wurde Hasija zum Familienoberhaupt. Sie wusch und kochte und putzte bis tief in die Nacht. »Vielleicht war das gut für mich so, denn ich hatte keine Zeit, daran zu denken, was mit mir los war. Wie ich das finanziell gemacht habe, weiß ich nicht. Manchmal bin ich sehr müde. Dann weine ich. Es ist auch wichtig, traurig zu sein, denke ich.«


»Es ist auch wichtig, traurig zu sein.«

(Foto: Die rituelle Waschung - einer der wenigen Momente der Ruhe für Hasija)

Hasija schläft im Wohnzimmer, zusammen mit einer ihrer Schwestern, zwischen kunstvoll aufgeschichteten Wäschebergen. Das Bett der Mutter steht in der Küche, die kleinste Schwester und der Bruder teilen sich das Schlafzimmer. Das Haus ist die vierte Station der Familie seit dem Krieg. Es ist winzig. Mein Traumhaus, sagt Hasija. Es hat einen Garten, da kann sie Gemüse anbauen. Sie lacht, und man sieht eine Lücke zwischen den vorderen Schneidezähnen, mit der sie jung aussieht, fast kindlich. Wenn sie über die Nächte in der Schule redet, weicht die Farbe aus ihrem Gesicht, ihre Augen werden stumpf. »Wir haben auf dem Beton geschlafen, ohne Decken, ohne Mäntel. Wie die Sardinen lagen wir nebeneinander. Aber wir konnten nicht hinaus, nur wenn sie uns geholt haben, um Mitternacht oder ein Uhr morgens. Muss ich mehr sagen? Es fällt mir so schwer. Die Soldaten kamen mit der Taschenlampe. Ich war die Jüngste im Raum, sie haben mich oft geholt. Das sind meine ersten Erfahrungen gewesen. Ich habe alle Männer gehasst.« Hasija hat auch nach dem Krieg nie eine Beziehung zu einem Mann gehabt.

Die Frauen leiden langfristig unter den Folgen der Vergewaltigungen. Die häufigsten Symptome sind Ess-, Angst- und Schlafstörungen, Waschzwang, Ekel vor Sexualität, Aggressivität, Reizbarkeit, Depressionen. Viele haben chronische Unterleibsschmerzen oder sind wegen nicht behandelter Verletzungen und Infektionen unfruchtbar; wenn sie physisch noch in der Lage sind, Kinder zu bekommen, haben sie meist den Wunsch dazu verloren. Damit ist der Fortbestand eines Volkes gefährdet.

Vor vier Uhr morgens findet Enisa keine Ruhe. Sie sitzt auf ihrem Balkon in Sarajewo und raucht. Oder guckt Tennis im Fernsehen, das hilft auch. Enisas Mann wurde mit vielen anderen am 23. April 1992 ins Gefängnis in Foca im Nordosten Bosniens gebracht. Später erfuhr sie, dass man ihn hingerichtet und in die Drina geworfen hat, die man den roten Fluss nannte, so rot war sie vom Blut der Leichen. Sie weint, wenn sie von ihrem Mann spricht. Ihre Töchter hat Enisa allein durchgebracht. Tiefe Ränder haben sich unter ihre Augen in die Haut gegraben, das rot gefärbte Haar ist am Ansatz grau.

Im Mai 1992 besetzten die Weißen Adler, eine serbische paramilitärische Einheit, Foca. Ein ehemaliger Arbeitskollege ihres Mannes, bosnischer Serbe, kam zu Enisa ins Krankenhaus, in dessen Verwaltung sie beschäftigt war, ein guter Job. Überhaupt war es ein gutes Leben bis dahin. Der Mann brachte Enisa in die Sporthalle Partizan, nur 100 Meter entfernt vom Polizeipräsidium. Er meinte, dort sei sie sicher. Sicher insofern, sagt sie zynisch, dass sie nicht entkommen konnte. Sie schlief auf dem Boden zwischen 60 anderen Frauen und Mädchen. »In der Partizan-Halle holten sich die Soldaten eine von uns, wann immer sie wollten. Und nicht alle kamen wieder. Mütter mussten zusehen, wie ihre Töchter geschlagen und vergewaltigt wurden. Töchter mussten zusehen, wie ihre Mütter vergewaltigt wurden. Wir haben natürlich damals nicht gewusst, dass alle muslimischen Frauen in Bosnien vergewaltigt werden sollten. Auf die Idee wären wir nie gekommen.«

