Wie lange noch?

Warum auf längeren Autostrecken die Frage, ob die Hälfte der Strecke schon geschafft ist, so wichtig ist.

Die Fünfzig-Prozent-Marke einer Fahrt ist so befriedigend, dass Kinder fragen müssten: »Wann sind wir endlich halb da?«

Illustration: Annu Kilpeläinen

Weil ich im Rheinland Familie habe, fahre ich regelmäßig rauf. Von München aus sind das 650 Kilometer. Die Strecke kann man in sechs Stunden fahren, es klappt nur kaum jemals. Ab und zu ist man vielleicht nach drei Stunden auf der Hälfte, aber wissen kann man es vorher nicht. Und klar, 325 Kilometer sind die halbe Strecke, aber kann man das noch so sagen, wenn man schon für die ersten hundert Kilometer mal zwei Stunden gebraucht hat? Eigentlich nicht.

Vielleicht liegt es an dieser Unplanbarkeit, dass ich mich während einer längeren Autofahrt ziemlich in die Frage reinsteigern kann, wo und wann ich die Hälfte der Strecke geschafft habe. Es ist mir fast unmöglich, vor der Hälfte der Strecke Pause zu machen. Es sei denn, die Fahrt geht nach Elba, da ist die Pause am ersten Autogrill nach dem Brenner Pflicht, weil es da italienischen Cappuccino gibt. Aber bis dorthin ist es so viel weniger als die Hälfte, dass die Etappe eigentlich nicht gilt. Also rechne ich neu, vom Brenner bis nach Piombino sind es knapp 600 Kilometer, ziemlich genau in der Mitte dazwischen liegt Modena, ich überschlage, wann werden wir in Modena sein, und wie lange werden wir dann bis zur Fähre brauchen? Reicht es für eine Pause?

Dabei geht es nur sekundär um die Pause, im Grunde geht es ja überhaupt um viel mehr als um die halbe Strecke. Denn das Gefühl, die halbe Strecke hinter sich zu haben, vermittelt eine Art Kontrollillusion über den Rest. Man sitzt in seinem Auto, gefangen im Verkehr, erdrückt von Zeit und Strecke, und macht das Menschenmögliche, um seine Unterlegenheit nicht zu spüren: immer wieder rechnen; sich eine eigene Logik zurecht­legen; sich betrügen. Wenn ich länger als dreieinhalb Stunden bis Modena brauche, hoffe ich auf ausgleichende Gerechtigkeit, also darauf, dass es jetzt dann schneller geht. Was irrational ist. Wenn ich weniger als dreieinhalb Stunden gebraucht habe, hoffe ich, die zweite Hälfte auch so schnell zu schaffen, was genauso irrational ist. Ich weiß das, und doch spornen mich diese Gedanken an.

Auf dem Weg von München ins Rheinland ist das Rasthaus im Spessart die Mitte. Genau genommen ist es ein bisschen mehr als die Hälfte bis dahin, was bedeutetet, dass es auf dem Weg vom Rheinland zurück nach München nicht ganz auf der Hälfte liegt. Und da wird es kompliziert. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Rückweg schon gefahren bin, Fuß auf dem Gas, Hunger, müde Augen, und mir nicht erlaubt habe, im Spessart Pause zu machen. Dabei ist es ja egal, ob ich an der Raststätte im Spessart oder an der Raststätte Würzburg Pause mache: Sanifair, Salatbar, Segafredo, McDonald’s, möglicherweise Nordsee. Aber ich bin so scharf auf das ­Gefühl, die Hälfte der Strecke hinter mir zu haben, dass ich die Pause nicht so genießen könnte, wie ich sie genießen möchte, wenn ich sie zu früh machen würde. Obwohl ich die Pause meistens gar nicht so genieße, wie ich es mir ausmale. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Sache mit der halben Strecke ist wie ein Spiel. Wie Mensch ärgere Dich nicht. Es ist ja keine Kunst, auf einer Autobahn im Durchschnittstempo zu fahren. Mein Glück (nach der Hälfte der Zeit die Hälfte der Kilo­meter geschafft zu haben und in der zweiten Hälfte der Zeit die zweite Hälfte der Kilo­meter zu schaffen) hängt also nicht von ­meinen Fähigkeiten ab, sondern von den Umständen. Vom Timing. Wo ist wann Rushhour? Wo eine Dauerbaustelle? Auf dem Weg ins Rheinland bringt es Unglück, sich nachmittags um vier um Würzburg herum auf­zuhalten. Noch größeres Unglück bringt es, an einem Samstag in den Sommerferien von München nach Italien zu fahren. Egal wie früh man startet, man braucht zur Fähre in Piombino bis Mitternacht. Und dann ist die letzte weg.

Umgekehrt ist es klasse, wenn man so gerade vor einem Stau durchrutscht. Oder der Stau hat sich aufgelöst, während man zur richtigen Zeit am richtigen Ort Rast gemacht hat. Einmal in meinem langen Autofahrerleben ist mir das gelungen, auf dem Weg von der belgischen Küste nach München, mit im Auto das Kind und der Hund, an der Windschutzscheibe die erste Gene­ration TomTom. Wir waren noch irgendwo in Luxemburg, eben hatte der Navigator sechs Stunden bis nach Hause angezeigt, plötzlich waren es acht, Tendenz nach oben. Wir fuhren sofort auf den nächsten Rastplatz, wir aßen und liefen mit dem Hund über die Felder, und als wir wieder ins Auto stiegen, zeigte der Navigator sechs Stunden an. Zwei geschenkte Stunden, ich freue mich bis heute darüber. Die halbe Strecke war mir ausnahmsweise mal egal gewesen.