(Foto: Das Innere der Halle von Trnopolje. Die Kriegsopfer wünschen sich, dass das Lager zur Gedenkstätte wird. Danach sieht es aber nicht aus.)

Eines Nachts leuchtete ihr wie so oft ein Mann mit der Taschenlampe ins Gesicht und schubste sie aus der Halle. Draußen sagte er: »Schnell, geh nach Hause zu deinen Kindern.« Es war der Bruder des Mannes, der sie gefangen genommen hatte. Enisas braune Augen werden wieder feucht, diesmal vor Rührung. Sie nestelt eine weitere Zigarette aus der Packung, sie raucht viel. »Das klingt verrückt, oder? Verrückt wie dieser ganze Krieg. Ich hasse die Serben nicht. Sie waren meine Nachbarn, einer von ihnen hat mich festgenommen, einer von ihnen hat mich gerettet. Aber ich ertrage nicht, dass Leute behaupten, es habe diese Vergewaltigungen nicht gegeben. Und dass sie sagen, stellt euch nicht so an, ist doch schon so lange her. Es kann nur eine Versöhnung geben, wenn die Menschen einsehen, dass diese Dinge geschehen sind und die Wirkung dieser Taten anhält.«

2005 hat Enisa ihre Geschichte zum ersten Mal unter ihrem Namen erzählt und ihr Gesicht gezeigt. Danach hat sie anonyme Anrufe bekommen. Die Nacht wird dich fressen, hat einer gesagt. Sie hat gesagt, wenn du Eier hast, dann komm her und guck mir in die Augen. Seitdem redet Enisa erst recht, auf Kongressen in Istanbul, Brüssel, Hamburg. Manchmal braucht sie eine Pause. Dann verbringt sie ein paar Wochen bei Verwandten auf dem Land in der Nähe von Foca. Durch lichte Buchenwälder fährt man dorthin, passiert gelegentlich einen kleinen Hof, davor von Hand geschichtetes Heu. Rote Schilder warnen noch vor Minen. Enisas Schwager mästet Hühner und mahlt sein Mehl selbst. Enisa hilft, wo sie kann. Am Ende eines langen Arbeitstages badet sie im Mühlbach, wie sie es als Kind getan hat. In den Nächten schläft sie gut. Vielleicht, sagt sie, könnte sie eines Tages dort wohnen. Aber niemals mehr in Foca selbst.

Es ist für fast alle Frauen undenkbar, an den Ort zurückzukehren, an dem sie vergewaltigt wurden, obwohl das ihre Heimat war. Das war Teil des Plans: Die Frauen sollten mit ihren Familien fliehen und niemals mehr den Wunsch verspüren, zurückzukommen. Sebiha hat ihr Haus in Kozarac wieder bezogen. Sie hat Kissen aus Kunstfell auf den Sofas verteilt, damit es gemütlich wird. Für den Boden hat sie kein Geld, ein alter Teppich liegt auf dem Estrich.


Es kann heilsam sein solche Erlebnisse bis ins kleinste, grausame Detail zu schildern.

(Foto: Das Lager Trnopolje, in dem Sebiha gefangen war)

»Um uns herum ist jetzt alles serbisch«, sagt Sebiha, »die Berge, die Häuser, der Boden. Nur der Himmel nicht.« Sie wirkt stolz, kämpferisch, aber auch grimmig. »Die Männer, die diese Verbrechen begangen haben, laufen hier frei herum«, sagt sie. Bis zum Krieg führte sie ein Restaurant in Kozarac, in dem Serben, Kroaten und Moslems verkehrten. In einer Nacht im Mai 1992 brachten bosnisch-serbische Truppen den Ort in ihre Gewalt, Tausende Männer und Frauen sollen getötet worden sein. Die anderen wurden in die drei umliegenden Lager getrieben: Omarska, Keraterm, Trnopolje.

Sebiha durchlief alle drei Lager, mal war sie mit ihren Kindern, einem Enkel und ihrem Mann zusammen, dann wurde sie wieder von ihnen getrennt. In Den Haag hat Sebiha gegen einen ihrer Vergewaltiger ausgesagt. Der Mann, der vor dem Krieg Gast in ihrem Restaurant gewesen war, wurde zu 24 Jahren Haft verurteilt, aber nicht wegen der Vergewaltigungen, sondern wegen anderer Kriegsverbrechen. So wie in den meisten Prozessen in Den Haag.

Im August 1992 floh Sebiha mit ihrer Familie in einem der ersten Transporte des Internationalen Roten Kreuzes von Trnopolje nach Kroatien. Von dort gingen sie nach Deutschland. Sebiha arbeitete 15 Jahre in der Altenpflege in München. Ihr Mann starb 1999, seine Nieren wurden schon in der Gefangenschaft geschädigt. Ihr Sohn hat Diabetes, ihre Tochter zu hohen Blutdruck, ihre andere Tochter leidet unter Schlaflosigkeit. Die Kinder erinnern sich gut an den Krieg. Aber sie wollen nicht darüber reden, nie. Zu ihrer Mutter sagen sie, lass es doch endlich ruhen.

(Foto: Einmal in der Woche geht Sebiha zum Friseur. Das ist ihre größte Freude.)

Es kann heilsam sein, sagen Psychologen, solche Erlebnisse bis ins kleinste, grausame Detail zu schildern: Je öfter man etwas wiederholt, desto unempfindlicher wird man gegen die Erinnerungen. Die amerikanische Psychologin und Traumatologin Yael Danieli schreibt: »Wo rüber nicht gesprochen wird, kann nicht zur Ruhe kommen. Und wenn es nicht zur Ruhe kommt, wird es weiter schwären, von Generation zu Generation.«

Asmira erzählt alles, minutiös, auch, dass sie vor den Augen ihres Mannes vergewaltigt wurde. Ihre Hände zittern dabei, sie fragt nach einem Glas Wasser. Seit 1988 ist sie mit ihrem Mann zusammen, bis heute. Ihr Sohn ist 1990 geboren, ihre Tochter 1991. Am 31. März 1992 fiel Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, Anführer der Serbischen Freiwilligengarde, in Bijeljina ein. In der ersten Nacht setzten seine Soldaten Asmira so zu, dass sie das Bewusstsein verlor. Am nächsten Morgen war ihr Mann weg und die Soldaten brachten elf andere junge Frauen ins Haus. Jeden Tag kamen Männer und vergewaltigten die Frauen. Nach ein paar Wochen wurde Asmira in ein anderes Haus gebracht, in dem sie Arkan zur Verfügung stehen musste. Sie magerte ab, verfiel körperlich. Eines Tages wollte Arkan sie nicht mehr. Sie durfte zu ihren Kindern zurückkehren.

»Die anderen elf Frauen waren noch dort. Es ging immer weiter. Sie haben uns mit Flaschen penetriert. Sie haben uns die Brüste zerschnitten. Sie haben die Hand meiner Tochter auf die heiße Herdplatte gelegt, weil sie schrie. Da bin ich in eine Art Koma gefallen. Ich war total apathisch, mir hat nichts mehr etwas ausgemacht. Das ging so bis April 1993. Da kam ein Mann und kaufte mich den Soldaten ab. Ein Serbe. Er kannte meine Eltern. Er brachte mich mit meinen Kindern nach Tuzla. Er hat mich gerettet.«

In Tuzla stellte sich heraus, dass Asmira, die nur noch 41 Kilo wog, im sechsten Monat schwanger war. Die Ärztin sagte, sie sollte das Kind kriegen und weggeben, aber Asmira wollte das Kind nicht. Die Ärztin erklärte sich bereit, das Kind im Mutterleib zu töten. 1994 fand Asmira ihren Mann wieder. Zuerst konnte sie ihm nicht in die Augen sehen. Er küsste die Kinder, dann sie. Er sagte, er würde sie nie fragen, was passiert sei. Und dass es nicht ihre Schuld sei.

Auch Asmira nimmt Medikamente gegen Depressionen. In den ersten Jahren nach dem Krieg hat sie dreimal versucht, sich umzubringen, und war immer wieder in der Psychiatrie. Zwischen 1999 und 2006 bekam sie wegen ihres Gesundheitszustands eine Unterstützung von 18 Euro im Monat.

Im Februar 2006 gewann die Regisseurin Jasmila Zbanic für ihren Spielfilm Grbavica – Esmas Geheimnis den Goldenen Bären auf der Berlinale. Die Hauptfigur, Esma, wurde im Krieg von Tschetniks geschwängert. Sie zog das Kind auf und sagte, der Vater sei im Krieg umgekommen. Die Tochter, ein Teenager mittlerweile, spürt, dass etwas nicht stimmt. Durch den internationalen Erfolg des Films geriet die Regierung von Bosnien und Herzegowina, in der drei Präsidenten jeweils eine der großen Volksgruppen repräsentieren, unter Druck. Sie hatte elf Jahre nach Kriegsende immer noch nichts getan für die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden waren. Nun versprach sie ihnen den Status als Kriegsversehrte, eine Invalidenrente von bis zu 225 Euro monatlich und Hilfsangebote: Ärzte, Therapeuten, Wohnungen, Arbeit.

Doch die wirtschaftliche Situation des ganzen Landes ist weiterhin schlecht. So schlecht, dass unklar ist, wovon die Leistungen bezahlt werden sollen. Ein zweites Problem: Im serbischen Teil Bosniens, in der Republika Srpska, werden diese Pläne kaum umgesetzt. Dort müssen die Frauen nachweisen, dass sie körperlich zu 60 Prozent versehrt sind. Wie es ihrer Seele geht, fragt niemand.

Saliha Duderija, Vizeministerin für Menschenrechte und Flüchtlinge in Bosnien und Herzegowina, kämpft seit Jahren darum, ein Gesetz durchzusetzen, nach dem die Frauen in jeder Stadt, jedem Bezirk, jedem Dorf des Staats das Recht auf den Status als zivile Opfer des Krieges haben und damit auf Gelder und entsprechende Hilfsangebote. Unterstützt wird sie darin von Mitarbeitern des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in Sarajewo.

Die Ministerin betont, dass in den Hilfseinrichtungen vor Ort, gerade auf dem Land, Menschen sitzen müssen, die etwas von der Situation verstehen. »Die Frauen kommen ja nicht vorbei und sagen, hallo, ich bin im Krieg vergewaltigt worden. Sie sagen, dass es ihnen nicht gut geht, sie schlecht schlafen, kein Selbstwertgefühl haben, nicht arbeiten können. Da muss jemand sein, der weiß: Diese Frau ist Opfer sexueller Gewalt. Und der dann das Richtige tut.«

Im vergangenen Jahr lief wieder ein Film über die Vergewaltigungen im Bosnienkrieg in den Kinos, die Regisseurin war Angelina Jolie. In the Land of Blood and Honey hat ein großes internationales Publikum gesehen. Die Frauen in Bosnien sind froh über diesen Film. Denn jedes weitere Wort, das über das Thema in der Öffentlichkeit gesprochen wird, ist ein Schritt in eine bessere Zukunft. In der die Frauen sich nicht mehr fragen lassen müssen, warum sie sich haben vergewaltigen lassen. »Denn wir haben nichts Schlimmes getan«, sagt Enisa. »Uns ist Schlimmes angetan worden.«

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